Mena-Exklusiv

Der IS hat einen erfolgreichen Genozid an den Jesiden begangen

Ein Gespräch mit Suzn Fahmi vom Jinda Center in Dohuk

Suzn Fahmi (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

Das Kalifat des Islamischen Staates (IS) ist so gut wie besiegt. Aber noch immer werden Tausende von Jesiden vermisst. Suzn Fahmi arbeitet als Projetkoordinatorin für das Jinda-Center in Dohuk und betreut seit über drei Jahren jesidische Mädchen, die vom IS in die Sexsklaverei entführt wurden. Mit ihr sprach Thomas von der Osten-Sacken in Dohuk. Zuletzt interviewte er sie für Mena Watch im Dezember 2017.

F: Der Islamische Staat ist so gut wie militärisch besiegt. Für die Jesiden ist das aber kein Grund zur Freude. Warum?

A: Die Jesiden warten noch immer auf die Rückkehr ihrer Familienangehörigen, vor allem der in die Sklaverei verschleppten Mädchen. Sie hatten gehört, dass viele in der Gegend von Baghouz, der letzten Bastion des IS in Syrien, festgehalten werden. Einige wurden sogar von Verwandten dort angerufen, manche Familien stehen nämlich mit ihren Angehörigen, die vom IS entführt wurden, in Kontakt. Aber seit einigen Tagen haben sie nichts mehr gehört. Wir wissen nicht warum. Liegt es an den Kämpfen oder wurden diese Mädchen getötet? Das ist die große Angst hier.

Dann kamen die Nachrichten von den Leichen von fünfzig enthaupteten Jesidinnen, die gefunden worden waren. Und Berichte, dass Massengräber des IS mit tausenden Leichen entdeckt worden sind. In einem Interview erzählte eine sogenannte IS-Braut, die gefangen genommen wurde, Abu Bakr al Baghdadi, der Führer des IS persönlich habe angeordnet, dass diese Mädchen getötet werden sollen, wenn die Koalition das Bombardement nicht einstellt. Die Situation könnte also kaum schlimmer sein. Einige Mädchen konnten entkommen, sind hier oder in Syrien oder sogar in diesen IS-Gefangenencamps. Aber wir wissen nicht wie viele gerade in Syrien freigekommen sind, weil der Irak sie bislang nicht über die Grenze lässt und sie ihre Familien nicht kontaktieren können.

F: Wie viele Mädchen gelten denn noch als vermisst?

A: Laut offizieller Zahlen des Büros für Vermisste hier in Dohuk sind es noch immer über 3000.

F: Und wie viele sind in den letzten Tagen zurückgekehrt?

Rückkehrer werden in Dohuk von ihren Familien begrüßt (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

A: Wir haben kürzlich den Auftrag bekommen für die Rückkehrer neue Kleider und andere Dinge zu kaufen. Das war für 18 Kinder und 18 Erwachsene. Soviel sind in den ersten beiden Monaten des Jahres zurück gekommen. Ich habe gehört 25 warten noch auf der syrischen Seite, dass die Irakis sie rüberlassen.

F: Es sieht also wirklich so aus, als ob die meisten der Vermissten inzwischen tot sind?

A: Ich möchte es kaum aussprechen, aber ja, so scheint es zu sein: entweder in in den Kämpfen umgekommen oder ermordet worden. Und deshalb kann sich hier auch niemand über das Ende des IS freuen. Ganz im Gegenteil. Letzte Woche verbreitete sich ein kurzes Video, in dem ein gerade befreiter jesidischer Junge fragte: „Ist in der Zwischenzeit irgend etwas mit Singal passiert?“ Er war viereinhalb Jahre in IS-Gefangenschaft und wusste nicht, dass Singal, die Hauptstadt der Jesiden im Sinjar Gebirge, völlig zerstört ist. Und dieser Satz brachte all die traumatischen Erinnerungen wieder, die sie 2014 erleben mussten während des Genozids. Und dann die Nachrichten von den Enthauptungen. Es ist alles wieder wie 2014. Ich habe das selbst vor einer Woche erlebt, als wir in Camps Nahrungsmittel verteilten. Dort herrschte eine Trauer, wie ich sie in letzter Zeit nicht mehr erlebt habe. Selbst die Kinder haben uns nicht wirklich begrüßt.

F: Sie erleben also das Ende des IS als neues Trauma?

A: Ganz genau. Es ist retraumatisierend. Traurigerweise nehmen in letzter Zeit sogar die Selbstmorde zu. Wir hören seit Dezember letzten Jahres von einer steigenden Zahl von Jesidinnen und Jesiden, die ihrem Leben ein Ende setzten. Der Ausdruck, den ich auf Gesichtern sehe, ist der selbe wie in den Jahren 2014 und 2015, als ich angfangen habe, mit Rückkehrerinnen zu arbeiten. Die Traumata kommen zurück. Wir haben Hunderte von Mädchen betreut und gesehen, wie sie sich mit der Zeit stabilisierten, aber im Augenblick scheint es, als hätte es all das nicht gegeben und sie seien eben erst zurückgekehrt. Die Erinnerungen überwältigen angesichts der neuen Nachrichten und Bilder. Es ist zum Verzweifeln.

F: Und die internationalen Reaktionen?

Camp Dohuk (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

A: Ehrlich, ich bin schockiert, dass trotz all dieser furchtbaren Nachrichten sich offenbar kaum noch jemand um das Schicksal der Jesiden kümmert. Überall liest man nur Berichte über irgendwelche IS-Kämpfer oder so genannte IS-Bräute, die nach Europa wollen. Niemand scheint sich für die Opfer dieser Leute zu interessieren. Ich spüre einen richtigen Hass auf die Medien im Moment, diese ganzen Berichte über IS-Typen, während die Jesiden noch immer in Camps leben müssen, sich ihre Situation in den letzten fünf Jahren kein bisschen verbessert hat. Ihre Geschichte müsste stattdessen erzählt werden, die ganze Geschichte, nicht nur irgendwas über Mord und Vergewaltigung, das sich gut verkauft.

F: Und diese Geschichte wäre?

A: Die Jesiden haben alles verloren, ihre Familien, ihre Heimat, alles. Und jetzt trennen sie sogar neugeborene Babies von ihren Müttern, wenn die Kinder die Folge von Vergewaltigungen durch IS-Männer gewesen sind. Diese Kinder sind nach irakischem Recht Muslime und die jesidische Gemeinschaft kann das nicht akzeptieren. Selbst wenn die Frauen diese Kinder behalten wollen, müssen sie sie weggeben. Kann man sich das vorstellen? In Zukunft werden hunderte Kinder ohne ihre Mütter aufwachsen, als Waisen, und die Frauen sind traumatisiert für den Rest ihres Leben, weil sie die Neugeborenen weggeben müssen. Und das ist nur ein ganz kleiner Teil dieser ganzen Tragödie.

Jetzt erfahren Menschen, die seit Jahren auf die Rückkehr ihrer Angehörigen warten, von Massengräbern und Enthauptungen und beginnen mit Trauerzeremonien, weil sie die Hoffnung aufgeben. Diese ganzen Geschichten werden nicht erzählt.

F: Bis heute leben hunderttausende Jesiden in Camps. Gibt es irgendeine Perspektive in absehbarer Zukunft wenigstens in den Sinjar zurück zu kehren?

Camp Dohuk (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

A: Diese Frage wird ihnen ständig gestellt: Wann geht Ihr zurück? Schließlich sei der Sinjar seit 2016 vom IS befreit, wie es immer heißt. Nur was heißt befreit? Letzten Oktober habe ich die Region besucht und war schockiert. Da gibt es nichts, keine Häuser, die man bewohnen könnte, keine Wasserversorgung, keine funktionierende Infrastruktur und keinen Strom. Und trotzdem sind ein paar Familien zurückgekehrt. Eine trat dann auf eine Mine und wurde getötet. Das hören die Leute in den Camps und haben dann Angst vor einer Rückkehr. Für sie gibt es dort keine Perspektive, nicht einmal die simpelsten Grundbedürfnisse lassen sich dort decken. Also ziehen sie es vor in Zelten in Lagern zu leben anstatt in ihre Heimat zurück zu kehren. Das muss man sich einmal vorstellen!

F: Man könnte also sagen, dass der IS erfolgreich war in dem Sinne, dass er die jesidische Gemeinschaft im Irak nachhaltig zerstört hat?

A: Ganz genau. Sie haben einen Genozid begangen und Erfolg gehabt. Das ist die bittere Realität. Die Jesiden sind vestreut über den Irak, Syrien und Europa, die Familien sind zerrissen. Und sie haben keinerlei Perspektive. Das geht jetzt schon seit fünf Jahren so und ich fürchte in zehn Jahren wird es kaum anders aussehen.

F: Was müsste also getan werden?

Camp Dohuk (Foto: Thomas von der Osten-Sacken)

A: Zuerst müsste es viel bekannter warden, um welche Tragödie es sich hier handelt. Es müsste viel mehr berichtet werden und richtig berichtet! Ich treffe hier immer wieder Journalisten von bekannten internationalen Medien und selbst die wissen nicht, was hier wirklich los ist, dass dieser Genozid weitergeht und keine Angelegenheit von 2014 war. Die haben keine Ahnung, wer die Jesiden sind, und was sie durchgemacht haben und noch durchmachen. Das kann und darf doch nicht sein.

Dann muss der Sinjar endlich wieder aufgebaut werden und zwar richtig, so dass Menschen dort wieder leben und eine Zukunft haben können. Und den Jesiden muss Sicherheit garantiert werden, dass sich 2014 nicht wiederholt. Nur fürchte ich, wird all dies nicht geschehen. Jetzt wo der der IS geschlagen ist, wird man die Jesiden wohl bald vergessen und nichts von dem wird geschehen.

F: Und was soll mit den Tätern geschehen?

A: Ich habe von IS-Angehörigen gehört, die nach Europa zurückgekehrt sind und dort wieder ein ganz normales Leben führen. Und wie haben einige von ihnen diese Rückkehr finanziert? Indem sie „ihre“ jesidische Sklavin an die Familien zurückverkauft haben. Also haben jesidische Familien tausende von Dollarn zusammegekratzt, um ihre Töchter wieder zu bekommen und mit dem Geld sind diese Typen nach Europa gereist. Zu solchen Geschichten fällt einem nichts mehr ein, oder?

Die Jesiden fordern Gerechtigkeit, keine Rache. Sie wollen, dass die Täter verurteilt werden. Und ich denke diese Forderung sollte man ernst nehmen und umsetzen. Das schuldet die Welt auch diesen Mädchen, die durch die Hölle gegangen sind. Um ihnen zu zeigen, dass man sie eben nicht vergisst. Und ich glaube am besten wäre es, man richtete ein Internationalen Gerichtshof dafür ein. Dann gäbe es auch in Zukunft mehr Aufmerksamkeit und das Schicksal der Jesiden geriete vielleicht nicht so schnell in Vergessenheit.

(Wer die Arbeit des Jinda-Centers unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende auf das Konto von Wadi tun. Stichwort: „Jinda“. )

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