Mena-Exklusiv

Das selektive Israelbild des ZDF

Von Alex Feuerherdt

Der Jahresrückblick des ZDF aus Israel rückt den jüdischen Staat in ein unangemessen schlechtes Licht. Dabei geht die Autorin selektiv vor und vermittelt ein fragwürdiges Bild von verschiedenen Ereignissen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Sender diesbezüglich Anlass zur Kritik bietet.

Quelle: WerteInitiative e.V. Jüdisch-deutsche Positionen

Zum Ende des vergangenen Jahres hat das Zweite Deutsche Fernsehen auf seiner Website die Rückblicke einiger seiner Auslandskorrespondenten veröffentlicht. Aus China beispielsweise, aus Russland, aus Brasilien – und auch aus Israel. Nicola Albrecht, der Leiterin des ZDF-Studios in Tel Aviv, ist die Aufgabe zugefallen, für 2018 Bilanz zum jüdischen Staat zu ziehen. „Es kann nur besser werden“, ist ihr Beitrag überschrieben, sie senkt mit Blick auf Israel also den Daumen. Dass die USA ihre Botschaft nach Jerusalem verlegt haben, ist für Albrecht dabei die erste schlechte Nachricht, obwohl – oder soll man sagen: gerade weil? – Amerika damit die Realität anerkannt hat: Jerusalem ist nun mal die Hauptstadt Israels, mögen die Palästinenser den Schritt der Vereinigten Staaten auch als „Schlag ins Gesicht“ (Albrecht) empfinden, weil sie die Illusion einer Kein-Staat-Israel-Lösung partout nicht aufgeben wollen.

„Proteste“ in Gaza habe dieser Akt „befeuert“, schreibt Albrecht. „Zivilgesellschaftliche Gruppen“ hätten schon im März „zu friedlichen Demonstrationen“ aufgerufen, denn „in Israel hat man 2018 den 70. Jahrestag der Staatsgründung gefeiert – für die Palästinenser 70 Jahre ‚Nakba‘, also Vertreibung“. Doch „schon bald“ habe „die Palästinenser-Organisation Hamas die Regie bei den Protestmärschen“ übernommen, die daraufhin „immer gewaltsamer“ geworden seien. Das liest sich, als gäbe es eine unabhängige Friedensbewegung im Gazastreifen, die mit gewaltlosen Mitteln agiert und von der Hamas und anderen terroristischen Gruppierungen leider an den Rand gedrängt wird. Damit vermittelt das ZDF allerdings ein falsches Bild, denn eine solche zivilgesellschaftliche Bewegung existiert im Gazastreifen schlicht und ergreifend nicht.

Die vermeintlichen Proteste im Rahmen des „Großen Rückkehrmarsches“ waren nichts anderes als militärisch organisierte Aufmärsche gegen die Existenz des jüdischen Staates, die von vornherein mit dem Segen der Hamas stattfanden. Ihre Teilnehmer operierten mit Brandbomben, die an Flugdrachen und Ballons befestigt und über die Grenze geschickt wurden, sowie mit Molotowcocktails, Bolzenschneidern, Messern und Pistolen. Der Grenzübergang Kerem Shalom und große Felder israelischer Bauern wurden in Brand gesetzt, außerdem zündeten Demonstranten unzählige Autoreifen an, um in den Rauchschwaden Deckung vor den Scharfschützen der israelischen Armee zu finden. Die Palästinenser, die dabei getötet wurden, waren zum weitaus größten Teil Mitglieder von Terrororganisationen.

 

Selektive Wahrnehmung, auch beim Nationalstaatsgesetz

Quelle: Youtube

Ähnlich selektiv ist Nicola Albrechts Wahrnehmung, wenn es um das Nationalstaatsgesetz geht, das im Sommer im israelischen Parlament, der Knesset, verabschiedet wurde. Das sei „ein weiterer Schritt, der die Rechte der Minderheiten in Israel einschränkt“ und der „ahnen lässt, wo die Politik hin will“. Gerne erführe man von der Korrespondentin zweierlei: erstens, welche anderen Schritte zur Einschränkung der Rechte von Minderheiten es vor diesem Beschluss gegeben haben soll, und zweitens, inwiefern das Gesetz diese Rechte genau beschneidet. Dass Albrecht das nicht schreibt, liegt keineswegs daran, dass sie sich kurz fassen musste, sondern daran, dass sie diese Aussage schwerlich belegen könnte. Womöglich geht sie davon aus, dass ihr Publikum das auch gar nicht von ihr erwartet.

Das Nationalstaatsgesetz ist in Israel kontrovers diskutiert worden, viele halten es für falsch oder unnötig. Doch wenn man beispielsweise das Interview mit Chagai Vinizky liest, dem Leiter des Begin Institute of Law and Zionism, The Academic Center for Law and Science, der an der endgültigen Fassung des Gesetzes maßgeblich beteiligt war, dann wird etwas sehr deutlich: Die Festschreibung des jüdischen Charakters des Staates Israel bedeutet keineswegs, dass Nichtjuden zu Menschen zweiter Klasse werden. Vielmehr wird betont, dass sie Minderheiten mit gleichen Bürgerrechten sind. Es ist auch nicht so, dass die Festlegung des Hebräischen als Landessprache eine Abwertung des Arabischen bedeutet. In der Praxis werde „die bisherige Anwendung des Arabischen auf keine Weise eingeschränkt oder verletzt“, wie Vinizky klarstellt. Das Arabische bekomme gesetzlich einen Sonderstatus.

 

Was Albrecht alles nicht erwähnt

Hat Nicola Albrecht in ihrem Jahresrückblick auch etwas zur Verteidigung Israels vorzubringen? Im Gegenteil: Premierminister Benjamin Netanjahu, so befindet sie, setze auf „Mauern und Zäune“, sei dem „Prinzip ‚Multilateralismus‘“ nicht zugetan und nähere sich Saudi-Arabien mit „diplomatischen Avancen“. Auf Anschläge von Palästinensern auf „jüdische Siedler und Soldaten“ am Jahresende reagiere Israel mit „mehr Siedlungen“ und „mehr Militär“, weshalb das Jahr „mit einem Tiefpunkt zu Ende“ gegangen sei. Offenbar ist Albrecht der Ansicht, dass der jüdische Staat klein beigeben sollte, wenn seine Bürger und Armeeangehörigen angegriffen werden, und dass er auf diplomatischer Ebene nichts unternehmen soll, was die eigene Sicherheit verbessern und die iranische Hegemonie eindämmen könnte.

Zur Unterstützung der libanesischen Terrororganisation Hisbollah durch das Regime in Teheran dagegen, zu deren Tunneln, die vom Libanon aus gegraben wurden, mit dem Ziel, Terrortruppen auf israelisches Territorium zu schmuggeln, zu der absurden Verurteilungsorgie, die der jüdische Staat in der Generalversammlung der Vereinten Nationen einmal mehr über sich ergehen lassen musste – zu alledem verliert Albrecht kein Wort. Ihr Rückblick reiht sich ein in die Vielzahl von Beiträgen des ZDF, in denen die Realität in Israel teilweise stark verzerrt wird. Besonders kritikwürdig war im vergangenen Jahr ein Online-Text zum 70-jährigen Bestehen des jüdischen Staates, in dem dieser geradezu an den Pranger gestellt wurde.

2019 könne es in und mit Israel „eigentlich nur besser werden“, schließt Nicola Albrecht ihren Text. Man ist geneigt zu sagen: Für sie und ihre Berichterstattung gilt das erst recht.

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