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„Meine Reise vom Irak über Weißrussland nach Europa endete dort, wo sie begann“

Haji Darwish und seine Familie in den Wäldern an der weßrussisch-polnischen Grenze
Haji Darwish und seine Familie in den Wäldern an der weßrussisch-polnischen Grenze (Quelle: Kirkuk Now)

Haji Darwish und seine Familie kehrten in das irakische Lager für Binnenvertriebene zurück, in dem sie gelebt hatten, bevor sie im Herbst versuchten als Flüchtlinge nach Europa zu gelangen.

Ammar Aziz

Am 22. September 2021 packte Haji Darwish Haji mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen sechs Kindern – drei Töchtern und drei Söhnen – sein Gepäck in der Hoffnung, Europa zu erreichen, und die Familie verließ das Lager für Binnenvertriebene Sharya in der nördlichen Provinz Dohuk in Richtung Türkei.

„Wir waren vier (jesidische) Familien: wir und eine weitere Familie aus demselben Lager, eine Familie aus Shingal (Sinjar) und eine weitere aus dem Lager Kabartw – insgesamt etwa 30 Personen. Das harte Leben und die Zerstörung in Shingal zwangen uns, in die Türkei zu fliehen.“

Der 53-jährige Darwish und seine Familie wurden im Zuge des Vormarschs des Islamischen Staates im Irak und in Syrien im Jahr 2014 aus Shingal vertrieben und leben seitdem im Lager Shariya.

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Auf dem Weg nach Europa

Nachdem es vor einigen Monaten Hunderten von Migranten gelungen ist, über die Route Weißrussland-Polen nach Europa zu gelangen, sitzen nun mehrere Tausend Migranten, hauptsächlich Iraker, an der Grenze zwischen den beiden Ländern fest. Die Europäische Union hat die Grenzen geschlossen und es abgelehnt, dass Migranten Weißrussland als Durchgangsland auf ihrem Weg nach Europa nutzen können.

Zuvor hatte Weißrussland die Verfahren zur Erlangung von Visa für Iraker gelockert und Direktflüge zugelassen, was Menschen aus dem gesamten Irak, insbesondere aus der Region Kurdistan, dazu veranlasste, in die Türkei und von dort nach Minsk zu fliegen, wo sie von örtlichen Schleusern an die polnische Grenze gebracht wurden.

Die vier jesidischen Familien hielten sich 29 Tage lang in Istanbul auf und flogen, nachdem sie Visa für die Einreise nach Weißrussland erhalten hatten, am 20. Oktober nach Minsk.

„Wir blieben mehrere Tage in der Stadt, dann beschloss unsere Familie, zur Grenze zu fahren. Wir nahmen zwei Taxis und zahlten für jedes 300 Dollar. Schließlich erreichten wir ein Dorf in der Nähe der polnischen Grenze, und von dort aus liefen wir drei Tage lang, bis wir die Grenze (zu Polen) erreichten.“

An der Grenze zwischen Weißrussland und Polen liegt ein großes Waldgebiet, das den Migranten als Korridor dient, um die Grenze zu Fuß zu überqueren, auch wenn es unsicher und für Kinder und ältere Menschen wie Haji Darwishs Mutter nicht einfach ist.

Darwish erzählt, dass sie trotz ihrer extremen Erschöpfung am 2. November versuchten, die mit Stacheldraht gesperrte Grenze zu überqueren, aber von der polnischen Polizei und Grenzbeamten festgenommen wurden.

„Wir haben die Polizei so sehr angefleht. Ich flehte sie an, uns aus Mitleid mit meiner 80-jährigen Mutter und meinen Kindern nach Deutschland gehen zu lassen, aber vergeblich. Sie behandelten uns unhöflich und demütigend und brachten uns in Fahrzeugen in ein geschlossenes Gebiet auf der weißrussischen Seite der Grenze.“

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Weißrussland grenzt im Westen an Polen, Litauen und Lettland. Die Behörden dieser Länder haben Tausende von Polizisten und Grenzschützern eingesetzt, um Migranten am Grenzübertritt zu hindern.

„Meine Reise vom Irak über Weißrussland nach Europa endete dort, wo sie begann“
Haji Darwish und seine Familie in Schlafsäcken in den weißrussischen Wäldern (Quelle: Kirkuk Now)

Gestrandet im Niemandsland

Die Familie von Haji Darwish saß damit an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen fest. Weder erlaubten ihr die weißrussischen Behörden die Rückkehr nach Minsk, noch erlaubten ihr die polnischen Behörden die Einreise in ihr Land, um von dort weiter nach Deutschland zu gelangen.

„Wir blieben sieben Tage lang an diesem Ort. Wir hatten nicht genug zu essen und zu trinken, um so lange dort zu bleiben. Die Kinder erhielten von der weißrussischen Polizei manchmal ein paar Kekse oder Äpfel. Wir fanden die ganze Woche nichts zu essen und litten sehr an Hunger. Dazu kam noch die extreme Kälte.“

Die meiste Zeit des Tages herrschen in den weißrussischen Wäldern Temperaturen um den Gefrierpunkt, und nachts ist es sogar noch kälter. Tausende von Flüchtlingen, vor allem aus dem Irak, sitzen seit Wochen in diesen Wäldern an der Grenzen zu Polen, Lettland und Litauen fest.

„Wir baten die weißrussische Polizei, uns nach Minsk zu bringen, aber sie akzeptierten unseren Wunsch erst, als wir ihnen 100 Dollar pro Person zahlten. Dann ließen sie uns gehen.“

Rückkehr in den Irak

Als sie schließlich wieder in Minsk waren, beschlossen Haji Darwish und seine Familie, in den Irak zurückzukehren.

„Meine Freunde sagten mir: Du bist verrückt. Wohin willst Du nach all der Mühe und all dem Geld denn gehen? Aber ich habe ihnen geantwortet, ich würde zurückgehen, selbst wenn ich 10.000 Dollar für ein Flugticket zahlen müsste.“

Die irakische Bundesregierung beschloss in Abstimmung mit Weißrussland, ein Flugzeug zur Verfügung zu stellen, um irakische Flüchtlinge, die zurückkehren möchten, kostenlos in ihre Heimat zu befördern.

„Meine Familie hat sich bei der irakischen Botschaft in Weißrussland für die Rückkehr registrieren lassen, und am 18. November kamen wir auf dem internationalen Flughafen von Erbil an.“

Einer Erklärung des irakischen Verkehrsministeriums zufolge wurden mit diesem Flug am 18. November 430 Flüchtlinge aus Minsk zurückgebracht. Insgesamt betrug die Zahl der Rückkehrer mehr als tausend Personen in mehreren Flügen.

Der Grund für Haji Darwishs Entschluss, auszuwandern, war weder Arbeitslosigkeit noch Hunger. Darwish ist ein pensionierter Angestellter der irakischen Regierung und besitzt in der Nähe des Lagers eine Werkstatt für den Austausch von Motoröl.

„Wir wollten dem Inferno des Lagers entfliehen, aber wir fanden uns in einer noch grausameren Hölle wieder.“

Nach den Statistiken der Kurdischen Regionalregierung (KRG) gibt es in der Region Irakisch-Kurdistan noch immer mehr als 664.000 Binnenvertriebene, von denen 30% Jesiden sind.

„Meine Reise vom Irak über Weißrussland nach Europa endete dort, wo sie begann“
Am 18.11. kehrt Darwishs Familie mit einer Iraqi-Air-Maschine nach Erbil zurück (Quelle: Kirkuk Now)

Viel verloren, aber eine Erkenntnis gewonnen

Haji Darwishs Familie hat auf ihrer Reise mehr als 30.000 Euro ausgegeben.

„Es stimmt, dass ich mein Geld, mein Auto und vieles mehr verloren habe, aber ich bereue nicht, dass ich gegangen und zurückgekehrt bin. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass es auch in europäischen Ländern keine Menschlichkeit gibt, diese Reise war eine nützliche Erfahrung für mich.«

Die Geschichte der Reise von Haji Darwish und seiner Familie endete schließlich mit der Rückkehr in dasselbe Zelt, von dem aus sie zwei Monate zuvor aufgebrochen waren.

Der ArtikelMy trip to Belarus came to end where it started“ ist zuerst bei Kirkuk Now erschienen. Übersetzung von Alexander Gruber.

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