Die Hamas veröffentlichte Ende Dezember ein umfassendes Dokument, in dem das Massaker vom 7. Oktober 2023 als historischer Akt des »Widerstands« verklärt wird. Berichtet wird darüber nicht.
Am 24. Dezember 2025 veröffentlichte das Medienbüro der Hamas ein Dokument von erschreckender Deutlichkeit. Bei der offiziell unter dem englischsprachigen Titel »Our Narrative: Al Aqsa Flood: Two Years of Steadfastness and the Will for Liberation«(»Unsere Darstellung: Al-Aqsa-Flut: Zwei Jahre Standhaftigkeit und der Wille zur Befreiung«) erschienenen Schrift handelt es sich um weitaus mehr als um eine flüchtige Pressemitteilung oder eine bloße Rechtfertigungsschrift.
Die reichlich illustrierte Publikation, die im Gestus eines PR-Konzepts oder einer professionellen Hochglanz-Mappe daherkommt, umfasst 42 Seiten. Bei dem hier betriebenen Aufwand wird deutlich: Hier liegt ein Manifest vor, das die ideologischen Grundpfeiler des Terrors systematisch untermauern soll. Wir haben es also mit dem Versuch der Terrororganisation zu tun, die Deutungshoheit über das beispiellose Massaker vom 7. Oktober 2023 zurückzugewinnen. Während die Weltöffentlichkeit wegsieht, legt die Hamas detailliert dar, warum sie den Terrorangriff weiterhin als legitimen Akt des Widerstands verklärt.
Wer nur die hiesigen Medien konsumiert, wird davon allerdings nichts mitbekommen haben: Sie erwecken den Eindruck, diese Veröffentlichung, gelinde gesagt, »übersehen« zu haben. Während eine mediale Auseinandersetzung mit der Propagandaschrift ausbleibt, ist das Dokument für jeglichen Interessierten direkt zugänglich. Wer die Radikalität dieser Schrift im Original prüfen will, findet die Datei in voller Länge auf Englisch problemlos im Netz.
Widerspruch des Widerstands
Besonders entlarvend zeigt sich dabei das zweite Kapitel, in dem die Hamas ihre Taten ideologisch zu legitimieren sucht:
»Die Operation Al-Aqsa-Flut am 7. Oktober 2023 stellte den Moment der Wahrheit dar, der die Gleichung des Konflikts nach Jahren der Belagerung und internationalen Vernachlässigung neu gestaltete. Der palästinensische Zorn entlud sich in einem beispiellosen Akt, angeführt von den Kämpfern des Widerstands, nachdem die Welt einem Volk, das sein Grundrecht auf Leben und Freiheit forderte, alle Türen verschlossen hatte.«
Die Operation sei »kein Abenteuer oder ein emotionaler Akt« gewesen, sondern
»ein kalkulierter Schritt, der den Willen zur Hoffnung und zur Korrektur des historischen Kurses ausdrückt. Die Söhne Palästinas unternahmen ihn mit Bewusstsein, Planung, dem Glauben an Gott und dem Vertrauen in die Gerechtigkeit ihrer Sache, im Glauben daran, dass Opfer der Weg zur Erlösung sind und die Verteidigung von Jerusalem und der Al-Aqsa-Moschee ein unverhandelbares Recht ist.«
In diesem Moment »immenser Opferbereitschaft« hätten die Palästinenser der Welt gezeigt, dass »wir nicht für immer Opfer [sind], sondern ein Volk, das für seine Würde kämpft und sich weigert, passiver Zeuge des Verlusts seiner Heimat zu sein«.
Das Pamphlet lobt zwar den »Widerstand«, basiert aber auf einem Widerspruch und verstrickt sich in eine argumentative Falle: Während die Hamas einerseits behauptet, der »palästinensische Zorn entlud sich«, was das Bild einer spontanen, affektiven Eruption zeichnet, betont sie im selben Atemzug, diese Operation sei »kein Abenteuer oder emotionaler Akt« gewesen.
Dieser Widerspruch ist wiederum Methode. Das Dokument versucht, die Gräueltaten als unvermeidliche und eruptive Folge von Leid zu entschuldigen und sie zugleich als souveräne und strategische Planung einer politischen Kraft zu adeln. Man kann jedoch nicht beides zugleich beanspruchen: Entweder war das Blutbad ein unkontrollierter Zornesausbruch oder ein kühl kalkulierter militärischer Schritt.
Was die Hamas mit diesen beiden widersprüchlichen Argumentationsweisen beabsichtigt, ist mühelos erkennbar: Beide sollen dazu dienen, die Verantwortung für die völkerrechtswidrige Gewalt je nach Bedarf entweder einem emotionalen Notstand zuzuschreiben oder aber sie als geplante Heldentat im Rahmen eines Befreiungskampfes darzustellen.
Angesichts der propagandistischen Selbstdarstellung der Hamas sollte nicht vergessen werden, dass ihre ideologische Linie über all die Jahre ihrer Existenz unverändert geblieben ist: Ein Blick in Artikel 7 der Hamas-Gründungscharta von 1988 offenbart das unveränderte Ziel, Israel zu vernichten und Juden weltweit zu ermorden.
»Die Stunde [der Auferstehung] wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen. Die Muslime werden sie töten, bis sich der Jude hinter Stein und Baum verbirgt, und Stein und Baum dann sagen: ›Muslim, Oh Diener Gottes! Da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn‹, außer der Gharqad-Baum, denn er ist ein Baum der Juden.«
Wer nur das neue Manifest liest, ohne die Charta zu kennen, erliegt der kalkulierten Täuschung einer Terrororganisation, die ihre Vernichtungsabsichten nicht aufgegeben, sondern lediglich neu verpackt hat, wie schon in ihrem moderner formulierten Grundsatzpapier von 2017. Die Charta von 1988 ist kein historisches Relikt, sondern das nie aufgehobene ideologische Fundament, auf dem jede heutige PR-Broschüre fußt.
PR und die postkompetente Presse
Mit dieser selbstinszenierenden Haltung verweigert die Hamas bewusst jede Lesart des 7. Oktober als militärisches oder politisches Scheitern. Sie erwähnt weder die massiven Zerstörungen im Gazastreifen durch den von ihr vom Zaun gebrochenen Krieg noch geht sie auf die faktische Schwächung ihrer operativen Fähigkeiten ein – geschweige denn, dass die milliardenschweren Milizführer gedenken, ihre völkerrechtlich verbotene Verwendung der Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde zu thematisieren.
Der Kriegsverlauf nach dem 7. Oktober 2023 und die krachende militärische Niederlage der Islamisten bleiben in ihrer Broschüre komplett ausgeblendet. Statt auf die Realität einzugehen, bietet die Hamas ein alternatives »Narrativ« an. Die Organisation, die mit einem Massaker an Zivilisten den Angriffskrieg gegen den jüdischen Staat vom Zaun brach, verlegt den Kampf auf die Ebene der Interpretation.
Gerade darin liegt die strategische Pointe. Indem die Hamas ihre eigene Niederlage nicht anerkennt, sondern durch ein simples, sachlich defizitäres Narrativ überdeckt, erklärt sie den militärischen Ausgang ihrer Aktion für sekundär. Entscheidend ist nicht, was auf dem Schlachtfeld erreicht wurde, sondern, was im öffentlichen Diskurs jenseits des Gazastreifens Bestand hat. Die Publikation dient damit als Versuch, den Verlust an realer Macht durch ideologische Konsolidierung zu kompensieren.
Diese Verschiebung ist Ausdruck einer kalkulierten Prioritätensetzung und der Versuch, die reale Schwäche nach zwei Jahren Krieg in neue Stärke umzumünzen. Die Hamas versteht, dass asymmetrische Akteure ihre Wirkung nicht alleine aus territorialer Kontrolle oder militärischer Macht beziehen, sondern aus der Fähigkeit, Sinn zu stiften und Deutungsrahmen zu setzen. Wer definiert, was als Widerstand gilt, definiert auch, was als legitim wahrgenommen wird.
»Zwei Jahre lang präsentierte das palästinensische Volk die edelsten Eigenschaften der Menschheit: Glauben, Opferbereitschaft, Standhaftigkeit, Ausdauer, Stolz und Würde … [Die Hamas hat] die zionistische Gesellschaft im besetzten Palästina in ihrem Kern erschüttert und sie in militärische, sicherheitspolitische, wirtschaftliche, politische und moralische Krisen gestürzt … die Welt hat begonnen, die wahre kriminelle und brutale Natur dieser Besatzung zu verstehen.«
Dementsprechend wird das Manifest mit Blick auf die Öffentlichkeit der weltweiten »Palästina-Solidarität« präsentiert. Es fordert nicht Verständnis einer konkreten Lage vor Ort, sondern Zustimmung zu einem Weltbild, in dem Gewalt als notwendige historische Etappe auf dem Weg zum letztlichen Sieg erscheint. Die Hamas reagiert also auf ihre militärische Niederlage, indem sie diese für irrelevant erklärt und sie durch ein Narrativ der moralischen Unbeugsamkeit ersetzt.
Im Zeitalter der Postkompetenz kann sich die Hamas darauf verlassen, dass westliche Medien ihre ideologische Akrobatik ignorieren anstatt sie einer kritischen Einordnung zu unterziehen und sie als das israelfeindliche Pamphlet zu präsentieren, das sie ist, während die »Palästina«-Aktivisten eine heroische Schönfärbung des größten Massakers an Juden seit dem Ende des Holocaust zur Verfügung gestellt bekommen. Zu Recht vertraut die Hamas darauf, dass die breitere westliche Öffentlichkeit sich nicht weiter dafür interessiert, was sie zu sagen hat, weil für sie einzig zählt, angebliche israelische Untaten an den Pranger zu stellen. Was die Palästinenser wirklich sagen oder tun, beschäftigt sie dagegen keine Sekunde lang.






