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»Seit dem Anschlag in Manchester kamen von unserer Regierung nur leere Worte«

Landesweite Demonstration gegen Antisemitismus in London
Landesweite Demonstration gegen Antisemitismus in London (© Imago Images / Avalon.red)

Im Gespräch mit Elisa Mercier berichtet Tali Smus, Aktivistin, Gründerin und Präsidentin von »Students Supporting Israel« (SSI) am Kings College London, über die Situation der jüdischen Gemeinschaft in Großbritannien nach der Terrorattacke in Manchester sowie über die Reaktion der britischen Regierung, der Medien und der Zivilgesellschaft.

Elisa Mercier (EM): Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist auch in Großbritannien sehr hoch. Vor rund einem Monat, an Jom Kippur, tötete ein Mann zwei Besucher einer Synagoge in Manchester. Wie reagierten die jüdische Gemeinschaft, die Politik, die Medien und die Zivilgesellschaft auf diese Gewalttat?

Tali Smus (TS): Die jüdische Gemeinschaft war schockiert und zutiefst bestürzt über den jüngsten Angriff in Manchester – schockiert, aber nicht überrascht. Ich bin schockiert, dass so etwas überhaupt passieren konnte, dass mein Land an diesen Punkt gekommen ist, aber nicht überrascht. Seit dem 7. Oktober 2023 ist der Anstieg des Antisemitismus deutlich zu erkennen – in den Medien, an Universitäten und in der Bevölkerung –, und das Nichthandeln der Regierung hat diesen Angriff ermöglicht.

EM: Die Polizei stufte die Morde als Terroranschlag mit antisemitischem Motiv ein. Hätte die Polizei Anschläge auf Juden voraussehen und im Vorfeld Schutzmaßnahmen ergreifen müssen?

TS: Der Angriff war keineswegs beispiellos. Die Bedrohung für die jüdische Bevölkerung nimmt stetig zu und die Polizei hätte diesen Angriff vorhersehen und im Vorfeld verhindern müssen.

EM: Nach dem Anschlag veröffentlichte Premierminister Keir Starmer in der Times einen viel beachteten und scharf formulierten Kommentar, in dem er den verbreiteten Antisemitismus in Großbritannien kritisierte. Glauben Sie, dass dies zu konkreten Maßnahmen gegen Antisemitismus führen wird?

TS: In der kurzen Zeit seit dem Anschlag in Manchester kamen von unserer Regierung nur leere Worte. Es wurden keine Maßnahmen ergriffen, keine konkreten Zusicherungen oder Schritte unternommen, um den Antisemitismus zu bekämpfen, abgesehen von mehr Geld für den Community Security Trust, eine britische Wohltätigkeitsorganisation, die sich dem Schutz der jüdischen Gemeinschaft vor Antisemitismus, Hassverbrechen und Terrorismus widmet. Das ist zwar hilfreich, aber eine völlig unzureichende Reaktion.

EM: Kaum zwei Wochen nach den Anschlägen und Starmers Artikel entschied die Stadt Birmingham, Fans von Maccabi Tel Aviv beim Europa League-Fußballspiel gegen Aston Villa aus »Sicherheitsgründen« nicht zuzulassen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

TS: Diese Entscheidung war empörend. Sie wurde getroffen, weil die Polizei sich außerstande sah, dem wachsenden islamistischen Terror auf den eigenen Straßen entgegenzutreten. Sie benutzte den Vorwand des »Schutzes«, um ihr eigenes Unvermögen zu verschleiern, ihre jüdischen Bürger und die Gäste zu schützen.

Hochburg Universitäten

EM: Ein weiteres Beispiel für alltäglichen Antisemitismus sind die teils gewaltsamen Proteste oft pro-palästinensischer Aktivisten an britischen Universitäten wie auch in anderen westlichen Ländern. Am King’s College London (KCL), an dem Sie studieren, gab es antisemitische Vorfälle. Was ist passiert?

TS: Ich persönlich war antisemitischen Angriffen ausgesetzt, die als »Antizionismus« getarnt waren. Das äußerte sich in Form von Belästigungen, Drohungen und Ausgrenzung durch meine Kommilitonen. Darüber hinaus gibt es auf Universitätsgeländen in ganz Großbritannien offene pro-terroristische Parolen, was dazu führt, dass sich jüdische Studierende allein wegen ihrer Identität bedroht fühlen. Nicht nur fordern einige Studierende die Vernichtung Israels, auch Professoren verbreiten terroristische Ideologien und entsprechende Schriften in ihren Lehrveranstaltungen. All das bleibt von den Universitätsleitungen unkommentiert und ungeahndet. Das verstärkt das Gefühl der Verwundbarkeit jüdischer Studierender, die sich fragen, ob sie überhaupt noch einen Platz in akademischen Einrichtungen haben.

EM: Mit welchen Organisationen sind Sie persönlich verbunden und wie engagieren Sie sich dort?

TS: Ich bin Gründerin und Präsidentin von Students Supporting Israel (SSI) am Kings College London, einer internationalen, pro-israelischen Bewegung, die pro-israelische Stimmen auf dem Campus stärken soll. Außerdem bin ich im Komitee von Stop the Hate On Campus, das Proteste organisiert und Studierende an Londoner Universitäten unterstützt. Derzeit bin ich CAMERA-Stipendiatin (Committee for Accuracy in Middle Eastern Reporting and Analysis) sowie UJS-Leadership Fellow (Union of Jewish Students). Ich bin zudem Gründerin von The British Zionness, einer von Frauen geführten Organisation zur Stärkung pro-israelischer Interessenvertretungen, und habe im September mit Stolz vor 70.000 Menschen bei dem von »Campaign Against Antisemitism« organisierten March Against Antisemitism gesprochen.

EM: Was wünschen Sie sich in Ihrem Kampf gegen Antisemitismus und Israelhass von Politik, Zivilgesellschaft und nichtjüdischen Bürgern?

TS: Von Politik und Zivilgesellschaft erwarte ich eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Gesetzgebern und Strafverfolgungsbehörden zum Schutz ihrer jüdischen Bürger. Die nicht neutrale Polizeipraxis gegenüber pro-israelischen und pro-palästinensischen Bewegungen ist offensichtlich: Juden werden unfair behandelt und dazu gebracht, ihre religiöse und ethnische Identität aus Angst zu verbergen. Juden sind die einzige ethnische oder religiöse Gruppe in Großbritannien, die gezwungen ist, ihre Identität als Sicherheitsmaßnahme zu verstecken. Ich denke, die britische Bevölkerung muss verstehen, dass es immer mit den Juden anfängt – und dass das, was die Juden derzeit erleben, eine Bedrohung für die westliche Demokratie ist, für die unser Land eigentlich stehen sollte. Wir müssen dagegen kämpfen, bevor es zu spät ist.

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