Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Rede vom angeblichen israelischen »Siedlerkolonialismus« in progressiven Milieus beinahe zu einem geflügelten Wort geworden.
Tim Stosberg
Im März brachte die Jugendorganisation Solid der Linkspartei Niedersachsen auf ihrem Landesparteitag einen Antrag ein, in dem sie aus ihrer Ablehnung des Zionismus keinen Hehl machte. Der Parteinachwuchs forderte die Genossen dazu auf, sich gegen die »Leugnung und oder Verharmlosung der siedlerkolonialistischen Akte des Staates Israel, der sich damals wie heute durch sowohl der gewaltsamen Eroberung [sic] von Gebieten als auch Vertreibung von ihren Einwohner:innen zeigt«, zu stellen. [1]
Der gegen den jüdischen Staat gerichtete Vorwurf des Siedlerkolonialismus ist jedoch keineswegs neu. Er hat seine Vorläufer in der sowjetischen antizionistischen Propaganda der 1950er-Jahre [2], die den Zionismus als Produkt des westlichen Imperialismus brandmarkte. In den 1960er-Jahren griffen Protagonisten der palästinensischen Nationalbewegung diese Deutung auf. So veröffentlichte der PLO-Diplomat Fayez Sayegh, einst Mitglied der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei – laut Gilbert Achcar dem »levantinischen Klon der NSDAP in fast jeder Hinsicht« [3] –, 1965 unter dem Titel »Zionist Colonialism in Palestine« eine Schrift, die wesentliche Elemente der heutigen antiisraelischen Propaganda bereits vorwegnimmt. Schon dort ist vom »zionistischen Siedlerstaat« die Rede. [4]
Auftritt der Akademie …
Entscheidend zum Erfolg des Siedlerkolonialismus-Vorwurfs beigetragen haben allerdings die in den 1990er-Jahren im anglophonen Raum entstandenen »Settler Colonial Studies« (SCS), eine Forschungsrichtung, die sich der Analyse des Siedlerkolonialismus widmet. Ihr Doyen Patrick Wolfe ergänzte die ursprünglich deskriptive Bedeutung des Begriffs durch zwei zentrale Aspekte: Zum einen beruhten Siedlerkolonien auf der Auslöschung der indigenen Bevölkerung eines Landes, zum anderen kämen Siedler, »um zu bleiben«. Siedlerkolonialismus erscheint damit als inhärent genozidale und zugleich fortdauernde Struktur – nicht bloß als historisches Ereignis, sondern als bis in die Gegenwart wirkmächtiges Herrschaftsverhältnis.
Der amerikanische Literaturkritiker Adam Kirsch hat diese Neudefinition des Begriffs in seinem bemerkenswerten Essay Siedlerkolonialismus. Ideologie, Gewalt und Gerechtigkeit ausführlich analysiert. [5] Kirsch zeigt, wie die SCS aus der siedlerkolonialen Geschichte von Staaten wie Australien oder den USA eine »Ursünde« konstruieren, die faktisch nicht überwunden werden könne. Denn die Besiedlung dieser Länder ließe sich nicht rückgängig machen. Aus dieser Unmöglichkeit erklärt Kirsch schließlich auch die besondere Aufmerksamkeit, die Israel innerhalb der SCS erfährt. Israel gilt dort als jener Fall, in dem Siedlerkolonialismus – anders als in den USA, Kanada oder Australien – nicht nur symbolisch, sondern praktisch bekämpft werden könne.
Entsprechend leidenschaftlich positionieren sich zahlreiche Vertreter der SCS nach dem 7. Oktober gegen den jüdischen Staat. Dabei übertrumpfen sie sich nicht selten gegenseitig in der Dämonisierung Israels und der Verklärung des palästinensischen Terrorismus. Prominent äußerte sich etwa der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Massad, der von »beeindruckenden« Videos der Paragleiter der Hamas schwärmte und den Terror der Hamas als »atemberaubenden Sieg des palästinensischen Widerstands über die israelische Armee glorifizierte. [6]
Der Ethnologe und Mitbegründer der dekolonialen Theorie Ramón Grosfoguel erklärte auf einem islamistischen Onlineportal gar, Palästina markiere einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte: »Der palästinensische Sieg wird die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsebene führen.« [7] Antizionistische Vorstellungen mischen sich hier mit religiösem Fanatismus und Erlösungsvorstellungen. Bruno Chaouat bezeichnet diese Mischung in Anlehnung an Saul Friedländers Begriff des »Erlösungsantisemitismus« treffend als »Erlösungsantizionismus«. [8] Auf pro-palästinensischen Demonstrationen in den USA war schließlich die Parole »Jews go back to Poland« zu hören – eine offene Drohung an israelische Juden, das Land zu verlassen.
… auch in Deutschland
Das Eingangsbeispiel der Linksjugend Solid zeigt, dass das Siedlerkolonialismus-Paradigma inzwischen auch in deutschen Diskursen an Relevanz gewinnt. Rückendeckung erhalten die jungen Aktivisten dabei von Jürgen Mackert. Der Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Potsdam gab im Sommer 2024 gemeinsam mit dem bekennenden Antizionisten Ilan Pappe im Wissenschaftsverlag Nomos einen Sammelband zum Thema Siedlerkolonialismus heraus. Bislang hielt sich die Bedeutung des Siedlerkolonialismus-Paradigmas innerhalb der deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften eher in Grenzen. Mackert und Pappe scheinen dies ändern zu wollen, enthält ihr Band doch zentrale Gründungstexte des Feldes erstmals in deutscher Übersetzung.
Laut den Herausgebern sei der Band das Ergebnis von Diskussionen »über das Paradigma des Siedlerkolonialismus im Allgemeinen, über Israels widerrechtliche siedlerkoloniale Besetzung Palästinas sowie die augenscheinliche Ausklammerung siedlerkolonialer Theorie und Analysen aus dem wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs in Deutschland im Besonderen.« [9]
Insbesondere die Debatten des »Historikerstreits 2.0« hätten gezeigt, dass in Wissenschaft und Öffentlichkeit eine »Verheimlichung, Unterdrückung und Ausgrenzung des siedlerkolonialen Paradigmas« vorherrsche. Dies sei, so die Herausgeber, zwei Faktoren geschuldet: »Erstens geht es um den Schutz und die Legitimation des siedlerkolonialen Apartheidstaates Israel. Zweitens, und damit aufs Engste verknüpft, geht es in Deutschland auch darum, wichtige Aspekte der eigenen Geschichte zu verschweigen, zu verheimlichen, um eine generalisierte Amnesie zu befördern, die es erlaubt, das Selbstverständnis und nach außen getragene Selbstbild Deutschlands aufrechtzuerhalten. Die eigene nationale siedlerkoloniale Tradition soll ausgelöscht werden, sie hat weder Platz im schulischen Unterricht noch in Debatten im öffentlichen Raum.« [10]
Diese Einschätzung irritiert auf den ersten Blick. Tatsächlich haben koloniale Themen spätestens seit der Jahrtausendwende auch in Deutschland erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen. Debatten um den Genozid an den Herero und Nama, die Umbenennungen von Straßen mit Kolonialbezug oder das Berliner Humboldt-Forum verdeutlichen diese Entwicklung. Der Historiker Sebastian Conrad spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer »Neujustierung der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur – die Verschiebung vom Holocaust zur Globalisierung«. [11]
Umso mehr drängt sich der Verdacht auf, dass es Mackert und Pappe um etwas anderes als die angemessene Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte geht. Vielmehr dient ihnen die Rede vom Siedlerkolonialismus als Vehikel für einen Angriff auf Israel, die deutsche Staatsräson sowie die hart erkämpften Errungenschaften der Holocaust-Erinnerung.
Ganz im Sinne der mehrheitlich antizionistisch geprägten SCS zögern sie denn auch nicht, Israel einen »Genozid an der Bevölkerung in Gaza« zu unterstellen, der sich einreihe »in eine Historie eliminatorischer Strategien, die europäische Siedler in der über 500 Jahre andauernden Geschichte des Siedlerkolonialismus begangen haben«. [12] Sie kritisieren ferner »Deutschlands selektive Konzentration auf den Holocaust und eine strategische Amnesie gegenüber dem Leid anderer Opfergruppen« und behaupten, die Bundesrepublik habe von Anfang an die Staatsgründung Israels unterstützt, um die Vernichtung der europäischen Juden »auf andere Weise, nämlich durch erzwungene Auswanderung« zu beenden. [13]
Im selben Atemzug fragen sie danach, warum das »palästinensische Volk« bis heute für »die Verbrechen des deutschen Volkes und für das Versagen Europas und des Westens bezahlen [soll]« und resümieren, dass ein deutscher Konsens bestehe, »ohne Wenn und Aber den Genozid [in Gaza] zu verteidigen und zu befürworten, ihn diplomatisch zu ermöglichen und die Waffen zu liefern, mit denen er durchgeführt wird«. Diese Haltung zeige laut den Herausgebern eine »[faktische] Kontinuität siedlerkolonialer Mentalität und […] nicht vollzogene[r] [Brüche] mit der deutschen siedlerkolonialen Gewalt- und Vernichtungsgeschichte.« [14]
Unverblümt
Dass Mackert keine Gelegenheit auslässt, sein Mantra vom angeblichen israelischen Genozid und dem deutschen Schweigen dazu zu wiederholen, zeigt auch ein Blick auf die britische Nahost-Plattform Middle East Eye, der eine Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt wird. Dort veröffentlicht Mackert seit November 2024 regelmäßig Kommentare.
In ihnen bezeichnet er verbal aufmunitioniert das israelische Vorgehen in Gaza als »einen der schlimmsten Genozide der Menschheitsgeschichte«. [15] Mitunter spricht er gar von einem »Infantizid«, also einem gezielt an Kindern verübten Genozid, und behauptet, Israel töte palästinensische Kinder in »biblischen Ausmaßen«. [16] Die Bilder aus Gaza erinnerten ihn nicht nur an das Schicksal der Herero und Nama, sondern ausdrücklich auch an das Warschauer Ghetto und die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. [17]
Darüber hinaus stilisiert sich Mackert in seinen Kommentaren zum Sprachrohr einer angeblich zunehmend kriminalisierten Kaste »kritischer« Wissenschaftler und Studenten. Seit dem 7. Oktober 2023 sei das »Recht, Israel zu kritisieren«, staatlichen Repressionen ausgeliefert. Eines der zentralen Instrumente dieser Repressionen sei – so Mackert – die von »Zionisten vorangetriebene« [18] Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) [19], die vielen antizionistischen Wissenschaftlern und Aktivisten ein Dorn im Auge ist, weil sie auch israelbezogenen Antisemitismus thematisiert.
Unverblümter als in seinem Sammelband spricht Mackert auf Middle East Eye von einer Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs und insinuiert den Einfluss einer »zionistischen Lobby« auf deutsche Politiker. In diesem Zusammenhang führt er auch die Millionen von Euro an, die eine dieser »Lobbygruppen« in Deutschland jährlich von staatlicher Seite erhalte: den Zentralrat der Juden in Deutschland. [20]
Rote Linien
Für das laufende Sommersemester hat Mackert an der Universität Potsdam zudem eine Ringvorlesung zu den Themen »Genozid, Siedlerkolonialismus und Moderne« organisiert. [21] Bereits zu Gast war Joseph Massad. Daneben sprechen bzw. sprachen mit Jürgen Zimmerer und A. Dirk Moses zwei prominente Akteure des »Historikerstreit 2.0«. Für den 25. Juni ist außerdem ein Vortrag Ilan Pappes unter dem Titel »Israel a Jewish State? Implications for Germany« angekündigt. Mit Eyal Weizman wurde zudem ein ausgesprochener Unterstützer der antiisraelischen Boykottbewegung BDS eingeladen. [22]
Bereits im Zusammenhang mit früheren Lehrveranstaltungen Mackerts hatten Teile der Studierendenschaft Beschwerde bei der Universitätsleitung eingelegt. Ihm wurde vorgeworfen, seine Vorlesungen nach dem 7. Oktober 2023 zur Verbreitung antiisraelischer Propaganda genutzt zu haben, darunter Texte der Plattform Electronic Intifada. [23] Laut einem Bericht des Tagesspiegel sah der Antisemitismusbeauftragte des Landes Brandenburg, Andreas Büttner, darin eine rote Linie überschritten und regte eine Untersuchung der Lehrinhalte an, um sicherzustellen, dass »keine einseitigen oder propagandistischen Inhalte« vermittelt werden. [24] Es bleibt zu hoffen, dass auch Mackerts aktuelle Ringvorlesung nicht ohne kritische Begleitung bleibt.
Anmerkungen:
[1] Linksjugend [‘solid] Hannover u. a.: Antrag A01: Ablehnung des Zionismus. In: Die Linke Niedersachsen, Antragsheft 2, 14. März 2026, S. 15.
[2] Jan Kapusnak: Der sowjetische Geist in Gaza: Wie die Propaganda des Kalten Kriegs eine globale Erzählung schuf, 28. September 2025, https://www.mena-watch.com/der-sowjetische-geist-in-gaza/
[3] Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust, Hamburg 2012, S. 77f.
[4] Fayez A. Sayegh: Zionist Colonialism in Palestine, Beirut 1965. (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[5] Adam Kirsch: Siedlerkolonialismus. Ideologie, Gewalt und Gerechtigkeit, Berlin 2025.
[6] Joseph Massad: Just another battle or the Palestinian war of liberation? In: The Electronic Intifada, 8. Oktober 2023, https://electronicintifada.net/content/just-another-battle-or-palestinian-war-liberation/38661 (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[7] Ramón Grosfoguel: Gaza. The Warsaw Ghetto of the 21st Century. In: Islamic Human Rights Commission, 1. Februar 2024, https://www.ihrc.org.uk/gaza-the-warsaw-ghetto-of-the-21st-century (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[8] Bruno Chaouat: Ist Theorie gut für die Juden?, Berlin 2024, S. 415.
[9] Jürgen Mackert/Ilan Pappe, Vorwort. In: Dies. (Hg.), Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen, Baden-Baden 2024, S. 5.
[10] Ebd., S. 6.
[11] Sebastian Conrad, Rückkehr des Verdrängten? Die Erinnerung an den Kolonialismus in Deutschland 1919–2019. In: APuZ, Nr. 40–42 (2019), S. 33.
[12] Mackert/Pappe: Vorwort, S. 6.
[13] Jürgen Mackert/Ilan Pappe: Das Paradigma des Siedlerkolonialismus. Eine Leerstelle in der deutschen Soziologie und Geschichtswissenschaft. In: Dies.: Siedlerkolonialismus, S. 37–39.
[14] Ebd., S. 39–41.
[15] Jürgen Mackert: What is behind Germany’s complicity in Israel’s Gaza genocide? In: Middle East Eye, 1. November 2024, https://www.middleeasteye.net/opinion/germany-israel-gaza-genocide-complicity-what-behind (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[16] Jürgen Mackert: Germany’s silence on Gaza while children starve reveals its dark colonial secret. In: Middle East Eye, 22. Mai 2025, https://www.middleeasteye.net/opinion/germanys-silence-gaza-children-starve-reveals-dark-secret (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[17] Jürgen Mackert: As Gaza becomes a death camp, German complicity reveals the West’s racist »biopolitics«. In Middle East Eye, 25. August 2025, https://www.middleeasteye.net/opinion/gaza-becomes-death-camp-german-complicity-reveals-wests-single-racist-standard (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[18] Jürgen Mackert: Welcome to Berlin, the capital of Zionist repression. In: Middle East Eye, 6. Mai 2025, https://www.middleeasteye.net/opinion/welcome-berlin-germany-capital-zionist-repression (Übers. aus dem Englischen, d. Verf.)
[19] Die IHRA-Antisemitismusdefinition. In: Mena-Watch-Lexikon. Das Nachschlagewerk über den Nahen Osten und Nordafrika, https://mena-watch-lexikon.com/das-lexikon/israel/die-ihra-antisemitismusdefinition/
[20] Mackert: Welcome to Berlin.
[21] Universität Potsdam. Professur für allgemeine Soziologie: Genocide, Settler Colonialism, Modernity – Lecture Series im Sommersemester 2026, https://www.uni-potsdam.de/de/allg-soziologie/index/lecture-series
[22] Mira Anneli Naß: Zweifelhafte Beweisbilder. In: taz, 3. Januar 2024, https://taz.de/Kritik-an-Forensic-Architecture/!5983353
[23] Erik Wenk: Vorwürfe an der Uni Potsdam. In: Tagesspiegel, 11. März 2025, https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/vorwurfe-an-der-uni-potsdam-verbreitet-ein-professor-antiisraelische-propaganda-13314877.html
[24] Erik Wenk: »Rote Linie überschritten«. In: Tagesspiegel, 25. März 2025, https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/rote-linie-uberschritten-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-potsdamer-soziologie-professor-13429447.html






