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Der stille Killer im Iran: Luftverschmutzung tödlicher als Kriege

Luftverschmutzung: Teheran versinkt im Smog
Luftverschmutzung: Teheran versinkt im Smog (© Imago Images / Middle East Images)

Laut einem offiziellen Bericht des Gesundheitsministeriums verstarben im vergangenen Jahr etwa 60.000 Menschen im Iran aufgrund von Luftverschmutzung und Smog.

Für die Menschen in der Islamischen Republik ist der Iran-Irak-Krieg eine Zeit, deren hohe Zahl an Opfern niemals vergessen werden wird; ein Krieg, der laut offiziellen Statistiken täglich etwa 85 Iranern das Leben gekostet hat. Doch heute, vier Jahrzehnte danach, sieht sich das Land mit einer Luftverschmutzungskrise konfrontiert, die still und leise jeden Tag doppelt so viele Menschenleben fordert wie der Waffengang gegen den Irak.

Laut einem offiziellen Bericht des Gesundheitsministeriums starben im vergangenen Jahr etwa 60.000 Menschen im Iran aufgrund von Luftverschmutzung – das sind 161 Todesfälle pro Tag und sieben Todesfälle pro Stunde. Diese schockierenden Statistiken zeigen, dass das Land mit einer seiner schwersten Krisen konfrontiert ist, die nicht nur ökologischer Natur ist, sondern auch das Ergebnis chronischer Schwächen in der Regierungsführung, einer sich verschlechternden Infrastruktur und der Vernachlässigung der öffentlichen Gesundheit.

Faktor Verkehr

Vor sieben Jahren verabschiedete der Iran das »Gesetz zur Reinhaltung der Luft« mit dem Ziel, einen klaren Rahmen für die Bekämpfung der Luftverschmutzung zu schaffen. Dieses Gesetz legte eine Reihe präziser Verpflichtungen für verschiedene Behörden und Abteilungen fest – von der Verbesserung der Kraftstoffqualität und der Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs bis hin zur Stilllegung veralteter Fahrzeuge, der Kontrolle umweltverschmutzender Industrien und der Schaffung effizienter Überwachungssysteme.

Laut offiziellen Berichten der Justiz und des Gesundheitsministeriums wurden jedoch etwa vierzig Prozent der gesetzlichen Vorgaben nie umgesetzt und ein großer Teil blieb unvollständig bzw. unwirksam. Die zuständigen Behörden führen Budgetknappheit, sanktionsbedingte Einschränkungen und politische Prioritäten als Gründe für diese Verzögerung an, doch die Ursache für das Scheitern liegt in der Entscheidungsstruktur und der mangelnden Rechenschaftspflicht der verschiedenen Institutionen.

In Großstädten wie Teheran, Isfahan und Arak können die Bewohner nur an wenigen Tagen im Jahr saubere Luft genießen, während sie an den meisten einer Belastung ausgesetzt sind, die als »ungesund« oder »gefährlich für empfindliche Personengruppen« eingestuft wird.

Selbst die jüngsten Warnungen der Justizbehörden und die Androhung rechtlicher Schritte können die tiefsitzende Krise nicht lösen, die das Ergebnis jahrzehntelanger kurzfristiger Politik und ineffektiver Aufsicht ist. Dies spiegelt ein allgemeines Muster in allen Bereichen der Regierungsführung unter der klerikalen Herrschaft im Iran wider: Die Regierenden konzentrieren sich bei der Führung des Landes nur auf die unmittelbar anstehenden Schritte und verlassen sich, wie sie selbst sagen, auf die Hoffnung, dass »sich die Dinge irgendwie regeln werden«.

Offiziellen Angaben zufolge stammen sechzig Prozent der Luftverschmutzung aus dem Verkehrssektor – einem Sektor, der seit Langem unter zu geringen Investitionen, starker Überalterung und inkonsistenter Politik leidet. Landesweit sind etwa dreizehn Millionen Motorräder im Einsatz, von denen elf Millionen abgenutzt sind und mit veralteten Technologien betrieben werden – Technologien, die in vielen Ländern längst verboten sind, weil ihre Emissionen um ein Vielfaches höher sind als jene moderner Motorräder mit Kraftstoffeinspritzung.

Daneben kommen weiterhin im Inland produzierte Autos, die sich nicht mit der ausländischen Konkurrenz messen müssen, mit niedrigen Emissionsstandards und hohem Kraftstoffverbrauch auf die Straße. Modelle wie Samand oder Pride, deren Entwicklung Jahrzehnte zurückliegen, sind nach wie vor die wichtigsten Fahrzeuge des Landes und tragen erheblich zur Luftverschmutzung bei.

Die Verkehrskrise beschränkt sich jedoch nicht nur auf Autos und Motorräder. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Busse in den städtischen Flotten von rund 23.000 auf fast 12.000 gesunken. Dieser starke Kapazitätsrückgang hat die Bürger dazu gezwungen, auf private Fahrzeuge zurückzugreifen, was zu einer Zunahme des Verkehrsaufkommens und der Schadstoffemissionen geführt hat. Während sich die Bedingungen des öffentlichen Nahverkehrs im Iran täglich verschlechtern, haben große Städte weltweit ihre Emissionen durch den Ausbau von U-Bahn-Systemen, den Einsatz von Elektrobussen und durch umweltfreundliche Verkehrswege erheblich reduziert.

Faktor Energieversorgung

Neben dem Verkehr spielt auch die Energieversorgung eine entscheidende Rolle bei der Luftverschmutzung. Obwohl der Iran über eine der größten Gasreserven der Welt verfügt, kommt es in den kalten Monaten zu Engpässen, sodass Kraftwerke und Industriebetriebe gezwungen sind, Mazut zu verbrennen – einen schweren und extrem umweltschädlichen Brennstoff, der in vielen Ländern seit Langem eingeschränkt oder verboten ist.

Diese Mazut-Verbrennung führt zu einem drastischen Anstieg von Feinstaub, Schwefeldioxid und anderen krebserregenden Verbindungen, wodurch die Luftqualität in den Städten auf ein kritisches Niveau sinkt. Die weit verbreitete Verwendung dieses Brennstoffs ist ein Zeichen für eine veraltete Energieinfrastruktur, unzureichende Investitionen in das Gasnetz und die langfristigen Auswirkungen von Sanktionen.

Im Iran ist der hohe Mazutverbrauch – insbesondere in Kraftwerken – das Ergebnis einer Kombination aus Misswirtschaft im Energiebereich, mangelnder Planung für die Erneuerung der Infrastruktur und der Priorisierung der Einnahmen aus Gasexporten gegenüber der Versorgung der Bevölkerung mit sauberer Luft durch die Regierung. Sanktionen und die Unfähigkeit, saubere Technologien zu entwickeln, sind zu Ausreden für Industriezentren geworden, um Mazut anstelle von Erdgas zu verbrennen.

Diese Situation zeigt, dass es dem Entscheidungssystem nicht nur an ausreichender Umweltverantwortung mangelt, sondern dass es auch die öffentliche Gesundheit geopfert hat, um den Anschein einer Energieversorgung aufrechtzuerhalten und Managementfehler zu vertuschen, während alternative Lösungen seit Jahren ungenutzt bleiben.

Umfassende Krisen

Luftverschmutzung ist nicht nur ein medizinisches oder technisches Problem, sondern Teil einer Reihe umfassender Krisen, die das tägliche Leben der Iraner auf allen Ebenen beeinträchtigen. Chronische Inflation, sinkende Kaufkraft, Wasserknappheit, die weit verbreitete Abwanderung qualifizierter Fachkräfte, veraltete Verkehrs- und Energiesysteme und eine tiefe Kluft zwischen der Bevölkerung und der Regierung – all dies zusammen hat zu einer Situation geführt, in der die Luftverschmutzung nur einer von vielen Missständen ist.

Viele Bürger fragen sich, warum die Regierung bei Projekten mit politischen oder sicherheitspolitischen Auswirkungen schnell und entschlossen handeln kann, während bei einem Problem, das jedes Jahr Zehntausende Menschenleben fordert, die Pläne unvollständig bleiben. Diese Stimmung wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl von Kindern hochrangiger Beamter in Ländern mit strengen Umweltstandards lebt – Ländern, in denen saubere Luft und moderne öffentliche Verkehrsmittel fester Bestandteil des Alltags sind.

Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung sind enorm. Nach offiziellen Schätzungen belaufen sich die jährlichen Kosten für das Land auf rund zwölf Milliarden Dollar; Kosten, die durch Produktivitätsverluste, vermehrte Arztbesuche, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Schäden an der Infrastruktur und einen Rückgang der Attraktivität für den Tourismus entstehen. In einigen Städten wie beispielsweise Isfahan ist die Zahl der Todesfälle, die auf die Luftverschmutzung zurückzuführen sind, auf über zweitausend pro Jahr gestiegen, wobei die wirtschaftlichen Verluste auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt werden. Der jährliche Durchschnittswert der Luftverschmutzung ist mehr als sechsmal so hoch wie der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte Grenzwert, wobei Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen am stärksten darunter leiden.

Trotz dieser Situation wären die Lösungen eigentlich klar: Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, Abschaffung von Motorrädern mit Vergaser, Verbesserung der Kraftstoffqualität, vollständige Einstellung der Mazutverbrennung, Reform der Automobilindustrie, Investitionen in erneuerbare Energien und Erhöhung der Transparenz und Rechenschaftspflicht der zuständigen Institutionen. Die Umsetzung dieser Lösungen erfordert jedoch politischen Willen, langfristige Planung und eine Verringerung von Interessenkonflikten – Schritte, zu denen das Regime der Islamischen Republik nicht bereit ist.

Die Luftverschmutzungskrise ist ein stiller, aber tödlicher Krieg – ein Krieg, dessen Feind nicht ein fremdes Land ist, sondern eine Kombination aus Ineffizienz, Nachlässigkeit und Misswirtschaft. Heute befindet sich der Iran in einem Kampf, den das Regime und seine Führer nicht ernst nehmen, was zeigt, dass für sie nicht nur Menschenleben, sondern auch die wirtschaftliche und soziale Zukunft des Landes, die durch diese Krise ernsthaft bedroht ist, kaum Bedeutung haben.

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