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Französische Intellektuelle sehen Linksbündnis um Mélenchon als größte Gefahr für Juden

Gefahr für Frankreichs Juden: Jean Luc Mélenchon bei Siegesfeier des linken Parteienbündnisses Neue Volksfront
Gefahr für Frankreichs Juden: Jean Luc Mélenchon bei Siegesfeier des linken Parteienbündnisses Neue Volksfront (© Imago Images / Starface)

Nicht nur der Oberrabbiner von Paris sieht angesichts der Wahlerfolge der rechtsextremen Rassemblement National und der linken La France insoumise keine Zukunft mehr für Juden in Frankreich.

Nicht nur der Oberrabbiner von Paris, Moshe Sebbag, erklärte angesichts der französischen Wahlen und der Erfolge, die sowohl Marine Le Pens rechtsextreme Rassemblement National (Nationale Sammelbewegung) als auch die als Teil des Linksbündnisses antretende Fraktion La France insoumise (Unbeugsames Frankreich, LFI) von Jean-Luc Mélenchon einfuhren, dass es für Juden keine Zukunft in Frankreich gebe. Zugleich warnten auch hunderte Intellektuelle, darunter Pierre-André Taguieff, Georges Bensoussan und Boualem Sansal, vor dem Antisemitismus des als Nouveau front populaire (Neue Volksfront, NFP) angetretenen Linksbündnisses.

Mélenchons LFI habe den als Teil der NFP antijüdischen Hass zu einer Wahlkampfstrategie gemacht, argumentieren sie in einem offenen Brief in Tribune Juive und gaben ihrer Sorge mit folgenden Worten Ausdruck: »Wir sind angewidert von der Trivialisierung des Antisemitismus und fordern eine Brandmauer gegen die Neue Volksfront, eine Koalition, die unserer Meinung nach heute die größte Bedrohung für die französischen Juden und im weiteren Sinne für Frankreich darstellt.«

Die LFI stelle mit David Guiraud einen Abgeordneter, der zugibt, mit Videos des rechtsextremen Holocaust-Leugners Alain Soral »gefüttert« worden zu sein, »der halbherzig die Gräueltaten vom 7. Oktober leugnet, der Israel beschuldigt, palästinensische Babys in Öfen zu stecken, der sich antisemitische Verweise auf ›himmlische Drachen‹ erlaubt, welche die Strippen der Gesellschaft zögen«.

Mit Aymeric Caron ist ein anderer LFI-Abgeordneter der Ansicht, »dass die Unterstützer Israels nicht ›der gleichen Spezies‹angehörten wie ich selbst«. Darüber hinaus wurde für Caron »die Vergewaltigung eines jüdischen Mädchens in Courbevoie in den Medien zu stark thematisiert«. Eine andere Abgeordnete, Ersilia Soudais »hieß Salah Hammouri triumphierend willkommen, einen PFLP-Terroristen, der wegen der geplanten Ermordung von Ovadia Yossef, dem ehemaligen Oberrabbiner Israels, verurteilt worden war«.

Für LFI-Abgeordneten Danièle Obono ist die Hamas eine »Widerstandsbewegung«, und Thomas Portes »wirft Israel vor, am 7. Oktober freiwillig das Massaker an seinen Bürgern zugelassen zu haben, um ›einen Völkermord an den Palästinensern zu rechtfertigen‹«. Clémence Guetté wiederum empfing »mit großem Tamtam den schwedischen Intellektuellen Andreas Malm, der sagt, er habe den Hamas-Angriff als ›Jubel‹ erlebt und gesteht: ›Ich konsumiere diese Videos [vom Hamas-Massaker] wie eine Droge. Ich injiziere sie in meine Venen.‹«

Die EU-Abgeordnete Rima Hassan beschuldigt den Conseil représentatif des institutions juives de France (Crif), den Dachverband der jüdischen Organisationen Frankreichs, die französische Außenpolitik zu diktieren. Sie »bezeichnet Israel als ›Monstrosität‹ und schreibt, dass der jüdische Staat (den sie ›vom Fluss bis zum Meer‹ von der Landkarte getilgt sehen möchte) nicht nur palästinensische Gefangene von Hunden vergewaltigen lässt, sondern auch ihre Organe stiehlt. »Antisemitische Fake News, die übrigens von keinem Mitglied der Neuen Volksfront verurteilt wurden«, wie der offene Brief in seiner Aufzählung fortfährt.

Antisemitismus nur Nebensache

In der Partei La France insoumise würden nicht nur »alle Mitglieder eine üble Besessenheit für die winzige jüdische Demokratie [Israel] – kleiner als die Normandie – pflegen, die von autoritären und islamistischen Regimen umgeben ist«, sondern ihr Anführer Mélenchon »bezeichnet die jüdische Gemeinschaft als ›aggressive, die den Rest des Landes belehren will‹, führt die Niederlage von Jeremy Corbyn in Großbritannien auf die Antisemitismusvorwürfe des ›Oberrabbiners von England und der verschiedenen Einflussnetzwerke des [israelischen] Likud‹ zurück und beklagt die ›arroganten Ukasse der Kommunitaristen [Kampfbegriff gegen angebliche partikularistische Feinde der Republik] des Crif‹«.

Die Neue Volksfront (NFP) sei nicht identisch mit La France insoumise (LFI), nehmen die Autoren des offenen Briefs einen möglichen Einwand gegen ihr Schreiben vorweg. Das sei vollkommen richtig, denn in der NFP gebe »es auch die Nouveau Parti anticapitaliste (Neue Antikapitalistische Partei, NPA), die am 7. Oktober der Hamas gratulierte, an ›ihre Unterstützung für die Palästinenser/innen und die Mittel des Kampfes, die sie gewählt haben, um Widerstand zu leisten‹ erinnerte und die ihre Erklärung mit ›Intifada!‹ abschloss«. Gegen die NPA, so hält der Brief fest, werde zwar derzeit wegen Verherrlichung des Terrorismus strafrechtlich ermittelt; ihr Chef, Philippe Poutou, habe sich dennoch unter dem Banner der NFP für die zweite Runde der Parlamentswahlen qualifiziert.

Zur Neuen Volksfront gehöre auch die Jeune Garde (Junge Garde), »eine gewalttätige Gruppierung, die unter anderem von Raphaël Arnault angeführt wird, dem körperliche Angriffe auf politische Gegner vorgeworfen werden und der am 7. Oktober 2023 seine ›Solidarität mit dem palästinensischen Widerstand‹ bekundete«. Und auch Arnault habe sich, unterstützt von der NFP, für die zweite Runde der Parlamentswahlen qualifiziert. Gegen acht Mitglieder der Jungen Garde wurde sogar wegen des gewalttätigen Angriffs auf einen jüdischen Teenager in der Pariser Metro am 27. Mai Anklage erhoben.

Zur Neuen Volksfront zählt auch die Kommunistische Partei, »die unermüdlich die Freilassung von Marwan Barghouti fordert, einem palästinensischen Terroristen, der eine lebenslange Haftstrafe für den kaltblütigen Mord an fünf Israelis verbüßt. Die vermeintlich gemäßigteren Koalitionsparteien wie die Sozialistische Partei und die Grünen haben mit diesem Bündnis bewiesen, dass Antisemitismus für sie eine Nebensache ist«. Als Frankreich in den ersten drei Monaten des Jahres 2024 einen Anstieg der antisemitischen Angriffe um 300 Prozent meldete, sagte Mélenchon etwa, der französische Judenhass sei bloß ein Randphänomen.

Aus diesen Gründen und der zusätzlichen Nachgiebigkeit gegenüber dem Islamismus rufen die Autoren zu einer Brandmauer gegen die Neue Volksfront auf, »eine Koalition, deren Wahlerfolg uns das Schlimmste befürchten lässt. Es ist kein Verdienst, den Antisemitismus der Vergangenheit zu verurteilen, wenn man gegenüber dem Antisemitismus der Gegenwart nicht unerbittlich ist, und es ist kein Verdienst, eine republikanische Front mit Gruppierungen zu bilden, die den republikanischen Werten feindlich gegenüberstehen.«

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