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Libanon: Die Menschen wollen keinen Krieg mehr

Blick über Beirut, die Hauptstadt des Libanon. (© imago images/Depositphotos)
Blick über Beirut, die Hauptstadt des Libanon. (© imago images/Depositphotos)

Im Libanon wächst die Bereitschaft zum Frieden mit Israel. Die Hisbollah ist zunehmend diskreditiert, auch unter den Schiiten.

Im Libanon wächst laut einem Bericht desJerusalem Report die Zahl jener Menschen, die einen Frieden mit Israel nicht mehr grundsätzlich ablehnen. Die libanesische Journalistin Hanin Ghaddar, die wegen ihrer Kritik an der Hisbollah ins Exil in die USA gehen musste und am Washington Institute for Near East Policy forscht, sieht eine historische Veränderung in der Stimmung des Landes. Ihrer Einschätzung nach betrachten viele Libanesen Frieden mit Israel inzwischen weniger als Verrat, sondern eher als pragmatische Notwendigkeit. Und zwar über religiöse und andere Grenzen hinweg, wie Ghaddar betont:

»In jeder Gemeinschaft – ob schiitisch, sunnitisch, christlich oder drusisch – gibt es Menschen, die Frieden wollen, und andere, die ihn ablehnen. (…) Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen oder ethnischen Gruppe bestimmt nicht die eigene Haltung zum Frieden mit Israel.«

Die Gegner eines Friedens mit Israel finden sich in zwei Gruppen, so Ghaddar:

»Anhänger der Hisbollah und das, was wir im Libanon als ›Linke‹ bezeichnen – also diejenigen, die in der Regel gegen Israel eingestellt sind und es als Feind betrachten. Unter ihnen befinden sich auch pro-palästinensische Stimmen.«

Änderungen unter Schiiten

Besonders hervorzuheben sind für Ghaddar die Entwicklungen im schiitischen Bevölkerungsteil, auf den sich die Hisbollah stützt. Hier wachse eine Art von Ernüchterung, viele seien nicht länger bereit, den Preis ständiger Kriege zu zahlen.

»Die Menschen wollen keine Kriege mehr. Sie haben gesehen, welchen Tribut das an ihrem Leben gefordert hat – so viele Verluste, so viele vertriebene Familien – und sie wollen nicht länger den Preis für Kriege zahlen, die nichts mit ihnen zu tun haben.«

Darüber hinaus sei unter den Schiiten die Enttäuschung über den »Widerstand« gewachsen, den die Hisbollah immer vor sich herträgt:

»Die Menschen haben erkannt, dass das Konzept des Widerstands völlig gescheitert ist. Sie sehen nun, dass die Hisbollah dem Iran gedient und immerzu versucht hat, diesen zu schützen, anstatt den libanesischen Staat. Das hat sowohl den Einzelnen als auch dem Land insgesamt Schaden und Leid zugefügt.«

Mehrheit für Frieden

Auch der libanesische Analyst Pierre Diab berichtet von einem deutlichen Meinungsumschwung. Der Wendepunkt sei der jüngste Krieg gewesen, den die Hisbollah vom Zaun gebrochen hat, als sie nach der Eliminierung des Obersten Geistlichen Führers des iranischen Regimes das Raketenfeuer auf Israel eröffnete.

Es gebe Familien, die aufgrund der von der Hisbollah angezettelten Kriege mehrere Male ihre Häuser neu aufbauen mussten, »nur um mit anzusehen, wie sie erneut zerstört wurden. Da fragen sie sich: Wozu?« Eine Rolle spiele auch der Tod des langjährigen Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah bei einem israelischen Luftangriff im September 2024. Als Nasrallah noch gelebt hatte, sei er als Held verehrt worden, und viele Menschen seien bereit gewesen, für ihn Opfer auf sich zu nehmen. Damit sei jetzt Schluss.

Diab, der aus einem christlichen libanesischen Dorf stammt und seit dem IDF-Abzug aus dem Südlibanon nach Israel gezogen ist, bemerkt: »Zum ersten Mal stelle ich fest, dass die Menschen im Land Frieden wollen, weil sie glauben, dass dies der einzige Weg ist, den Konflikt zu beenden und der iranischen Vorherrschaft ein Ende zu setzen.«

Diab schätzt, dass »mehr als die Hälfte der libanesischen Bevölkerung ein Ende des Konflikts mit Israel wünscht, darunter etwa ein Drittel der schiitischen Bevölkerung.«

Entwaffnung der Hisbollah möglich

Das heikelste Thema auf dem Weg zu einem möglichen Frieden ist die Entwaffnung der Hisbollah, zu der sich mittlerweile auch die libanesische Regierung bekennt. Die vom iranischen Regime unterhaltene Terrororganisation stößt zwar wüste Drohungen gegen jeden aus, der ihre Entwaffnung ins Spiel bringt, doch verfüge sie nach den desaströsen Kriegen gegen Israel weder über die Macht noch über die Legitimität, den Libanon in einen erneuten Bürgerkrieg zu stürzen.

»Wer würde in einem Bürgerkrieg gegen wen kämpfen?«, gibt Diab zu bedenken. »Heute ist die Kluft weniger konfessionell geprägt. Auf der einen Seite steht die Hisbollah, auf der anderen die libanesische Armee. Ich glaube, dass die Armee die Hisbollah entwaffnen kann, wenn sie den Befehl dazu erhält.«

Die Hisbollah habe viele Waffen, und ihnen die abzunehmen, werde viel Zeit in Anspruch nehmen. Doch sei das kein Grund, deshalb den Friedensprozess mit Israel auf die lange Bank zu schieben, meint Hanin Ghaddar. »Beide Prozesse sollten gleichzeitig stattfinden. Auf diese Weise wird die Hisbollah weiter an Unterstützung verlieren und noch stärker isoliert werden. Ihre Fähigkeit, militärische Macht in politische Vorteile umzuwandeln, wird schwinden, und sie wird zunehmend als illegitime Miliz angesehen werden.«

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