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Ali Laridschani: Wer ist der derzeitige De-facto-Chef des iranischen Regimes?

Lardischani genießt das Vertrauen von Khamenei uns soll aktuell de facto die Macht im Iran ausüben
Lardischani genießt das Vertrauen von Khamenei uns soll aktuell de facto die Macht im Iran ausüben (© Imago Images / ZUMA Press wire)

Während er von westlichen Medien gerne als »moderat« verkauft wird, übertrug Ali Khamenei seinem langjährigen Weggefährten anlässlich der Proteste de facto die Macht im Iran.

Der größte Zinnober, den westliche Journalisten und Experten dem Publikum über den Iran erzählen, ist die Idee von den »Gemäßigten« innerhalb der Mullah-Diktatur. So gebe es ständig »Machtkämpfe« zwischen ihnen und den »Hardlinern«. Diese »Good Cop / Bad Cop«-Geschichte wird seit Jahrzehnten immer wieder neu erzählt, ohne dass man je erfahren hätte, was die »Gemäßigten« denn eigentlich von den »Hardlinern« unterscheidet. Wenn sie »moderat« sind, wie haben sie es dann bis fast an die Spitze der schlimmsten theokratischen Tyrannei geschafft, ohne dass Ayatollah Ali Khamenei und seine Schergen diese stille Meuterei bemerkt hätten?

Noch absurder wird die Sache dadurch, dass es sich bei den vermeintlich »Moderaten« oft um Weggefährten Khameneis handelt, die diesen seit Jahrzehnten unterstützt haben – »alte Kämpfer« hätte man im Dritten Reich gesagt.

Genannt sei hier etwa Ali Laridschani: der ewige »Moderate«. Ein Musterbeispiel dafür, wie Lesern und Zuschauern Sand in die Augen gestreut wird, ist folgende Meldung, die der ORF anlässlich Laridschanis Bewerbung als Kandidat der Präsidentschaftswahlen 2024 brachte. Laridschani gelte zwar als »Mann des Systems«, hieß es da, habe sich »aber in den letzten Jahren vom erzkonservativen Kurs des Landes zunehmend distanziert«.

So? Hat er Demokratie und Menschenrechte eingefordert? Ein Ende von Kopftuchzwang und willkürlichen Verhaftungen? Schluss mit der Todesstrafe für Regimegegner? Freiheit für die politischen Gefangenen? Keine Verfolgung religiöser Minderheiten mehr? Gewerkschaftsfreiheit? Wann war das? Ist die Rede, in der er sich distanzierte, überliefert? Musste er danach aus dem Land fliehen oder wurde unter Hausarrest gestellt? Nichts von alledem ist passiert. Laridschanis »Distanzierung« vom Regime ist eine Halluzination des ORF und anderer westlicher Redaktionen und Nachrichtenagenturen, die Laridschani stereotyp zu einem Kritiker des Regimes machen. Es fehlt nicht viel und sie nennen ihn einen Dissidenten.

Mittlerweile, so der ORF weiter, werde er »als moderat-konservativ eingestuft und als Regierungskritiker auch von der Opposition geachtet«. Welche Opposition ist da gemeint? Es gibt im Iran keine legale Opposition. Und wer zu den Oppositionellen im Exil gehört, der schwärmt bestimmt nicht für Laridschani. Die »Achtung« durch die Opposition ist ebenso ausgedacht wie die »Kritik« an der Regierung, die Laridschani geäußert haben soll.

Die Süddeutsche Zeitung lieferte immerhin einmal einen Beleg dafür, was eigentlich einen »gemäßigten« Vertreter des iranischen Henker-Regimes ausmacht, sprach von Laridschanis »gemäßigter Ausdrucksweise«, mit der er sich etwa von Mahmud Ahmadinedschad abhebe. Das mag wohl sein.

Was bekannt ist, ist seine Kritik am Wächterrat, dem er u. a. »Intransparenz« vorwarf. Er kritisierte diesen aber nicht etwa dafür, nur systemtreue Kandidaten zuzulassen – was ja seine erklärte Aufgabe ist –, sondern dafür, dass er ihn, Laridschani, nicht zu den Präsidentschaftswahlen 2021 und 2024 zuließ. Es war also Kritik in eigener Sache.

Von Anfang an Teil des Systems

Laridschani stammt aus einer einflussreichen religiösen Familie im Iran. Sein Vater, Mirza Hashem Amoli, war ein schiitischer Großayatollah und lehrte am religiösen Seminar in Qom. Sein älterer Bruder, Mohammad Javad Laridschani, war von 1989 bis 1997 stellvertretender Außenminister und übernahm verschiedene diplomatische und juristische Funktionen. Sein jüngerer Bruder, Sadeq Laridschani, war von 2009 bis 2019 Chef der Justiz der Islamischen Republik und ist Mitglied wichtiger Gremien wie des Wächterrats. Von politischen Beobachtern wurde er zeitweise sogar als möglicher Kandidat für die Nachfolge von Ali Khamenei genannt, gilt jedoch nicht als feststehender oder offizieller Favorit.

Seit den 1980er Jahren hatte Ali Laridschani verschiedene Schlüsselpositionen im politischen System des Iran inne. Er war unter anderem Kulturminister, Leiter des staatlichen Rundfunks (IRIB) sowie Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates. International bekannt wurde er als iranischer Chefunterhändler in den Atomverhandlungen von 2005 bis 2007. Von 2008 bis 2020 amtierte Laridschani als Präsident des iranischen Parlaments.

Zwischen 2005 und 2007 war er zudem Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats (SNSC) – eine der wichtigsten Positionen im Bereich Repression und auswärtiger Terrorismus. Seit letztem Jahr ist er das wieder. Im August 2025 wurde er von Präsident Masoud Peseschkian in dieses Amt berufen und ist nun eine Schlüsselfigur im iranischen Machtgefüge.

Der oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei hat ihm weitreichende Vollmachten übertragen. In einigen Berichten wird er de facto als eine Art »operativer Leiter« staatlicher Angelegenheiten beschrieben, der wichtige Entscheidungen trifft und Iran intern sowie in Verhandlungen repräsentiert. Laridschani war der Drahtzieher des Massakers an den Demonstranten im Januar. Er befahl der Revolutionsgarde und Basidsch-Milizen, mit Gewalt gegen die Protestierenden vorzugehen.

Laut einer Quelle von IranWire sieht Laridschani seinen Ansatz als ähnlich den Sicherheits-, Kultur- und Wirtschaftspolitiken Deng Xiaopings in China in den 1980er Jahren. Die Quelle gibt an, dass die Tötung von Demonstranten im Januar 2026 dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking nachempfunden sei, bei dem das chinesische Militär schätzungsweise zwischen 3.000 und 10.000 Demonstranten tötete – ein Ereignis, das Gegnern der chinesischen Regierung bis heute als Warnung dient.

Laridschani positioniere sich für die Zeit nach Khamenei. Er nutze seine engen Verbindungen zu Kommandeuren der Revolutionsgarden und Geheimdiensten sowie die Kontakte seiner Familie zu hochrangigen Geistlichen, um Unterstützung über verschiedene Fraktionen hinweg zu gewinnen und sich auf die Führung des Systems nach Khameneis Tod vorzubereiten.

Derzeit der Boss

Laut einem viel beachteten Beitrag der französischen Zeitung Le Figaro sollen der frühere iranische Präsident Hassan Rohani und sein ehemaliger Außenminister Mohammad Javad Zarif während der Proteste im Januar versucht haben, den obersten Führer Ali Khamenei von zentralen Entscheidungsprozessen auszuschalten. Der Plan soll schon am Abend des 7./8. Januar Gestalt angenommen haben, kurz bevor die Proteste ihren Höhepunkt erreichten. Die Initiative sei jedoch gescheitert, weil sie nicht die Unterstützung von Ali Laridschani fand.

Die New York Times berichtete am Sonntag, dass Laridschani Präsident Peseschkian de facto entmachtet habe. Außer der blutigen Unterdrückung von Protesten widme er sich der Koordination mit Irans Verbündeten, darunter Russland, und regionalen Staaten wie Katar und Oman. Darüber hinaus überwache er die Atomverhandlungen mit Washington und bereite Notfallpläne für den Fall eines Krieges mit den Vereinigten Staaten vor.

Der Bericht basiert laut der Zeitung auf Interviews mit sechs hochrangigen iranischen Beamten, darunter ein Mitarbeiter des Büros von Ayatollah Khamenei, drei Mitglieder der Revolutionsgarde, zwei ehemalige iranische Diplomaten sowie Berichten diverser iranischer Medien. Die Beamten und die Mitglieder der Revolutionsgarde hätten unter der Bedingung der Anonymität gesprochen, um offen über interne Regierungsangelegenheiten reden zu können.

Khamenei habe Laridschani und einige weitere enge politische und militärische Vertraute angewiesen, sicherzustellen, dass die Islamische Republik nicht nur amerikanische und israelische Bombenangriffe übersteht sondern auch jegliche Attentate auf ihre oberste Führung, einschließlich Ayatollah Khamenei selbst. Dies bestätigten sechs hochrangige Beamte und Mitglieder der Revolutionsgarde.

Nasser Imani, der von der New York Times als »regierungsnaher konservativer Analyst« vorgestellt wird, erklärte in einem Telefoninterview aus Teheran, Ayatollah Khamenei pflege eine lange und enge Beziehung zu Laridschani und habe sich in dieser akuten militärischen und sicherheitspolitischen Krise an ihn gewandt. »Der Oberste Führer vertraut Laridschani voll und ganz. Er hält ihn aufgrund seiner politischen Erfolgsbilanz, seines scharfen Verstandes und seines Fachwissens für den Richtigen in dieser heiklen Phase«, sagte Imani. »Er verlässt sich auf seine Lageberichte und seinen pragmatischen Rat. Laridschanis Rolle wird im Krieg von entscheidender Bedeutung sein.«

Es wird viel darüber spekuliert, ob US-Präsident Donald Trump eine gezielte Tötung Khameneis plane. Der Oberste Führer der Islamischen Republik ist 86 Jahre alt und, wie Trump schon mal bemerkte, »ein kranker Mann«. Es würde aus der Sicht der USA und Israels viel mehr Sinn ergeben, Laridschani zu töten.

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