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UN-Beamter: Kriterien für Hungersnot im Gazastreifen nicht erfüllt 

Der UNO-Funktionär Arif Hussain gibt zu, dass die Kriterien für eine Hungersnot in Gaza nicht erfüllt sind
Der UNO-Funktionär Arif Hussain gibt zu, dass die Kriterien für eine Hungersnot in Gaza nicht erfüllt sind (Quelle: JNS)

Ein hoher Funktionär des UN-Welternährungsprogramms bestätigt, dass keiner der Richtwerte für das Vorliegen einer Hungersnot im Gazastreifen erfüllt ist.

Mike Wagenheim 

Als in der vergangenen Woche ein neuer Bericht einer Agentur für Ernährungssicherheit, die mit den Vereinten Nationen zusammenarbeitet, veröffentlicht wurde, machten die neuerlichen Meldungen einer »katastrophalen« Hungersituation und dem »hohen Risiko einer Hungersnot« im Gazastreifen weltweit mediale Schlagzeilen.

Doch monatelange Prognosen, die sich als ungenau erwiesen haben, eine kritische Überprüfung der Arbeit der Agentur durch ihren eigenen Expertenausschuss und das Eingeständnis eines UN-Beamten, die Daten des neuen Berichts stimmten nicht mit der daraus gezogenen Conclusio überein, werfen Fragen zu den Annahmen über die angeblich unsichere Ernährungslage im Gazastreifen auf und lassen glaubhafte Zweifel an den Anschuldigungen aufkommen, Israel lasse die Menschen im Gazastreifen vorsätzlich hungern.

In einem Überblick über den Bericht der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) heißt es, 495.000 Menschen seien noch immer von einer Hungersnot bedroht. Aus den Daten desselben Berichts geht jedoch hervor, dass 495.000 Menschen in den kommenden Monaten von einer Hungersnot bedroht sein könnten – aber nicht, dass sie derzeit betroffen sind.

Die Veröffentlichung des Papiers erfolgte nur wenige Wochen nach der Feststellung des IPC-Ausschusses zur Überprüfung der Hungersnot, dass deren Einschätzungen nicht plausibel sind, und zwar wegen falscher Annahmen, einer Missinterpretation der Daten und vor allem der Nichtregistrierung erheblicher Mengen an Nahrungsmitteln, die über den kommerziellen und privaten Sektor in den Gazastreifen gelangten. So wurden zuvor israelische Hilfslieferungen ebenso ignoriert wie jene des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen an Bäckereien im Norden des Gazastreifens.

Von Daten nicht gedeckt

Das IPC eröffnete den Überblick über seine Analyse dennoch mit der Feststellung, dass »im gesamten Gazastreifen ein hohes Risiko einer Hungersnot besteht, solange der Konflikt andauert und der humanitäre Zugang eingeschränkt ist«, wobei etwa 96 Prozent der Bewohner, also rund 2,15 Millionen Menschen, bis in den kommenden September von einem »hohen Maß an akuter Ernährungsunsicherheit« betroffen sein werden.

Das »gesamte Gebiet« wird als »Notfall« oder Phase vier der IPC eingestuft, wobei explizit 745.000 Menschen oder 33 Prozent der Bevölkerung genannt wurden. 495.000 weitere Personen oder 22 Prozent der Bewohner des Gazastreifens seien »immer noch mit einem katastrophalen Niveau akuter Ernährungsunsicherheit« oder IPC-Phase fünf konfrontiert, so der Überblick. »In dieser Phase erleben die Haushalte einen extremen Mangel an Nahrungsmitteln sowie Hunger und die Erschöpfung der Bewältigungskapazitäten.«

Den internationalen Nachrichtenberichten über eine drohende Hungersnot widersprechend, belegt eine Grafik in der IPC-Veröffentlichung, dass die Daten keine aktuelle Hungersnot widerspiegeln, sondern es sich um eine bloße Schätzung handelt, was in den nächsten Monaten passieren könnte.

Vom 1. Mai bis zum 15. Juni befanden sich nur fünfzehn Prozent der analysierten Bevölkerung des Gazastreifens in Phase fünf und nur 29 Prozent der Gazaner in Phase vier, wie aus einem Diagramm in der IPC-Übersicht hervorgeht. Doch selbst diese milderen Einschätzungen werden nun infrage gestellt.

Für die Einstufung, ob sich ein Gebiet in Phase fünf der Ernährungsunsicherheit befindet, also in der Phase einer Hungersnot, müssen zwei der drei IPC-Maßstäbe erfüllt sein. Dabei handelt es sich um die Sterblichkeitsrate (Hungertod von mindestens zwei Erwachsenen oder vier Kindern pro 10.000 Menschen); zweitens, ob mindestens ein Fünftel der Bevölkerung unter extremem Nahrungsmangel leidet, und drittens, ob der Grad der akuten Unterernährung dreißig Prozent übersteigt.

Arif Husain, WFP-Chefökonom und Direktor für Analyse, Planung und Leistung, gab bei der Pressekonferenz zum Bericht jedoch zu, dass keiner dieser drei Richtwerte erfüllt wurde. Gegenüber Jewish News Syndicate bekannte er, dass derzeit keine Zahlen über Hungertote in Gaza vorliegen. »Es geht nicht einmal darum, dass sie nicht verfügbar sind. Ich glaube nicht, dass sie überhaupt erhoben werden«, vermutet der Ökonom. Selbst nach Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums verhungerten im März lediglich zweiunddreißig Personen; im April war es eine.

Die Frage, warum das IPC immer wieder Einschätzungen und Prognosen zur Hungersnot abgebe, ohne seine eigenen Datenstandards zu erfüllen, beantwortet Husain mit der Irrelevanz der Klassifizierung: »Ob eine Situation als Hungersnot klassifiziert wird oder nicht ist nicht der Punkt. Es reicht nicht aus, zu sagen, ja, es gibt eine Hungersnot, das war’s. Wir müssen handeln und handeln, um eine Hungersnot abzuwenden.« Husain verwies auf jene 250.000 Menschen, die im Jahr 1992 in Somalia gestorben waren und von denen die Hälfte umkam, bevor eine Hungersnot ausgerufen wurde, und stellt so einen Zusammenhang zu den Geschehnissen im Gazastreifen her.

Dennoch hatten die Einschätzungen und Vorhersagen einer Hungersnot schwerwiegende Folgen für Israel, das sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt sah, die humanitäre Hilfe für den Gazastreifen einzuschränken und Hunger als Waffe zu benutzen.

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Vorwurf der vorsätzlichen Hungersnot 

Der Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Karim Khan, nannte als ersten Grund den Vorwurf der vorsätzlichen Hungersnot, als er ankündigte, Haftbefehle gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Yoav Gallant zu beantragen.

Die zur Grundlage der Anschuldigungen genommenen, von der IPC veröffentlichten Prognosen lagen jedoch weit daneben. Nach den IPC-Daten befanden sich im März etwa dreißig Prozent der Bewohner des Gazastreifens in Phase fünf. Obwohl IPC von einer Steigerung auf fünfzig Prozent bis Juli ausging, sank sie nach eigenen Angaben auf fünfzehn Prozent.

Nach Angaben des IPC befanden sich im März 39 Prozent der Einwohner in Phase vier, die durch extreme Nahrungsmittelknappheit, hohe Krankheits- und Unterernährungsraten und einen raschen Anstieg der hungerbedingten Todesfälle gekennzeichnet ist. Für Juli wurde diese Zahl auf 38 Prozent geschätzt, doch laut dem bislang letzten IPC-Bericht waren es im Juni nur 28 Prozent.

Der Informatiker und Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, Mark Zlochin, der unter anderem am Weizmann Institute of Science gearbeitet hat, erklärte gegenüber dem Jewish News Syndicate, die IPC-Prognosen scheinen »auf der Annahme zu beruhen, dass sich die Umstände nicht wesentlich ändern. Sie rechtfertigen das Scheitern ihrer Vorhersagen im Grunde damit, dass die Hilfslieferungen für den Gazastreifen erheblich zugenommen haben und dies den Trend umgekehrt hat.«

Die Prognosen »ignorieren auch die Tatsache, dass in den meisten Teilen des Gazastreifens, außer vielleicht in den nördlichen Gouvernements, seit Dezember ein Abwärtstrend bei mehreren Schlüsselindikatoren zu verzeichnen ist, sodass die Veränderung nicht wie behauptet erst im März begonnen hat«, analysiert Zlochin. »Was die neue Prognose angeht, so konnte ich, ehrlich gesagt, kein ernsthaftes Argument finden, das ihre Vorhersage stützt, der Prozentsatz der Haushalte in Phase fünf würde steigen, abgesehen von einem allgemeinen Herumgefuchtel.«

Sowohl die Indikatoren für die Sterblichkeit als auch für schwere Unterernährung »deuten höchstens auf Phase drei hin, sodass auch hier nicht klar ist, wie sie die Einstufung in Phase vier rechtfertigen«, so der Informatiker abschließend. »Derzeit wird die Möglichkeit einer flächendeckenden Phase fünf auch nicht mehr erwähnt, sondern nur noch auf die Ebene der einzelnen Haushalte abgestellt.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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