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Krise im Iran: Geschlossen, um zu überleben

Aufgrund der Proteste verhängten die Machthaber im Iran weitgehende Schließungen
Aufgrund der Proteste verhängten die Machthaber im Iran weitgehende Schließungen (© Imago Images / Middle East Images)

In der Islamischen Republik begann das neue Jahr nicht mit Glückwünschen, sondern mit staatlichen Schließungen von Geschäften und öffentlichen Einrichtungen.

Während das neue Jahr gerade erst begonnen hat und die sozialen Netzwerke weltweit voller Fotos von Menschen waren, die es mit den üblichen Feierlichkeiten und Glückwünschen begannen, verkündeten im Iran über Mobiltelefone, Telegram-Kanäle und Instagram-Posts gesendete Notfallmeldungen staatlich verordnete »Schließungen aufgrund besonderer Umstände« – sprich: wegen der Proteste. In der Islamischen Republik begann das neue Jahr nicht mit Glückwünschen, sondern mit Notfallanweisungen; nicht mit Zukunftsplänen, sondern mit Aussetzungen.

Im Prinzip und unter normalen Bedingungen ist eine Schließung eine Entscheidung von Experten. In der offiziellen Darstellung des iranischen Regimes sind solche Schließungen jedoch ein »vorübergehendes Beruhigungsmittel« und in der gelebten Erfahrung der Menschen ein Instrument des Drucks. Das Stilllegen von Schulen und Universitäten, Büros und Verkehrssystemen ist nicht nur eine Reaktion auf die Krise – es ist die Krise selbst. Wenn man ein Land lahmlegt, damit keine Stimme mehr zu hören ist, und die Zeit einfriert, um Proteste zu unterbinden, hat man praktisch zugegeben, dass die Zeit für einen selbst keine Ressource für Entwicklung ist, sondern eine Bedrohung, die für das Überleben stillgestellt werden soll.

Im heutigen Iran werden Geschäfte und Betriebe geschlossen, damit die Straßen leer bleiben. Im Westen ist das Internet das Rückgrat der Wirtschaft, im Iran wird es beim geringsten Anzeichen von Unruhe gekappt. Dort ist Online-Bildung eine Ergänzung zum Unterricht vor Ort, hier ist sie der erzwungene Ersatz für Schließungen und muss mit einem Internet durchgeführt werden, dessen Kapazität noch nicht einmal für einzelne Videoanrufe ausreichend ist, geschwiege denn für Online-Konferenzen.

Zwei Realitäten

Anstatt die Krise zu bewältigen, vervielfacht die Regierung sie so sehr, dass das Abnormale zur Norm wird. Hier sehen wir uns mit zwei Realitäten konfrontiert. Die eine ist die des offiziellen Irans, wie ihn die Regierung im staatlichen Fernsehen, das kaum noch jemand sieht, durch die Brille staatlicher Reporter und sorgfältig ausgewählter Interviewpartner, die erklären, dass alles großartig sei, präsentiert.

Die andere Realität ist der echte Iran, nämlich das, was die Menschen in ihrer gelebten Erfahrung empfinden, wenn sie für Huhn und Fleisch Schlange stehen und sich angesichts der immer weiter steigenden Preise fragen müssen, wie es am nächsten Tag weitergehen wird.

Für die Regimefunktionäre herrscht auch jetzt, da das Land praktisch stillsteht, Normalität. Sie verfügen rund um die Uhr über Strom-, Wasser- und Gasversorgung, unzensuriertes Internet, »weiße« SIM-Karten, Autos im Wert von Milliarden Toman, die nach globalen Standards gebaut wurden, und besitzen Reisepässe. Sanktionen? »Die haben keine Wirkung.« Inflation? »Unter Kontrolle.« Das Internet? »International und ungefiltert.« Im Fernsehen, das sie kontrollieren, erklären sie gelassen, dass in der »führenden Macht der Region« Frieden herrsche.

Doch die Bevölkerung bildet die schweigende Mehrheit, die bloß schweigt, weil ihre Stimme unterdrückt wird: Angestellte und Arbeiter, Fahrer und Kuriere, Lehrer und Professoren, Studenten und Schüler, Bauern und Ladenbesitzer, weibliche Haushaltsvorstände und arbeitende Kinder, Obdachlose und Müllsammler. Für sie ist der Dollar keine bloße Zahl, sondern Symbol der galoppierenden Inflation. Die Sanktionen sind in ihren Kühlschränken sichtbar, auf ihren Stromrechnungen, in der allmählichen Auflösung ihrer Lebensqualität. Das Internet ist für sie ein Fenster, das geschlossen wird, wenn die Proteste lauter werden.

Ausgesetzte Zeit

Die Schließungen stellen keine Pause dar, sondern sind ein erosiver Prozess, der die Wirtschaft Schicht für Schicht zermürbt. Wirtschaft stirbt nicht durch abrupten Stillstand, sondern verkümmert langsam. Die ersten Opfer sind nicht die großen Unternehmen, die von Reserven leben können, sondern die kleinen Betriebe: Der Laden, dessen Einkommen täglich erzielt wird; der Arbeiter, dessen Lohn stundenweise berechnet wird; der Fahrer, der nichts verdient, wenn er keine Fahrgäste befördern kann. Für sie bedeutet ein einziger Tag Stillstand einen weiteren Tag Schulden. Die Arbeit wird per Verordnung ausgesetzt, aber Miete, Ratenzahlungen, Schulden und Arztkosten laufen für die Bürger weiter. Wenn die Arbeit steht, geht das Leben zwar weiter, aber mit geringerer Qualität, unter größerem Druck und mit einer sich anhäufenden Armut, die unsichtbar zu bleiben hat.

In der offiziellen Darstellung werden die Schließungen immer mit Worten wie »im Dienste der Gesundheit«, »der Sicherheit« oder »des öffentlichen Interesses« geschmückt. Wirtschaftliche Gesundheit, psychisches Wohlbefinden und soziale Stabilität spielen in der Rechnung des Regimes keine Rolle. Die Angst um das tägliche Brot, psychische Erschöpfung und das Gefühl, nicht zu wissen, ob es morgen Arbeit geben wird, um die eigenen Ausgaben zu decken, sind Schäden, die in offiziellen Statistiken nie auftauchen, aber dennoch den Alltag prägen.

Die wiederholte Schließung von Schulen ist nicht nur eine Unterbrechung der Bildung, sondern eine Übung, eine ganze Generation an ein unausgereiftes Lehrsystem zu gewöhnen, das mit fehlerhaften, nicht standardisierten häuslichen Mitteln durchgeführt wird und die Bildungsqualität auf einen Tiefpunkt gebracht hat. Eine Universität, die ohne stabile Internetinfrastruktur online geht, rettet weder die Bildung noch erhält sie die Forschung. Ein Land, dessen Zeit immer wieder unterbrochen wird, hat am Ende einen unzuverlässigen und unsicheren Planungshorizont und eine unklare Vorstellung von der Zukunft. Es kann keine kontinuierliche Zukunft aufbauen. Wenn die Zeit fragmentiert ist, wird auch die Entwicklung selbst fragmentiert.

Das plötzliche Herunterfahren des Landes ist eine Form von künstlicher Stille, deren Kosten nicht in der Bilanz der Regierung verbucht werden, sondern auf den Esstischen der Menschen, die für die aufgezwungene Ruhe mit Arbeitslosigkeit, Erschöpfung und dem Verlust ihrer Hoffnung bezahlen.

Anomalie als Überlebensstrategie

Was sich heute im Iran abspielt, ist nicht nur das Ergebnis von Misswirtschaft oder vorübergehender Ineffizienz, sondern steht für eine ganz bestimmte Art der Regierungsführung, die Anomalie zu einem Instrument der Kontrolle macht. In einem solchen System verunmöglichen die auf Verhinderung zielenden Regeln die Artikulation berechtigter Forderungen, macht die Ungewissheit über die Zukunft jede Planung sinnlos. Schließlich sorgt die jederzeit drohende Abschaltung des Internets dafür, dass die offizielle Darstellung die einzige ist, die übrig bleibt.

Innerhalb dieser Logik wird Transparenz als Bedrohung und Normalisierung als Gefahr betrachtet. Krisen werden nicht gelöst, sondern dauerhaft gemacht, sodass keine Rückkehr zur Normalität stattfindet. Ein Land, das sich in einem ständigen Ausnahmezustand befindet, braucht keine anspruchsvollen Bürger, sondern nur beherrschbare.

Die Kosten dieser Strategie werden jedoch nicht von den Entscheidungsträgern getragen, sondern von der Gesellschaft selbst. Das Vertrauen der Öffentlichkeit bricht zusammen, die Abwanderung beschleunigt sich und die sozialen Spaltungen vertiefen sich. Die beiden Realitäten des Irans driften jeden Tag weiter auseinander: zwei gelebte Welten, zwei Zeitachsen, zwei Internets und letztlich zwei unterschiedliche Zukunftsvisionen.

Die Islamische Republik ist ein Land, das die Abschottung zur öffentlichen Politik gemacht hat. Der Iran hat heute nicht nur mit Armut und Inflation zu kämpfen, sondern auch mit der Aussetzung des Lebens selbst. Ein Regime, welches das Land immer wieder abschaltet, um seine Macht zu erhalten, wird eines Tages aufwachen und feststellen, dass es nichts mehr abzuschalten gibt.

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