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Kampf um den Koran

An vorderster Front gegen die Friedensabkommen mit Israel: Türkeis Erdogan und Iran Khameni
An vorderster Front gegen die Friedensabkommen mit Israel: Türkeis Präsident Erdogan und Irans Führer Khameni (© Imago Images / UPI Photos)

Bei ihrem Widerstand gegen die arabischen Abkommen mit Israel setzen Islamisten auch auf die religiöse Karte.

Stimmen die jüngsten Friedensabkommen zwischen Israel und den Vereinten Arabischen Emiraten (VAE) sowie Bahrain mit den islamischen Vorgaben überein? Der gläubige Teil der islamischen Welt ist, was die Antwort anbelangt, gespalten. In den letzten 80 Jahren dominierte im Nahen Osten eine judenfeindliche Lesart des Islam. Ihr zufolge war der Jihad gegen den jüdischen Staat ein religiöses Gebot und die Bereitschaft, hierfür den Märtyrertod zu sterben eine von Allah geforderte und mit Paradiesfreuden belohnte Haltung.

Die Keime dieses religiös begründeten Antisemitismus waren in dem Pamphlet „Judentum und Islam“ von 1937 enthalten, eine Hetzschrift, die die Nazis während des Zweiten Weltkriegs auf Arabisch verbreiteten. Sie wurden Anfang der Fünfzigerjahre von Sayyid Qutb, dem prominentesten Ideologen der Muslimbruderschaft neu gewässert und fanden seither besonders im arabischen Raum fruchtbaren Boden.

Die Argumentation ist stets gleichgeblieben: Die Juden hätten sich seit den Zeiten Mohammeds als die schlimmsten Feinde der Muslime erwiesen und wollten auch heute nicht nur die Al Aqsa-Moschee in Jerusalem, sondern den Islam insgesamt zerstören. Deshalb verrate jeder Moslem, der eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel anstrebe, seine Religion.

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Judenfreundliche Koranauslegung

Die Machthaber der VAE kannten diese Ressentiments und bereiteten das am 13. August 2020 vereinbarte Friedensabkommen mit Israel langfristig vor. Bereits 2016 schufen sie ein „Ministerium zur Förderung der Toleranz“. Sie erklärten auch das vergangene Jahr zum „Jahr der Toleranz“ und brachten Papst Franziskus mit Scheich Ahmed el-Tayeb, den Großimam der Kairoer al-Azhar Moschee zusammen. 2022 will man in Abu Dhabi das „Haus der abrahamischen Familie“ einweihen – ein Gebäudekomplex mit einer Moschee, einer Kirche und einer Synagoge.

Gleichwohl gingen die emiratischen Gegner dieser neuen Politik sofort nach Bekanntgabe des Friedensplans in die Offensive und gründeten eine gegen Israel gerichtete „Vereinigung zur Bekämpfung der Normalisierung“. Sie werfen dem Königshaus eine Verletzung von Artikel 12 der nationalen Verfassung vor, die das Land zur arabischen und islamischen Solidarität verpflichte. Die Gründungserklärung dieser Israel-Bekämpfer gipfelt in Vers 2, Sure 5 des Koran: „Helfet einander zur Rechtschaffenheit und Gottesfurcht und helfet einander nicht zur Sünde und Feindschaft.“

Doch setzen sich, wie Ofir Winter und Yael Guzansky berichten, gegen diese herkömmliche Koranauslegung inzwischen nicht nur emiratische Massenmedien, wie die regierungsnahe Tageszeitung Al Bayan, sondern auch führende Geistliche zur Wehr.

Das Abkommen mit Israel sei nicht nur in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht zu begrüßen, erklärte zum Beispiel Scheich Abdullah bin Bayyah, der Vorsitzende des Emiratischen Fatwa-Rats, da es grundlegende Sharia-Ziele verwirkliche. Koranverse werden auch von dieser Seite angeführt, z.B. Vers 61, Sure 8: „Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch Du ihm geneigt.“

Dieser judenfreundlichen Koran-Auslegung schloss sich am 4. September auch der Imam der Großen Moschee von Mekka, Abdul Rahman al-Sudais, an. Er warb im Freitagsgebet für die Zusammenarbeit mit Nicht-Muslimen und erwähnte judenfreundliche Episoden aus dem Leben Mohammeds: „Der Prophet hat seinen Schild, als er starb, an einen Juden verpfändet; er hat die Ernte vom Land der Juden in Khaybar geteilt“, so al-Sudais. „Die Güte, die er seinem jüdischen Nachbarn erwies, führte diesen zum Islam.“

Rahmenbedingungen geändert

Selbstverständlich verfälschen beide Koran-Auslegungen, die judenfreundliche wie auch die strikt judenfeindliche, die komplexe Rolle, die die Juden den Überlieferungen zufolge in Mohammeds Biografie und bei der Entstehung des Islam spielten. Die eine wie die andere Seite pickt sich religiöse Zitate für politische Zwecke heraus.

Gleichwohl ist die Tatsache, dass relevante Teile des arabischen religiösen Establishments erstmals seit der Gründung Israels dem islamischen Antisemitismus widersprechen, von größter Bedeutung. Mit ihrer Unterstützung gäbe es eine Chance, den in der arabischen Welt verbreiteten Antisemitismus zurückzudrängen.

Die Rahmenbedingungen hierfür sind besser als je zuvor, hat sich doch die Stimmung im Nahen Osten verändert: Kein einziger arabischer Staat hat den Friedensschluss zwischen Israel und den Emiraten oder Bahrain kritisiert. Die „arabische Straße“ blieb zuhause, während das Gros der emiratischen Bevölkerung auf das neue Bündnis begeistert reagiert. Offenkundig wollen mittlerweile nicht nur Regierungen, sondern auch relevante Teile der arabischen Bevölkerungen Israel anerkennen.

Diese neue Stimmungslage hat nicht nur mit dem gefährlichen Expansionismus des iranischen Regimes zu tun, sondern basiert zusätzlich auf der Tatsache, dass Israel ein attraktiver Investitionsstandort ist und über riesige Technologie-Potentiale verfügt – Potentiale, die die jüngeren arabischen Generationen nicht länger boykottieren, sondern für sich und ihre Länder nutzen wollen. Endlich! Immerhin sind seit dem letzten arabisch-israelischen Krieg 47 Jahre vergangen.

Auf welcher Seite steht Berlin?

Keine Wissenschaftlerin und kein Wissenschaftler wird ernsthaft bestreiten, dass die Propaganda des nationalsozialistischen Deutschlands zur Etablierung eines nazi-ähnlichen Antisemitismus in der arabischen Region beigetragen hat. In der Öffentlichkeit hat dieses Detail der Nazi-Vergangenheit bislang keine Rolle gespielt, von der Politik wird es ignoriert. Wäre dies anders, würde man heute die Kehrtwende in Teilen der arabischen Welt medial und politisch feiern und unterstützen und die Zurückdrängung des Judenhasses in der arabischen Welt auch als Verpflichtung und Teil der eigenen Vergangenheitsbewältigung begreifen.

Davon kann keine Rede sein. Stattdessen hofiert die Bundesregierung auch heute noch die explizit antijüdischen Kräfte, die alles tun, um den Prozess der Normalisierung zu zerstören.

Dazu gehört die Türkei, deren Führer Recep Tayyip Erdogan Israel als „ein eiterndes Furunkel“ bezeichnete, den Emiraten „Verrat an der palästinensischen Sache“ vorwarf und am 22. August 2020 demonstrativ eine hochrangige Hamas-Delegation empfing.

Dazu gehört der Iran, deren innenpolitisch isolierte Führung das Friedensabkommen als „verabscheuungswürdig und als Verrat an den menschlichen und islamischen Werten“ verurteilte.

Und dazu gehört schließlich die Palästinensische Autonomiebehörde, die sich als Antwort mit der terroristisches Hamas zu einer „Gemeinsamen nationalen Führung des Volkswiderstands“ zusammenschloss. Ihr wichtigster Sharia-Richter, Mahmoud Al-Habbash, warf den Emiraten ernsthaft vor, ein Abkommen „mit den Feinden des Propheten Mohammed“ geschlossen zu haben und startete einen Aufruf zum religiösen Krieg: „Wir werden weiter Widerstand leisten, selbst wenn wir alle getötet und geschlachtet werden.“

Würde es der deutschen Politik tatsächlich darum gehen, den auf Israel bezogenen Antisemitismus vieler Muslime in Deutschland zurück zu drängen, würde sie die Friedensabkommen mit den Golfstaaten hierfür nutzen. Doch sehen die deutschen Antisemitismusbeauftragten überhaupt diese Chance? Werden sie darauf drängen, dass bei den Freitagsgebeten in deutschen Moscheen die sonst übliche Hetze gegen jedwede Annäherung an Israel unterbleibt?

Es ist eine Tatsache, dass in Deutschland etwa 900 Moscheen der Ditib – dem deutschen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet – unterstehen, während das iranische Regime weitere 150 Moscheegemeinden über das „Islamischen Zentrum Hamburg e.V“ und die „Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden in Deutschland e.V.“ kontrolliert. Hier gäbe es viel zu tun.

Noch nicht entschieden

Niemand weiß, wie lange es beim Tauwetter zwischen Arabern und Israelis bleibt. Der Prozess der Zurückdrängung des israelbezogenen Antisemitismus steckt in allerersten Anfängen. Noch halten die Islamisten – bei den Sunniten von Recep Tayyip Erdogan, bei den Schiiten von Ali Khamenei angeführt – entscheidende Trümpfe in ihren Händen.

Sie verfügen über eine Zukunftsvision und sind bereit diese auch mit Gewalt zu erzwingen. Sie können sich auf einen tief verankerten Antisemitismus stützen und sind weitaus besser als ihre innermuslimischen Gegner organisiert. Und sie nutzen kühn den Islam, um jedwede Annäherung an Israel zu torpedieren.

Die religiöse Debatte ist heute neu entbrannt. Koran-Auslegungen können über Krieg und Frieden entscheiden. In Deutschland ist man allerdings auch 19 Jahre nach 9/11 von einem Verständnis dessen, was ,religiöser Krieg‘ bedeutet, weit entfernt.

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