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Jesiden im Irak: »Nirgendwo eine Zukunft«

Binnenflüchtlingslager für Jesiden im Nordirak
Binnenflüchtlingslager für Jesiden im Nordirak (Quelle: Thomas v. der Osten-Sacken)

Auf der letzten bundesdeutschen Innenministerkonferenz wurde kein Abschiebestopp für Jesiden in Deutschland erklärt. Derweil plant die irakische Zentralregierung die Camps für jesidische Binnenflüchtlinge zu schließen.

Zehn Jahre nach dem Völkermord durch den Islamischen Staat leben noch immer Hunderttausende von Jesiden als Binnenvertriebene im kurdischen Nordirak. Nun plant die Regierung in Bagdad diese Lager zu schließen. Derweil schwindet die Unterstützung von Hilfsprojekten und auch in Europa droht der Minderheit inzwischen Abschiebung. Über die Lage sprach Oliver M. Piecha mit der jesidischen Aktivistin und Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Wadi, Basma Aldikhi.

Oliver M. Piecha (OP): Können Sie kurz die Schwerpunkte Ihrer Arbeit schildern? Zehn Jahre nach dem Völkermord lebt ein Großteil der vertriebenen Jesiden immer noch in Camps. Wie hat sich die soziale Arbeit mit den Menschen über die Jahre verändert? Welche sind die Hauptprobleme heute?

Basma Aldikhi (BA): Unsere Arbeitsbedingungen haben sich leider sehr verschlechtert. Anfangs gab es viel Unterstützung von Hilfsorganisationen und der Bevölkerung hier im Nordirak. Es gab genügend Nahrungsmittel zur Versorgung der Menschen in den Camps, für die Kinder gab es Unterricht und Freizeitaktivitäten sowie psychologische Unterstützung, um Traumata zu verarbeiten.

Wir reden hier von einem Genozid, bei dem Menschen Schreckliches erlebt haben; viele Frauen wurden vergewaltigt und misshandelt. Mittlerweile bekommen wir jedoch viel weniger Unterstützung. Die Hilfsorganisationen haben sich anderen Krisenherden zugewandt und sind etwa in die Ukraine abgezogen. Wadi arbeitet in sechs verschiedenen Camps. Und es kommen Mütter zu mir, die sagen, sie haben kein Essen für ihre Kinder oder ihr Kind braucht Medizin, die wir nicht bereitstellen können. Diese Lage ist für uns Helfende selbst sehr schwierig.

OP: Mittlerweile wächst eine erste Generation heran, die in Camps groß geworden ist und kein anderes Leben kennt. Wie verändert das dauerhafte Leben in Camps die Menschen?

BA: Wenn man die Kinder fragt, woher sie kommen, nennen sie das Camp Sharja oder das Camp Sharja Qadia. Sie wissen also gar nicht, woher sie stammen. Die Herkunft aus dem Camp, das ist ihre Identität. Es sieht auch nicht danach aus, als würde es irgendwo für uns Jesiden eine Zukunft geben. Uns wird kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Menschen in den Camps haben das Gefühl, dass sie von überall vertrieben und weder von Kurdistan noch vom Irak akzeptiert werden. Die Kinder im Camp haben kein Zuhause, um die Tür hinter sich zu schließen, weil sie in Zelten leben. Der Schulunterricht ist bereits gekürzt; eine Klasse besteht aus fünfundsechzig Schülern, wobei eine Lehrerin für alles verantwortlich ist. Es ist so kaum möglich, die Kinder richtig zu unterrichten und ihnen etwas beizubringen.

OP: Die Camps mit den Jesiden sollen nach dem Willen der irakischen Zentralregierung wie alle anderen IDP-Lager aufgelöst werden, und zwar noch im heurigen Sommer. Was sagen die Betroffenen dazu? Was erwarten die Menschen, was nun passieren wird? Sind in ihren Augen die Versprechungen der Regierung – Hilfe bei der Rücksiedlung in das Gebiet des Sinjar, Häuserbau und Unterstützung vor Ort – realistisch?

BA: Diese Entscheidung ist für die Menschen in den Camps sehr hart und traurig. Ihre Dörfer liegen in Schutt und Asche, es gibt dort kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können. Sie sagen, hier in den Camps haben wir zumindest ein Zelt, in dem unsere Kinder unterkommen. Hier gibt es zumindest etwas Unterstützung von Hilfsorganisationen; in Sinjar, wohin wir zurücksollen, gibt es das nicht. So gerne die Menschen auch in ihrer Heimat zurückkehren möchten, ist es für sie immer noch die bessere Wahl, in den Camps zu bleiben. Die Versprechungen der Regierung helfen den Menschen nicht.

Jesiden im Irak: »Nirgendwo eine Zukunft«
Jesidische Schüler demonstrieren gegen die drohende Schließung ihrer Schule im Khanke Camp (Quelle: JungleBlog)

Keine Zukunft

OP: Wie tief geht der Bruch von 2014, dem Jahr des Überfalls der Organisation Islamischer Staat? Wenn es kein Zurück in die Vergangenheit gibt, wohin geht der Weg für die Jesiden? Wo liegt ihre Zukunft? Im Irak, in Deutschland? Über den Globus verstreut? Was sagen die Jesiden in den Camps oder in Sinjar? 

BA: Nach diesen Gräueltaten gibt es kein Zurück mehr für die Menschen. Zu viele wurden getötet, misshandelt und vergewaltigt. Aktuell sind immer noch viele Frauen in Gefangenschaft des IS. Die Vorstellung, wieder ein normales Leben zu führen, ist so nicht möglich. Es sieht auch nicht danach aus, als würde es irgendwo für uns Jesiden eine Zukunft geben. Uns wird kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt, ganz im Gegenteil, wir werden nun aus unseren Zufluchtsorten vertrieben.

OP: Wie ergeht es erzwungenen Rückkehrern aus Deutschland? Wie sieht deren Perspektive im Irak aus? Inwieweit sind die Diskussionen in Deutschland über Abschiebungen Thema bei der jesidischen Gemeinschaft im Irak?

BA: Vor wenigen Wochen erlitt einer hier einen Schlaganfall am Flughafen, nachdem er angekommen war. Er konnte es nicht fassen, dass er abgeschoben worden war. Er wusste nicht, wohin er hier sollte. In sein Heimatdorf konnte er nicht zurück. Er hat das alles nicht ertragen. Insgesamt verstehen die Menschen nicht, wie es sein kann, dass sie gezwungen werden, zurückzukehren. Auch wenn es Orte in Sinjar gibt, wo gerade nicht gekämpft wird, gibt es dort nirgendwo eine Garantie für Sicherheit. Die Menschen fürchten außerdem, dass die Islamisten zurückkehren können, die gibt es ja immer noch, sie haben sich nur versteckt. Abgesehen davon wurde alles zerstört, was die Menschen einmal besessen haben. Wohin genau sollen sie denn zurückkehren? 

OP: Welche Rolle spielt Deutschland für die jesidische Gemeinschaft?

BA: Zu Anfang des Genozids waren die Organisationen aus Deutschland die ersten, die uns zu Hilfe gekommen sind. Und Deutschland hat den Angriff des Islamischen Staates auf uns Jesiden als Genozid anerkannt. Die Menschen nannten Deutschland das zweite Sinjar, weil dort so viele Jesiden aufgenommen wurden und man uns von dort so unterstützt hat.

Jesiden im Irak: »Nirgendwo eine Zukunft«
Basma Aldikhi (Quelle: JungleBlog)

Die jetzige Entscheidung, Jesiden in den Irak abzuschieben, trifft die Menschen umso härter. Auf ihrem Weg nach Deutschland sind Jesiden umgekommen, sie sind ertrunken, viele Kinder sind durch Kälte und Hunger gestorben, bevor sie Deutschland erreichen konnten. Nun fühlen sich die Jesiden erneut aus ihrem Zuhause vertrieben, in dem sie sich sicher gefühlt haben. Leider ist das der jetzige Eindruck, der bei den Menschen herrscht.

Das zuerst bei JungleBlog erschienene Interview wurde von Karzan Abdullah übersetzt.

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