Erweiterte Suche

Jesiden im Irak: »Hier geht die Panik um«

Khabartoo Camp: eines der Flüchtlingslager für Jesiden im Irak
Khabartoo Camp: eines der Flüchtlingslager für Jesiden im Irak (Quelle: Thomas v. der Osten-Sacken)

Bereits vor 2014 waren Jesiden vor der Verfolgung in ihren Herkunftsländern geflohen, die Massaker des Islamischen Staats verschärften die Situation dann noch weiter. Vielen in Deutschland lebenden Yeziden droht die Abschiebung, obwohl ihre Sicherheit im Irak nicht gewährleistet ist. Für die Jungle World sprach Oliver M. Piecha mit der Schriftstellerin Ronya Othmann über Geschichte und Ursachen der Verfolgung sowie die gesellschaftlichen Veränderungen in der jesidischen Community.

Oliver Piecha (OP): Ihr Buch Vierundsiebzig handelt von einer Spurensuche zum Völkermord an den Jesiden durch den Islamischen Staat (IS). Dabei breitet es Seite um Seite eine Vernichtungslandschaft aus: die Armenier kommen vor, die Assyrer, die Kurden und ihre Verfolgung durch Saddam Hussein. An einer Stelle schreiben Sie, dass alle diese Dinge zusammenhängen. Wie denn?

Ronya Othmann (RO): Es gibt allein bei den Jesdien schon eine lange Verfolgungsgeschichte. Man könnte im Osmanischen Reich anfangen, wo Minderheiten wie den Jesiden nicht in das Millet-System der offiziell anerkannten Religionen gepasst haben und spezifisch verfolgt wurden. Oder man kann auf die jüdische Bevölkerung im Irak schauen und auf das Massaker des Farhud im Jahr 1941 [als Farhud, Arabisch für »gewalttätige Enteignung«, wird ein Pogrom gegen die jüdischen Bevölkerung Bagdads am 1. bis 2. Juni 1941 bezeichnet, bei dem mindestens 180 Juden getötet wurden; Anm. d. Red.].

Die nationalistischen Regime, ob arabisch oder türkisch, haben alles bekämpft und unterdrückt, was nicht ihren Vorstellungen entsprochen hat, also etwa die Kurden, die nicht in eine derart nationalistische Türkei passen, weil dort alle Türken sein müssen. Das ist ebenso auf religiöser Ebene geschehen: Wer nicht in den sunnitischen Islamismus passt, wird vertrieben, unterdrückt, zwangskonvertiert oder im schlimmsten Fall ermordet. Auch wenn man sich die Geschichte ganz konkret anschaut, hängt alles miteinander zusammen: Dem Genozid an den Armeniern und Assyrern im Ersten Weltkrieg sind auch Jesiden zum Opfer gefallen und Jesiden sind mit den Armeniern zusammen geflohen. Auch die Muster der Verfolgung gleichen sich, etwa bei der sexualisierten Gewalt.

Oder diese Kontinuitäten, wenn man den Geheimdienstapparat Saddam Husseins und seine Republi­kanischen Garden betrachtet, aus denen sich dann auch der Islamische Staat (IS), jedenfalls teilweise, gespeist hat und deren Know-how dann auch für den Aufstieg des IS genutzt wurde. Die jesidischen Dörfer, die der IS 2014 überfallen hat, waren ja nicht mehr die ursprünglichen traditionellen Dörfer im Shingal-Gebirge [so der kurdische Name des Sinjar-Gebirges; Anm. d. Red.], sondern Modelldörfer und Kollektivsiedlungen, in die Saddam Hussein die Jesiden zwangsumgesiedelt hatte – schachbrettartig angelegt, damit man sie besser kontrollieren kann. Das hat dem IS sein Vorgehen erleichtert. Es ist nicht alles dasselbe, es gibt auch Unterschiede, aber es gibt auf jeden Fall die Kontinuitäten von Gewalt.

OP: Woher kommt diese extreme Gewalt?

RO: Das ist schwierig zu beantworten. Eigentlich weiß ich es nicht. Es gab hier ja Beispiele, wo Religionen friedlich koexistiert haben. Es ist kein Naturgesetz, dass es nicht auch anders sein könnte. Aber auch nach meinem Buch habe ich das Gefühl, dass ich nicht wirklich schlauer bin, was das betrifft. Also ein bisschen schon: Erst die Jahrzehnte der Herrschaft der Ba’ath-Partei und Saddam Husseins und dann der IS – da löst eine Gewalt die andere ab. Wenn man auf den IS sieht, dann darf es in dessen Sicht eben nichts anderes geben außer seiner Form des Islam, alles andere muss zunichte gemacht werden. Sie haben sogar schiitische Moscheen gesprengt.

Dieser IS war ein totalitäres Gebilde. Wenn man den IS und die Jesiden nimmt, dann fällt auf, dass es auch Nachbarn waren, die sich an den Verbrechen beteiligt haben. Es waren Lehrer, Ärzte oder Händler, bei denen Jesiden noch Tage davor eingekauft hatten, die dann bei den Massakern nach dem 3. August 2014 mitgemacht haben. Sogar die Paten bei Beschneidungen, die Jesiden oft aus der muslimischen Mehrheitsgesellschaft gewählt haben, haben sich plötzlich gegen sie gewendet. Es waren nicht nur Leute von außen, das war das besonders Heftige und Brutale 2014.

Keine Zukunft im Irak

OP: Nach einer langen Geschichte von Gewalt und Verfolgung, nach einem Massenmord wie der Anfal-Kampagne 1988 gegen die Kurden unter Saddam Hussein, geschieht am Anfang des 21. Jahrhunderts dieser Genozid an den Jesiden: Gibt es überhaupt eine Zukunft für die Jesiden im Irak?

RO: Wie es jetzt aussieht: nein. Die Überlebenden dieses Genozids sind halt noch im Irak, weil sie nirgendwo sonst hinkönnen. Das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, das der IS überfallen hat: der Shingal, gehört zu den umstrittenen Gebieten des Irak. Die kurdischen Peshmerga haben die Region militärisch kontrolliert, aber von der Verwaltung her gehört sie zu Bagdad. Auf dem Rücken der Jesiden wurde und wird da Machtpolitik betrieben. Jetzt sind da auch noch diese irantreuen Milizen, Shingal liegt ja an der Grenze zu Syrien, und Bashar al-Assad ist mit dem Iran verbündet.

OP: Wie sieht es im Shingal mittlerweile aus?

RO: Dort ist größtenteils alles kaputt, immer noch. Das war 2022 so, als ich da war, und hat sich nicht geändert. Es gibt Sprengfallen, die Minen sind nicht geräumt, es gibt verschiedene Milizen, zwischen denen Spannungen bestehen, es gibt türkische Luftangriffe, dort ist ja auch die PKK. Und die Jesiden sind zwischen all dem. Die Überlebenden, die in das Gebiet zurückgekehrt sind, bleiben meist in der Nähe des Gebirges; sie sind nicht in ihre Dörfer zurückgegangen, damit sie schnell fliehen können, falls wieder etwas passiert. Die Menschen waren weder reich noch ganz arm im Shingal, sie konnten sich mit ihrer Landwirtschaft ernähren. Jetzt sind die Arbeitgeber halt die Milizen vor Ort.

Es gibt derzeit keine Zukunft. Und die Jesiden sagen: Unsere Häuser sind zu nahe an den arabischen Dörfern, da haben wir Angst. Die Leute dort haben sich nur die Bärte [der Islamisten; Anm. d. Red.] abgeschnitten und sind über Nacht wieder Zivilisten geworden. Es gab keine richtige Aufarbeitung, nur seltsame Schnellprozesse, wo manche nach zehn Minuten zum Tode verurteilt wurden, aber der Genozid an den Jesiden hat da gar keine Rolle gespielt. Es wurden dann Massengräber exhumiert und die Särge hat man wie bei einem Staatsakt in irakische Flaggen gehüllt. Gleichzeitig haben wir auch Berichte von Überlebenden, die die Gebeine ihrer Angehörigen in Mülltüten überreicht bekommen haben. Das ist jetzt der Umgang damit.

Jesiden im Irak: »Hier geht die Panik um«
Im März veröffentlichten Pro Asyl und Wadi ein Gutachten über die aktuelle Lage der Jesiden im Irak

Abschiebungen

OP: Nun gibt es die Ankündigung der irakischen Regierung, die letzten Lager für die Binnenvertriebenen, in denen die meisten Jesiden noch leben, zu schließen. Gleichzeitig finden es erste Abschiebungen von Jesiden aus Deutschland in den Irak statt. Was für Reaktionen kommen aus der jesidischen Community dazu?

RO: Es wurde sehr begrüßt, dass der deutsche Bundestag den Genozid im vorigen Jahr anerkannt hat, aber danach kamen die Abschiebungen. Das war ein sehr widersprüchliches Signal für die Jesiden. Die haben Angst, wirklich Angst. Und ich merke auch den Unterschied zwischen zwei Gruppen: Da sind die, die den Genozid erlebt haben, denen es nicht gutgeht. Wie soll es einem auch gutgehen? Gefangenschaft, Vergewaltigungen, Tötungen – die haben die schlimmsten Sachen gesehen und erlebt. Doch für die Kinder geht das Leben anders weiter, die gehen zur Schule, machen ihre Ausbildung, studieren teilweise.

Es ist ein großer Schritt für Jugendliche, Abitur zu machen, wenn die Eltern teilweise noch Analphabeten sind. Die haben hier zumindest eine Perspektive für ihr eigenes Leben, die die Menschen im Shingal nicht haben. Und hier geht nun die Panik um, weil ja auch schon Überlebende abgeschoben wurden. Es ist eine große Enttäuschung. Was ich oft höre: Dann gebt uns im Shingal eine Perspektive, unser Leben aufzubauen. Aber das geht ja nicht, so wie die Situation dort ist. Als ich dort war, waren wir nur bewaffnet unterwegs. Ich weiß nicht, wo und wie es dort sicher sein sollte.

Manche Jesiden sind auch freiwillig in den Shingal zurückgekehrt, weil sie es nicht mehr in den Zelten in den Flüchtlingslagern ausgehalten haben. Zum Beispiel meine Verwandten, die leben aber nicht mehr in ihrem Dorf, das trauen sie sich noch nicht. Ich nehme ich an, dass viele Jesiden trotzdem in Kurdistan bleiben, wenn die Camps geschlossen werden. Manche leben auch jetzt schon außerhalb der offiziellen Camps, manche irgendwo in Zelten oder in Bauruinen. Manche können auch aus psychologischen Gründen nicht einfach zurückkehren, dorthin, wo mitten im Ort Massengräber liegen. Und in Sichtweite immer die Dörfer, wo die Mörder herkamen.

OP: Deutschland ist mittlerweile nach dem Irak das zweitgrößte Siedlungsgebiet der Jesiden. Diese ganze Geschichte von Flucht, Mord, Migration: Wie verändert das die ja zum Teil sehr harschen und traditionellen Lebensformen der jesidischen Gemeinschaft mit ihrem Kastensystem?

RO: Es ist unterschiedlich in Deutschland. Es gibt Familien, in denen sich dieses Kastensystem und diese strengen Heiratsregeln lockern und immer mehr Menschen außerhalb der Community heiraten. Mein Vater war damals einer der Ersten. Meine Mutter ist Deutsche. Allerdings wurde mein Vater damals nicht verstoßen, vielleicht auch, weil er eben ein Mann ist. Andere Jesiden bewegen sich noch ganz im alten System. Das kann auch innerhalb einer Familie gelten: Bei den einen gehen die Töchter zum Schüleraustausch oder ins Auslandssemester beim Studium, bei den anderen gibt es noch die Zwangsehe.

Klar, diese Lebensweise aus jesidischen Dörfern, wo man wegen der Verfolgung sehr unter sich geblieben ist, wo man nur in einer jesidischen Welt gelebt hat, das ist nicht mehr so aufrechtzuerhalten, wenn man in Deutschland lebt. Also ja, ich nehme beides wahr: Es gibt Brutalität nach innen, teilweise wird aber auch ganz liberal damit umgegangen und man akzeptiert Veränderungen.

Frage von Leben und Tod

OP: In Ihrem Roman geht es nicht zuletzt um Identität. Interessanterweise kommt das Wort auf 500 Seiten nicht einmal vor. Warum?

RO: Identität ist ein schwieriges Wort. Also, was bedeutet Identität? Der Irak etwa ist ein Land, in dem man zu irgendeiner Gruppe gehört. Man ist arabisch oder kurdisch, man ist sunnitisch oder schiitisch, man ist christlich oder man ist jesidisch, dann ist man noch in eine Kaste hineingeboren und gehört zu einem Stamm.

Ich muss da an eine Geschichte denken: Mein Vater hatte einen Freund, sie haben sich erst in Deutschland kennengelernt, sie waren unzertrennlich und haben zusammen Musik gemacht, aber sich dann aus den Augen verloren. Ich habe diesen alten Freund meines Vaters zufällig wiedergetroffen, und es stellte sich heraus, er war aramäischer Herkunft. Mein Vater ist ja Jeside. Und beide wussten das voneinander nicht. Sie hatten darüber nie gesprochen. Ich fand das erst komisch. Aber das war eine Generation, die vielleicht die Hoffnung hatte, dass diese religiösen Zuordnungen irgendwann keine Rolle mehr spielen. Die waren säkular orientiert. Das Kurdische hat da eine Rolle gespielt, weil sie beide aufgrund ihres Kurdischseins Diskriminierung erlebt haben.

Bei uns in der Familie war das so: Ich kannte diese Verfolgungsgeschichten von meiner Oma, von meinem Vater, ich dachte aber, das sind eben diese alten Geschichten. Das war vielleicht furchtbar naiv. Ich wusste schon von al-Qaida im Irak, aber ich dachte, das ist so etwas wie das letzte Aufbäumen des Fanatismus. Und man geht jetzt in eine Zeit, wo Identität halt keine Rolle mehr spielt. Das war ja ein bisschen die Utopie. Man gehört irgendwo dazu, aber mein Gott, was bedeutet das schon? Das war die Hoffnung.

Mit meinem Vater stand ich im Shingal an den Gräbern von Verwandten, die nicht zerstört worden waren, weil der IS nicht bis dahin hochgekommen ist. Da war für mich schon so eine Nähe vorhanden, aber eigentlich interessiert mich Identität nicht. Entweder wird man deswegen verfolgt oder es gibt eine übersteigerte Identität und man verfolgt deswegen. Also, ich finde, dass es erst dann zum Tragen kommt, wenn Identität bedroht wird. Als Teenager wollte ich nicht viel davon wissen, es war sekundär, aber es wird etwas anderes, wenn man sieht, wie die eigenen Leute vernichtet werden und die eigenen Verwandten fliehen müssen. Vergangenheit, die wieder zur Gegenwart geworden ist. Und nicht vorbei ist, wie ich naiv dachte.

OP: Was bedeutet das konkret?

RO: Durch den Genozid ist die Frage nach Identität auf eine brutale Art zurückgekommen. Die Identität wurde eine Sache von Leben und Tod. Der IS hat ja, wenn er etwas – auch Gefängnisse –  erobert hatte, die Sunniten von den anderen getrennt. Nur Sunniten, die sich zu ihren Mitgefangenen anderer Konfessionen bekannt haben, wurden umgebracht.

Beim Camp-Speicher-Massaker in Tikrit [am 12. Juni 2014 ermordete der IS mehr als 1.000 unbewaffnete Kadetten der irakischen Armee; Anm. d. Red.] haben sie die sunnitischen Rekruten der irakischen Armee laufen lassen, die Schiiten wurden zur Massenerschießung abgeführt. Man hat bei Massakern säuberlich getrennt, man hat selektiert. Bei den Jesiden hat man die Älteren teilweise an der Kleidung erkannt, bei den Jüngeren wusste man eben, aus welchen Dörfern sie kamen. Da haben die Nachbarn beim Identifizieren geholfen. Da spielte Identität auf eine sehr brutale Weise eine Rolle.

Dabei ist das doch so kompliziert mit der Identität: Es gibt Jesiden aus Shingal, die sich nicht als Kurden identifizieren, weil es früher auch Massaker von Kurden an Jesiden gegeben hat. Es gab die Teile-und-herrsche-Politik von Saddam Hussein, der behauptet hat, Jesiden seien gar keine Kurden. Allerdings sprechen fast alle Yeziden Kurdisch. Ich finde die Frage nach der Identität sehr schwierig. Was soll das denn sein?

Ronya Othmann ist Schriftstellerin und Journalistin; ihre Romane, Gedichte und Essays thematisieren meist Krieg und Migration. Wegen ihrer Kritik an Ethnoromantik und Islamismus ist sie häufig Anfeindungen ausgesetzt, so wurde Anfang des Jahres eine Einladung zu einem Literaturfestival in Pakistan zurückgezogen, nachdem ihr in einem offenen Brief »Islamophobie« und »Zionismus«vorgeworfen worden waren. Im März erschien ihr RomanVierundsiebzigim Rowohlt-Verlag. (Artikel zuerst erschienen in der Jungle World. Wir danken Oliver M. Piecha und Thomas von der Osten-Sacken für die Abdruckerlaubnis.)

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!