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Jemen: Hungernde Kinder, von der Welt vergessen

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres auf der Jemen-Geberkonferemnz im März 2021
UNO-Generalsekretär Antonio Guterres auf der Jemen-Geberkonferemnz im März 2021 (© Imago Images / Xinhua)

Außer ein paar Spendenaktionen mit den ewig gleichen Bildern leidender Kindergesichter hat der Jemen nach zehn Jahren Krieg vom Westen nichts zu erwarten.

Vor zehn Jahren, der so genannte arabische Frühling hatte eigentlich jedes Land in der Region erreicht, und von Marokko bis zum Irak gingen täglich Millionen auf die Straße, um gegen ihre Regierungen und für mehr Freiheiten zu demonstrieren, veröffentlichten Protestierende im Jemen eine Reihe von Forderungen.

Ihnen ging es um ein „friedliches Ende des bestehenden Regimes“ und sie schlugen Schritte für eine Übergangsverwaltung vor, bis dann durch Wahlen eine neue, demokratisch legitimierte Regierung bestimmt werden könnte. Was ihnen vorschwebte, während Sicherheitskräfte des Regimes auf Demonstranten schossen, war so etwas wie eine Roadmap wie sie vor einem Jahr im Sudan umgesetzt wurde.

Man mag sich kaum erinnern an die Szenen, die sich damals auf den Straßen des Jemen, dem absoluten Armenhaus des Nahen Ostens, abspielten: Seit Jahrzehnten verfeindete Angehörige von Stämmen schlossen Frieden und feierten auf Sana’s Tahrir-Platz Versöhnungsfeste, täglich trotzten Zehntausende den Kugeln von Milizen des Regimes, und überall wurden Ideen und Programme für einen Neuanfang entwickelt.

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Bis dahin galten Jemeniten als irgendwie exotische Dolchträger, die in einem noch mittelalterlich anmutenden Land lebten, in dem Stammesjustiz und Scharia weit mehr Geltung hätten als Ideen von Selbstbestimmung und Demokratie.

Was dann geschah, war neben der Entwicklung in Syrien eine der größten Tragödien in der Region: Der abgehalfterte Präsident Ali Abdullah Salih klammerte sich ebenso an die Macht, wie es sein syrischer Amtskollege es auch tat. Dabei unterstützte er unter der Hand sogar aktiv Al-Qaida, um vom Westen weiter als Bollwerk gegen den Jihadismus unterstützt zu werden.

In den USA und Europa setzte man auf eine diplomatische Lösung unter Einbeziehung aller Kräfte, Ende 2011 trat Saleh offiziell zurück, das Land blieb aber unter Kontrolle seiner Familie. Hinter den Kulissen tat er weiter alles, um seine Macht zu stabilisieren, wendete sich dann dem Iran zu und verbündete sich mit dem ehemaligen Feind und den von Teheran gesponserten Houthi-Milizen.

Wie Syrien wurde auch der Jemen sehr schnell zu einem Ort, an dem die verfeindeten Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien ihren Stellvertreterkrieg auszufechten begannen, der bis heute andauert.

Hilfe als Geschäft

In kürzester Zeit und unter den Augen der so genannten internationalen Staatengemeinschaft, die nebenbei an diesem Krieg ganz gut verdient – Großbritannien etwa hat vor wenigen Wochen wieder Waffen im Wert von 1,4 Milliarden an die Saudis geliefert und auch deutsche Rüstungskonzerne sind mächtig im Geschäft – verwandelte sich das Land in ein dystopisches Schlachtfeld konkurrierender Milizen, die keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nahmen.

Ab 2014 verbreiteten sich Hunger, Cholera und andere Krankheiten, Hunderttausende flohen, und Jahr für Jahr verschlimmerte sich die Lage. Längst war nicht mehr die Rede von Übergang, Demokratie und Freiheit, sondern nur noch Elend und Tod.

Im Nahen Osten konkurrierten und konkurrieren der Jemen und Syrien nur noch darum, in welchem Land die größere humanitäre Katastrophe herrscht. Niemand redet mehr davon, was eigentlich 2011 war und hätte sein können, inzwischen dreht sich alles nur noch um Bilder verhungernder Kinder, um irgendwelche bemühten Statements irgendwelcher UN-Beauftragter, die von Frieden und Diplomatie reden – jeder ausgehandelte Waffenstillstand im Jemen hält in der Regel ein paar Tage – sowie um Geberkonferenzen, auf denen um ein paar Milliarden gefeilscht wird.

Auf der letzten Jemen-Konferenz sammelte die UN gerade einmal 1,7 der für die Hilfe anvisierten 3,85 Millionen US-Dollar ein: ein Ergebnis, das von UN Generalsekretär Antonio Guterres mit den Worten kommentiert wurde: „Hilfsgelder zu kürzen, käme einem Todesurteil gleich“.

Dass inzwischen, wie in so vielen anderen Konflikten auch, Hilfsgelder zu einer wichtigen Ressource für die Kriegsparteien geworden sind, verschweigt man auf solchen Konferenzen lieber. Dabei ist seit Jahrzehnten bekannt, wie sehr Bürgerkriegsparteien von Hilfslieferungen profitieren: „Die Houthi-Miliz, die für die jemenitische Bevölkerung bestimmte humanitäre Hilfslieferungen abfängt und verwendet, bleibt für die USA eine große Sorge“, erklärte vor wenigen Wochen ein Sprecher der Biden-Administration und auch die UN weiß genau, was mit vielen der gelieferten Güter geschieht:

„Laut den Daten des UN-Verifizierungs- und Inspektionsmechanismus werden im Hafen von Hudaida kontinuierlich Lebensmittel entladen. Leider können wir nicht garantieren, dass die Lebensmittel den Hafen passieren und die Bedürftigen erreichen. Das Gebiet ist unter der Kontrolle der Houthi und sie leiten diese Hilfe oft um und verwenden sie anderweitig.“

Die Houthis bekommen mehr, weil sie die lebenswichtigen Häfen kontrollieren, sind aber nicht die einzigen Kombattanten in diesem Konflikt, die von Hilfe profitieren. All dies ist nicht neu, halbe Bibliotheken wurden schon gefüllt mit Büchern, in denen über die leider auch unheilvollen Konsequenzen humanitärer Hilfe in Bürgerkriegsgebieten geschrieben wurde.

Ob sie wollen oder nicht, UN-Agenturen und Hilfsorganisationen müssen in derartigen Konflikten mit Milizen, Warlords und anderen Akteuren kooperieren, wollen sie, dass wenigstens ein Teil der Hilfsgüter ankommt. Gleichzeitig schmieren sie so die verheerende Kriegsmaschinerie, die erst das Leid erst verursacht, das zu lindern sie antreten.

Wie die Sahelzone in den 1980ern

Deshalb wäre eigentlich von jeder Organisation, die im Jemen tätig ist, zu verlangen, dass sie Spendern offenlegt, wie sie mit diesem Dilemma umgeht. Wie genau kommt Hilfe an und über welche Wege? Doch nichts dergleichen geschieht.

Der Jemen ist für das Hilfsbusiness heute, was die Sahel-Zone in den 1980er Jahren war. Das Land wird reduziert auf Bilder von hungernden, im Elend lebenden Kindern. Längst vergessen scheinen auch Diskussionen aus den 90er Jahren unter Hilfsorganisationen, dass es unethisch, ja fast obszön sei, mit diesen Bildern Spenden einzuwerben.

Stattdessen verdienen Mark Zuckerbergs Facebook und andere Social-Media-Konzerne bestens am Leid der Menschen im Jemen: Da ich oft über Hilfe, Flüchtlinge und ähnliche Themen auf meiner Facebook Timeline publiziere, haben die Algorithmen entschieden, ich sei ein dankbarer Kunde von Anzeigen diverser UN-Agenturen und NGOs. Gestern Abend alleine stellten sie mir deshalb kurz nacheinander diese sechs Anzeigen in meine Timeline:

Natürlich: Längst gibt es all diese empirischen Untersuchungen, dass mit Kinderbildern besonders viele Spenden eingesammelt werden können. Wer schon möchte diese Kinder, deren Namen wir auch noch erfahren, verhungern lassen?

Eine ganze Legion von ausgebildeten Psychologen und PR-Experten ist da inzwischen am Werk, die genau weiß und evaluiert, welche Texte und welche Botschaften zum Spenden motivieren. Kein Wunder, dass die Anzeigen sich so gleichen wie moderne Autos, die im Windkanal getestet wurden. Es geht um Geld und Konkurrenz, und wer das wirksamste Kinderbild in einer Werbung verwendet, der erhält die meisten Spenden.

Völlig egal, warum diese Kinder nun hungern und leiden müssen, und wo sie es tun. War es gestern der Sudan oder Äthiopien, so ist es heute der Jemen. Kein Wort, wie es dazu kam, dass sich im Jemen der Aufbruch des Jahres 2011 in eine solche Tragödie verwandelt hat.

Würde eine dieser Organisationen oder UN-Agenturen ehrlich sein, wie es mit Hilfe vor Ort im Jemen aussieht, welche Kompromisse eingegangen werden müssen mit korrupten Beamten, Milizionären und Warlords, damit sie überhaupt ankommt, in welchem Dilemma man steckt als Helfer in einem Bürgerkrieg, sie würde wohl kaum ähnliche Summen wie mit solchen Bildern generieren. Und da auch hier der freie Markt die Regeln bestimmt, wird immer jene NGO das Rennen machen, die zum bewährten Bild mit hungerndem Kind greift.

Von der Welt abgeschrieben

Was Ali & Rawan und die anderen auf den Bildern, sollten sie den Konflikt überleben, in einigen Jahren darüber denken werden, dass ihre Gesichter für solche Kampagnen verwendet wurden, spielt bei alldem ebenso wenig eine Rolle, wie die Frage, was es für eine ganze Bevölkerung, in diesem Fall die Jemeniten, heißt, nur noch als hilfsbedürftige, leidende und bemitleidenswerte Existenzen dargestellt zu werden. (Umgekehrt müssen diese Kinder natürlich auf Bildern lachen und sich freuen, auf denen die Helferinnen und Helfer in ihren Westen mit dem Organisationslogo dann etwas an sie verteilen.)

Vor zehn Jahren versuchten Millionen von Jemeniten ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Der Westen, an den sie damals appellierten, ihnen dabei zu helfen, ließ sie, wie so viele andere in der arabischen Welt kläglich im Stich und zog Dialog und Diplomatie mit irgendwelchen Autokraten vor.

Zehn Jahre später gibt es bestenfalls noch ein bisschen Mitleid mit hungernden Kindern. Es sind wohl oft die Kinder derjenigen, die damals für eine bessere Zukunft auf die Straße gingen und dafür ihr Leben riskierten.

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