Im Gespräch mit Jasmin Arémi gewährt der ehemalige Mossad-Offizier Avner Avraham seltene Einblicke in den Alltag des israelischen Auslandsgeheimdienstes und räumt zugleich mit verbreiteten Mythen auf.
Aver Avraham stand 28 Jahre im Dienst des Mossad und betreibt heute unter anderem ein Spionagemuseum. Seine Schilderungen zeichnen das Bild eines Berufs, der mit den glamourösen Inszenierungen aus der Popkultur nur wenig gemein hat. »Wenn Sie an den Mossad denken, kommen Sie bestimmt auf James-Bond-Filme zu sprechen. Aber der Beruf ist im echten Leben sehr schwer und manchmal gefährlich. Vor allem ist es ein Dienst für das eigene Land.« Statt Luxus und spektakulärer Action prägen Druck, Tarnung und persönlicher Verzicht den Alltag. Agenten leben oft jahrelang unter falscher Identität und sind in dieser Zeit von ihren Familien getrennt.
Dass der Mossad als einer der effektivsten Geheimdienste der Welt gilt, hängt auch mit seiner personellen Vielfalt zusammen. »Meine Familie kommt aus dem Irak«, erklärt Avraham. »Wir sind irakische Juden, haben dunkle Haut und sprechen zu Hause Arabisch.« Für einen Nachrichtendienst seien Sprachen und kulturelle Prägungen ebenso entscheidend wie technische Fähigkeiten. »Sprachen sind im Mossad wie Waffen.« Wer verschiedene Sprachen beherrsche und sich glaubwürdig in unterschiedlichen kulturellen Kontexten bewegen könne, verfüge über einen entscheidenden Vorteil.








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Mythos und Realität
Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst widmete sich Avraham der historischen Aufarbeitung der Arbeit des Mossad. Mit seinem Spionagemuseum und internationalen Ausstellungen, die sich unter anderem der Ergreifung Adolf Eichmanns oder der Operation Entebbe widmen, möchte er nicht nur Geschichte vermitteln. Er möchte auch ein Verständnis für strategisches Denken schaffen. Rund achtzig Prozent der bekannten Operationen könnten dabei öffentlich gezeigt werden, der Rest bleibe aus naheliegenden Gründen unter Verschluss.
Ein zentrales Anliegen ist für ihn auch die Vermittlung von Kreativität als Schlüsselkompetenz. Geheimdienstarbeit bedeute häufig, unter hohem Zeitdruck unkonventionelle Lösungen entwickeln zu müssen. Als Beispiel nennt er eine Methode verschlüsselter Kommunikation über Radiosignale: »Der Mossad nutzt etwa Radiosender, um Botschaften zu übermitteln – ein bestimmtes Lied konnte ein Signal sein.« Solche Techniken seien zwar einfach, aber wirkungsvoll und dienten bis heute als Inspiration.
Auch mit seiner Tätigkeit als Berater für Filmproduktionen versucht Avraham, ein realistischeres Bild von Geheimdiensten zu vermitteln. Die Diskrepanz zwischen Fiktion und Realität sei erheblich. »James Bond ist nicht das echte Leben – es ist genau das Gegenteil«, sagt er. Echte Agenten würden bewusst unauffällig agieren, keine auffälligen Autos fahren und sich möglichst nahtlos in ihre Umgebung einfügen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Wer sich mit Nachrichtendiensten beschäftige, müsse daher zwischen Mythos und Realität unterscheiden und bereit sein, komplexe Zusammenhänge anzuerkennen. Die wichtigste Lehre aus seiner langjährigen Tätigkeit sei letztlich universell: analytisches Denken, Kreativität und die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen.
Mit Blick auf den 7. Oktober kritisiert er die internationale Berichterstattung über Israel. Die Hamas-Terroristen hätten ihre Angriffe selbst mit GoPro-Kameras dokumentiert und damit umfangreiches Videomaterial ihrer Verbrechen hinterlassen. Dieses Material liege vor und werde auch genutzt, um die Ereignisse zu dokumentieren. Dennoch stößt es seiner Ansicht nach bei vielen Medien nicht auf die notwendige Aufmerksamkeit. Selbst wenn Belege vorhanden seien, wollten manche Journalisten die Realität nicht anerkennen. Stattdessen verfolgten sie eine politische Agenda und seien offensichtlich nicht an einer objektiven Berichterstattung interessiert.
Als Beispiel nennt er den Fernsehsender Al Jazeera. Mehrfach habe der Sender ihn um Interviews gebeten, die er jedoch abgelehnt habe. Aus seiner Sicht berichte Al Jazeera nicht unabhängig, sondern verfolge eine klare politische Linie gegen Israel. Journalismus müsse sich den Fakten verpflichtet fühlen und dürfe weder Informationen verschweigen noch verzerren. Genau darin sieht Avraham eines der zentralen Probleme der internationalen Berichterstattung über den Nahostkonflikt.






