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Istanbul: Erdbebengefahr bedroht Millionenmetropole

Experten rechnen mit großem Erdbeben in Istanbul in den nächsten zehn Jahren
Experten rechnen mit großem Erdbeben in Istanbul in den nächsten zehn Jahren (© Imago Images / ITAR-TASS)

Geologen warnen vor einem bevorstehenden schweren Beben der Stärke 7 bis 7,5 innerhalb der nächsten zehn Jahre.

Die Türkei ist ein seismisch höchst aktives Gebiet. Entlang der Nord- und der Ostanatolischen Verwerfung schieben sich die anatolische und die eurasische Erdplatte aneinander vorbei. Erdbeben wie jenes vom Februar in der Osttürkei sind daher keine Seltenheit. Auch die Metropole Istanbul ist von der Gefahr nicht ausgenommen. Geologen warnen seit Jahren davor, dass die tektonischen Spannungen entlang der Nordanatolischen Verwerfung im Marmarameer hoch sind und ein schweres Beben in Istanbul bevorstehen könnte. 

»Die Stadt befindet sich an der Grenze zwischen der eurasischen und der anatolischen Erdplatte. In der Vergangenheit hat es entlang dieser Verwerfung immer wieder schwere Beben gegeben«, erklärte der Geologe Sükrü Ersoy von der Yildiz Universität in Istanbul. Historische Aufzeichnungen belegen die verheerenden Auswirkungen früherer Beben wie jene von 1509 und 1766, bei denen Tausende Menschen starben und die Stadt verwüstet wurde. Seit 2019 nehmen Wissenschaftler akustische Messungen der tektonischen Bewegungen im Marmarameer vor. Das Ergebnis ist beunruhigend: »Die tektonischen Spannungen im Gebiet von Istanbul haben bereits ein Maximum erreicht«, so Ersoy. Entlang der Nordanatolischen Verwerfung gab es in den vergangenen achtzig Jahren mindestens zehn schwere Erdbeben. Das bisher letzte zerstörerische Beben traf im Jahr 1999 die Stadt Izmit, rund hundert Kilometer östlich von Istanbul. Damals starben 17.000 Menschen, mehr als 120.000 Häuser wurden zerstört.

»Wie stark die Erdbeben entlang geologischer Verwerfungen sind, hängt davon ab, wie sich die Flanken der Störungszonen zueinander bewegen«, so Ersoy. Gibt es eine kontinuierliche Bewegung zueinander, entladen sich die tektonischen Spannungen in regelmäßigen kleineren Beben, große Erdbeben bleiben jedoch aus. Geologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem aseismischen Kriechen.

»Problematisch wird es, wenn sich die Flanken ineinander verhaken«, so der Geologe. Dadurch wird die Bewegung gehemmt, und die mechanischen Spannungen im Gestein bauen sich immer weiter auf. Wird der Druck auf das Gestein zu hoch und bricht es, sind heftige Erdbeben die Folge. Und genau ein solches Szenario droht Istanbul. »Das Beben von Izmit konnte die aufgestauten Spannungen unter Istanbul nicht entlasten«, so Ersoy. Der Geologe ist daher überzeugt, dass es in den nächsten zehn Jahren in Istanbul zu einem schweren Beben der Stärke 7 bis 7,5 kommen wird.

Schnell und billig gebaut

Die Behörden haben aus dem schweren Beben von Izmit gelernt. »Als Reaktion hat die Regierung landesweit neue Regulationen für Bauvorschriften eingeführt«, sagt Ersoy. Rund 1.500 als erdbebengefährdet eingestufte Gebäude in Istanbul seien abgerissen und neu errichtet oder renoviert worden, darunter Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungsbauten und Wohnheime. Außerdem wurden Verbotszonen festgelegt, in denen keine neuen Gebäude errichtet werden dürfen. Im Falle eines Bebens sollen sich hier die Bewohner versammeln, in weiterer Folge könnten auf diesen Plätzen Notunterkünfte entstehen. 

Doch die Realität zeigt, dass diese Maßnahmen immer wieder unterwandert werden. Viele der ausgewiesenen Sammelplätze für den Katastrophenfall wurden überbaut. Auch konnten die neuen Bauvorschriften nicht verhindern, dass weiterhin Häuser schnell und billig bzw. ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Die Regierung hat derartige Vorgehen immer wieder amnestiert. Auf diese Weise kamen die Bewohner zu Häusern, die Baufirmen erwirtschafteten Gewinne, und die Politiker erhielten die notwendigen Stimmen, um Wahlen zu gewinnen. Eine dreifache Win-Win-Situation, wenn auch eine kurzsichtige.

Dass die Bauvorschriften immer wieder ignoriert wurden, zeigte auch die Erdbebenkatastrophe vom Februar, bei der Häuser zusammenbrachen, die nach dem Jahr 1999 errichtet wurden. Hätten die Baufirmen diese Gebäude nach den neuesten seismischen Vorschriften gebaut, wären sie zwar dennoch beschädigt worden, aber nicht völlig eingestürzt, was Tausende Tote hätte verhindern können.

Das Erdbeben in der Südosttürkei hat die Stadtverwaltung in Istanbul offenbar wachgerüttelt. Wenige Tage nach der Katastrophe mit rund 50.0000 Toten wurden Krankenhäuser auf ihre Sicherheit hin geprüft. Das Ergebnis war ernüchternd: Zwei Spitäler wurden wegen mangelnder Erdbebensicherheit evakuiert und die Patienten in andere verlegt.

Geologe Sükrü Ersoy geht davon aus, dass in Istanbul an die 150.000 Gebäude ein schweres Erdbeben nicht überstehen würden: »Wir sollten das ernst nehmen, die Zerstörung wäre enorm.« Aber damit nicht genug. Ein schweres Beben könnte auch gewaltige Erdrutsche unter Wasser auslösen. Die Folge wäre ein Tsunami, dessen Flutwelle die Stadtviertel entlang des Meeres treffen würde. Ein Szenario, das auch im September 1509 eintrat, als die Häuser im Stadtteil Galata überflutet wurden.

Schätzungen über die möglichen Opfer eines Bebens in Istanbul gehen auseinander. Die Stadtverwaltung der Metropole führte eine eigene Studie durch, bei der bei einem Erdbeben der Stärke 7,5 von etwa 14.500 Toten ausgegangen wird. Die Studie einer Gruppe europäischer Forscher geht von 30.000 bis 40.000 Toten aus.

Wegziehen keine Option

Spricht man Menschen in Istanbul auf das drohende Erdbeben an, sind die Reaktionen unterschiedlich. Einige zeigen sich gelassen und vertrauen darauf, dass ein solches nicht eintreten wird bzw. die Voraussagen der Geologen übertrieben sind. Andere hingegen sind äußerst besorgt. So meinte der Kellner in einem Café im Stadtteil Beyoglu: »Ja, ich mache mir Sorgen.« Ein Erdbeben der Stärke 6 bis 6,5 reiche bereits aus, um große Teile Istanbuls zu zerstören. »Aber was sollen die Menschen tun? Sie haben ihre Jobs hier, ihre Wohnungen, Familien und Freunde.« 

Wegziehen sei aus sozialen und finanziellen Gründen für die meisten also keine Option. Selbst diejenigen, die wissen, dass sie in erdbebengefährdeten Häusern leben, können meist nicht rasch umziehen, da auf dem extrem angespannten Istanbuler Wohnungsmarkt eine neue, kostengünstige Unterkunft kaum zu finden ist.

Verhindern lasse sich die Katastrophe nicht, so Ersoy, aber man könne sich darauf vorbereiten. Der Geologe betonte die Notwendigkeit, dass Gebäude und Untergrund harmonisch aufeinander abgestimmt sein müssen, um einen dauerhaften Schutz zu gewährleisten. Das sei grundsätzlich möglich. »Wir haben in der Türkei Baufirmen mit entsprechender Expertise, und die Regierung verfügt über die notwendigen finanziellen Mittel.« Es müsse nur der politische Wille vorhanden sein, dann könne das Ausmaß der Katastrophe eingedämmt werden. 

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