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Die Rote Einheit: Israelische Soldatinnen, die darauf trainiert sind, wie der Feind zu denken

Soldatinnen der Roten Einheit bei einem Training
Soldatinnen der Roten Einheit bei einem Training (© Oren Cohen / JNS)

Die Soldatinnen studieren die Hisbollah und die Hamas bis ins kleinste taktische Detail und nutzen dieses Wissen, um jede Lücke in Israels Verteidigung aufzudecken.

Eyal Levi

Stellen Sie sich vor, Sie sind Kämpfer in einer Eliteeinheit der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF). In zwei Tagen steht eine entscheidende Mission im Libanon an. Vor der Operation werden Sie zu einer letzten Trainingseinheit auf einen der militärischen Übungsplätze gebracht, um Ihre Kampffähigkeiten zu schärfen und sicherzustellen, dass jeder Schuss, den Sie abgeben, den Feind auch wirklich trifft.

Sie betreten das Übungsgelände gemäß den Vorschriften. Alles verläuft reibungslos. Dann, im allerletzten Raum, eine Sekunde vor dem Ziel, springt eine Unteroffizierin aus einem Versteck hervor und ruft: »Peng, peng!« Das war’s – Sie sind ausgeschaltet. Wenn das passiert, hatten Sie gerade eine Begegnung mit einer der IDF-Feindsimulatorinnen – einer Soldatin, die Sie überlistet und in einem Moment der Unachtsamkeit erwischt hat.

Soldatin der Roten Einheit bei einem Training
Soldatin der Roten Einheit bei einem Training (© Oren Cohen / JNS)

So realistisch wie möglich

Aus Vorfällen wie dem geschilderten sollen israelische Soldaten gestärkt hervorgehen und mit Erkenntnissen ausgestattet sein, die ihre Leistung im echten Kampf gegen einen echten Feind verbessern werden. »Wir warteten auf eine Truppe in einem großen Gebäude, und die Soldaten haben einfach einen der Räume nicht überprüft. Ich habe als Erste ›Peng, peng‹ gerufen«, erinnert sich S., eine Soldatin der Roten Einheit der IDF, die das Verhalten feindlicher Truppen simuliert.

Die Roten Einheit wurde vor sechs Jahren gegründet und besteht aus achtzig Soldatinnen. Im Laufe von dreieinhalb Monaten durchlaufen sie eine Spezialausbildung, und ihre Hauptaufgabe besteht darin, sich in die Denkweise eines Hamas-Terroristen oder Hisbollah-Kämpfers hineinzuversetzen. Sie sollen verstehen, wie der Feind vorgeht und was ihn antreibt – um ihn dann in Übungen mit IDF-Truppen so realistisch wie möglich nachzustellen.

»Als ich mich verpflichtete, wusste ich nicht, dass die Rote Einheit existierte«, sagt die Kompaniechefin in der Einheit im Gespräch. »Auf meinem Einsatzplan stand ›Feindtruppen-Simulatorin‹. Es klang cool, den Feind kennenzulernen und zu verstehen, wie er vorgeht. Ich war begeistert, und während der Ausbildung eröffnete sich mir eine ganz neue Welt.«

Man beginne mit den Grundlagen der Kultur des Feindes, studiere das Kräfteverhältnis im Libanon und im Gazastreifen und arbeite sich nach und nach in ihr Militär und ihre Hierarchie hinein, erzählt sie weiter. Dabei lerne man, »wie ihre Kommandostruktur funktioniert und welche Parallelen zu IDF-Einheiten es gibt. Wie sie als Kämpfer agieren, welche Ausbildung sie durchlaufen, ihre Standard-Einsatzverfahren und ihre Kampftechniken. Man geht bis ins kleinste Detail, damit man wirklich verinnerlicht, was es bedeutet, ein Hisbollah- oder Hamas-Terrorist zu sein.«

Der Name der Einheit ist kein Zufall. In der IDF steht »blau« für die israelischen Streitkräfte und »rot« für den Feind. Um ihre Rollen angemessen zu verkörpern, tragen die Soldatinnen der Einheit in ihrer Basis im Süden Israels Uniformen mit roten Abzeichen. Bei Übungen tragen sie manchmal Kalaschnikow-Gewehre, genau wie Hamas-Kämpfer.

Bis zur Gründung der Roten Einheit nutzten IDF-Infanteriekompanien einen Zug aus den eigenen Reihen, um feindliche Kräfte zu simulieren. Die Praxis beeinträchtigte das Training, da sie die verfügbaren Kräfte reduzierte. Die Soldatinnen der Roten Einheit sind nun darauf trainiert, diese Rolle zu übernehmen, den IDF-Truppen das Leben schwer zu machen, sie zu überraschen und außer Gefecht zu setzen.

Die Rote Einheit besteht aus zwei Kompanien. Eine konzentriert sich auf die Feindsimulation im Norden, mit Schwerpunkt auf der Hisbollah; die andere konzentriert sich auf die Hamas im Süden. Alle sechs Monate wechseln die Kompanien. IDF-Einheiten, die in den Einsatz gehen oder sich auf eine Razzia gegen den Feind vorbereiten, laden die Rote Einheit ein, ihre Soldaten auf die Probe zu stellen.

Eine Zugführerin der Roten Einheit beschreibt die Aufgabe: »Im Trainingskomplex ›Little Gaza‹ hat man wirklich das Gefühl, in Gaza zu sein, und überall herrscht Dunkelheit. Ich höre Soldaten reden. Mein Ziel ist es, sie abzufangen und zu gewinnen. Also verstecke ich mich in einer Ecke oder hinter einem Busch und bewege mich nicht, um keine Geräusche zu machen. Dann, mitten im Gefecht, gibt es Geschrei, und man gibt wirklich alles. Sie feuern Platzpatronen ab und werfen Rauchgranaten, und das Adrenalin fließt. Es fühlt sich wirklich wie Krieg an.«

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die »Bösen« von der Roten Einheit gewinnen, wenn ein Hinterhalt, den sie für IDF-Truppen gelegt haben, wie geplant funktioniert. Es ist sogar schon vorgekommen, dass der Bataillonskommandeur der Gegenseite – ein hochdekorierter, erfahrener Soldat – am Ende einer Übung erschien, um die Simulatorinnen für ihr Können zu beglückwünschen.

Soldatin der Roten Einheit bei einem Training
Soldatin der Roten Einheit bei einem Training (© Oren Cohen / JNS)

Hartes Training

Die ranghöchste der drei Kommandantinnen der Roten Einheit trat im August 2022 in den Dienst ein. Sie ist überzeugt, dass der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ein Wendepunkt für ihre Truppe war. »Damals war es sehr schwer, eine Feindsimulatorin zu sein. Bis dahin hatten wir es als eine Art Spaß betrachtet. Doch plötzlich wurde das Simulieren von Hisbollah und Hamas psychologisch kompliziert, weil man weiß, dass das Ziel der Übung darin besteht, IDF-Soldaten zu ›töten‹ – direkt nachdem so viele in der Realität getötet worden waren. Gleichzeitig wussten wir, dass dies unsere Aufgabe ist und dass wir besser denn je sein mussten, denn dies war der Moment, auf den wir hintrainiert hatten. Es war schwer, aber für die Soldaten sehr beeindruckend.«

Die beiden Kommandantinnen erinnerten sich, dass sie nach Ausbruch des Krieges an einer großen Übung in einer Gemeinde teilnahmen, bei der sie simulierten, wie Terroristen Häuser in einem Wohngebiet besetzten. »Es war eine Übung mit einer Spezialeinheit«, erzählt eine der beiden. »Ich war ein ›Terrorist‹ in einem Haus, in dem sich Geiseln befanden, und die Soldaten mussten uns ›töten‹. Es war kompliziert, in ziviler Umgebung in Tarnuniformen ›Peng, peng, peng‹ zu rufen, weil die Leute von den Balkonen aus zuschauten und es sie hätte erschrecken können. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass wir für sie da waren, um Kämpfer auszubilden, die sie beschützen.«

Seit dem Überraschungsangriff der Hamas vom 7. Oktober hatte die Einheit wiederholt die Aufgabe, Soldaten in Stützpunkten zu überraschen und die Aufmerksamkeit der Wachposten zu testen, um sicherzustellen, dass die Wachsamkeit nicht erneut nachlässt. In ihren Anfängen konzentrierte sich die Rote Einheit vor allem auf die Hisbollah, die damals als größte Bedrohung in der Region galt, doch nach dem 7. Oktober wurde die zuvor unterschätzte Bedrohung durch die Hamas aus dem Süden ebenso ins Training einbezogen.

Von den Soldatinnen der Roten Einheit wird verlangt, dass sie improvisieren, kreativ sind und unter Druck standhalten. Sie müssen körperlich fit sein, da sie manchmal lange Strecken zu Fuß zurücklegen und bei ausgedehnten Übungen aufmerksam bleiben müssen. Sie trainieren intensiv auf Schießständen, damit sie bei Übungskämpfen als möglichst glaubwürdige Gegnerinnen auftreten. Aber sie wissen auch, dass sie derzeit nicht über eine Kampfbereitschaft verfügen, die es erlauben würde, sie an die Front zu schicken. Das war aber auch nicht die Absicht, als sie sich zu der Truppe verpflichteten.

Eine der Kommandantinnen ist der Ansicht, dass auch Frauen in den Kampf integriert werden sollten. »Ich stimme zu, dass beruflich gesehen der Standard und die Anforderungen nicht gesenkt werden sollten. Es hängt wirklich vom Charakter und vom Willen ab, denn nicht jede ist dafür geschaffen. Aber wenn es darauf ankäme, würde ich natürlich kämpfen. Ich bin sehr motiviert, und es bewegt mich, weibliche Kämpferinnen zu sehen. Ich bewundere sie.«

Ihre Kollegin ist überzeugt, dass sich die Fähigkeiten der IDF seit Kriegsbeginn verbessert haben – nicht zuletzt aufgrund ihrer Arbeit. Die Rote Einheit mag jung sein, aber sie hat Einheitsstolz und markiert den Beginn einer Tradition. Männer werden in ihrem Dienstumfeld nicht vermisst. »Überhaupt nicht. Dies ist eine außergewöhnliche Einheit zur Stärkung der Frauen, und sie demonstriert auch deren Stärke. Wenn etwas Körperliches zu tun ist, wie zum Beispiel das Tragen von schwerem Gerät, brauchen sie keinen Mann, der ihnen hilft.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

Soldatinnen der Roten Einheit bei einem Training
Soldatinnen der Roten Einheit bei einem Training (© Oren Cohen / JNS)

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