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Israelberichterstattung: »Keine Lügen, sondern Framing«

Sarah Maria Sander über die Israelberichterstattung deutscher Medien: »Keine Lügen, sondern Framing«
Sarah Maria Sander über die Israelberichterstattung deutscher Medien: »Keine Lügen, sondern Framing« (© Geneviève Hesse)

Die deutsche Journalistin und Schauspielerin Sarah Maria Sander dekonstruiert das für Unkundige leicht zu übersehende Framing in der Berichterstattung über den Nahen Osten.

Die für ihre YouTube-Videos bekannte Journalistin Sarah Maria Sander steht an einem Abend Ende Januar auf der Bühne des ebenso großen wie vollen Saals des jüdischen Gemeindehauses in Berlin. »Ich bin etwas aufgeregt«, sagt die auch als Schauspielerin tätige 31-Jährige. »Denn Sie sind so viele und es ist sehr viel, das ich Ihnen in kurzer Zeit mitgeben will.« Vielleicht liegt die Aufregung auch teilweise daran, dass am Vormittag in der Presse bekannt geworden war, dass Sanders aus der Hauptrolle in einem großen Filmprojekt gekickt wurde – wegen ihrer Position zu Israel. Sie erklärt es am selben Tag in einem Video mit dem Titel »Ich klage gegen eine Filmproduktion«.

Davon ist nur kurz die Rede an dem schon lange von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) geplanten Abend mit dem Titel »Der Nahostkrieg in den öffentlich-rechtlichen Medien – zwischen Information und Framing«. In der Anmoderation erwähnt DIG-Mitglied Carola Deutsch, Sander sei aufgrund ihrer Haltung zu Israel »massiven Anfeindungen« ausgesetzt, »wie wir heute aus der Presse erfuhren, mit gravierenden, beruflichen Folgen«.

Unausgewogen

Der Fokus des Abends bleibt beim angekündigten Thema: den Verzerrungen des Israel-Bildes im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR). Der anhaltende Applaus, den Sander am Anfang und vor allem zum Schluss sichtlich genießt, lässt vermuten, dass die meisten Anwesenden ihr wohlgesonnen sind. Rund eine Stunde lang kommentiert sie mal mit Wut, mal mit Ironie in der Stimme aus dem Stegreif die Nachrichtenbilder und Schlagzeilen aus dem ÖRR, die sie als Screenshots auf einem Bildschirm durchklickt, mit gründlichen Argumenten und pointierten Sätzen.

So kritisch wie heute sei sie früher nicht gewesen, betont die aus einer jüdischen Familie in der Sowjetunion stammende Journalistin, auch wenn sie schon immer »eine gewisse Richtung« in der ARD-Nachrichtensendung Tagesschau erkannt habe. Dabei gehe es ihr auf keinen Fall um eine Abschaffung des ÖRR, sondern um eine Korrektur und eine nötige Aufarbeitung des bisherigen Framings bezüglich Israel.

Es gebe durchaus Reportagen und Berichte, die funktionierten, sagt sie. Die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine sei zum Beispiel deutlich näher an dem, das sie von Freunden und Verwandten vor Ort höre. Eine Diskrepanz zu den Ereignissen habe sie dort nicht gesehen wie bei Israel. Das Framing sei nach dem 7. Oktober 2023 so offensichtlich geworden, dass sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit darauf gelegt habe, es mit kritischen oder ergänzenden Beiträgen auszugleichen.

Sander hebt die Verantwortung des ÖRR für die Meinungsbildung der Bevölkerung hervor. Das Gebot der Ausgewogenheit sei dort deutlich höher als bei einer freien Journalistin wie ihr. Auf ihrer Webseite bezeichnet sie sich selbst auch als Aktivistin. Wer ihr vorwirft, zu einseitig auf Israel fokussiert zu sein, dem antworte sie, es für legitim zu halten, solange das mediale Ungleichgewicht gegenüber Israel so stark sei. Wäre sie beim ÖRR angestellt, würde sie anders berichten.

Der ÖRR müsse Fehlentwicklungen aufarbeiten, anstatt der Kritik und dem Dialog auszuweichen, so Sander. In der Anmoderation des Abends hatte Carola Deutsch die Folgen journalistischer Fehler bei der britischen BBC erwähnt: »Es gab Rücktritte an höchster Stelle.« In Deutschland hingegen würden Journalisten ausgezeichnet, so Deutsch, die »Abend für Abend Millionen Zuschauern fragwürdige Israel-Bilder präsentieren«. Das sei gefährlich, da es eine einseitig negative Wahrnehmung des jüdischen Staates befördere.

Viele Bürger schrieben Programmbeschwerden, diese liefen jedoch oft »ins Leere«, ergänzt Sander. Das Beispiel der umstrittenen ARD-Nahostkorrespondentin Sophie von der Tann zeige besonders deutlich, wie die kritische Auseinandersetzung auf der Strecke bleibe. In den Jurys der Preise, die ihr verliehen würden, säßen teilweise dieselben Menschen, mit denen von der Tann zusammenarbeite.

Sander verweist auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts aus dem vergangenen Oktober. Eine Frau hatte geklagt, die Rundfunkgebühren nicht bezahlen zu wollen, weil sie das Programmangebot unausgeglichen fand. Das Gericht entschied, dass der Rundfunkbeitrag erst dann verfassungswidrig sei, wenn das Gesamtangebot des ganzen ÖRR »über einen längeren Zeitraum evidente und regelmäßige Defizite« erkennen lasse. Die Hürde sei also sehr hoch, kommentiert Sander.

Anhand zahlreicher Beispiele zeigt sie an dem Abend, wie das Framing gegen Israel funktioniert. Für Menschen, die sich mit dem Nahen Osten nicht auskennen, sei es schwer zu erkennen. Schlagzeilen wie »Israel setzt seine Angriffe in Gaza fort« oder »wieder fort« seien faktisch keine Lüge. Doch es entstehe der Eindruck, Israel sei der alleinige Aggressor, während die Hamas als Auslöser des Kriegs in den Hintergrund rücke.

Durch das Weglassen von Kontext entstehe ein dämonisierendes Gesamtbild. So wurde etwa über israelische Angriffe im Libanon berichtet, ohne den vorausgegangenen Hisbollah-Raketenbeschuss zu erwähnen, der zur Evakuierung Tausender israelischer Zivilisten aus der Region geführt habe. Um diese Informationslücke zu schließen, ist Sarah Maria Sander im Jahr 2024 mit zwei Kollegen, Alon David und Tobias Huch, ins Kriegsgebiet im Norden Israels gereist. Daraus entstand der Dokumentarfilm Als die Hisbollah das Leben in Nordisrael zerstören wollte. Im Film fragt Sander, welches andere Land auf der Welt solche Angriffe wochenlang erdulden würde, ohne irgendwann militärisch zu reagieren.

De-Realisierung und Infantilisierung

Zurück zum Berliner Abend. Auch die Schlagzeile »Hamas fordert von Israel Gefangenenaustausch« vom 9. Oktober 2023 habe einen falschen Eindruck erzeugt, analysiert Sander, man hätte denken können, Israel halte ebenfalls unschuldige Gefangene fest. Nicht erwähnt wurde, dass es sich um Terroristen gehandelt hat, die rechtmäßig verurteilt wurden, während die israelischen Zivilisten in Geiselhaft genommen wurden und unschuldig gewesen seien. Diese Unterscheidung zwischen unschuldigen Geiseln und zu Recht Inhaftierten geschah auch nicht, als zwei Jahre später über die Rückkehr von freigelassenen Terroristen zu ihren Familien im Gazastreifen ganz ähnlich berichtet wurde wie über die Freude rund um die befreiten Geiseln in Israel.

Die von Sander kritisierte Auslassung von Kontext geschehe in der Regel so, dass sie dem Israel-Bild schade. Im selben ÖRR-Beitrag vom 9. Oktober 2023 wurde über zivile Opfer israelischer Luftschläge berichtet, jedoch nicht darüber, dass Israel mit den Angriffen versucht hatte, seine Bürger aus der Geiselhaft der Hamas zu befreien.

In einem weiteren von Sanders analysierten Beitrag hatte die bereits angesprochene ARD-Reporterin von der Tann berichtet, dass »immer mehr Zivilisten aufgrund der dichten Besiedelung [in Gaza] ums Leben kommen«. Der Hinweis, dass die Hamas diese Bevölkerungsdichte gezielt nutzt und sich hinter zivilen Einrichtungen verschanze, fehle in solchen Ausführungen, sagt Sander. In den ersten Kriegsmonaten habe die Tagesschau zudem Zahlen der Hamas unkritisch übernommen und erst viel später auf deren mangelnde Überprüfbarkeit hingewiesen. Israels Angaben seien hingegen von Beginn an mit großen Zweifeln versehen worden.

Grundsätzlich seien Zahlen und Aussagen der Terrororganisation Hamas als seriös zitiert und Informationen Israels übermäßig infrage gestellt worden, meint Sander. Sie erinnert an einen weiteren ARD-Beitrag, in dem von der Tann in einem Hamas-Tunnel unterhalb einer Schule steht und dennoch Zweifel an dieser Realität äußert. Ihre Analyse hat sie in zwei Videos mit den Titeln »Bericht oder Beeinflussung?« und »Belohnt der ÖRR Anti-Israel-Framing?« zusammengefasst.

Sander zeigt einen weiteren Screenshot von einem Beitrag vom 7. Mai 2024. Er stellt Israel so dar, als verweigere es Verhandlungen über eine Waffenruhe, ohne zu erwähnen, dass die Hamas seit über einem halben Jahr Geiseln unter unmenschlichen Bedingungen festhalte. Dennoch werde von Israel erwartet, gnädig zu sein. Insgesamt werde »die sehr komplexe Situation so infantilisiert«, dass es am Ende stets zu einer einseitigen Darstellung Israels als Aggressor führe. Es entstehe der Eindruck, eine Zwei-Staaten-Lösung könne auf Knopfdruck mit der Anerkennung des Staates Palästina hergestellt werden. »Glauben Sie mir«, meinte Sander, »wäre es so, dann hätte Israel das schon längst gemacht«.

Insgesamt habe es zahlreiche Sendungen, Schlagzeilen und Talkshows gegeben, die Waffenruhen oder Sanktionen gegen Israel forderten, aber kaum Diskussionen darüber, wie die Hamas entwaffnet oder die Indoktrination von Kindern und der terroristische Judenhass beendet werden könne. Auch Schlagzeilen wie »100 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen laut UN-Schätzungen von Hungersnot bedroht« kritisiert Sander. Denn Belege dafür, wie diese Schätzung zustande kamen, gab es in dem Beitrag nicht. Es sei keine Lüge, dass Menschen im Gazastreifen gelitten und gehungert hätten, doch solche Schlagzeilen erweckten den Eindruck, Israel – »der Dämon, der Teufel« – hungere die Bevölkerung bewusst aus.

Dass Hilfslieferungen von der Hamas systematisch abgefangen wurden, sei zu diesem Zeitpunkt schon bekannt gewesen. Auch das weit verbreitete Symbolbild eines abgemagerten Kindes in den Armen seiner Mutter erwies sich später als das Foto eines Kindes mit Vorerkrankungen. Gleichzeitig seien Geiseln seit anderthalb Jahren gefoltert worden und die israelische Bevölkerung habe unter Bombardierungen aus dem Libanon und dem Iran gelitten. Über diese sei zwar auch berichtet worden, aber »gerade so viel, wie man berichten muss«, betont Sander. »Es war beschämend wenig.«

Israel sei zudem dafür kritisiert worden, mit Hilfsorganisationen nicht zusammenzuarbeiten, die keine Transparenz über mögliche Hamas-Verbindungen böten. Sander und ihr Kollege Alon David befragten dazu selbst Organisationen: Viele hätten gar nicht geantwortet, andere eingeräumt, dass es im Gazastreifen sehr schwierig sei, herauszufinden, mit wem man eigentlich kooperiere. Man vertraue einfach den Menschen, mit denen man jahrelang schon gearbeitet habe.

Abschließender Wunsch

Einer der letzten von Sander projizierten Screenshots zeigt einen Beitrag über Opferzahlen im Iran. Die Überschrift lautet »Woher kommt die Zahl 12.000 Tote?« Es folgen ausführliche Erklärungen mit dem Namen einer iranischen Menschenrechtsorganisation und eines iranischen Senders mit Sitz in London. »Wenn diese Transparenz für den Iran möglich ist, warum hat man das in den letzten zwei Jahren in Gaza nicht gemacht?«, wundert sich Sander. So hätte man erklären können, wie die Zahlen der Hamas-Propaganda entstanden seien.

Kritisch äußert sie sich auch über Talkshows, in denen überwiegend Israel-kritische, jüdische Stimmen eingeladen oder wenig qualifizierte Personen als Nahostexperten präsentiert würden. Als Beispiel zeigt sie ein Zitat der Journalistin Kristin Helberg: »Israel tötet jeden Tag im Gazastreifen eine ganze Schulklasse.« Ein solcher Satz entspreche der hetzenden Sprache der Straße, so Sanders unter Bezug auf die antiisraelischen Demonstrationen, die seit dem 7. Oktober 2023 weltweit stattfinden.

Diese Art der Berichterstattung bestärke Menschen, die Israel ohnehin hassen, noch mehr in ihrem Hass. Es habe direkte Folgen im Leben von jüdischen Menschen und solchen, die sich für den jüdischen Staat einsetzten. In ihrem Postfach bekomme sie häufig Hassnachrichten, die mit Berichten von ARD und ZDF untermauert seien. Zur Dokumentation liest sie eine ganze Reihe von schwer erträglichen Folter- und Morddrohungen vor, die sie erhalten hat. Sie hätte sie gerne auf Social Media veröffentlicht, aber ihr Account sei dann gesperrt worden, obwohl sie Warnhinweise geschrieben hatte, dass sie die Texte zu Bildungszwecken verbreite. Sie wünsche sich, sagt Sander zum Abschluss, dass auch Redaktionen des ÖRR diese Nachrichten zu lesen bekämen, damit sie über die Konsequenzen ihrer Arbeit nachdenken.

Die Ausführungen der Vortragenden unterstützend, weist eine Frau aus dem Publikum auf einen Vortrag der TU-Professorin Monika Schwarz-Friesel aus dem November 2025 hin: »Antisemitismen in den Medien – Jews are News and Bad Jews are Good News«. Auch der Journalist Tom David Frey prangert in seinen Videos regelmäßig die Einseitigkeit des ÖRR an, ebenfalls anhand der Berichte von Sophie von der Tann oder eines Interviews mit Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten iranischen Schah. Ähnlich kritisch berichtet der Militärblogger Joey Hoffmann über die weltweit geframte Auswahl von Bildern zum Gaza-Krieg.

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