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Israel liefert Drohnenwarnsystem an Ukraine

Russischer angriff mit iranischen Kamikaze-Drohnen auf die ukranische Hauptstadt Kiew
Russischer Angriff mit iranischen Kamikaze-Drohnen auf die ukranische Hauptstadt Kiew (© Imago Images / NurPhoto)

Die massiven russischen Drohnenangriffe auf die ukrainische Bevölkerung führen zu einem Umdenken in der israelischen Regierung. Israel wird der Ukraine zwar keine Waffen liefern, dafür aber das modernste Drohnenwarnsystem.

Der israelische Verteidigungsminister Benny Gantz hat angekündigt, sein Land werde der Ukraine ein System zur Warnung vor feindlichen Drohnen zur Verfügung stellen. Er reagiert damit auf eine Welle des Terrors, die Russland mithilfe iranischer Drohnen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew entfesselt hat, sowie auf die Kritik an der angeblichen Untätigkeit Israels, die zuletzt auch aus der israelischen Regierung selbst laut geworden war.

Gantz sagte, Israel werde der Ukraine »beim Aufbau und der Lieferung eines intelligenten Warnsystems« helfen. Dies werde zum Schutz der Zivilbevölkerung beitragen.

Wie die Times of Israel schreibt, verwendet das israelische Warnsystem eine Kombination aus Radar und elektrooptischen Geräten, um ankommende Fluggeräte zu erkennen, die Größe und die Bedrohung, die sie darstellen, zu klassifizieren und auf einer Landkarte die gefährdeten Gebiete zu lokalisieren. Daran anschließend wird die Bevölkerung durch Sirenen, SMS oder WhatsApp und Nachrichten im Fernsehen und Radio gewarnt.

Die Sitzungswoche der israelischen Regierung hatte am Sonntag damit begonnen, dass ein Minister auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Militärhilfe für die Ukraine gefordert hatte. Die Zeit sei gekommen, so schrieb Nachman Shai, Minister für Diaspora-Angelegenheiten und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei (Awoda), der Ukraine Militärhilfe zu leisten, wie die USA und andere NATO-Staaten dies bereits täten.

»Heute Morgen wurde berichtet, dass der Iran ballistische Raketen an Russland liefert. Es gibt keine Zweifel mehr darüber, wo Israel in diesem blutigen Konflikt stehen sollte.«

Auch Prominente in den sozialen Medien hatten sich zuletzt dazu geäußert. Der amerikanische Historiker und Holocaustforscher Timothy Snyder schrieb auf Twitter:

»Die israelische Neutralität im genozidalen Krieg Russlands gegen die Ukraine war immer ein ethischer Fehler. Heute ist völlig klar, dass es zudem eine strategische Katastrophe ist.«

Dazu muss man sagen, dass es leicht ist, das ethische Versagen der anderen zu tadeln, wenn man selbst keinerlei Verantwortung trägt. Israels Regierung ist verantwortlich für neun Millionen Bürger und acht Millionen Juden in der Diaspora. Sie alle könnten durch einen falschen Schritt gefährdet werden. Im Übrigen ist Israel nicht neutral, sondern leistet seit dem Frühjahr in der Ukraine medizinische und andere humanitäre Hilfe.

Irans Terrorkrieg in der Ukraine

Mit iranischer Hilfe hat der russische Machthaber Wladimir Putin im Spätsommer eine neue Phase seines Angriffskriegs gegen die Ukraine begonnen. Weil die russische Armee mit konventionellen militärischen Mitteln bislang nicht den erhofften Erfolg hatte und ihr nun offenbar sogar die Raketen ausgehen, soll nun jene Taktik den Sieg bringen, auf die sich das iranische Regime am besten versteht: Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wird das iranische Regime Moskau ballistische Raketen der Modelle Fateh und Zolfaghar, die eine Reichweite zwischen 300 und 700 Kilometer haben, schicken, mit denen Russland ukrainische Städte angreifen kann. Zudem greift Russland mit iranischen Drohnen die zivile Infrastruktur an, etwa die Energieversorgung, und versetzt Zivilisten in Angst und Schrecken. Am Montag wurde eine schwangere Frau von einer Drohne getötet. Die Angriffe in der Ukraine brächten dem Iran »Ehre«, prahlte der iranische Machthaber Ajatollah Khamenei anschließend auf Twitter.

Wie die britische Tageszeitung Daily Mirror zuerst berichtete, unterstützen iranische Elitesoldaten Russland unmittelbar bei seinen Angriffen. Bis zu fünfzig Spezialisten des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) seien entsandt worden, um Moskaus Streitkräfte in der Bedienung von Kamikaze-Drohnen zu schulen. Die Revolutionsgardisten wurden gemeinsam mit Hunderten von Shahed-136-Drohnen, mit denen in den vergangenen Tagen ukrainische Städte bombardiert wurden, an die Süd- und Ostfront geschickt. Bei einigen dieser Angriffe stehen sie sogar im Verdacht, die Shahed-136-Drohnenteams direkt bei der Ermittlung der Flugbahn und der Zielerfassung unterwiesen zu haben.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba kündigte am Dienstag an, als Reaktion auf die iranischen Feindseligkeiten gegen die Ukraine die Beziehungen zum Iran zu kappen. Gleichzeitig sprach er davon, dass die Ukraine Israel um Waffenlieferungen bitten werde.

Israels Dilemma

Für die israelische Regierung ist das ein schwieriges strategisches und moralisches Problem. Das liegt nicht daran, dass es Zweifel daran gibt, dass Russland Israels Feind ist. Abgesehen von einer kurzen Phase im Jahr 1948, als Stalin die Gründung Israels unterstützte und der Tschechoslowakei erlaubte, den im Moment seiner Gründung von sieben arabischen Armeen überfallenen jüdischen Staat mit Waffenlieferungen zu unterstützen (die Israel nicht geschenkt bekam, sondern bezahlte), stand Russland bzw. die Sowjetunion stets auf Seite derer, die Israel vernichten wollten.

Das Interesse des Kremls hatte etwas mit der großen Bevölkerungszahl und Landmasse der arabischen Staaten zu tun und steigerte sich, nachdem Albanien sich 1961 von Moskau abgewandt hatte. Nachdem die Sowjetunion Albanien nicht mehr als Stützpunkt für seine Flotte im Mittelmeer nutzen konnte, wuchs die Bedeutung der Verbündeten Ägypten und Syrien. Diese wurden von Moskau großzügig mit Waffen versorgt: Panzer, Kampfjets, Luftabwehrraketen, Panzerabwehrraketen. Ohne sowjetische Waffen hätte es den Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973, bei dem 2.700 Israelis ihr Leben verloren, sicherlich nicht gegeben.

Zur selben Zeit unterstützte Moskau den Terrorismus von Jassir Arafats PLO und führte bei den Vereinten Nationen einen antisemitisch gefärbten Propagandafeldzug gegen Israel. Der Gipfel der Verleumdung war wohl die berüchtigte »Zionismus-ist-Rassismus«-Resolution der UN-Generalversammlung vom November 1975, die maßgeblich auf Betreiben Moskaus zustande kam.

Die Sowjetunion heißt inzwischen wieder Russland, und gewiss ist das heutige Regime nicht identisch mit dem kommunistischen. Etwas aber blieb gleich: Moskau ist die Schutzmacht der bösartigsten Diktaturen der Welt: Zu den engsten Verbündeten zählen Länder wie Nordkorea, Weißrussland, Syrien, Algerien, Kuba, Venezuela, Nicaragua und eben der Iran ­– und der gefährlichsten Terrororganisationen.

Zu Zeiten des Kommunismus wurden Terroristen der PLO in der Sowjetunion und der DDR ausgebildet. Heute schickt Russland vor allem Waffen, etwa an die Hisbollah. Die von Russland gelieferte lasergelenkte Panzerabwehrrakete Kornet, um nur ein Beispiel zu nennen, wurde im zweiten Libanonkrieg 2006 von der Hisbollah mit einigem Erfolg gegen israelische Panzer eingesetzt, später auch von der Hamas gegen Zivilisten, etwa beim Anschlag auf einen Schulbus im April 2011.

Doch auch wenn es keinen Zweifel daran gibt, dass Russlands Politik israelischen Interessen fundamental zuwiderläuft, bedeutet das nicht, dass Israel ohne Zögern reagieren könnte. Würde die Regierung in Jerusalem die Ukraine mit Waffen versorgen, wäre das zwar ein Weg, Moskau etwas heimzuzahlen – dafür, dass seit Jahrzehnten Israelis von Waffen getötet werden, die Russland geliefert hat. Aber kann Israel es sich leisten, das russische Regime zu reizen? Das oberste Gebot israelischer Außenpolitik muss immer sein, alles dafür zu tun, um Israels Existenz zu sichern und alles zu unterlassen, was seine Existenz gefährdet.

Die israelische Regierung muss also berücksichtigen, dass Russland trotz der jüngsten Rückschläge immer noch ein mächtiges Land ist und viel tun könnte, um Israel noch mehr zu schaden: mehr und bessere Waffen an die Hisbollah, die Hamas und den Iran liefern, den Iran bei der Entwicklung seiner Raketen und nuklearen Massenvernichtungswaffen unterstützen, oder nicht mehr länger untätig bleiben, wenn Israel in Syrien iranische Stellungen bombardiert. Bislang schien die israelische Luftwaffe dort freie Hand zu haben. Das könnte sich ändern.

Moskau droht

Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew warnte Israel am Montag davor, Waffen in die Ukraine zu schicken, und sagte, dies wäre das Ende der diplomatischen Beziehungen zwischen Jerusalem und Moskau.

»Es scheint, dass Israel Waffen an das Kiewer Regime liefern wird. Ein sehr rücksichtsloser Schachzug. Es wird alle diplomatischen Beziehungen zwischen unseren Ländern zerstören.«

Medwedew ist derzeit stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrats von Russland und gilt als wichtiger Verbündeter und Sprachrohr von Präsident Wladimir Putin.

Der massenhafte Einsatz iranischer Kamikaze-Drohnen ist für Israel eine strategische Herausforderung und eine Eskalation des Krieges gegen die ukrainische Bevölkerung. Welchen Schutz gibt es? Vor allem dann, wenn Drohnen in Schwärmen eingesetzt werden, können sie die herkömmliche Luftabwehr mit Leichtigkeit überwinden. Da Drohnen oft sehr klein sind, wenige Metallbauteile haben, sehr schnell und sehr tief fliegen und sich vom Boden aus präzise steuern lassen, gibt es kaum eine Möglichkeit, eine ganze Stadt (geschweige ein ganzes Land) wirksam gegen sie zu schützen, wie Drohnenexperte Igor Tchouchenkov in einem Interview mit Mena-Watch erklärte.

Es ist klar, dass der Iran die auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gesammelten Erfahrungen nutzen wird, um seine waffentechnischen Fähigkeiten auszubauen – gerade, was die Drohnenangriffe betrifft. Für Israel wäre es darum wichtig, seine Fähigkeiten zum Detektieren von Drohnen noch weiter zu verbessern.

Die Ukraine auf diesem Gebiet zu unterstützen, ist vielleicht der beste Weg. Auf diese Weise tut Israel erstens etwas, das direkt dazu beiträgt, das Leben ukrainischer Zivilisten sicherer zu machen. Zweitens wird Israel auf einem für künftige Kriege entscheidenden Gebiet Erfahrungen sammeln und diese in die eigene Forschung und Entwicklung einfließen lassen. Drittens ist Israel auf diese Weise weiterhin nicht daran beteiligt, auch nur einen russischen Soldaten zu töten. Es ist also eine geringere Eskalation im Verhältnis zu Moskau, als, sagen wir, die Lieferung von Luftabwehrraketen. Und viertens kann Israel, wenn das Warnsystem erfolgreich ist, der Welt das Signal senden, dass es sich nicht auszahlt, die Hilfe des iranischen Regimes zu suchen, weil Israel dann etwas unternehmen wird, um diese zu neutralisieren.

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