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Israel soll mal wieder Dämme geöffnet haben, die gar nicht existieren

Auch dieses Jahr wurde wieder die Mär verbreitet, Israel sei für Überschwemmungen in Gaza verantwortlich
Auch dieses Jahr wurde wieder die Mär verbreitet, Israel sei für Überschwemmungen in Gaza verantwortlich (© Imago Images / ZUMA Wire)

Für Missstände und Probleme aller Art werden seit alters her die Juden verantwortlich gemacht. Auch für Naturkatastrophen wie Erdbeben, mangelnden Regen und Dürre – oder Überschwemmungen.

Wie schon in den Vorjahren, wurde in den letzten Wochen wieder das Gerücht verbreitet, Israel habe Überschwemmungen im Gazastreifen verursacht, indem es die „Tore“ von „Dämmen“ geöffnet habe, die es entlang des Gazastreifens angeblich gebe. Doch solche Dämme existieren überhaupt nicht.

Alle Jahre wieder

Der Hintergrund der Geschichte: Jedes Jahr im Winter gibt es im Nahen Osten heftige Regenfälle. Es ist gut, dass es sie gibt, denn so werden Flüsse, Seen, Trinkwasserreservoirs und vor allem die unterirdischen Aquifere, aus denen Landwirte Wasser entnehmen, nach der Zeit der Dürre wiederaufgefüllt.

Doch wenn es Tage lang sehr ergiebig regnet, hat das auch zur Folge, dass es Überschwemmungen gibt, weil der Boden nicht alles Wasser auf einmal aufnehmen kann. Vor allem in Senken sammelt sich das Wasser, und Bewässerungsgräben, die Landwirte um ihre Felder herum bauen, um das Regenwasser – das die meiste Zeit des Jahres ja knapp und kostbar ist – auf ihre Felder zu leiten, überschwemmen dann die Felder.

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Auch in den Straßen der Städte Israels und des Gazastreifens steht das Wasser in manchen Jahren nach Regenfällen kniehoch. Der Regen fällt natürlich auch in Israel und führte dort in den letzten Wochen zu Überschwemmungen. An den Überschwemmungen im Gazastreifen aber soll nicht der Regen schuld sein, sondern Israel.

Sucht man dieser Tage im Internet mit Google nach dem Stichwort „Gaza“ und flooding, dem englischen Wort für Überschwemmung, dann erscheint unter den ersten Treffern ein „Bericht“ der englischsprachigen Nachrichtenseite Middle East Monitor mit der Schlagzeile „Israel flutet Farmland im Osten Gazas mit Regenwasser“. Im Text heißt es:

„Wie das palästinensische Landwirtschaftsministerium am Donnerstag mitteilte, hat Israel seine Regenwasserdämme geöffnet, was zur Überschwemmung von Ackerland in der Nähe der Ostgrenzen des Gazastreifens und zur Zerstörung riesiger landwirtschaftlicher Gebiete geführt habe. Israel hat mehrere Dämme gebaut, um Regenwasser zu sammeln und zu nutzen, und lässt es ohne Vorwarnung ab, wenn sich im Winter große Mengen Wasser ansammeln, wodurch die Farmen und die landwirtschaftlichen Flächen des Gazastreifens geschädigt werden.

Ahmed Fatayer, Direktor der Abteilung des Ministeriums in Gaza, erklärte Israel habe ‚die Regenwasserdämme östlich des Stadtteils Shuja’iyya im Osten des Gazastreifens geöffnet, was zur Überschwemmung von Hunderten von Dunams landwirtschaftlicher Nutzfläche führte.’ In einem Exklusivinterview mit der [türkischen Nachrichtenagentur] Anadolu Agency sagte Fatayer, dass palästinensische Landwirte ‚große Verluste und direkte und indirekte Schäden’ durch das plötzliche Öffnen von Dämmen erlitten haben.“

Moderne Brunnenvergifterlegende

Dies sei in den letzten Jahren immer wieder geschehen. Jedes Jahr im Februar, wenn es viel regnet, werden die Flächen überschwemmt – nicht etwa durch den Regen, sondern durch Israels Dämme, sollen die Leser glauben. Diese Dämme existieren aber nicht, und die Falschmeldung wurde in der Vergangenheit nicht nur veröffentlicht, sondern auch als Falschmeldung enttarnt und zurückgezogen.

Im Februar 2015 etwa, als es jahreszeitbedingt im Gazastreifen ebenfalls überschwemmte Felder gab, wurde das Gerücht von den „israelischen Dämmen“, die geöffnet worden seien, sogar von der französischen Nachrichtenagentur AFP aufgegriffen.

AFP ist die älteste internationale Nachrichtenagentur und nach AP und Reuters drittgrößte der Welt. Wie Nachrichten der anderen beiden werden auch die von AFP verbreiteten Nachrichten von Journalisten weltweit für bare Münze genommen. Auch westliche Zeitungen und der von zig Millionen Menschen weltweit gesehene katarische Satellitensender Al-Jazeera brachten die falsche Geschichte. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete damals:

„Diese Erfindung war von der Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP), der äußerst auflagenstarken britischen Tagezeitung Daily Mail, palästinensischen Nachrichtenagenturen und unzähligen anderen Internet- und Social-Media-Sites wiederholt worden.“

Al Jazeera schrieb auf seiner Website:

„Anmerkung des Herausgebers: In einer früheren Version dieser Seite wurde ein Artikel veröffentlicht, in dem behauptet wurde, dass Israel ohne Vorwarnung eine Reihe von Dämmen geöffnet habe, was dazu geführt habe, dass ein Teil des Gazastreifens überflutet worden sei. Dies war falsch. In Südisrael gibt es keine Staudämme dieses Typs, die geöffnet werden könnten. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler. „

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Haaretz erklärte seinen Lesern im Ausland: „Die derzeitige Überschwemmung in Gaza ist auf die starken Winterregen zurückzuführen.“ Wie Haaretz schrieb, zog auch die Daily Mail ihre Nachricht zurück und entschuldigte sich. In einem aktualisierten Bericht über die Überschwemmungen in Gaza habe es auf der Website der Zeitung geheißen:

„In einer früheren Version dieses Artikels wurde behauptet, dass Israel im Süden des Landes Flussdämme geöffnet habe, was zu Überschwemmungen im Gazastreifen geführt habe. Tatsächlich gibt es keine Dämme in Südisrael und die Überschwemmung wurde durch Regen- und Entwässerungsprobleme verursacht. Wir freuen uns, dies klarzustellen.

Ähnlich wie die Ritualmordlegende oder andere antisemitische Gerüchte wird auch diese Geschichte immer wieder geschrieben werden, mag sie auch noch so oft als falsch bewiesen worden sein. Über die sozialen Netzwerke verbreitet sie sich dann wie ein Virus – eine Richtigstellung hingegen wird leider weniger stark wahrgenommen, denn sie ist für die meisten Leute nicht so interessant.

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