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Israels Ukraine-Dilemma

Jüdische Pilger auf dem Weg zur Grabstätte von Rabbi Nachman in Breslov in der Zentralukraine. (© imago images/Ukrinform)
Jüdische Pilger auf dem Weg zur Grabstätte von Rabbi Nachman in Breslov in der Zentralukraine. (© imago images/Ukrinform)

Israel steht in der Ukraine-Krise zwischen den Fronten. Politische und wirtschaftliche Interessen sind genauso wichtig wie Israels Rolle als Rettungsanker für Juden.

In Israel ist man sich einig: Es ist die bislang schwerste Prüfung, mit der Premier Naftali Bennett und Außenminister Jair Lapid auf dem politischen Weltparkett konfrontiert sind. Die Konstellationen rund um die Ukraine sorgen dafür, dass diverse israelische Interessen in Widerspruch zueinander geraten.

Dass Israel beste Gründe hat, seinen mächtigen Bündnispartner USA nicht zu verprellen, liegt auf der Hand. Zugleich ist das Land auf Russlands Wohlwollen angewiesen, um Handlungsfreiheit beim Vorgehen gegen iranische Ziele in Syrien zu behalten – und dies erst recht angesichts der aus israelischer Sicht alles andere als erfreulich verlaufenden Atomverhandlungen mit dem Iran in Wien.

Bennett und Lapid üben sich in wohlüberlegten Statements, um Manövrierspielraum zu wahren. Das Selbstverständnis Israels, Rettungsanker für Juden in aller Welt zu sein, führt in der Ukraine-Krise zu kaum überwindbaren Interessenkonflikten.

Israels zwiespältiger Blick auf die Ukraine

Für Israel ist die Ukraine ein bedeutsamer Lebensmittellieferant. Das Anfang 2019 abgeschlossene Freihandelsabkommen könnte das Handelsvolumen in den kommenden Jahren durchaus noch weiter steigern. Doch schon jetzt decken die Getreideimporte aus der Ukraine die Hälfte des israelischen Bedarfs. Dies trägt u. a. dazu bei, dass Israel, anders als im Fall von Polen, leise tritt, wenn in der Ukraine neben unzähligen Denkmälern auch Fackelmärsche das Andenken an Stepan Bandera glorifizieren, der für viele Ukrainer ein Nationalheld, in Israels Augen jedoch (zusammen mit mehreren Zehntausend Ukrainern) ein NS-Kriegsverbrecher ist.

Ebenso zurückhaltend gab Israel sich im Jahr 2020, als die ukrainische Regierung anstrebte, zukünftig Erfassungslisten für Juden des Landes zu führen. Und auch wenn Publikationen, die sich kritisch mit der ukrainischen Geschichte während der NS-Zeit auseinandersetzen, verboten werden, hört man selten ernsthafte Rügen aus Israel.

Jüdische Ukraine und ukrainisches Israel

Israel blickt bezüglich der Ukraine auf weitere Verquickungen weit über die Tatsache hinaus, dass die Ukraine neben Israel das einzige Land der Welt ist, dessen seit dem Jahr 2019 amtierender Staatspräsident Volodymyr Zelenskyy und ehemaliger Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman, im Amt von 2016 bis 2019, jüdischer Herkunft sind. Nicht umsonst wird die Ukraine gelegentlich als Wiege des Chassidentums, der jiddischen Sprache und modernen hebräischen Literatur, aber auch des Zionismus bezeichnet.

Die jüdische Gemeinschaft der Ukraine soll laut dem Institute of Jewish Policy Research im Jahr 1970 noch 875.000 Angehörige gezählt haben und bis 2001 auf 104.000 Personen geschrumpft sein. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl der Gemeindemitglieder auf 56.000 bis 75.000 Juden beläuft. Auch die Einwanderung nach Israel spielt eine Rolle: Allein zwischen 2014 und 2018 machten rund 50.000 ukrainische Juden Alijah, die das ohnehin große Kontingent ukrainischer Juden in Israel noch weiter aufstockten. Auch inmitten der Krise riss dieser Strom nicht ab. Allein in diesen Tagen machten 75 Juden aus der Ukraine Alijah.

Allerdings gehen auch Israelis in die Ukraine. Gegenwärtig leben 10.000 bis 15.000 Israelis in der Ukraine, darunter viele Unternehmer, aber auch 2.000 mehrheitlich arabisch-israelische Studenten. Lediglich 6.050 von ihnen trugen sich in die Krisenvorsorgenliste der israelischen Botschaft in Kiew ein, 3.100 Staatsbürger registrierte man als nach Israel zurückgekehrt.

Neben Unternehmern und Studenten richten vor allem Chassiden wegen Pilgerfahrten an das Grab von Rabbiner Nachman in Uman ihren Blick auf die Ukraine. Dieses Land, das auch heute noch eine der größeren jüdischen Diasporagemeinden beheimatet, steht jedoch nicht nur im Fokus der Ultraorthodoxie. Das in Jerusalem ansässige Schechter Institut für Konservatives Judentum erfreut sich großen Zuspruchs in der Ukraine, während z. B. die NGO International Friendship for Christians and Jews (IFCJ) in der Ukraine sowohl den interreligiösen Dialog als auch Programme zur jüdischen Identitätsfindung fördert und an der Organisation der jüngsten Alijah-Flüge mitwirkte.

»Kol Yisrael Arevim Zeh BaZeh«

Das von Talmud-Gelehrten formulierte Solidaritätsprinzip »Kol Yisarel Arevim Zeh BaZeh« (»Alle Juden sind füreinander verantwortlich«) spielte während der Verfolgungen in der Diaspora eine herausragende Rolle und kam auch 1929 bei der Gründung der Jewish Agency for Israel zum Tragen. Diese Organisation, die bis heute zentral für die Einwanderung nach Israel ist, setzt zudem Hilfs- und Rettungsaktionen für Juden in aller Welt um. Der Minister für Diaspora-Angelegenheiten Nachman Shay münzte das kürzlich zu einer Art Staatsraison um: »Israel ist da, um Juden zu helfen, wo auch immer sie leben; Juden, deren Leben gefährdet ist oder die in Schwierigkeiten sind.«

Für den ehemaligen Sowjetraum verfügt Israel seit rund drei Jahrzehnten über Schubladenpläne für Rettungsoperationen, die 2014 um die Erfahrungen aktualisiert wurden, die man bei kriegerischen Konfrontationen in der Region der Ukraine sammelte. Einkalkuliert sind Größenordnungen wie die der 1991 durchgeführten Operation Salomon, als Israel im Zuge einer knapp 25-stündigen Luftbrücke fast 15.000 Juden aus Äthiopien nach Israel holte. Denn israelische Experten schätzen, dass mindestens 50.000 Zivilisten einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine mit dem Leben bezahlen und fünf Millionen Ukrainer in die Flucht getrieben werden könnten.

Dass sich eine Wohlfahrtsorganisation wie das 1914 gegründete US-amerikanische Joint Distribution Committee (JDC) schon seit Jahren um grundlegende Bedürfnisse von rund 37.000 älteren ukrainischen Juden, darunter 9.900 Shoa-Überlebende, kümmert, veranschaulicht das Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit für notleidende Juden, das noch deutlich anwachsen würde, sollte es zum Krieg kommen.

Die israelischen Vorbereitungen beziehen sich zudem auf die Bewältigung einer Masseneinwanderung. Abgesehen von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden gelten 200.000 Ukrainer als Nachfahren von Juden, denen das israelische Rückkehrgesetz das Recht auf Alijah und Staatsbürgerschaft zuspricht.

Unabwendbarer Schmetterlingseffekt?

Israels Regierung leugnet nicht, sich intensiv mit dem Thema zu befassen, sah aber von expliziten Stellungnahmen dazu ab. Außenminister Lapid positionierte Israel dennoch, als er ausführte, Israel teile die Position der westlichen Staaten, dass alles unternommen werden muss, um einen bewaffneten Konflikt abzuwenden. Im selben Atemzug sagte er darüber hinaus, »Israel ist in den Konflikt nicht involviert«, machte zugleich aber unmissverständlich deutlich: »In beiden Ländern, in Russland und in der Ukraine, bestehen große jüdische Gemeinschaften, die wir beschützen müssen.«

Als die Ukraine Israel deutlich zu verstehen gab, schon demnächst könnten für israelische Staatsbürger »keine Rettungsflüge mehr möglich sein«, erwähnte Außenminister Lapid die Nutzung des Landweges und das Einbeziehen angrenzender Staaten wie Polen, Ungarn, Rumänien, Moldawien und die Slowakei. Damit war klar: Israel zieht solche Wege ebenfalls zur Rettung jüdischer Ukrainer in Erwägung.

Wird Israels Position bezüglich dieses Themenkomplexes zwangsläufig zu einem Schmetterlingseffekt führen, bei dem das eigene Handeln zu unerwünschten Folgen an unerwarteten Stellen eines komplexen Systems führen? Aufgrund seines Selbstverständnisses wird Israel in Lebensgefahr schwebende Juden in der Ukraine nicht ohne Hilfe und Rettung lassen, könnte dafür jedoch einen anderen Weg einschlagen, als direkte staatliche Hilfsleistungen zu unternehmen.

Das machte in der Ukraine bereits in der Vergangenheit die NGO World Jewish Relief (WJR) vor, ebenso wie das JDC 1992 bei der Rettung von Juden aus der vom jugoslawischen Bürgerkrieg schwer betroffenen Stadt Sarajewo. In diese Richtung vorgebaut hat Israel bereits. Einerseits betont man, dass sich die israelische Botschaft in Kiew ausschließlich um Belange israelischer Staatsbürger kümmert. Andererseits wahrt Israel, ganz im Gegenteil zu den eigenen Vorbereitungen, umfassendes Schweigen bezüglich seiner Kontakte zu jüdischen Organisationen vornehmlich in Großbritannien und in den USA als auch international agierender christlicher NGOs, die sich laut eigenen Angaben auf eine »Operation Exodus für die ukrainischen Juden« vorbereiten.

Ob dieser um Tretminen einen Bogen machende Weg Israels auch noch beschritten werden kann, wenn es Raketen und Granaten hagelt, könnte sich schon in naher Zukunft zeigen.

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