Ein Drittel des globalen seegestützten Düngemittelhandels wird über die Straße von Hormus abgewickelt. Jede Störung dieser Verbindung beeinträchtigt die weltweite Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion.
Anfang des 20. Jahrhunderts lösten Fritz Haber und Carl Bosch eines der fundamentalsten Probleme der Landwirtschaft: Pflanzen benötigen reaktiven Stickstoff, der in der Natur nur begrenzt verfügbar ist. Das Haber-Bosch-Verfahren ermöglicht es, atmosphärischen Stickstoff mithilfe von Wasserstoff unter hohem Druck und hoher Temperatur zu Ammoniak zu synthetisieren – dem Grundstoff für praktisch alle modernen Stickstoffdünger.
Diese technische Innovation ist bis heute eine der tragenden Säulen der globalen Ernährung. Schätzungen zufolge hängt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung von Nahrungsmitteln ab, die mithilfe synthetischer Stickstoffdünger produziert werden. Gleichzeitig ist die Herstellung energieintensiv und macht einen spürbaren Anteil des globalen Energieverbrauchs aus.
Erdgas ist der essenziellste Ausgangsstoff für die Herstellung von Wasserstoff, der wiederum mit Stickstoff zu Ammoniak reagiert. Aus Ammoniak wird unter Zugabe von Kohlendioxid Harnstoff (Urea) hergestellt – einer der weltweit wichtigsten Stickstoffdünger. Ein erheblicher Teil dieses Handels läuft über die Straße von Hormus. Über diese Route wird rund ein Drittel des globalen seegestützten Düngemittelhandels abgewickelt. Jede Störung dieser Verbindung wirkt deshalb unmittelbar auf die weltweite Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion.
Die Blockade der Straße hat zu einem Sprung bei den Preisen für Stickstoffdünger geführt. Selbst in den USA, wo die Preise wegen der heimischen Erdgasproduktion am wenigsten gestiegen sind, ist die Lage ernst. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtet:
»Der Landwirt Todd Littleton aus Tennessee rechnet in dieser Saison mit 100.000 Dollar Mehrkosten für Dünger – ein Anstieg von vierzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. (…) ›Das Problem ist, dass wir finanziell schon jetzt stark unter Druck stehen (…) Wir haben in den letzten Jahren Rekordverluste hinnehmen müssen, daher klammert sich jeder an jeden Strohhalm. Und dass die Preise für Betriebsmittel jetzt schon wieder steigen, könnte wirklich zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren. (…) Als die Häfen aufgrund von Schifffahrtsbedenken begannen, ihre Stickstoffpreise wegen des Konflikts zu erhöhen, hatte das direkte Auswirkungen auf mich hier auf der Farm‹.«
Weltweite Auswirkungen
Mehrere der wichtigsten Produzenten und Exporteure der Welt sind gleichzeitig beeinträchtigt. China, der größte Harnstoffproduzent der Welt, hat seine Exporte – die schon seit Herbst stark eingeschränkt waren – aufgrund der Knappheit gestoppt. Einheimische Käufer haben Vorrang. Russland bleibt zwar ein bedeutender Exporteur, doch der Krieg und die damit verbundenen Sanktionen sowie gestörte Logistikketten belasten den Markt weiterhin. Der Iran ist als Exporteur weitgehend ausgefallen, ebenso Katar und Saudi-Arabien.
Die Auswirkungen reichen jedoch über die eigentlichen Exportländer hinaus. Viele Staaten, die selbst keine großen Düngemittelexporteure sind, produzierten bislang einen erheblichen Teil ihres Bedarfs im Inland – sind dafür aber auf Erdgasimporte angewiesen, insbesondere in Form von LNG aus dem Persischen Golf. Bleiben diese Lieferungen aus, geraten ihre Produktionskapazitäten unmittelbar unter Druck.
In Indien etwa hat der norwegische Düngemittelkonzern Yara am Mittwoch angekündigt, seine Harnstoffproduktion wegen Gasmangels zu drosseln. Auch andere Hersteller in Indien, Pakistan und Bangladesch berichten von Produktionskürzungen oder Stillständen. Damit fällt nicht nur Exportkapazität weg – auch die lokale Versorgung gerät ins Wanken. Indien, Pakistan und Bangladesch haben zusammen eine Bevölkerung von rund zwei Milliarden Menschen, etwa ein Viertel der Weltbevölkerung. Wenn diese Länder Harnstoff nicht mehr selbst herstellen können, weil ihnen das LNG vom Persischen Golf fehlt, müssen sie sich an den Weltmarkt wenden.
Selbst wirtschaftsstarke Regionen sind nicht immun. Die Europäische Union ist trotz eigener Produktionskapazitäten in hohem Maße auf Importe angewiesen. Der Grund liegt vor allem in den Energiekosten: Die Herstellung von Ammoniak ist extrem gasintensiv, und Erdgas ist in Europa deutlich teurer als in vielen anderen Regionen. Während der Energiekrise 2022 wurden zahlreiche Anlagen gedrosselt oder zeitweise stillgelegt. Das hat die Importabhängigkeit strukturell erhöht.
Neben Stickstoffdünger kommt auch ein großer Teil der Phosphatdünger aus der Region, namentlich aus Saudi-Arabien. Durch die Kombination aus Exportbeschränkungen, Produktionsausfällen und gestörten Handelsrouten droht dem Weltmarkt eine Verknappung des Düngerangebots – ausgerechnet zur Frühjahrsaussaat.
Sozialer Sprengstoff für MENA-Region
Für Landwirte ist der Zeitpunkt der Stickstoffdüngung entscheidend: Der Nährstoff wird vor allem in der frühen Wachstumsphase benötigt, wenn Pflanzen Blätter und Triebe ausbilden. Wird er zu spät oder in zu geringer Menge ausgebracht, lassen sich die Verluste kaum noch kompensieren. Die agronomischen Folgen sind gut bekannt. Weniger Stickstoffdünger führt in der Regel zu geringeren Erträgen – besonders bei stickstoffintensiven Kulturen wie Weizen, Mais oder Raps. Dabei können selbst moderate Reduktionen überproportionale Einbußen nach sich ziehen. In der Summe kann das Millionen Tonnen Ernteverlust bedeuten.
Diese Verluste bleiben nicht auf die Felder beschränkt. Sie wirken entlang der gesamten Wertschöpfungskette: auf Futtermittelmärkte, Viehzucht, die Produktion von Biokraftstoffen und schließlich auf die Preise für Lebensmittel im Einzelhandel. Steigende Düngemittelpreise übersetzen sich mit zeitlicher Verzögerung fast zwangsläufig in steigende Nahrungsmittelpreise.
Besonders sensibel ist diese Dynamik in der MENA-Region. In vielen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens ist die Bevölkerung stark von importierten Grundnahrungsmitteln abhängig, insbesondere von Weizen. Brot macht einen erheblichen Anteil der Ausgaben ärmerer Haushalte aus und ist politisch hochsensibel.
Ein Blick in die Geschichte zeigt die Brisanz. Drastische Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel wie Brot, Reis und Zucker führten im Januar 1977 in Ägypten zu einer »Brotunruhen« genannten landesweiten Protestwelle. Die Preiserhöhungen standen im Kontext der wirtschaftlichen Reformen von Präsident Anwar as-Sadat, der im Zuge seiner Infitah-Politik (»Öffnung«) staatliche Subventionen kürzen wollte, auch auf Druck internationaler Geldgeber wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF).
Die plötzlichen Preissteigerungen trafen vor allem ärmere Bevölkerungsschichten hart und führten zu massiven Demonstrationen und Unruhen in Städten wie Kairo und Alexandria. Die Proteste wurden schließlich gewaltsam vom Militär niedergeschlagen, wobei es zahlreiche Tote und Verletzte gab. Unter dem Druck der Straße sah sich die Regierung jedoch gezwungen, die Preiserhöhungen teilweise wieder zurückzunehmen.
Brotpreise und Arabischer Frühling
Auch zwischen 2007 und 2010 stiegen die globalen Lebensmittelpreise stark an, insbesondere für Weizen, Reis und Mais. In Ländern wie Ägypten und Tunesien gerieten breite Bevölkerungsschichten unter massiven Druck. Steigende Brotpreise waren nicht der alleinige Auslöser der Proteste, wirkten aber als entscheidender Verstärker bestehender sozialer und politischer Spannungen. In Tunesien trugen sie zu den ersten Unruhen bei, aus denen der Arabische Frühling hervorging. Hohe Lebensmittelpreise sind damit nicht nur ein ökonomisches, sondern ein politisches Risiko. Sie können gesellschaftliche Spannungen verschärfen – insbesondere dann, wenn sie mit steigenden Energiepreisen zusammenfallen.
Gleichzeitig verschiebt sich das geopolitische Gewicht im Düngemittelmarkt. Zu einem strategischen Gewinner der Lage könnte Marokko werden. Es besitzt in der Westsahara die größten Phosphatvorkommen der Welt. Die Förderbänder, die von der Wüste zum Atlantik führen, sind vom Weltall aus zu sehen. Das macht das Königreich zu einem relevanten geopolitischen Akteur.
Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump wolle angesichts der anhaltenden Engpässe durch den Krieg im Iran andere Düngerquellen erschließen – etwa aus Venezuela und möglicherweise Marokko, sagte der Wirtschaftsberater im Weißen Haus, Kevin Hassett, am Dienstag. »Wir haben Lizenzen erteilt, damit Venezuela mehr Dünger produzieren kann. Wir haben Gespräche mit Marokko geführt«, sagte er im Gespräch mit dem CNBC‑Programm Squawk Box und bezeichnete dies als »Versicherung gegen Unterbrechungen« für US‑Landwirte.
Aber selbst Marokko ist von den Ereignissen am Persischen Golf nicht verschont. Um aus dem Phosphorgestein der Sahara Phosphatdünger zu machen, ist Schwefelsäure notwendig, und die entsteht zum großen Teil in den Raffinerien am Persischen Golf bei der Entschweflung von Erdöl.
Die akute Krise könnte langfristige Folgen für die Ernährungssicherheit haben, wenn Anlagen zur Düngemittelproduktion zerstört werden. Katar produziert Harnstoff vor allem in großen Industrieanlagen in der Hafen- und Industriestadt Mesaieed südlich von Doha. Dort befindet sich die zentrale Produktionsstätte von Qatar Fertiliser Company (QAFCO), einem der größten Düngemittelhersteller der Welt. QAFCO betreibt mehrere hochmoderne Anlagen zur Ammoniak- und Harnstoffproduktion.
Das iranische Regime kündigte am Mittwoch an, auch Mesaieed unter Beschuss nehmen zu wollen, berichtete Al-Jazeera. Am Donnerstag machte Teheran seine Drohung dann wahr, traf bislang aber offenbar nicht die Düngemittelproduktion, sondern Öl- und Gasanlagen des Mesaieed Petrochemical Complex, der Mesaieed Holding Company und der Ras-Laffan-Raffinerie.






