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Hinrichtung eines iranischen Ringers: Staatlicher Mord ohne Konsequenzen

Der von iranischen Regime ermordete Ringer Navid Afkari
Der von iranischen Regime ermordete Ringer Navid Afkari (Quelle: Twitter Tavaana)

Im Iran ist der prominente Ringer Navid Afkari trotz internationaler Proteste hingerichtet oder gar zu Tode gefoltert worden. Sportlerverbände fordern deshalb Konsequenzen bis zum Ausschluss des Iran – doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) verweist auf die Souveränität der „Islamischen Republik“ und will keine Maßnahmen ergreifen. Das ist ein schwerer Fehler.

Alle internationalen Proteste haben nichts genützt: Das iranische Regime hat Navid Afkari im Gefängnis Adel-Abad in der südiranischen Stadt Shiraz ums Leben gebracht. Und das wesentlich früher, als es nach dem Urteil zu erwarten war, das vor der Hinrichtung eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren und zudem 74 Peitschenhiebe vorsah.

Die Behörden hatten Afkaris Angehörigen mitgeteilt, dass der 27-Jährige in den frühen Morgenstunden des 12. September erhängt worden sei. Doch es gibt Zweifel an dieser offiziellen Darstellung. Üblicherweise darf die Familie den Verurteilten vor seiner Exekution ein letztes Mal sehen, doch in diesem Fall war das nicht so – die Angehörigen wussten nichts von einer unmittelbar bevorstehenden Vollstreckung des Todesurteils. Auch der Anwalt wurde nicht, wie es eigentlich vorgesehen ist, 48 Stunden vorher informiert.

Zu Tode gefoltert?

Navid Afkari selbst hatte am Tag vor seinem Tod in einem Telefonat mit einem seiner Brüder noch erklärt, er werde am nächsten Morgen nach Teheran verbracht. Er selbst ging also ebenfalls nicht davon aus, so schnell sein Leben zu verlieren. All dies nährte den Verdacht, dass Afkari nicht erhängt, sondern in Wirklichkeit zu Tode gefoltert wurde.

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Dafür spricht auch, dass Augenzeugen der eilends anberaumten Beerdigung iranischen Medienberichten zufolge sagten, am Hals des Getöteten seien nicht, wie es sonst bei Erhängten der Fall ist, Spuren des Stricks zu erkennen gewesen, dafür jedoch Anzeichen von Gewalteinwirkung wie eine gebrochene Nase. Afkaris Familie durfte den Körper des Hingerichteten vor der Beerdigung außerdem offenbar nicht sehen.

Dass er gefoltert wurde, hatte Navid Afkari bereits mehrmals aus der Haft berichtet. Unter anderem im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Geständnis, auf einer regimekritischen Demonstration in Shiraz im November 2018 den „Revolutionswächter“ Hassan Turkaman erstochen zu haben – die in vielen Medien verwendete Bezeichnung „Sicherheitsbeamter“ für das Mitglied dieser paramilitärischen Terrororganisation ist ein irreführender Euphemismus –, der nach Angaben des Regimes zur Identifizierung von Demonstranten eingesetzt worden war.

Nicht zuletzt auf diesem „Geständnis“, das der Beschuldigte kurz darauf widerrief, basierte das Todesurteil. Welcher Art und wie bestialisch die Foltermethoden waren, hat Elisabeth Meister im Spiegel ausgeführt, und schon die Lektüre ist unerträglich.

„Sie suchen einen Hals für den Galgen“

Wenige Tage vor seinem Tod hatte sich Afkari an die Öffentlichkeit gewandt, unter anderem mit einer aus dem Gefängnis geschmuggelten Audiobotschaft.

 „Sie suchen einen Hals für den Galgen, und sie haben mich ausgesucht. Wenn ich hingerichtet werde, möchte ich, dass Sie wissen, dass eine unschuldige Person hingerichtet wird, obwohl sie mit all ihrer Kraft versucht und gekämpft hat, gehört zu werden.“

Auch Afkaris Pflichtverteidiger Hassan Younesi, der Sohn eines früheren iranischen Geheimdienst-Ministers, protestierte vehement gegen die Behandlung seines Mandanten. „Ein Geständnis, das unter Druck und Folter entstand, ist nicht gültig“, schrieb er auf Twitter. „Navid Afkari ist unschuldig. Es liegen keine Beweise gegen ihn vor.“

Die angeblich vorhandenen Aufnahmen einer Überwachungskamera, die die Tat zeigen sollen, existieren laut Younesi nicht. Die letzten Bilder seien eine Stunde zuvor aufgenommen worden. Zeugen gibt es ebenfalls keine, den Mörder hat niemand gesehen.

45 Tage nach der Demonstration wurden mehrere junge Menschen verhaftet, die man aufgrund von Mobilfunkdaten verdächtigte, in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Darunter waren auch Navid Afkari und sein 35 Jahre alter Bruder Vahid. Zwei Monate später wurde auch der 29-Jährige Habib Afkari verhaftet, ein weiterer Bruder. Beide wurden wegen „Beihilfe“ zum Mord verurteilt: Vahid zu 54 Jahren Gefängnis, Habib zu 27 Jahren, beide außerdem zu jeweils 74 Peitschenhieben. Auf der Website der iranischen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights Monitor findet sich eine Stellungnahme des ältesten Bruders, der berichtet, ebenfalls gefoltert worden zu sein.

Eskalation der Repression

Die Solidarität mit Navid Afkari war groß, auch Sportlervereinigungen wie beispielsweise die internationale Organisation Global Athlete hatten zu Protesten gegen das Todesurteil aufgerufen. Denn Afkari war ein prominenter Ringer und sehr populär im Iran, wo sich diese Sportart großer Beliebtheit erfreut.

Seine Bekanntheit hatte er genutzt, als er seine Stimme erhob, um gegen die politischen Verhältnisse in seinem Land zu protestieren, auch bei der besagten Demonstration im November 2018 in seiner Geburtsstadt Shiraz. Landesweit waren damals Menschen auf die Straßen gegangen, um ihrem Ärger etwa über die stark gestiegenen Lebensmittel- und Benzinpreise sowie über die Korruption im Staatsapparat Luft zu verschaffen. Das Regime hatte darauf wie üblich mit aller Gewalt reagiert, inklusive Todesschüssen.

Dass es nun selbst einen beliebten Sportler hingerichtet oder zu Tode gefoltert hat, zeigt, wie wenig es sich in seiner Barbarei um internationale Proteste schert, und wie sehr es bereit ist, zur weiteren Einschüchterung einer zunehmend unzufriedenen Bevölkerung buchstäblich über Leichen zu gehen. Im Iran wurde zuletzt in den Monaten Juli und August durchschnittlich jeden Tag ein Mensch hingerichtet, hinzu kommt eine Reihe von drakonischen Gefängnisstrafen, Todesurteilen und Auspeitschungen. Iran Human Rights Monitor spricht deshalb von einer „Eskalation der Repression“.

Die USA haben gegen den Richter, der das Todesurteil gegen Navid Afkari verhängt hatte, Sanktionen verhängt. Konkret heißt das, dass ein etwaiges Vermögen von ihm in den USA eingefroren wird und finanzielle Transaktionen mit ihm in den USA unter Strafe stehen.

Sportlerorganisationen fordern Ausschluss des Iran

Auch Sportlerorganisationen wie Global Athlete und Athleten Deutschland fordern Konsequenzen, vor allem vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), und zwar konkret: den Ausschluss des Iran. Doch das IOC zog sich in einer Erklärung darauf zurück, „die Souveränität der Islamischen Republik Iran zu respektieren“. Man habe weder den Auftrag noch die Fähigkeit, „die Gesetze oder das politische System eines souveränen Landes zu ändern“.

Das kritisierte Maximilian Klein, der Beauftragte für internationale Sportpolitik bei Athleten Deutschland, deutlich. „Die Tatenlosigkeit des IOC ist inakzeptabel“, sagte er. Es müsse Sanktionen geben, die sich „gegen das Regime und die politische Führung richten“. Auch das iranische olympische Komitee müsse vom IOC suspendiert werden. Zudem regte Klein an, dass „iranische Athletinnen und Athleten weiterhin unter neutraler Flagge starten dürfen und geschützt werden“. Damit träfe ein Ausschluss nicht sie.

Weitere Maßnahmen sollten, so heißt es in einer Stellungnahme der Organisation, „die Suspendierung der iranischen Spitzenverbände durch ihre Weltverbände und das Verbot der Ausrichtung jeglicher internationaler Sportveranstaltungen im Iran“ sein. Dem iranischen Regime und seinen Repräsentanten dürfe „keine Öffentlichkeitswirksamkeit seitens des internationalen Sports ermöglicht werden“.

Überdies müssten sich „die Sponsoren der olympischen Bewegung vom iranischen Regime deutlich distanzieren“, so Athleten Deutschland. IOC, Verbände und Sponsoren müssten „die Todesstrafe, Folter sowie jegliche Form von menschenunwürdiger Behandlung von Athlet*innen sowie anderen Personengruppen verurteilen, die Teil der olympischen Bewegung sind oder sich in ihrem Wirkungskreis befinden“.

Keine Konsequenzen

Es ist unwahrscheinlich, dass der Iran solche sportpolitische Konsequenzen zu gewärtigen hat, etwa bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Tokio. Dennoch – besser gesagt: gerade deshalb – wäre es wichtig, dass vor allem international aktive Sportlerinnen und Sportler ihre Prominenz und ihre Medienpräsenz nutzen, um diese Tatenlosigkeit zu kritisieren, geeignete Maßnahmen zu fordern und dazu beizutragen, dass der staatliche Mord an Navid Afkari nicht in Vergessenheit gerät.

„Die herausgehobene Stellung des Sports kann solche Gräueltaten, die täglich unzähligen Menschen widerfahren, weltweit sichtbar machen“, heißt es in der Erklärung von Athleten Deutschland. „Gleichzeitig wünschen wir uns, dass das Thema Menschenrechte im Sport stärker Teil der außenpolitischen Agenda wird.“ Ob die europäischen Außenminister das wohl gelesen haben?

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