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Iranische Kriegsszenarien und eine polarisierte Gesellschaft in Israel

Michael Wolffsohn über Iranische Kriegsszenarien und eine polarisierte Gesellschaft in Israel

Im Mena-Watch-Interview analysiert der deutsche Historiker Michael Wolffsohn die möglichen Szenarien im Konflikt mit dem Iran sowie die politischen Perspektiven Israels.

Ob es kurzfristig zu einem militärischen Schlag der USA gegen den Iran kommen wird, lasse sich nicht seriös vorhersagen, so Michael Wolffsohn. Klar sei jedoch, dass ein Eingreifen wahrscheinlicher werde, falls die von Washington formulierten Bedingungen nicht erfüllt würden. Ob die USA allein oder gemeinsam mit Israel handeln würden, bleibe offen. Sicher sei hingegen, dass ein möglicher US-Angriff sich nicht nur in klassischen Luftschlägen erschöpfen würde. Entscheidend sei dabei die Verbindung militärischer Mittel mit präzisen nachrichtendienstlichen Informationen. Westliche Dienste verfügten über detaillierte Kenntnisse zentraler Strukturen der Islamischen Republik. Daraus ergäben sich Optionen, gezielt Infrastruktur und Führungsebenen zu treffen.

Für die Zeit nach einem möglichen Umbruch im Iran verweist Wolffsohn auf die innere Struktur des Landes. Der Iran sei ein Vielvölkerstaat mit Persern, Kurden, Arabern, Belutschen und Aseris. Dauerhafte Stabilität könne nur durch eine föderale Neuordnung erreicht werden. Ohne Autonomieregelungen für zentrale Minderheiten bestehe die Gefahr langfristiger Instabilität und eines Bürgerkrieges.

Ungewisse Zunkunft

Mit Blick auf Israel betont Wolffsohn die militärische Vorbereitung des Landes. Im Fall eines iranischen Angriffs sei mit Treffern zu rechnen, jedoch in deutlich geringerem Umfang als die Zahl der abgefeuerten Raketen, da Israel sein Raketenabwehrsystem ausgebaut habe. Zudem gebe es seit 2020 eine faktische Kooperation zur Luftverteidigung zwischen Israel und mehreren Golfstaaten, die kein strategisches Interesse an einem starken Iran hätten.

Zur Lage im Gazastreifen geht Wolffsohn auf die von Donald Trump ins Spiel gebrachte Initiative für einen umfassenden wirtschaftlichen Aufbau ein. Voraussetzung sei jedoch die vollständige Entwaffnung der Hamas. Solange bewaffnete Gruppen agierten, könne es keinen nachhaltigen Wiederaufbau geben. Gleichzeitig kritisiert Wolffsohn die Haltung Europas. Politisch werde die Entwaffnung bewaffneter Gruppen zwar gefordert, praktisch fehle jedoch die Bereitschaft, entsprechende sicherheitspolitische Verantwortung zu übernehmen. Zwischen verbalen Positionierungen und konkretem Engagement bestehe eine deutliche Lücke.

Zur palästinensischen Frage hält er fest, dass Staatlichkeit in der Vergangenheit mehrere konkrete Angebote zur nicht angenommen worden seien. Ein strukturelles Problem liege im Fehlen institutionalisierter politischer Alternativen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft.

Innenpolitisch sieht Wolffsohn Israel vor einer entscheidenden Phase. Premierminister Benjamin Netanjahu polarisiere das Land stark. Ein Regierungswechsel sei möglich, würde jedoch keinen grundlegenden Neubeginn bedeuten. Entscheidend sei vielmehr, ob es gelinge, das Verhältnis zwischen jüdischer Mehrheitsgesellschaft, arabischen Staatsbürgern und ultraorthodoxen Gruppen neu auszubalancieren und damit den inneren Zusammenhalt zu stärken.

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