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Iran: Zwischen Krieg und Unterdrückung

Die Propaganda des Regimes funktioniert ebenso gut wie die Unterdrückung der Iraner
Die Propaganda des Regimes funktioniert ebenso gut wie die Unterdrückung der Iraner (© Imago Images / Anadolu Agency)

Der Alltag im Iran zwischen der Intervention ausländischer Mächte und der autoritären Herrschaft im Inland.

In einer Zeit, in welcher der Schatten des Kriegs schwer über dem Nahen Osten liegt, ist der Alltag für Millionen Iraner mehr denn je zu einer Erfahrung des Wartens, der Angst und der Instabilität geworden. In den Straßen der meisten Städte, von großen Ballungszentren wie Teheran, Isfahan und Ahvaz bis hin zu kleineren Städten und Dörfern, gehen die Menschen ihrem Leben nach, während die Zukunft ihres Landes ungewiss bleibt, gefangen zwischen externem Druck, Wirtschaftskrisen und starren innenpolitischen Strukturen.

Für viele Iraner stellt sich nicht mehr die Frage, ob die Lage schwierig ist. Vielmehr geht es darum, ob es einen Ausweg geben und ihr Leiden endlich ein Ende haben wird, wenn sie den Krieg überleben, oder ob sich die Bedingungen noch weiter verschlechtern werden.

Keine Kontrolle über eigenes Schicksal

In den letzten Jahren hat die Politik der regierenden Geistlichen, die geprägt ist von internationalen Sanktionen, spannungsgeladener Regionalpolitik und internen Restriktionen, zu einer Situation geführt, in der sich die Menschen im Land in einer der schlimmsten sozioökonomischen Lagen seit Jahrzehnten befinden. Das iranische Regime, dessen Außenpolitik sich in erster Linie auf seine Atom- und Raketenprogramme sowie die Unterstützung von Stellvertretergruppen konzentrierte, konnte und wollte am Verhandlungstisch keine bedeutenden Ergebnisse erzielen. Dies führte zu eskalierendem Druck von außen und gipfelte letztlich im aktuellen Krieg.

Gleichzeitig hat die Regierung in der Innenpolitik Maßnahmen ergriffen, welche die Kontrolle und die sozialen Einschränkungen für normale Bürger weiter verstärkt haben. Infolgedessen geht das, womit die Menschen im Iran heute in ihrem täglichen Leben konfrontiert sind, weit über geopolitische Debatten hinaus. Es ist eine greifbare Realität schwindender persönlicher Freiheiten, wirtschaftlichen Drucks und ständiger Unsicherheit über die Zukunft.

Ein Gymnasiallehrer beschreibt die paradoxe Lage: »Die Schulen wurden geschlossen und uns wurde gesagt, wir sollten den Unterricht online abhalten, während gleichzeitig das Internet für uns komplett abgeschaltet wurde. Wir hören nur noch israelische und amerikanische Kampfflugzeuge. Sie sind ständig über uns, sie kommen, bombardieren und verschwinden wieder. Wir wissen nicht einmal, wo die Bombenangriffe stattfinden, um uns schützen zu können, weil wir keinen Zugang zu Nachrichten oder Kriegsmeldungen haben.«

Der staatliche Rundfunk und das Fernsehen senden nur Propaganda und »Fake News, die ihrer eigenen Darstellung entsprechen und denen niemand glaubt. Unter diesen Umständen ist es völlig sinnlos, über Online-Unterricht oder Schulbildung zu sprechen. Jeden Tag hören wir von Schülern, die sich an uns wenden, weil sie Angst um ihre Zukunft haben. Sie fragen: Wird es besser werden? Werden die Schulen wieder geöffnet? Ist ein normales Leben überhaupt möglich?« In privaten Gesprächen würden viele Familien hauptsächlich über Auswanderung oder andere Möglichkeiten zum Schutz ihrer Kinder sprechen, erzählt er aus seinem Alltag.

Dieses Gefühl der Unsicherheit beschränkt sich nicht nur auf die jüngere Generation. Im Großen Basar von Teheran, einem der ältesten Wirtschaftszentren des Landes, sagt ein 56-jähriger Händler, der seit Jahrzehnten im Importsektor tätig ist: »Wir haben viele schwierige Zeiten erlebt: den Iran-Irak-Krieg, Sanktionen, Wirtschaftskrisen. All diese Ereignisse und der derzeitige Krieg haben den Menschen das Gefühl gegeben, dass sie nur sehr wenig Kontrolle über ihr eigenes Schicksal haben. Jederzeit könnte etwas passieren, das ihr ganzes Leben zerstört; so, wie es für viele aufgrund der Bombenangriffe bereits geschehen ist.«

Die Märkte sind mehr oder weniger geschlossen, »Kauf und Verkauf beschränken sich auf lebensnotwendige Güter, Exporte und Importe sind zum Erliegen gekommen, und viele Menschen haben durch den Krieg direkten finanziellen und physischen Schaden erlitten«. Dramatischer werde die Situation noch dadurch, dass die politischen Entscheidungen und die Außenpolitik des Regimes zwar dazu beigetragen haben, das Land in den Krieg zu führen, die Regierung aber gleichzeitig Internetbeschränkungen verhängt hat, die sich direkt auf das tägliche Geschäftsleben auswirken. »Diese Maßnahmen haben die Situation nur verschlimmert und den Hass der Menschen gegenüber dem Regime verstärkt. Wann immer sie wollen, legen sie den Menschen die Hand an die Kehle und verschärfen die Bedingungen, nur um ihr eigenes Überleben zu sichern.«

Furcht vor Stillstand

Die jüngsten regionalen Entwicklungen haben auch neue Sorgen für die iranische Öffentlichkeit hervorgerufen. Angesichts der zunehmenden militärischen Spannungen zwischen dem Iran und regionalen und globalen Akteuren befürchten viele Bürger, dass ihr Land zum Schauplatz eines sich ausweitenden und noch umfassenderen Konflikts werden könnte.

In verschiedenen Städten erzählen die Menschen ähnliche Geschichten von täglicher Angst, so auch eine Krankenschwester: »In Krankenhäusern sind wir immer auf Notfälle vorbereitet, aber wenn wir Nachrichten über Krieg oder militärische Angriffe hören, werden alle besorgt. Unsere Sorgen sind auch geprägt von den Ereignissen während der Proteste Anfang 2026. Dieselben Sicherheitskräfte und Basidsch-Mitglieder, die jetzt als verwundete Soldaten in die Krankenhäuser gebracht werden, waren diejenigen, die während der Proteste die Spitäler gestürmt haben. Sie haben verletzte Zivilisten mitgenommen, uns daran gehindert, sie zu behandeln, uns angegriffen und Ärzte und Krankenschwestern verhaftet, die versucht haben, den Verwundeten zu helfen.«

Gleichzeitig setzen viele Iraner, die des herrschenden Regimes und seiner Politik überdrüssig sind, große Hoffnungen auf Unterstützung von außen, um einen Ausweg aus der Situation zu finden. Sie glauben, dass ausländischer Druck oder regionale Entwicklungen zu politischen Veränderungen im Land führen könnten. Zu dieser Hoffnung gesellt sich jedoch auch Skepsis, wenn die Ansicht geäußert wird, dass ausländische Mächte in erster Linie ihre eigenen Interessen verfolgen und interne Veränderungen im Iran nicht unbedingt Priorität für sie haben. Viele Iraner befürchten, dass auch der aktuelle Konflikt ohne spürbare Verbesserungen für ihr Leben enden könnte.

Währenddessen bleiben die Machtstrukturen innerhalb des Landes derweil noch fest im Sattel. Selbst wenn der Druck von außen zunimmt oder Teile der militärischen Infrastruktur beschädigt wurden, funktionieren die Sicherheits- und Verwaltungsapparate der Regierung weiterhin. Für viele Iraner wirft dies die Frage auf, ob selbst bei Veränderungen auf der Ebene der Führung oder der Außenpolitik die zentralen Machtstrukturen unverändert bleiben könnten.

Ein Regierungsangestellter erläuterte, dass im Iran »Systeme wichtiger als Einzelpersonen sind. Die Gesichter mögen sich ändern, aber die Strukturen bleiben dieselben. Die Vereinigten Staaten und Israel könnten die Raketen- und Nuklearkapazitäten des Irans zerstören, aber wenn die Struktur bestehen bleibt, brauchen sie keine Raketen oder Atombomben, um die Menschen zu unterdrücken. Pistolen oder Kalaschnikows würden ausreichen, insbesondere wenn es keine Rechtfertigung mehr für eine ausländische Intervention gibt und wir international mit einer geschwächten und gedemütigten Struktur zurückbleiben.« Er und viele seiner Kollegen glauben, dass echte Veränderungen tiefgreifende Reformen der politischen und wirtschaftlichen Institutionen erfordern würden.

Bloßes Warten

Gleichzeitig lastet der wirtschaftliche Druck schwer auf dem täglichen Leben der Menschen. Die hohe Inflation, die Abwertung der Landeswährung und die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter jungen Menschen, waren in den letzten Jahren gravierende Herausforderungen für die Wirtschaft. Wirtschaftsexperten warnen, dass die anhaltenden regionalen Spannungen diese Probleme verschärfen könnten, insbesondere wenn entscheidende Infrastrukturen oder Handelswege betroffen sind.

In einem kleinen Supermarkt in Kerman sagt der Ladenbesitzer: »Die Preise ändern sich fast jede Woche. Die Kunden kaufen weniger und schauen sich meist nur um. Abgesehen von lebensnotwendigen Gütern ist der Kauf von allem anderen zu einem Luxus geworden.« Viele Familien seien gezwungen, ihren Konsum drastisch zu reduzieren.

In einer solchen Atmosphäre hat sich in Teilen der Gesellschaft ein Gefühl des Abwartens breitgemacht, das eher der Hoffnung auf das Vergehen der Zeit gleicht als der Zuversicht auf eine bald einsetzende Lösung. Viele Iraner sagen, dass sie nichts anderes machen können, als ihr tägliches Leben fortzusetzen und abzuwarten, wohin die politischen und regionalen Entwicklungen letztendlich führen. Ein Taxifahrer in Teheran beschreibt dieses Gefühl so: »Wir sind wie Passagiere in einem Bus, dessen Fahrer wir nicht kennen und dessen Weg unklar ist. Wir hoffen nur, dass wir irgendwann an einem Ort ankommen, an dem das Leben etwas ruhiger ist.«

Letztendlich ist die aktuelle Situation eine komplexe Kombination aus internen und externen Faktoren: Eine zentralisierte politische Struktur, wirtschaftlicher Druck, regionale Spannungen und eine Gesellschaft, die zwischen der Hoffnung auf Veränderung und der Angst vor größerer Instabilität hin- und hergerissen ist. Für viele Iraner ist das Hauptproblem nicht das große Machtspiel, sondern die einfache Frage, ob es morgen besser sein werde als heute. Die Antwort auf diese Frage bleibt unklar. Aber die Geschichten aus dem Alltag der Menschen im Iran zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die trotz vielfältiger Belastungen immer noch versucht, ein Gefühl der Normalität zu bewahren – auch wenn die Zukunft ungewiss bleibt.

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