Im Iran verweigern immer mehr Frauen das Tragen des Hidschabs. Bis vor Kurzem wäre das unmöglich gewesen.
Nach mehreren Jahren kehrte ein Reporter der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press in den Iran zurück, um über die jüngsten Entwicklungen im Atomkonflikt zwischen dem iranischen Regime und der internationalen Gemeinschaft zu berichten. Was Jon Gambrell bei dieser Gelegenheit von dem Land zu sehen bekam, das er in den vergangenen Jahren nur aus der Entfernung hatte beobachten können, habe ihn allerdings überrascht, denn immer mehr Frauen entscheiden sich gegen die vorgeschriebene Kopftuchpflicht, die vom Regime durchzusetzen versucht wird: »Vor allem, wenn man den reicheren Norden Teherans erreicht, sind sie fast überall zu sehen, Frauen mit ihren braunen, schwarzen, blonden und grauen Locken.«
Noch vor ein paar Jahren sei der massenhafte Verstoß gegen das Tragen eines Hidschabs unvorstellbar gewesen. Doch mit dem Tod von Mahsa Amini in Händen der Sittenpolizei im Jahr 2022 und den darauffolgenden landesweiten Protesten habe sich Gambrell zufolge vieles geändert. Wer heute in Nord-Teheran unterwegs sei, sehe die jahrzehntelange bleierne Ordnung der Islamischen Republik auf den Kopf gestellt. Was früher undenkbar war, sei zu einer »stillen Massenbewegung« geworden.
Diesen Eindruck bestätigt auch Holly Dangres vom Washington Institute for Near East Policy: »Als ich 1999 in den Iran zog, führte schon ein einziges sichtbares Haar dazu, dass mir sofort jemand sagte, ich solle es unter meinem Kopftuch verstecken, aus Angst, die Sittenpolizei könnte mich mitnehmen.« Doch heute sei alles anders: »Frauen und Mädchen widersetzen sich offen der Hidschabpflicht.« Angesichts der massiven Krise, in der sich der Iran befindet, würden die Behörden aus Furcht vor einem Wiederaufflammen der Massenproteste zögern, wie in früheren Zeiten hart gegen Verstöße gegen die Bekleidungsvorschriften vorzugehen.
Ausmaß unterschätzt
Wie der Journalist berichtete, hätte er zwar schon früher im Zuge seiner Tätigkeit im Iran beobachtet, dass Frauen begonnen hatten, das Kopftuch abzulegen, doch das Ausmaß dieses Phänomens habe er erst jetzt realisiert:
»In der Nähe des Tajrish-Platzes, am Fuß des Alborz-Gebirges in Teheran, legte eine Gruppe junger Mädchen, die in der Schule einen Hidschab tragen müssen, diesen sofort ab, nachdem sie die Schule am Nachmittag verlassen hatten. Sie huschten zwischen den im Stau stehenden Autos hin und her, lachten und trugen Kunstprojekte mit sich. Frauen jeden Alters gingen im Tajrish-Basar und vorbei an den blau gekachelten Kuppeln des Imamzadeh-Saleh-Schreins ohne Kopftuch. Zwei Polizisten auf der Straße unterhielten sich, während die Frauen unbemerkt vorbeigingen.«
Mehrfach hatte das Regime in der Vergangenheit ein härteres Vorgehen gegen Verstöße angekündigt. So wurde Ende 2023 eine massive Verschärfung des entsprechenden Gesetzes beschlossen, allerdings bislang nicht umgesetzt und im Mai 2025 sogar vom Obersten Nationalen Sicherheitsrat verworfen. Formen insbesondere der digitalen Überwachung nehmen zu, haben jedoch nicht dazu geführt, die Frauen zurück unter den Hidschab zu zwingen.
So kommt denn auch Karim Sadjadpour in einer Analyse der Chancen für umfassende Veränderungen im Iran in der Fachzeitschrift Foreign Affairs unter Anspielung auf die blamable militärische Performance im zwölftägigen Krieg mit Israel zu dem Schluss, dass die Herrscher der Islamischen Republik »die Frauen des Landes genauso wenig kontrollieren können wie den Luftraum«.






