Die Teuerungskrise betrifft mittlerweile alle Lebensbereiche und drückt sich in Zuständen aus, die viele Iraner vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten hätten.
Die Inflation im Iran wurde lange Zeit als bloßer Wirtschaftsindikator dargestellt: als eine Zahl, die jeden Monat in offiziellen Berichten erscheint, bevor sie durch die Statistiken des nächsten Monats abgelöst wird. Blieb die Glaubwürdigkeit der offiziellen Zahlen aufgrund der mangelnden Transparenz schon in der Vergangenheit fragwürdig, ist die Inflation heute nicht mehr nur eine wirtschaftliche Kennzahl. Sie ist zur bedeutendsten sozialen Krise des Iran geworden, die nach und nach die Lebensweise, die sozialen Beziehungen, die Zukunftshoffnungen und sogar die Definition dessen prägt, was für Millionen von Iranern ein »normales Leben« ausmacht.
Nimmt man die in den letzten Wochen veröffentlichten Daten als Bewertungsgrundlage, durchläuft die iranische Wirtschaft eine der massivsten Inflationsphasen der letzten vier Jahrzehnte. Veröffentlichten Statistiken zufolge erreichte die Teuerungsrate im Juni etwa 88,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, während die jährliche Inflationsrate 62 Prozent betrug. Die Preise für lebensnotwendige Güter wie rotes Fleisch und Geflügel sind um bis zu 178 Prozent gestiegen, während Lebensmittel, Milchprodukte, Brot, Obst, Haushaltsgeräte und viele andere Grundbedarfsgüter beispiellose Preisanstiege verzeichneten. Doch selbst diese Zahlen geben das Ausmaß der Krise nicht vollständig wieder.
Alltag auf Kredit
Eine über Monate oder gar Jahre andauernde Inflation verändert das Verhalten der Menschen grundlegend. Sie untergräbt das Vertrauen der Bevölkerung und macht die Zukunft ungewiss und unvorhersehbar. Eine Familie, die einst für das kommende Jahr planen konnte, ist nicht mehr in der Lage, ihre Ausgaben auch nur einen Monat im Voraus abzuschätzen. Ein Angestellter, der jahrelang von einem festen Einkommen gelebt hat, wird mit jedem Monat ärmer. Ein Rentner, der sich auf eine Zeit des Friedens und der finanziellen Sicherheit gefreut hatte, muss plötzlich feststellen, dass seine Rente nicht einmal mehr die grundlegendsten Lebenshaltungskosten deckt. Eine Inflation dieses Ausmaßes zerstört nicht nur den Wert des Geldes, sondern beraubt die Gesellschaft auch ihres Sicherheitsgefühls.
Wenn die Menschen der Landeswährung nicht mehr vertrauen, beginnen sie, ihr Einkommen in andere, stabiler geglaubte Vermögenswerte umzuwandeln. Heute vertrauen viele Iraner den Banken nicht mehr als sicherem Aufbewahrungsort für ihre Ersparnisse. Wer über überschüssige Mittel verfügt, tauscht diese oft sofort in Fremdwährung oder Gold um. Dieses Verhalten pumpt mehr überflüssiges Geld in den Markt, was wiederum den Wertverfall noch weiter anheizt. Mit anderen Worten: Die Inflation ist nicht mehr nur eine Folge wirtschaftlicher Probleme – sie wird nach und nach zum Haupttreiber der darauffolgenden Krisen.
Anzeichen dafür zeigen sich auch in den geldpolitischen Indikatoren des Iran. Veröffentlichten Daten zufolge erreichten sowohl das Liquiditätswachstum als auch die Geldbasis im vergangenen Haushaltsjahr ihren höchsten Stand seit Jahrzehnten, während auch die Geldschöpfung einen neuen Rekordwert erreichte. Nahezu jede historische Erfahrung zeigt, dass eine derart rasante Geldmengenausweitung, wenn sie nicht mit einem Wachstum der Realproduktion einhergeht, zu anhaltender Inflation und einem kontinuierlichen Wertverlust der Landeswährung führt.
Jede Komponente des durchschnittlichen Warenkorbs eines Haushalts – von Brot und Reis über Medikamente, Transport, Bildung und Wohnungsmieten bis hin zu öffentlichen Dienstleistungen – ist von starken Preisanstiegen betroffen. Wenn steigende Preise praktisch alle lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen betreffen, resultiert dies in einer grundlegenden Veränderung des Lebensstandards. Ein Indikator, der dies deutlich veranschaulicht, sind die Kosten für die Deckung des minimalen Ernährungsbedarfs eines Haushalts. Berichte zeigen, dass die Kosten für die Versorgung einer dreiköpfigen Familie mit den minimal erforderlichen Lebensmitteln auf fast das monatliche Einkommen eines Mindestlohnempfängers gestiegen sind. Einfach ausgedrückt: Viele Haushalte mit geringem Einkommen sind nun gezwungen, fast ihr gesamtes Einkommen allein für Lebensmittel auszugeben.
Wenn achtzig oder gar neunzig Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel aufgewendet werden, investieren Familien nicht mehr in ihre Zukunft; sie kämpfen lediglich ums Überleben. Unter solchen Bedingungen sind die ersten Opfer die Bildung, die physische und psychische Gesundheit, Kultur, Freizeit, Reisen etc. – sprich: die allgemeine Lebensqualität. Die Gesellschaft gibt nach und nach Investitionen in ihre Zukunft auf, da praktisch alle verfügbaren Ressourcen für die Deckung der unmittelbaren täglichen Bedürfnisse aufgezehrt werden.
Für unmöglich gehalten
Die Statistiken erzählen dabei nur einen Teil der Geschichte. Die ganze Realität zeigt sich in den Straßen der iranischen Städte, wo etwa Lebensmittelgeschäfte wieder damit begonnen haben, Notizbücher zu führen, um die Einkäufe ihrer Kunden auf Kredit zu erfassen. Berichte aus der Hauptstadt Teheran zeichnen ein Bild, das für viele Iraner noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Einst zur Mittelschicht zählende Familien sind nun gezwungen, Grundnahrungsmittel wie Tomatenmark, Speiseöl oder sogar Brot auf Pump zu kaufen. Ladenbesitzer berichten, dass nicht mehr nur die Armen um Kredit bitten; auch Angestellte, Lehrer, Ingenieure und andere Fachkräfte kommen mittlerweile nicht mehr darum herum.
Auf den Märkten wird der Kauf von Obst und Gemüse nach Kilogramm zunehmend durch das Erstehen einzelner Stücke ersetzt. Kunden, die früher ganze Kisten Obst kauften, gehen nun nur noch mit zwei Äpfeln, zwei Orangen oder ein paar Bananen nach Hause. Auch Bäcker berichten von einem Phänomen, das früher selten war: Kunden, die um einen halben Laib Brot bitten, weil sie sich keinen ganzen leisten können. Auch gibt es Berichte über eine starke Zunahme von Lebensmitteldiebstahl, was einen der klassischen Indikatoren für zunehmende städtische Armut darstellt.
Eine Gesellschaft, in der der Kauf auf Kredit zur Routine wird, Obst vom Esstisch verschwindet, der Fleischkonsum zurückgeht, die Mahlzeiten kleiner werden und Menschen auf medizinische Behandlungen verzichten, steht vor mehr als nur einer Wirtschaftskrise. Sie tritt in das ein, was Ökonomen als Erosion des Sozialkapitals bezeichnen.
Das vielleicht auffälligste Symbol dieser Krise sind die steigenden Kosten des Todes. Berichten zufolge sind die Kosten für Bestattungs- und Beerdigungsdienstleistungen in Teheran in den letzten Monaten erheblich gestiegen. Der Transport der Verstorbenen, die rituelle Waschung, das Einhüllen in ein Leichentuch, die Beisetzung und Gedenkfeiern sind alle erheblich teurer geworden. Die Inflation ist so allgegenwärtig geworden, dass selbst der Tod ihrem Einfluss nicht mehr entkommt. Die Krise äußert sich also nicht nur in hohen Preisen und teuren Waren, sondern betrifft das ganze Leben der Iraner und raubt ihnen auch noch die letzte Würde.






