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Massaker im Iran: Berichte von 12.000 Toten während des Internet-Blackouts

Seit der Internetsperre geht das iranische Regime mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vor
Seit der Internetsperre geht das iranische Regime mit äußerster Brutalität gegen die Demonstranten vor (© Imago Images / Middle East Images)

Um den Informationsfluss zu blockieren und ihr Massaker an den Demonstranten zu verschleiern, sperrt die Islamische Republik Iran seit Tagen das Internet und die sozialen Medien.

Negar Jokar

Das iranische Volk, das seit der Islamischen Revolution von 1979 immer wieder für seine Forderungen und Demokratie auf die Straße gegangen ist und zahlreiche landesweite Protestwellen in einem Land unter Dauerkrise ausgelöst hat, geht seit Ende 2025 aus Protest gegen die beispiellose Teuerung erneut auf die Straße. Seitdem nahm Zahl der Demonstranten in den verschiedenen Städten täglich zu. Die Proteste richteten sich immer offener gegen das System der Islamischen Republik selbst und wurden so massiv, dass sie alle Provinzen des Landes erfassten.

Bereits in den ersten Tagen wurden mehrere Demonstranten von den Sicherheitskräften getötet, doch als auf dem bisherigen Höhepunkt der Proteste dann das Internet abgeschaltet wurde, nahmen diese staatlichen Morde eine schreckliche Intensität an.

Wie schon im »blutigen November« 2019 ordnete die Islamische Republik eine landesweite Internetblockade an. Am sechsten Tag der landesweiten Proteste erklärte NetBlocks, eine Organisation zur Überwachung von Internetbeschränkungen: »Iran war 96 Stunden lang offline, was die Berichterstattung und Zurechenbarkeit des Tods von Zivilisten massiv eingeschränkt hat.« Während das digitale Schweigen andauerte, störte die Regierung am Donnerstag, dem 8. Januar, zunächst den Internetzugang in einigen Regionen, bevor die Verbindung der iranischen Bürger zum World Wide Web nach wenigen Stunden vollständig gekappt wurde.

Bilder des Schreckens

Die Internetabschaltung war ein Warnsignal für alle, dass das Regime beabsichtigte, während der Blockade zahlreiche Demonstranten zu ermorden und die Proteste durch blutige Unterdrückung zu beenden. Am Sonntag verbreiteten sich dann Videos in den sozialen Medien, die die iranische Diaspora in Schock versetzten. Die Aufnahmen stammen aus der Gerichtsmedizin von Kahrisak in Teheran. In den Videos sind unzählige Leichen zu sehen. Die Anzahl der Toten ist so groß, dass viele von ihnen außerhalb des Gebäudes auf dem Boden nebeneinander aufgereiht liegen.

Diese Bilder zeigen den letzten Niedergang der Menschlichkeit: die Islamische Republik ist endgültig ein Ort geworden, an dem die Unterdrücker jegliches menschliche Mitgefühl verloren haben und gnadenlos auf Kopf und Gesicht unbewaffneter Iraner schießen, die lediglich für ihre Bürgerrechte auf die Straße gegangen waren. Im Video sind zudem Lastwagen zum Transport von Leichen zu sehen, was das enorme Ausmaß der Opfer unterstreicht. Ein Monitor zeigt die Zahl 250 und das Datum 9. Januar. Die Bilder der Getöteten werden den Familien anhand von Nummern auf dem Monitor gezeigt, damit sie ihre Angehörigen identifizieren können.

Sicherheitskräfte fordern von den Familien obendrein immense Summen für die Herausgabe der Leichen. Dieses Geld wird als »Schussgeld« verlangt – die Familien müssen für die Kugeln bezahlen, mit denen ihre Liebsten getötet wurden. BBC Persian berichtete unterdessen, dass am Freitagabend die Leichen von siebzig Personen in das Poursina-Krankenhaus in Rascht gebracht wurden. Da die Kapazität der Leichenhalle nicht ausreichte, forderten Beamte für die Herausgabe der Toten siebenhundert Millionen Toman als »Schussgeld«.

Ein Mitarbeiter des medizinischen Personals in Teheran berichtete: »Am Donnerstagabend wurden etwa vierzig Tote in ein Krankenhaus in Teheran gebracht. Familien versuchten zu verhindern, dass staatliche Krankenwagen die Leichen abtransportieren, wobei es zu Zusammenstößen kam. Die Toten und Verletzten wurden mit Kriegsmunition und Schrotkugeln beschossen. Die Zahl der Toten überstieg die Kapazität der Leichenhalle, sodass die Körper bis zum Morgen übereinander in der Gebetshalle lagen.« Die Quelle fügt hinzu, dass so viele Verletzte gebe, »dass keine Zeit für Wiederbelebungsmaßnahmen bleibt; sobald der Puls aussetzt, werden sie weggebracht. Der Boden der Gebetshalle ist so voller Blut, dass die Wischmops bei jeder Reinigung blutgetränkt sind.«

Beispielloses Massaker

Auf der Seite des Regimes veröffentlichte auch der staatliche Rundfunk ein Video aus der Gerichtsmedizin Teheran, das die grauenhafte Unterdrückung im Iran beweist. Die Aufnahmen, in denen man ebenfalls zahlreiche Leichen nebeneinander auf dem Boden liegen sieht, wurden von der staatlichen Nachrichtenagentur offensichtlich veröffentlicht, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Zugleich verdreht der Kommentator im Video die Tatsachen und betreibt Geschichtsfälschung, indem er die Tötungen den Demonstranten selbst zuschreibt.

Die Menschenrechtsorganisation HRANA hat bisher den Tod von über fünfhundert Iraners bestätigt. Zudem berichteten zwei Augenzeugen gegenüber Iran International, dass sie in Kahrisak mehr als 400 Leichen gesehen haben. In dem Bericht heißt es: »Die Internetblockade hat es unmöglich gemacht, ein vollständiges Bild der Lage vor Ort zu erhalten. Dennoch deutet die hohe Zahl der Berichte darauf hin, dass massiv tödliche Waffen gegen Demonstranten eingesetzt werden. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass in den letzten 48 Stunden mindestens 2.000 Menschen getötet wurden.«

In einem aktuellen Bericht von heute spricht Iran International dann schon von 12.000 Menschen, die während des Internet-Blackouts vom Regime ermordet worden sein könnten:

»Nachdem Iran International in den letzten Tagen vereinzelte, aber schockierende und zutiefst beunruhigende Berichte erhalten hatte, konzentrierte sich der Sender darauf, die Informationen zu überprüfen, um sich ein klareres Bild vom Ausmaß der Unterdrückung und der Tötungen während der jüngsten Proteste zu machen.

In einem Land, in dem die Behörden den Zugang zu Informationen bewusst einschränken, ist eine solche Einschätzung schwierig und zeitaufwendig – insbesondere, weil eine übereilte Veröffentlichung unvollständiger Opferzahlen das Risiko von Fehlern bei der Dokumentation der Ereignisse birgt und das tatsächliche Ausmaß dieser Tragödie verzerren könnte. Ab Sonntag erreichten die Menge der Beweise und die Übereinstimmung der Berichte jedoch einen Punkt, an dem eine relativ genaue Einschätzung möglich wurde.

In den letzten zwei Tagen hat die Redaktion von Iran International in einem strengen, mehrstufigen Verfahren und in Übereinstimmung mit etablierten professionellen Standards Informationen geprüft, die von einer Quelle aus dem Umfeld des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, zwei Quellen aus dem Präsidialamt, mehreren Quellen innerhalb der Islamischen Revolutionsgarde in den Städten Mashhad, Kermanshah und Isfahan, Aussagen von Augenzeugen und Familienangehörigen der Getöteten, Berichte aus dem Einsatzgebiet, Daten von medizinischen Zentren sowie Informationen von Ärzten und Krankenschwestern in verschiedenen Städten.

Auf der Grundlage dieser Überprüfungen sind wir zu folgendem Schluss gekommen: Bei dem größten Massaker in der jüngeren Geschichte des Iran, das größtenteils in zwei aufeinanderfolgenden Nächten, Donnerstag und Freitag, dem 8. und 9. Januar, verübt wurde, wurden mindestens 12.000 Menschen getötet.

In Bezug auf den geografischen Umfang, die Intensität der Gewalt und die Anzahl der Todesopfer innerhalb kurzer Zeit ist dieses Massaker in der Geschichte des Iran beispiellos. Nach den vorliegenden Informationen wurden die Getöteten hauptsächlich von Angehörigen der Islamischen Revolutionsgarde und der Basidsch erschossen. Dieses Massaker war vollständig organisiert und nicht das Ergebnis ›sporadischerund ungeplanterZusammenstöße.«

Hinrichtungen erwartet

Während zugleich mehrere tausend Demonstranten festgenommen wurden, plant das Regime, Akten und Beweise zu fälschen, um gegen viele von ihnen Todesurteile zu verhängen. Von vielen Inhaftierten wurden erzwungene Geständnisse unter unbekannten Bedingungen erpresst, die nun von staatlichen Medien verbreitet werden – ein Umstand, der große Sorge um das Schicksal der Gefangenen auslöst.

Besonders besorgniserregend ist der drohende Ton der Regierungsbeamten. Während sie früher von »Unruhestiftern« sprachen, bezeichnen sie Demonstranten nun als »Terroristen und bewaffnete Individuen«. Der Chef der Justiz Gholamhossein Mohseni-Ejei erklärte, dass es keine Milde geben werde und Sondergerichte mit »mutigen Richtern« eingerichtet wurden. Der Generalstaatsanwalt kündigte Schnellverfahren an, und der Polizeichef erklärte, die Intensität des Vorgehens gegen die Proteste sei »hochgestuft« worden.

Diese Drohungen könnten zu Massenhinrichtungen führen. Die Menschenrechtsorganisation Hengaw warnte bereits vor der bevorstehenden Hinrichtung von Erfan Soltani, einem 26-jährigen Iraner aus Karadsch, der erst letzte Woche festgenommen wurde. Seiner Familie wurde mitgeteilt, dass das Todesurteil bereits feststehe und an diesem Mittwoch vollstreckt werden soll. Diese Eile ohne fairen Prozess deutet darauf hin, dass das Justizsystem der Islamischen Republik einen Massenmord an inhaftierten Demonstranten plant.

Die UN-Untersuchungskommission erklärte, sie habe glaubwürdige Berichte erhalten, wonach Sicherheitskräfte angewiesen wurden, »entschlossen« und ohne Zurückhaltung gegen Demonstranten vorzugehen. Bis zum 7. Januar bestätigte die Kommission über vierzig Tote, darunter fünf Kinder. Sie forderte ein sofortiges Ende der Unterdrückung und die Wiederherstellung des Internets.

Die Lage im Iran ist im wahrsten Sinne des Wortes kritisch. Eine Intervention der Weltgemeinschaft ist dringend erforderlich. Auf der einen Seite stehen unbewaffnete Menschen, die ihr Leben für die Freiheit riskieren, und auf der anderen Seite ein Regime, das Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. Es geht um Leben und Tod. Bloße Verurteilungen durch die Weltgemeinschaft werden keine Leben retten. In einigen Gebieten wurde bereits der Strom abgestellt und das Kriegsrecht ausgerufen. Das wahre Ausmaß der Gräueltaten wird vielleicht erst sichtbar, wenn das Internet wieder funktioniert. Doch alle Anzeichen deuten darauf hin, dass ohne internationales Eingreifen ein noch größeres Massaker bevorsteht.

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