Das iranische Regime geht inzwischen mit äußerster Brutalität gegen die Protestierenden vor. Oppositionsquellen sprechen von mittlerweile über 10.000 Toten.
Kazem Moussavi
Die am 28. Dezember 2025 ausgelösten landesweiten politischen Proteste, die zunächst aus wirtschaftlich begründeten Streiks in Teherans Basaren entstanden, haben mittlerweile über vierzehn Tage hinweg die Revolutionsgarde, die Sicherheitskräfte und das politische System der Islamischen Republik existenziell herausgefordert.
Die Antwort des Regimes war von Beginn an brutal: Internet- und Kommunikationssperren und das weitgehende Abschalten des Stroms in großen Städten erschwerten die Mobilisierung und die Berichterstattung über die Ereignisse. Die Protestierenden werden von den Sicherheitskräften mit Schockgranaten, Schrotkugeln, Schlagstöcken, Tränengas, Wasserwerfern, Messern, Pistolen und mittlerweile sogar mit Maschinengewehren ermordet. Dies geschieht, während das Internet gesperrt ist, um die Verbrechen zu vertuschen.
Berichten zufolge wurden von Sicherheitskräften auch Verletzte aus Krankenhäusern abgeholt. Ein Mitglied des medizinischen Personals in einer der südlichen Provinzen berichtete Radio Farda, dass sogar Menschen in Krankenhäusern getötet wurden.
Entwicklung der Opferzahlen
Bis zum Mittwoch, dem siebzehnten Tag der Proteste, wurden laut der Human Rights Acitivst News Agency (HRANA) 614 Demonstrationen in 187 Städten aller 31 Provinzen des Landes registriert, im Zuge derer 18.434 Personen festgenommen wurden, von denen 97 erzwungene Geständnisse veröffentlicht wurden. 1.134 Menschen erlitten schwere Verletzungen. Unter den Demonstranten gab es nach offiziellen Zahlen 2.403 Todesopfer, darunter zwölf Kinder. Zusätzlich starben neun unbeteiligte Zivilisten. Bei den Sicherheitskräften und regierungsnahen Kräften wurden 147 Todesfälle verzeichnet, davon mindestens fünf Zivilisten. HRANA prüft derzeit 779 weitere Berichte über mögliche Todesfälle.
Laut Iran International kam es in den Tagen nach der Internetsperre zu einem Blutbad: Zwischen dem 8. und 11. Januar wurden mindestens 12.000 Menschen, darunter viele Jugendliche, getötet und Tausende festgenommen oder verschleppt. Iran International berichtete, dass dem Sender vorliegende Informationen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat und dem Präsidialamt darauf hindeuten, dass das Massaker auf persönlichen Befehl Ali Khameneis erfolgte – mit ausdrücklicher Zustimmung der Spitzen der drei Staatsgewalten sowie auf Grundlage eines direkten Feuerbefehls durch den Obersten Nationalen Sicherheitsrat.
Trotz der massiven Repression halten die Basarstreiks und Straßenproteste an. Ein über Starlink übertragenes Video zeigt, wie Demonstranten am Abend des 12. Januar in Teheran in der Nähe des Daneshjoo-Parks an der Enghelab-Straße mit Sicherheitskräften zusammenstießen. Dieses Video ist wegen der Internetsperre eines der wenigen, das am fünfzehnten Tag der Proteste aus dem Iran gelangt sind. Deutlich zu hören sind die Rufe gegen die Sicherheitskräfte: »Komm nach vorne, komm nach vorne« oder die »Ehrlos, ehrlos«-Rufe von Frauen gegen die Revolutionsgarde.
Die Demokratische Partei Kurdistans im Iran (PDKI) veröffentlichte ein vom 12. Januar stammendes Video aus der Stadt Urmia, das Handgemenge zwischen protestierenden Bürgern und Repressionskräften zeigt. Ein weiteres Video zeigt Dutzende Leichen auf dem Friedhof Kahrisak in Teheran, die den Angehörigen zur Identifizierung gezeigt werden.
Die Führung in Teheran reagiert nicht nur mit physischer Gewalt, sondern auch mit politisch aggressiver Propaganda. Offizielle Vertreter bezeichnen die Proteste als Werk der USA und Israels und behaupten, sie stellten eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der Islamischen Republik dar. Bei den vom Regime organisierten Gegenkundgebungen in den Städten wird von einer »Gegenoffensive gegen die Proteste» gesprochen,während Demonstranten als »Saboteure und Verräter« bezeichnet werden, was ein immer brutaleres Vorgehen befürchten lässt.
Please share this with everyone.
The world needs to hear this.This young man explains the situation after leaving Iran. pic.twitter.com/rpViE31HGz
— Niyak Ghorbani (نیاک) (@GhorbaniiNiyak) January 14, 2026
Internationale Reaktionen
Saudi-Arabien, Katar und der Oman drängen Washington, keinen militärischen Angriff auf Teheran auszuführen. Riad versichert Teheran, keinen Luftraum für US-Angriffe freizugeben und führt diplomatische Bemühungen gegen eine Eskalation an. Diese Warnungen spiegeln die wachsende Besorgnis in der Region über mögliche Folgen einer direkten Konfrontation zwischen den USA und dem Iran wider.
Gleichzeitig warnt das iranische Regime die USA und Israel vor möglichen globalen Vergeltungsmaßnahmen, falls es zu einem militärischen Eingreifen gegen den Iran kommen sollte. Der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats Ali Laridschani erklärte am Abend des 13. Januars als Reaktion auf den Aufruf des amerikanischen Präsidenten an die iranischen Demonstranten, weiterzumachen, da Hilfe auf dem Weg sei: »Trump und Netanjahu sind die Mörder der Iraner.«
Zugleich sendet die Führung widersprüchliche Signale nach außen: Trotz brutaler Gewalt im Inland hat das Regime laut Medienberichten Kontakt zur US-Regierung gesucht, um mögliche Verhandlungsperspektiven auszuloten. Dieses doppelte Vorgehen – angebliche Verhandlungsbereitschaft in internationalen Kanälen bei gleichzeitiger massiver Repression im Inland – verdeutlicht die strategische Verzweiflung der Führung und zeigt, dass das Regime versucht, Zeit zu gewinnen, um die Protestbewegung vollständig niederzuschlagen.
Der Sprecher des Hohen Kommissariats für Menschenrechte der Vereinten Nationen Jeremy Laurence sagte, die UNO sei »entsetzt über das Ausmaß der Gewalt, die von den Sicherheitskräften gegen iranische Demonstranten angewendet wird. Berichte sprechen von der Tötung von Hunderten Menschen und der Festnahme von Tausenden durch Sicherheitskräfte. Alle Formen von Gewalt und Unterdrückung gegen friedliche Proteste müssen sofort beendet werden. Die Demonstranten als Terroristen zu bezeichnen, um Gewalt gegen sie zu rechtfertigen, ist inakzeptabel. Wir fordern die iranischen Behörden auf, unverzüglich jede Form von Gewalt und Repression gegen Demonstranten einzustellen und den uneingeschränkten Zugang zum Internet und zu Telekommunikationsdiensten wiederherzustellen.«
Der Exekutivdirektor von Human Rights Watch Philip Bloupion forderte »den UN-Sicherheits- und Menschenrechtsrat auf, eine Dringlichkeitssitzung zum Thema Iran einzuberufen«. Wie die UNO haben fast alle westlichen Regierungen die offensichtliche Gewalt des Regimes gegen die unzufriedene Bevölkerung verurteilt, doch diese Verurteilungen blieben weitgehend symbolisch und wirkungslos. So kündigte die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, trotz der Massaker lediglich ein Betretungsverbot für Vertreter der Islamischen Republik an, die nun keinen Zutritt zu den offiziellen Gebäuden der Union in Straßburg mehr haben. In einem Beitrag auf X schrieb Metsola, das EU-Parlament werde nicht dazu beitragen, »ein Regime zu legitimieren, das sich durch Folter, Repression und Mord an der Macht hält«.
Die EU prüft zusätzlich Sanktionen gegen iranische Verantwortliche, darunter Reiseverbote und Vermögenssperren, die gezielt gegen Personen und Einrichtungen verhängt werden sollen, die an der Repression beteiligt sind. Gleichzeitig setzt die EU jedoch die Kommunikation und Kooperation mit dem Mullah-Regime fort und verweigert weiterhin die Einstufung der Revolutionsgarde als Terrororganisation. Dabei ist den EU-Vertretern bewusst, dass die Revolutionsgarde gemeinsam mit Ali Khamenei die Verantwortung trägt für Folter, Repression und Mord, für das Raketen- und Atomprogramm, für die Unterstützung von Gruppen wie Hamas, Hisbollah, Huthi und Islamischer Dschihad, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels ist, sowie für die Unterstützung von Russlands Invasionskrieg gegen die Ukraine.
Um ihrer internationalen Verantwortung und den universellen Menschenrechten gerecht zu werden, müssten die EU-Mitgliedstaaten die Botschaften des Regimes schließen, ihre offiziellen Vertreter ausweisen und gleichzeitig die eigenen Botschafter aus Teheran zurückrufen.
Stattdessen nahmen am 12. Januar die Botschafter Deutschlands, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs an einer staatlich organisierten Propagandaveranstaltung des Außenministeriums der Islamischen Republik in Teheran teil, bei der die Demonstranten diffamiert und kriminalisiert wurden und damit jene Menschen, die im Iran für Freiheit und Demokratie kämpfen und dabei zu Tausenden ihr Leben verloren haben.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte einen Tag später, angesichts der massiven Proteste im Iran davon auszugehen, dass sich das Regime in seinen »letzten Tagen und Wochen« befinde. Ein Regime, das sich nur noch mit Gewalt an der Macht halten könne, sei »faktisch am Ende«, sagte Merz und drückte seine Einschätzung aus, dass man derzeit den Niedergang der Führung sehe, die keinerlei Legitimität besitze.
In einer Presseaussendung forderte das Mideast Freedom Forum Berlin von der deutschen Bundesregierung das Ende bloßer Verurteilungen und stattdessen eine konsequente Iran-Politik: Die diplomatischen Beziehungen zum Regime sollen deutlich eingeschränkt, Sanktionen gegen Verantwortliche verschärft und jede offizielle Zusammenarbeit beendet werden. Deutschland müsse die iranische Zivilgesellschaft gezielt unterstützen, humanitäre Hilfe leisten und Oppositionelle besser schützen, anstatt das Regime weiterhin politisch zu normalisieren. Zudem wird gefordert, die Revolutionsgarde als Terrororganisation einzustufen und ihre Aktivitäten in Deutschland umgehend zu unterbinden.
Das ist Erfan Soltani. Er ist 26 Jahre alt. Am Samstag, 10. Januar 2026, nahm er in Karaj, nordwestlich von Teheran, an einer Demo für mehr Freiheit in Iran teil. Er wurde von Schergen des Mullah-Regimes festgenommen und in einem Schnellprozess, ohne einen Anwalt haben zu dürfen,… pic.twitter.com/m75gYw99Nk
— Hasnain Kazim (@HasnainKazim) January 14, 2026
Wie weiter?
US-Präsident Donald Trump warnte die iranische Regierung wiederholt vor einer Reaktion seitens der USA, sollte sie weiterhin gewaltsam gegen protestierende Bürger vorgehen. Deren vorsätzliche Tötung bezeichnete er als »rote Linie«, deren Überschreitung ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen würde.
Am 11. Januar erklärte Trump, der Iran habe den Vereinigten Staaten Verhandlungen vorgeschlagen und man befinde sich im Gespräch über die Vorbereitung eines Treffens. Diese Kontakte sollen durch Steve Witkoff vermittelt worden sein, der seit Ende 2024 als Sonderbeauftragter Trumps unter anderem für den Nahen Osten, den Krieg in Israel und Gaza, die Verhandlungen mit Russland sowie die Atomgespräche mit dem Iran zuständig ist. Steve Witkoff traf sich am Wochenende auch heimlich mit dem in den USA lebenden ehemaligen Kronprinzen des Irans, Reza Pahlavi, um die im Iran tobenden Proteste zu besprechen, wie ein hochrangiger US-Beamter mitteilte.
Am 13. Januar kündigte Donald Trump an, dass von nun an jedes Land, das Geschäfte mit der Islamischen Republik Iran tätigt, einen Zoll von 25 Prozent auf sämtliche Handelsgeschäfte mit den USA zahlen müsse. Gleichzeitig gab er die Aussetzung aller Treffen mit iranischen Regierungsvertretern bekannt, bis die Tötung von Demonstrierenden beendet werde. Diese Linie bleibt jedoch widersprüchlich und unzureichend. Zölle allein geben keine klare politische Richtung vor, solange parallel die Möglichkeit von Gesprächen offengehalten wird, etwa über Drittakteure wie Russlands Präsident Wladimir Putin, der ein durchaus gutes Verhältnis zu Witkoff unterhält. Das Regime interpretiert solche Signale als taktischen Propagandakrieg und nicht als strategischen Druck.
Eine konsistente amerikanische Politik gegenüber Teheran müsste daher auf klare Prinzipien gestellt werden: Keine Verhandlungen mit einem System, das systematisch Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht, stattdessen eine vollständige diplomatische Isolierung der Führung, präzise Sanktionen gegen die Verantwortlichen – einschließlich Ali Khamenei – und Repressionsapparate, und die aktive politische Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Bewegung. Nur eine solche Linie vermeidet inkonsistente Signale und macht deutlich, dass Gewalt gegen die eigene Bevölkerung keine internationale Akzeptanz finden kann.
Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob internationaler Druck, die zunehmende Isolation des Regimes und die Beharrlichkeit der Proteste den gewaltsamen Kurs der Staatsführung brechen können. Ebenso offen bleibt, ob demokratische Kräfte im In- und Ausland autoritäre Ersatzlösungen überwinden und eine gemeinsame, pluralistische Alternative entwickeln. Davon hängt ab, ob der Iran die gegenwärtige Kombination aus digitalem Blackout, physischer Repression und politischer Fragmentierung überwindet oder in ihr gefangen bleibt. Pluralität, Dezentralisierung und das Recht auf Selbstbestimmung für alle Menschen im Iran sind entscheidend für eine demokratische Zukunft.






