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Die deutsche Sehnsucht nach dem Rausschmiss der Befreier durch die Befreiten

Plakat auf einer Protestkundgebung gegen den Militärschlag auf Qassem Soleimani
Plakat auf einer Protestkundgebung gegen den Militärschlag auf Qassem Soleimani (© Imago Images / Pacific Press Agency)

Der Polit-Podcast „Lage der Nation“ spiegelt die deutschen Befindlichkeiten zum USA-Iran-Konflikt detailgetreu wider

Von Hendrik Hebauf

Dass Podcasts ein Revival erfahren haben, ist mittlerweile bekannt. Einer der meistgehörten deutschen Polit-Podcasts hat in seiner Folge vom 13. Januar 2020 nun ein Meisterstück darin abgeliefert, wie man deutsche Befindlichkeiten zum USA-Iran-Konflikt bedient, ohne dabei auch nur irgendeine halbwegs zutreffende Analyse der Situation zustande zu bekommen.

Der Podcast mit dem notorisch staatstragenden Namen „Lage der Nation“, der von dem Journalisten Philip Banse und dem Juristen Ulf Buermeyer 2016 ins Leben gerufen wurde, ist mittlerweile zu einem der großen deutschen Playern unter den Polit-Podcasts aufgestiegen. Er verzeichnet hunderttausende Hörer, veranstaltet Live-Events und bekommt Exklusivinterviews mit durchaus namhaften Politikern (u. a. Saskia Esken, Peter Altmaier).

Es ist kein Wunder, dass dieser Podcast sich einer solchen Beliebtheit erfreut, erzählt er den Deutschen doch mal wieder das, was sie hören wollen. In der Sendung vom 04. Januar 2020, in der die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani besprochen wurde, war der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag Alexander Graf Lambsdorff als Interviewpartner zu Gast.

„Gewisse Positionen“

Die Positionen von Herrn Lambsdorff zu der Lage im US-Iran-Konflikt passte den treuen Hörern des Podcasts scheinbar jedoch keineswegs, verweisen Banse und Buermeyer doch im folgenden Podcast vom 13. Januar darauf, dass sie von diesen kritisch darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie nicht ausführlicher auf den Hintergrund ihres Gastes eingegangen seien. Banse und Buermeyer entschuldigen sich daraufhin wehmütig und holen den Verweis auf den ominösen Hintergrund des Herrn Graf Lambsdorff brav nach:

Buermeyer: „Herr Graf Lambsdorff [ist] Mitglied des Vorstands der Atlantikbrücke, ein Verein der sich dem Austausch zwischen USA und Deutschland widmet, was ehrenhaft ist, aber natürlich äußert der sich im Zweifel immer US-freundlich und das hat man ja diesem Interview angesehen, dass das ja vielleicht nicht immer so eine ganz ausgewogene Position war.“

Was sich genauer hinter dieser lächerlichen Bezugnahme auf „journalistische Ausgewogenheit“ verbirgt, wird im Folgenden noch klarer:

Buermeyer: „Vielleicht noch schlimmer Philip?“

Banse: „Das er Mitglied im Rat des American Jewish Comittee ist, das ist in dem Sinne nicht schlimm, aber die haben sich halt als Aufgabe genommen, Beschützer des Wohls und der Sicherheit der Juden in den USA, Israel und der ganzen Welt zu sein, was ja ein ehrenhaftes Ziel ist.“

Buermeyer: „Es gehört zur offiziellen iranischen Regierungspolitik, dass Israel überhaupt nicht existieren sollte, mit anderen Worten, da sollte man vielleicht schon sehen, dass ein Mann der so dezidiert auf der Seite Israels steht, zum Iran eine gewisse Position hat.“

Es kann nicht weit her sein mit der vielbeschworenen „deutschen Staatsräson in Bezug auf Israel“, wenn es als – in üblich raunendem Ton – „gewisse Position“ gilt, das Existenzrecht dieses Staates zu bejahen und es gegen unverhohlene iranische Vernichtungsdrohungen zu verteidigen. Stattdessen wird die Mitgliedschaft in einer jüdischen Organisation als Disqualifikation für Aussagen zum USA-Iran-Konflikt gewertet., denn nichts anderes soll der Verweis auf die „nicht immer so ganz ausgewogene“, „gewisse“ Position bedeuten.

Dass außerdem die Nichterwähnung einer solchen Mitgliedschaft „vielleicht noch schlimmer“ sei, als die in der Atlantikbrücke, deren genauer Bezug zum Konflikt auch schon fragwürdig sein soll, scheint daran zu liegen, dass es sich um eine jüdische Organisation handelt. Ein Schelm, wer an den antisemitischen Topos des Strippen ziehenden Juden denkt, der hinter dem US-Imperialismus steckt.

Keinerlei Überraschungen

Auch in der sonstigen Bewertung des Konflikts kommt es wie zu erwarten zu keinerlei Überraschungen. Man wundert sich darüber, wie schwankend die Zustimmung zum iranischen Regime unter der iranischen Bevölkerung doch sei, man stellt den Abschuss des ukrainischen Flugzeugs als tragische Folge des amerikanischen Drucks auf den Iran und schließlich als Fehler eines Einzelnen dar und man freut sich schließlich diebisch darüber, dass das irakische Parlament die Ausweisung ausländischer Truppen beschlossen habe.

Buermeyer: „Das irakische Parlament hat jetzt für die Ausweisung der amerikanischen Truppen gestimmt, und zwar soweit ich weiß sogar einstimmig. Das muss man sich mal überlegen, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das aus amerikanischer Sicht befreite Land Irak schmeißt die Befreier raus!“

Dass die Einstimmigkeit für den Truppenabzug ausländischer Truppen im irakischen Parlament nur deshalb zustande kam, weil die kurdischen und die meisten sunnitischen Abgeordneten die Sitzung boykottierten, da sie unter anderem von iranisch gelenkten Milizen bedroht wurden, interessiert dabei nicht.

Es interessiert nicht, dass die reale Haltung zu den Amerikanern im Irak tatsächlich viel uneindeutiger ist, und dass der Rausschmiss amerikanischer Truppen deshalb wohl vorerst auch gar nicht zustande kommt. Kurz: Die Lebensrealitäten im Irak und Iran interessieren nicht. Stattdessen lässt man sich in projektiver Manier das auf der Zunge zergehen, was man sich insgeheim auch für Deutschland wünscht: Den Rausschmiss der Befreier durch die Befreiten.

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