Im Iran werden immer weniger Ehen geschlossen, da sich ganze Generationen eine Familiengründung nicht mehr leisten können.
Im heutigen Iran spielt sich eine der tiefgreifendsten und am meisten alarmierenden sozialen Krisen nicht auf den Straßen ab, sondern innerhalb der menschlichen Beziehungen. Ehe, Familie, Kinder, diese drei Grundpfeiler des sozialen Lebens stehen vor einem vielschichtigen Dilemma, deren Ursachen in einer zerfallenden Wirtschaft, ideologischen Politiken und einer sich vergrößernden kulturellen Kluft zwischen den Generationen liegen.
Statistiken aus dem heurigen Jahr zeigen eine beunruhigende Realität über den Zustand der iranischen Familie: In den Provinzen Teheran, Alborz und Mazandaran liegt das Verhältnis von Scheidungen zu Heiraten bei über fünfzig Trennungen pro hundert Eheschließungen. Während in diesen Regionen also jede zweite Ehe zerbricht, ist es im nationalen Durchschnitt jede dritte. Diese Zahlen sind nicht nur Anzeichen für persönliche Beziehungskrisen, sondern spiegeln einen tiefgreifenden sozialen Bruch wider.
Demografische Mission
Als Reaktion auf diese Entwicklung betrachtet ein Teil des iranischen Establishments die Familie durch eine normative und ideologische Brille. Diese Perspektive, die man als mechanischen Ansatz zur Ehe bezeichnen könnte, sieht die Familie nicht als menschliche und emotionale Bindung, sondern als demografische und politische Mission.
Nach dieser Auffassung wird die Ehe auf eine mechanische Formel reduziert: Zwei Menschen müssen heiraten, um sich fortzupflanzen und das Bevölkerungswachstum zu steigern. Der Staat fördert dies mit Anreizen wie Ehekrediten, Prämien für das dritte Kind und administrativen Privilegien, erwähnt jedoch selten die Qualität von Beziehungen, die Liebe oder die freie Wahl. Wiederholte Empfehlungen von Parlamentsabgeordneten bezüglich der Notwendigkeit der Heirat von Frauen über dreißig sind Beispiele für diese Denkweise – als seien Frauen bloße Werkzeuge für Bevölkerungsprogramme und keine Individuen mit dem Recht auf freie Wahl.
Eine solche Rhetorik steht nicht nur im Widerspruch zur heutigen Lebensrealität junger Menschen, sondern zwingt einer modernen und vielfältigen Gesellschaft auch eine Mentalität auf, die Menschen nur als Rädchen in einer demografischen Maschine betrachtet.
Weniger Eheschließungen
Der Rückgang der Heiratsraten ist eine Reaktion auf die aktuellen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Zwischen 2007 und 2018 ging die Zahl der Eheschließungen stetig zurück, während die Scheidungen zunahmen. Zugleich sank das jährliche Bevölkerungswachstum von 2,46 Prozent im Jahr 1986 auf etwa 1,24 Prozent im Jahr 2016, während die Anzahl der Geburten von zwei Millionen in den 1980er Jahren auf 1,6 Millionen Mitte der 2010er Jahre zurückging. Heute sind laut Gesundheitsministerium 9,2 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt – ein deutliches Zeichen für die rasche Alterung der Gesellschaft.
Das durchschnittliche Heiratsalter liegt bei Männern bei etwa 28 Jahren und bei Frauen bei 24 Jahren; ca. 16 Prozent der Schwangerschaften treten bei Frauen über 35 Jahren auf, was ein Indikator für eine verzögerte und zögerliche Familiengründung ist.
Unter jungen Iranern, insbesondere in den Großstädten, wird die Ehe nicht mehr als gangbarer Lebensweg angesehen. Sie fliehen vor finanziellen Belastungen, Wohnkosten, Arbeitslosigkeit und psychologischer Unsicherheit. Viele ziehen eine friedliche Einsamkeit einer angespannten Ehe vor.
Druck und Ängste
Neben dem Rückgang der formellen Ehen verbreiten sich neue Formen informeller Beziehungen: von temporären Ehen (Sigheh) über »weiße Ehen« (dem Zusammenleben ohne Trauschein) bis hin zu finanziell motivierten intimen Arrangements, die als »Sugar-Daddy«- und »Sugar-Mommy«-Beziehungen bekannt sind.
In einer Gesellschaft, in der junge Menschen sich ihrer Entwicklungsmöglichkeiten, ihrer Sicherheit und ihrer Zukunft beraubt fühlen, geraten jene, die unter wirtschaftlichem Druck und kulturellen Einschränkungen stehen, in einen Kreislauf aus temporären Beziehungen, finanzieller Abhängigkeit und emotionaler Unsicherheit. Das Fundament der iranischen Familie ächzt unter der kombinierten Last von Inflation, Ungleichheit und autoritärer Politik. In Städten wie Teheran übersteigen die Kosten für die Miete oder den Kauf einer Wohnung selbst die Möglichkeiten der Mittelschicht.
Unter solchen Bedingungen ist die Ehe zu einem kostspieligen und riskanten Unterfangen geworden. Und so sehen heute viele junge Iraner das Single-Dasein nicht als Zeichen von Schwäche, wie es ihnen die Regime-Funktionäre einreden wollen, sondern als rationale Entscheidung, mit der sie auf die vielfältigen Krisen im Land reagieren. Diese individuelle Entscheidung hat jedoch schwerwiegende soziale Folgen: Eine schrumpfende junge Bevölkerung, eine wachsende ältere Bevölkerungsgruppe und eine Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt.
Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass der Iran an der Schwelle zu einem kritischen demografischen Wandel steht – einer Gesellschaft, in der junge Menschen die Ehe meiden, Familien zerfallen und die Geburtenraten auf ein Minimum sinken. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird der Iran innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer überalterten und psychisch erschöpften Gesellschaft werden.
Der Ausweg liegt jedoch nicht in den Dekreten oder Fatwas, mit denen das Regime auf die Situation zu reagieren versucht, sondern in der Wiederherstellung des sozialen Vertrauens und der Schaffung realer Bedingungen für ein gesundes Leben: stabile Arbeitsplätze, wirtschaftliche Sicherheit, Wahlfreiheit und Respekt vor dem individuellen Willen.
Letztendlich kann die Ehe nur dann an Bedeutung gewinnen, wenn sie auf Liebe, Verständnis und freier Wahl und nicht auf Befehlen, Angst vor Sünde oder Bevölkerungspolitik basiert. Mehr denn je braucht der Iran heute eine solche menschenzentrierte Vision von Ehe und gemeinsamem Leben und keine mechanische, die auf von oben verordneten und veralteten religiösen und ideologischen Werten beruht.






