Die NS-Verstrickungen panarabischer und palästinensischer Strömungen müssen in die Bildungsarbeit integriert werden, um die Kraft historischer Aufarbeitung zu stärken.
Die propalästinensische Bewegung tritt immer unverhohlener mit den Reflexen, der Rhetorik und den Ritualmordlegenden der Rechtsextremisten in Erscheinung. Eine merkwürdige Entwicklung. Überraschend ist das jedoch nicht. Denn es ist eine historisch entkernte Jugend, die auf den Straßen, auf dem Campus und auf TikTok den Ton angibt. Wenn diese Generation Phrasen wie »Es muss endlich mal Schluss sein« oder »Ich kann es nicht mehr hören« skandiert, bricht sich kein naiver Protest Bahn. Es ist der aggressive Versuch junger Aktivisten, den deutschen Erinnerungsdiskurs zu kapern und ihn als »Schuldkult« zu denunzieren.
Defizite in der Aufklärungsarbeit sabotieren die Erinnerungskultur, begünstigen den Judenhass und gefährden die Demokratie. Mit medialem Beistand gelingt es Angehörigen der »Free-Palestine-Bewegung«, sich als Antifaschisten zu inszenieren. Dass diese moralische Pose immer wieder zur Posse ausufert – wie die Aktivitäten der Sumud-Flottille zeigen –, sei dahingestellt. Fakt ist, diese Haltung birgt eine fundamentale Doppelmoral. Während die Akteure Juden dazu auffordern, sich von der israelischen Regierungspolitik zu distanzieren, wird die historische Verflechtung der eigenen Causa mit dem Nationalsozialismus systematisch ausgeblendet.
Verschwiegen wird insbesondere die ideologische Achse zwischen Adolf Hitler und Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem und Anführer der palästinensischen Nationalbewegung. Ab 1941 verbreitete al-Husseini von Berlin aus antisemitische NS-Propaganda in die arabische Welt. Zudem rekrutierte er mit Heinrich Himmler rund 20.000 bosnische Muslime für die SS-Division »Handschar«, die auf dem Balkan fast alle bosnischen Juden sowie tausende Serben ermordete.
Al-Husseini verhinderte nachweislich die Ausreise jüdischer Kinder aus Südosteuropa und forderte deren Deportation in die Todeslager nach Polen. Gemeinsam mit der SS forcierte er zudem das »Einsatzkommando Ägypten« unter Walther Rauff, dem Erfinder der Gaswagen. Dieses stand 1942 bereit, um nach einem Sieg Rommels den Holocaust unmittelbar nach Palästina zu tragen. Durch Besuche im KZ Sachsenhausen ließ er sich über die Details des Massenmords instruieren, um diese Methoden als Blaupause für den Nahen Osten zu nutzen.
Nach 1945 wurde al-Husseini von mehreren Staaten und den Vereinten Nationen als Kriegsverbrecher gesucht. In Konstanz festgenommen, floh er 1946 mit französischer Duldung aus dem Hausarrest nach Kairo. Ägypten gewährte ihm Asyl, wodurch er der juristischen Verfolgung endgültig entging. Bis zu seinem Tod 1974 in Beirut blieb er eine unantastbare Ikone und fungierte als Ziehvater sowie Großonkel von Jassir Arafat, dem er den Weg an die Spitze der palästinensischen Nationalbewegung ebnete.
So wie er damals der Justiz entkam, fällt er auch heute durch das Raster. Sein Bündnis mit dem NS-Regime bleibt der blinde Fleck einer Bewegung, die sich heute fälschlicherweise als progressiv begreift.
Bildungsauftrag und postkoloniale Willkür
Das Klassenzimmer sowie Gedenkstätten im Rahmen von Schulausflügen bilden das Fundament der historischen Aufklärung über den Nationalsozialismus. Doch genau da hat die Aufklärung versagt. Bei der Masse der Schüler herrscht heute blankes Unwissen über diese historische Figur. Noch fataler ist die Situation in bestimmten migrantischen und islamistischen Subkulturen, in denen al-Husseini durchaus bekannt ist: Dort wird er als Widerstandsikone glorifiziert und somit systematisch eher geehrt als geächtet.
Die verpflichtende Behandlung des Holocaust im deutschen Schulunterricht wurde in den 1960er und 1970er Jahren im Zuge der Bildungsreformen schrittweise etabliert. Sie ergibt sich rechtlich aus dem verfassungsrechtlichen Bildungsauftrag des Grundgesetzes sowie aus den Schulgesetzen der Länder. Der Nationalsozialismus einschließlich der Shoah ist heute in allen sechzehn Bundesländern als verbindlicher Unterrichtsinhalt in Geschichte und Politik fest verankert und die Kultusministerkonferenz hat diesen Konsens seit den 1990er Jahren wiederholt bestätigt.
Hehre Ansprüche, an denen die Realität jedoch scheitert. Die Wissenslücken – auch bei Lehrkräften – offenbaren, wie sehr die Aufklärung politisiert wurde. Da sich die palästinensische Bewegung seit Jahrzehnten als revolutionäre Emanzipationstruppe darstellt, wurde jede Kritik systematisch vermieden. Dieser blinde Fleck ist kein Zufall, sondern Teil eines ideologischen Musters. Ein perfektes Analogon bildet hierbei das Verschweigen des islamischen Imperialismus: Arabische und osmanische Mächte beuteten Afrika über 1.400 Jahre lang aus und versklavten dessen Bevölkerung – ein ganzes Millennium länger als der europäische Atlantikhandel. Weil dieser Befund nicht in das gängige Narrativ passt, bleibt er im Unterricht ein Tabu. Die Folge ist eine verengte Debatte über Rassismus und Antisemitismus, in der ausschließlich weiße Europäer als Täter existieren dürfen.
In der Bundesrepublik führte diese Verengung der Erinnerungskultur dazu, dass sich junge Menschen in manchen (pro-)palästinensisch geprägten Subkulturen von der moralischen Pflicht zur historischen Auseinandersetzung entbunden sehen. Sie weisen die deutsche Aufarbeitungstradition für sich komplett zurück und entziehen sich diesem Konsens demonstrativ. Es entsteht der Trugschluss, die Lehren aus der Geschichte beträfen sie nicht. Diese Lücke dient als willkommene Entlastung, um sich der Mitverantwortung zu entziehen und stattdessen eine exklusive Opferrolle zu reklamieren.
Eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei spielt der Kampfbegriff Islamophobie. Wie eine Dirra – jener berühmt-berüchtigte Züchtigungsstab zur Disziplinierung von Abweichlern – erstickt er Debatten bereits im Ansatz. Ihre größte Wirkung entfaltet er wiederum in dem vorauseilenden Gehorsam, den er erzeugt: Ob im Bildungsbereich oder im Bundestag: Viele schweigen aus Angst vor Stigmatisierung, noch bevor Kritik überhaupt geäußert wird. Flankiert von einer rasch mobilisierten Empörungskulisse werden so faktische Denkverbote etabliert, während antisemitische Tendenzen zunehmend der kritischen Prüfung entzogen werden.
Die NS-Verstrickungen panarabischer und palästinensischer Strömungen müssen in die Bildungsarbeit integriert werden. Dazu gehören ihre Verankerung in Lehrplänen, die Entwicklung geeigneter Unterrichtsmaterialien, die Fortbildung von Lehrkräften sowie die Förderung eines historisch fundierten Dialogs in Schulen und externen Bildungseinrichtungen. Dabei geht es weder um Schuldzuweisungen noch darum, Jugendliche aufgrund ihrer Herkunft mit einer historischen Schuld zu belasten. Ziel ist vielmehr, sie durch historisches Wissen zu stärken. Historisches Bewusstsein schärft das Urteilsvermögen und befähigt dazu, als mündige Bürger demokratische Werte zu verteidigen und antisemitischen wie antidemokratischen Tendenzen entgegenzutreten.






