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Die Hungersnot, die es nicht gibt

Die vielfach behauptete Hungersnot im Norden des Gazastreifens gibt es nicht. (© imago images/APAimages)
Die vielfach behauptete Hungersnot im Norden des Gazastreifens gibt es nicht. (© imago images/APAimages)

Genau die, die eine Hungersnot im Gazastreifen prognostiziert haben, geben jetzt zu, sich geirrt zu haben. Die Medien interessiert das nicht.

Manchmal wünschte man wirklich, man hätte zur Abwechslung einmal etwas Neues zu melden, doch dann beschleicht einen angesichts der ewig gleichen Vorgehensweise hiesiger Medien doch wieder der Eindruck, dem sich Bill Murray in einem seiner berühmtesten Filme gegenübersah: »Und täglich grüßt das Murmeltier«.

Am 18. März meldete etwa der Österreichische Rundfunk: »Fachleute zu Gaza: Hungersnot steht unmittelbar bevor.« Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, so hieß es in dem Artikel, habe Israel vorgeworfen, Hunger gezielt als Waffe einzusetzen. »Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung in dem abgeriegelten Küstenstreifen – etwa 1,1 Millionen Menschen – ist nach IPC-Kriterien in der schlimmsten Notlage.« Die als Partnerschaft zwischen Regierungen, internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen strukturierte IPC (Integrated Food Security Phase Classification) ist die wichtigste globale Initiative zur Überwachung von Hungersnöten.

Noch am 4. Mai behauptete derselbe ORF unter Berufung auf das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen eine »Hungersnot in Nordgaza«. »Was ich sagen kann, ist, dass es im Norden eine ausgewachsene Hungersnot gibt, die sich in den Süden ausbreitet«, wurde damals die WFP-Direktorin Cindy McCain zitiert, die sich bei ihren Einschätzungen auch auf IPC-Kriterien stützte. Offiziell als Hungersnot eingestuft sei die Lage vor Ort allerdings noch nicht, hieß es damals, da eine solche internationale Klassifizierung erst nach einem komplexen bürokratischen Verfahren erfolge.

Systematische Fehler

Das Problem an der Sache war jedoch: In einer genaueren Untersuchung der am 18. März veröffentlichten IPC-Kurzdarstellung über die unsichere Ernährungslage im Gazastreifen konnte Israel eine Reihe systematischer Fehler und Mängel nachweisen, die den in dem Bericht gemachten Einschätzungen der Organisation zugrunde lagen – und damit auch den sich darauf stützenden Schlüssen der genannten Politiker und der Medienberichterstattung.

So versäumte es der sich auf den Zeitraum vom 21. Dezember 2023 bis zum 10. März 2024 beziehende IPC-Bericht, »den Anstieg der humanitären Hilfe in diesem Zeitraum anzuerkennen« und berücksichtigte in seinen Prognosen weder »die Öffnung des Grenzübergangs Kerem Shalom im Dezember noch die daraufhin gestiegene Zahl der täglich in das Gebiet einfahrenden Lastwagen mit humanitärer Hilfe. Auch die Abwürfe von Nahrungsmitteln aus der Luft [und] die Öffnung der Güterübergänge in den von der Ernährungsunsicherheit am stärksten betroffenen nördlichen Gazastreifen« wurden ignoriert, wie Mena-Watch bereits am 4. Juni in einem Bericht festhielt.

Es scheint wahrscheinlich, dass die Nichtberücksichtigung all dieser Entwicklungen zu den düsteren Prognosen im IPC-Bericht vom März beigetragen hat, schlussfolgerte die Times of Israel bereits am 31. Mai.

Die israelische Untersuchung hatte ergeben, dass das IPC bei seinem Bericht die eigenen Standards nicht eingehalten hatte, womit eine unabhängige Bewertung der gemachten Prognosen unmöglich sei. Dementsprechend verlangte Jerusalem abschließend, der für Juni geplante nächste IPC-Bericht über den Gazastreifen »sollte die Wiederholung dieser Fehler vermeiden und eine Anerkennung und Korrektur der im vorangegangenen Bericht gemachten Fehler beinhalten«.

Zurückrudern

Und nun kam dasselbe Expertengremium, das im März noch die düstersten Prognosen geäußert hatte, exakt zu dem Schluss, dass damals die von Israel zugelassenen Nahrungsmittellieferungen drastisch unterschätzt worden seien und infolge in Gaza auch keine Hungersnot nachweisbar sei. Das Famine Review Committee (FRC), das im Auftrag der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) die Überprüfungen vor Ort durchführt und »sich aus fünf prominenten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung zusammensetzt, wies am 8. Juni die Schlussfolgerung, dass im nördlichen Gazastreifen eine Hungersnot herrscht, als ›nicht plausibel‹ zurück«, meldete am Montag die Foundation for Defense of Democracies.

In seinem Bericht wies das FRC Behauptungen über eine Hungersnot im nördlichen Gazastreifen mit der Begründung zurück, dass – nicht zuletzt im eigenen März-Bericht – der Einfluss sowohl kommerzieller Nahrungsmittelquellen als auch bestimmter Formen der humanitären Hilfe ignoriert oder unterschätzt werde. Das Komitee kam zu dem Schluss, aufgrund der erheblichen Zunahme der Hilfslieferungen wie der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln seien im Beobachtungszeitrum »selbst bei konservativen Berechnungen fast hundert Prozent des täglichen Kilokalorienbedarfs für die geschätzte Bevölkerung von 300.000 Menschen zur Verfügung gestanden«.

Bezeichnenderweise findet sich auf der Website des ORF bislang keinerlei Hinweis auf den neuen IPC-Bericht, der die Vorwürfe von Josep Borrell, Israel würde den Hunger als Waffe gegen die Bevölkerung in Gaza einsetzen, als genau die Propaganda überführt, die sie von Anbeginn gewesen ist.

Nicht zum ersten Mal wurden Horrormeldungen über Israel, die der Diffamierung und Kriminalisierung des jüdischen Staates dienen, sofort und ohne jede kritische Überprüfung veröffentlicht, die – dagegen ohnehin fast machtlose – Berichtigung der Falschmeldungen lässt hingegen einmal mehr auf sich warten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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