Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht Maral Salmassi, Executive Chairwoman des ZERA Instituts in Berlin, über ihre Arbeit im Bereich Antisemitismus- und Radikalisierungsprävention, verkürzten Journalismus und Kritik an ihrer Person.
Es beginnt mit einer Zäsur, dem 7. Oktober 2023, sagt Maral Salmassi. Antisemitische Mobilisierung, islamistische Narrative, radikalisierte Milieus seien »sichtbar eskaliert«. Nicht nur auf der Straße, sondern ebenso in Kulturinstitutionen, Bildungsräumen und vor allem im Digitalen.
Eine Beobachtung, die sie nachhaltig irritiert hat, waren aktivistische Milieus, die kurz zuvor etwa Black Lives Matter unterstützten, nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini im Rahmen der »Frau-Leben-Freiheit«-Bewegung verstummten, um wenig später mit Kuffiyeh und Palästinaflaggen Parolen wie »From the River to the Sea« zu skandieren. Dieser ideologische Schwenk, diese plötzliche moralische Neujustierung, war auch ein Anlass zur Gründung des ZERA Instituts in Berlin: Prävention durch Aufklärung und die Sichtbarmachung dessen, wie Antisemitismus heute operiert. Gerade dann, wenn er sich islamistisch oder pseudo-progressiv geriert.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Expertenrat, dem unter anderen Seyran Ateş angehört. Kein repräsentatives Feigenblatt, sondern Qualitäts- und Realitätsprüfung – mit juristischer Expertise und praktischer Erfahrung beim Schutz von Betroffenen.
Das ZERA-Institut existiert seit rund sieben Monaten. Es handelt sich nicht um ein traditionsreiches Institut, sondern um ein in kürzester Zeit aufgebautes Projekt, das eine Aufbauförderung erhalten hat. In wenigen Monaten ist so eine tragfähige Struktur entstanden: ein interdisziplinäres Team, Büroräume, ein Studio für Bildungs- und Medienformate sowie der Expertenrat. Erste Forschungsberichte, Workshops, zwei größere öffentliche Veranstaltungen mit voll besetzten Sälen, all das wurde bereits realisiert. Die Nachfrage nach klarer, ideologiefreier Antisemitismus- und Islamismusprävention ist real vorhanden.
Umso schärfer trifft sie die mediale Kritik, unter anderem in einem aktuellen Text von Daniel Bax von der taz. Salmassi verweist auf dessen umstrittene Einordnungen von Antisemitismus und Islamismus. Ein Autor, der die brutalen Übergriffe auf israelische Makkabi-Fans in Amsterdam als bloße »Ausschreitungen« am Rande eines Fußballspiels bezeichnet habe. »Wer eine organisierte Menschenjagd auf Juden als Randerscheinung eines Sportereignisses bezeichnet, also antisemitische Gewalt auf diese Weise einordnet, ist aus meiner Perspektive nicht ernst zu nehmen.«
Rassismus der niedrigen Erwartungen
Zentral ist für sie die begriffliche Trennung von Islamismus als politischer Ideologie und Muslimen als Gläubige oder Gemeinschaft. Wer ihr vorwirft, eine »Hasspredigerin« zu sein, ignoriert diese Differenz. Maral Salmassi selbst ist Iranerin, ihre Familie mehrheitlich muslimisch. Ihre Kritik richtet sich gegen Antisemitismus, gegen totalitäre Ideologien und deren Netzwerke, nicht gegen Muslime. Wenn diese Unterscheidung eingeebnet wird, um ihre Kritik zur Hassrede umzudeuten, ist das eine groteske Verschiebung, die Islamismus gegen Kritik immunisiert.
In diesem Zusammenhang spricht sie von einer Erfahrung, die sie mit anderen Minderheitenvertretern teilt – mit Kurden, Iranern, liberalen Muslimen, Ex-Muslimen. Privilegierte »weiße« Europäer, die ihnen erklären, wie sie über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen hätten: »Das ist Rassismus. Das ist Rassismus der niedrigen Erwartungen.«
Aber auch die öffentliche Förderung des Instituts wird kritisiert. Eine sechsstellige Summe, die angeblich ohne ausreichende Prüfung erhalten wurde. Es gibt Projektanträge, Kostenpläne, Zweckbindungen sowie Zwischen- und Verwendungsnachweise. Projekte, die Antisemitismus auch im linksextremen und islamistischen Milieu thematisieren, bewegen sich außerhalb eines bequemen Konsenses. Journalistische Darstellungen seien dazu teils kontextarm.
Als Beispiel nennt sie unter anderem ihre Analyse zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg am 20. Dezember 2024, in dem sich kritisch mit der Berichterstattung über den mutmaßlichen Täter auseinandersetzt. Grundlage sind öffentlich zugängliche arabischsprachige Äußerungen des Angreifers sowie Aussagen ex-muslimischer Betroffener, mit denen sie online im Austausch steht. In einem Substack-Artikel dokumentiert sie Tweets und Quellen chronologisch. Warum eine solche datenbasierte Analyse pauschal als »Verschwörungstheorie« etikettiert wird, erschließt sich ihr nicht.
Was im Rahmen der Kritik an ihrer Person von ihrer Arbeit nicht gesehen wird, ist erstens der methodische Anspruch, etwa entlang der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus zu arbeiten. Zweitens die tatsächlichen Inhalte und Formate des Instituts. Drittens ihre Biografie. Sie wuchs im Iran auf, erlebte Krieg und Schulzeit in einer Theokratie und floh während des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. Antisemitismus kennt sie als Staatsdoktrin, nicht nur als Diskursphänomen.
Die Kampagne gegen ZERA verortet sie im Kontext der Berliner Fördermitteldebatte und des beginnenden Wahlkampfs. Es ist ein »Wahlkampf auf dem Rücken der Projekte gegen Antisemitismus«. Dabei geht es auch um Definitionsmacht. Gegen Ende des Interviews betont Salmassi, wie wichtig transparente, nicht selektiv angewendete Kontrollmechanismen für Fördermittel sind. Es bringe nichts, einzelne Projekte öffentlich zu zerlegen, während andere mit klaren ideologischen Schlagseiten ungestört blieben. Entscheidend seien nachvollziehbare Kriterien und dokumentierte Verfahren.
Persönlich getroffen habe sie aber auch die Berichterstattung, in der zwei Mitarbeiterinnen des Instituts – jüdische Geflüchtete aus der Ukraine – in einem Spiegel-Artikel namentlich und mit Foto präsentiert wurden. Zunächst sei einer von ihnen unterstellt worden, eine KI-generierte Fake-Person zu sein, anschließend seien Nebentätigkeiten aus der Studienzeit skandalisiert worden, um ihnen im Nachhinein die Expertise abzusprechen. Aber auch zentrale Richtigstellungen, etwa ihre öffentliche Stellungnahme zum kritisierten Soros-Tweet, würden in Artikeln konsequent unterschlagen, was das Bild weiter verzerrt. Das alles sei einfach nur noch »ziemlich verrückt«.






