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Haaretz lässt Ritualmordlegende neu aufleben

Simon von Trient: Haaretz lässt die Ritualmordlegende runderneuert wiederauferstehen
Simon von Trient: Haaretz lässt die Ritualmordlegende runderneuert wiederauferstehen (© Imago Images / Heritage Images)

Unter der Überschrift »Das Töten von Kindern bringt Israelis zusammen« veröffentlichte die sich selbst als liberal bezeichnende israelische Tageszeitung Haaretz einen hetzerischen Kommentar, der sich gegen Juden richtet und dem weltweiten Antisemitismus neuen Auftrieb gibt.

Mit Superlativen sollte man behutsam umgehen. Darum zögern wir, jenem Kommentator Recht zu geben, der schreibt, der Ritualmordvorwurf gegen die Juden, den die israelische Tageszeitung Haaretz erhoben hat, sei der schlimmste antisemitische Artikel »der Weltgeschichte«. Ist die Haaretz wirklich schlimmer als Der Stürmer, schlimmer als Mein Kampf, schlimmer als die Protokolle der Weisen von Zion? Nun, es ist wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Haaretz hat einen extrem bösartigen Text veröffentlicht, der in Zukunft zahlreiche Menschen das Leben kosten und vielleicht noch in fünfzig Jahren von den Mördern von Juden als Rechtfertigung für ihre Taten genannt werden wird.

Haaretz hat die über zweitausend Jahre alte antisemitische Ritualmordlegende aktualisiert, mit einem journalistischen Glaubwürdigkeitszertifikat versehen und zu potenziell Hunderten Millionen Menschen gebracht. Teils zu solchen, die dank Haaretz ihr antisemitisches Weltbild bestätigt finden, teils zu solchen, die nun zum ersten Mal davon hören, dass Juden »absichtlich Kinder töten«, weil es ihnen »Freude bereitet«. Unter der Überschrift »Das Töten von Kindern bringt Israelis zusammen« hatte Yossi Klein in Haaretz geschrieben:

»Es gibt nichts Besseres als das Töten von Kindern, um Herzen und Köpfe zusammenzubringen. In den vergangenen achtzehn Wochen haben sich die Israelis gegenseitig bekämpft und konnten nichts finden, was sie näher zusammengebracht hätte. Dann kam die Tötung der Kinder im Gazastreifen und bewies, dass wir doch Brüder sind. Barrieren fielen, und der Zank war vergessen. Yair Lapid legte Benjamin Netanjahu tröstend den Arm auf die Schulter, Benny Gantz lehnte seinen Kopf an May Golan, und es war überraschend, dass nicht die gesamte Knesset aufstand und spontan die Hatikva sang.

Man muss zugeben, dass die Tötung von Kindern das abscheulichste aller Verbrechen ist. Es gibt kein verachtenswerteres Verbrechen, darin liegen seine Abscheulichkeit und seine Macht. Es hat eine abschreckende Wirkung, es ist effektiv und lässt frisches, neues Blut in unsere Adern fließen.«

Futter für Judenhasser weltweit

Juden als Vampire also. Die der Muslimbruderschaft nahestehende Anti-Israel-Website Middle East Monitor veröffentlichte Kleins Zitate und fügte den Kommentar hinzu: »Vielleicht werden diese israelischen Bekenntnisse zu gegebener Zeit auch veröffentlicht.«

Zu gegebener Zeit? Wie bescheiden. Der gesamte Artikel erschien umgehend auf Arabisch. Rasch wurde das vermeintliche Schuldeingeständnis Israels in Dutzende weitere Sprachen übersetzt, etwa ins Spanische: »Israel asesina intencionalmente a los niños palestinos« (»Israel tötet absichtlich palästinensische Kinder«). Ins Französische: »Gaza: Israël avoue avoir tué intentionnellement des enfants pour faire pression sur la résistance« (»Israel gibt zu, absichtlich Kinder zu töten, um den Widerstand im Gaza-Krieg zu unterdrücken«). Ins Indonesische: »Israel Mengaku Sengaja Membunuh Anak-anak Untuk Menekan Perlawanan Saat Perang Gaza« (»Israel gibt zu, absichtlich Kinder zu töten, um den Widerstand im Gaza-Krieg zu unterdrücken«).

Im sozialen Netzwerk Reddit postete eine Nutzerin den Haaretz-Beitrag mit den Worten: »Israels älteste Zeitung Haaretz titelt: ›Das Töten von Kindern bringt Israelis zusammen‹.« Sie kommentiert:

»Würde in Großbritannien jemand diese Schlagzeile schreiben oder diese Bemerkung an seinem Arbeitsplatz oder im Parlament machen, würde er wegen ›Antisemitismus‹ unter Verwendung der ›Ritualmordlegende‹ gescholten.«

Das soll wohl heißen: Bislang wurden diejenigen, die erzählten, Juden mache es Spaß, Kinder zu töten, nicht ernst genug genommen und womöglich gar für Antisemiten gehalten. Jetzt aber liege der Beweis vor, schwarz auf weiß, dank der »ältesten Zeitung Israels«. Wenn die Juden selbst zugeben, notorisch Kinder zu töten, wofür braucht man dann noch Gerichtsverfahren? Können wir jetzt endlich wieder zur Bestrafung schreiten?

Eine zweitausend Jahre alte Lüge

Der Antisemitismus von Haaretz hat mit Kleins Artikel eine neue Qualität gewonnen. Alles Bisherige verblasst dagegen. Und das war nicht wenig, sieht man sich einige der Artikel an, die dort erscheinen konnten:

Der letztgenannte Beitrag stammt ebenfalls von Yossi Klein, der damals schrieb: »Die Nationalreligiösen sind gefährlich. Gefährlicher als die Hisbollah, gefährlicher als Autofahrer, die mit Autos Menschen überfahren, oder Mädchen mit Scheren [in Anspielung auf einen Messerangriff eines palästinensischen Teenagers; Anm. S. F.]. Die Araber können neutralisiert werden, aber sie nicht.«

Die von Haaretz verbreitete Ritualmordlegende, wonach Juden nach einem geheimen Plan Kinder ermorden, ist so alt wie der Antisemitismus und ein wesentlicher Teil desselben. »Die paranoide Macht des antisemitischen Mythos kann tatsächlich nicht verstanden werden ohne Bezug zu ihren religiösen Quellen und tieferen Wurzeln in der klassischen Antike«, schrieb der Antisemitismusforscher Robert Wistrich.

In einer verschollenen Schrift, deren Inhalt nur durch eine Gegenschrift des jüdisch-römischen Historikers Flavius Josephus bekannt ist, behauptete der griechisch-ägyptische Sophist Apion aus Alexandria, die Juden in Alexandria würden Menschen mästen, um sie ihrem Gott zu opfern. Im Jahr 38 n. Chr., etwa zur selben Zeit, als Apion seine Schrift verfasst haben muss, gab es in Alexandria das erste verzeichnete Pogrom der Antike. Der römische Statthalter Flaccus bestrafte nicht die Täter, sondern entzog den Juden ihre bürgerlichen Rechte und sperrte sie in ein kleines Viertel der Stadt, das erste Ghetto der Geschichte.

Die Ritualmordlegende im Mittelalter

Die erste bekannte Ritualmordlegende des europäischen Mittelalters rankte sich um einen zwölfjährigen Jungen namens William. Als im Jahr 1144 kurz vor Ostern im ostenglischen Norwich seine Leiche gefunden wurde, wurden die Juden grundlos bezichtigt, William entführt und ermordet zu haben. Ein zum Christentum konvertierter Jude namens Theobald von Cambridge schrieb: »Die Juden von Norwich kauften vor Ostern ein christliches Kind und folterten es mit allen Foltern, mit denen unser Herrgott gefoltert wurde.« Dies würde, so hofften die Juden angeblich, die Ankunft des jüdischen Messias beschleunigen. Jedes Jahr, so Theobald, versammelten sich Juden aus vielen Ländern »in Spanien«, um ein »Opfer auszuwählen«, um sich so an Jesus zu »rächen«. 

»Auf diese Weise wurde das Blutgerücht vor über 850 Jahren mit der Vorstellung einer internationalen jüdischen Verschwörung verknüpft«, schreibt Antisemitismusforscher Wistrich. Um »William von Norwich« wurde ein Märtyrerkult gesponnen, ebenso wie über die anderen vermeintlich von Juden getöteten Kinder wie etwa »Simon von Trient«. Die Leiche des zweijährigen Simon wurde 1475 in der italienischen Stadt Trient in der Etsch gefunden. Die örtlichen Juden wurden bezichtigt, ihn ermordet zu haben. Es folgten Verhaftungen und »Geständnisse«, die unter schwerer Folter erpresst wurden.

»Das anschließende Strafverfahren hatte besonders schwerwiegende Folgen, weil sich die Richter obsessiv auf den Ritualmord konzentrierten, wegen der ständigen Verweise auf die Tötung des Osterlamms und das Beschmieren der Türpfosten in der Osternacht in Ägypten und wegen der klaren Unterstellung, dass Juden aus ihrem angeblichen ›Hass auf den christlichen Glauben‹ Kinder ermordeten«.

In Oberwesel im Hunsrück gab es über Jahrhunderte einen Heiligenkult um den 1287 angeblich von Juden ermordeten 16-jährigen »Werner von Oberwesel«. Noch bis vor fünfzehn Jahren gab es in diesem Ort eine Werner-Kapelle, die diesem Kult gewidmet war.

Der »jüdische Blutrausch«

Es wäre ein Missverständnis anzunehmen, die Ritualmordlüge sei etwas, das vor allem mit dem Mittelalter zu tun habe. Dass dem nicht so ist, zeigen in Deutschland auf Demonstrationen zu hörende Rufe wie »Kindermörder Israel« ebenso wie die Präsentation in Syrien getöteter und verstümmelter Kinder als angebliche Opfer Israels in den sozialen Medien oder die Ritualmordlegende um Mohammed al-Dura.

Einer der einflussreichsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts, der französische Katholik Edouard Drumont, behauptete, die Juden beteten in Wahrheit den Gott Moloch an, der Menschenopfer in Form von verbrannten Kindern fordere. Auch in der NS-Propaganda war die Ritualmordlüge ein wesentliches Element des antisemitischen Weltbilds. In einer pseudowissenschaftlichen Abhandlung mit dem Titel Der jüdische Ritualmord. Eine historische Untersuchung, die 1943 in dem auf antisemitische Literatur spezialisierten Theodor Fritsch Verlag erschien, schreibt der Autor Hellmut Schramm:

»Ritualmorde bestehen eben nicht in der ›hysterischen Phantasie abgestandenen Aberglaubens‹, die Geständnisse der Ritualmörder können nicht als nachträglich ›erfoltert‹ entwertet werden, sondern sind akten- und urkundenmäßig belegbare Zeugnisse jüdischen Mordens, die das Vorkommen von Ritualmorden bis auf unsere Tage als Tatsachen beweisen, denn jüdische Ritualverbrechen werden begangen werden, solange das auserwählte Volk sich in die nichtjüdische Menschheit überhaupt einzunisten vermag, solange die wahren Ursachen dieser satanischen Verbrechen nicht in aller Schärfe dargestellt werden. Als gesetzmäßig diktierte, mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederkehrende, weder an Zeit noch Ort gebundene bewusste Schändungen des dem Vieh gleichgestellten Nichtjuden.«

Die selbstgestellte Frage, ob »Ritualverbrechen heute noch möglich« seien, beantwortet der Autor so:

»Sie sind überall da auch heute noch möglich und werden, wie wir an Hand untrüglichen Materials nachweisen können, auch tatsächlich verübt, wo sich Juda unbeobachtet wähnt bzw. ein Volk zum Verbluten bringt, denn der jüdische Blutrausch ist so alt wie das Judengeschlecht selbst und vom Blutgotte Jahweh befohlen!«

Nur durch Judenverfolgung, wie im Dritten Reich praktiziert, lasse sich den angeblichen Ritualmorden ein Ende bereiten: »Das neue Deutschland dürfte von jüdischen Morden befreit sein; die unter uns lebenden Vertreter des ›auserwählten Volkes‹ wissen, dass schon der bloße Versuch oder die bloße Vorbereitung eines solchen Mordes Maßnahmen auslösen würde, die Juda noch mehr in Erstaunen versetzen dürften.«

NS-Propaganda: »Vernichtungskrieg Israels«

Im Nationalsozialismus wurde der Begriff »Ritualmord« auch als Metapher zur Bezeichnung eines angeblichen Plans »Israels«, »die Völker« zu unterdrücken, verwendet. Wilhelm Matthießen (später in der Bundesrepublik Kinderbuchautor) schrieb 1939 im Vorwort zu seinem Buch Israels Ritualmord an den Völkern:

»Wenn meine Schrift ›Israels Geheimplan der Völkervernichtung‹ jene biblischen Tatsachen belegt, die man als ›seelische Mobilmachung‹ der ewigen Menschheitsfeinde Israel und Großisrael [mit »Großisrael« meinte der erklärte Antitheist Matthießen die Christen; Anm. S. F.] zusammenfassen könnte, so beschreibt diese Schrift den eindrucksvollen Vernichtungskrieg Israels und der Seinigen gegen die Gojimwelt, von der politischen Vorbereitung an bis zu dem Grauen des Jahwehfriedens.

Dass ich diesen Völkermord ›Ritualmord‹ nenne, mag niemanden verwundern. Jeder Schächtschnitt, den Israel und Großisrael den Gojimvölkern und ihren Edelsten durch die Kehle reißen, ist ein Jahwehopfer und wird als Jahwehopfer angesehen. Das beweist die Bibel an vielen Stellen.«

Anstiftung zu Gewalt

Wenn es in Haaretz nun heißt: »Es gibt nichts Besseres als das Töten von Kindern« und behauptet wird, Kindermord sei für Juden eine Gemeinschaft stiftende Tat, geht davon eine Wirkung aus wie von den Ritualmordlügen des Mittelalters. Mit dem Unterschied, dass heute ganz andere Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung existieren. Die Lügen über die Juden verbreiten sich nicht mit der Geschwindigkeit eines Pferdewagens oder eines Schiffs, sondern erreichen innerhalb von Sekundenbruchteilen alle Kontinente. 

Ein Unterschied zu früheren von Haaretz verbreiteten Lügen ist, dass der Ritualmordvorwurf sich nicht in erster Linie an ein intellektuelles Publikum richtet. Bei einem Haaretz lesenden Marburger Friedensforscher, Berliner Bundestagsabgeordneten, Heidelberger Theologen, Frankfurter Gewerkschafter oder Journalisten des Bayerischen Rundfunks ist das Risiko, dass sie zum Messer greifen, um Juden zu töten, äußerst gering.

Das Blutgerücht aber ist eine Lüge, die so dreist, so primitiv und so aufhetzend ist, dass sie direkt jene anspricht, die nur darauf gewartet haben, dass ihnen jemand eine hanebüchene Rechtfertigung für vermeintliche Rache an Juden gibt. Leute vom Schlag des Terroristen von Halle, Stephan Balliet, der Dschihadisten Mohamed Merah und Amedy Coulibaly oder eines Robert Bowers, der im Oktober 2018 in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh elf Menschen erschoss. 

Die Antisemiten werden ihr Glück kaum fassen, dass die schwerwiegendste Anklage gegen die Juden ausgerechnet von einem jüdischen Autor einer israelischen Zeitung erhoben wird. Seit Langem haben sie Zitate von Theodor Herzl, David Ben-Gurion, Albert Einstein, Menachem Begin oder zeitgenössischen israelischen Politikern gefälscht, und zwar als angebliche Belege für die den Juden unterstellte Bosheit. Das ist nun nicht mehr nötig. Es steht ja in Haaretz. Und Yossi Klein hat das wirklich geschrieben.

In seinem Buch Der jüdische Selbsthass bemerkte Theodor Lessing 1930 über jüdische Antisemiten wie Otto Weininger:

»Die Lage des jüdischen Menschen war somit doppelt gefährdet. Einmal, weil er selber auf die Frage ›Warum liebt man uns nicht?‹ antwortet: ›Weil wir schuldig sind.‹ Sodann aber, weil die anderen Völker auf die Frage ›Warum ist der Jude unbeliebt?‹ nun gleichfalls antworten konnten: Er sagt es selber. – Er ist schuldig.«

Die Anstrengungen all jener, welche die Welt davon überzeugen wollten, dass Juden zu Ostern keine Kinder schlachten, um mit deren Blut Matzen zu backen, haben mit dem Haaretz-Artikel einen historischen Rückschlag erlitten. Viele Antisemiten sagen nun, wie von Lessing beschrieben: »Israel hat es selbst zugegeben.« Wie will man dagegen argumentieren? Wie will man erklären, welches Motiv Juden wie Yossi Klein haben, Lügen über die Juden zu erzählen? So wird Klein zum Theobald von Cambridge unserer Tage.

Literatur:

  • Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthaß, Berlin 1930.
  • Walter Matthießen: Israels Ritualmord an den Völkern, München 1939.
  • Hellmut Schramm: Der jüdische Ritualmord. Eine historische Untersuchung, Berlin 1943.
  • Robert Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad, New York 2010.

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