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Gewaltsamer Tod von George Floyd: Antisemiten bezichtigen Israel

Auch bei der Black-Lives-Matter-Demonstration in Wien war die Israelboykott-Bewegung BDS anwesend
Auch bei der Black-Lives-Matter-Demonstration in Wien war die Israelboykott-Bewegung BDS anwesend (Quelle: Twitter Reuven Rennert)

Hass und Lügen auf Twitter, Angriffe auf Synagogen: Nach alter Sitte macht die Anti-Israel-Bewegung Juden für gesellschaftliche Probleme verantwortlich und versucht, die Proteste gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

Der 46-jährige George Floyd war am 25. Mai durch einen Polizeieinsatz in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota ums Leben gekommen – mutmaßlich erstickte er am Boden liegend, als der Polizist Derek Chauvin ein Knie auf seinen Hals drückte und auch dann nicht von Floyd abließ, als dieser sagte, er könne nicht atmen. Seither gibt es in zahlreichen Städten der USA sowohl friedliche Straßenproteste als auch Ausschreitungen, Plünderungen und Brandschatzungen.

Die Anti-Israel-Bewegung, die den jüdischen Staat durch Boykotte von Waren und Menschen zerstören will, zieht eine Linie von dem tödlichen Polizeieinsatz in Minneapolis zum zehntausend Kilometer entfernten Israel. Dort vermutet sie in der Tradition antisemitischer Verschwörungstheorien die Drahtzieher alles Bösen.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter werden dazu die beiden Hashtags #BlackLivesMatter und #PalestiniansLivesMatter gemeinsam benutzt. So sollen die Palästinenser zu Opfern eines angeblichen jüdischen Rassismus stilisiert und das Wasser der Proteste auf die Mühlen der Israelfeinde gelenkt werden. Der getötete George Floyd und „die Palästinenser“ seien Opfer derselben Unterdrückung – das ist die Botschaft, die in Variationen vielfach verbreitet wird.

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Das Gerücht über Israels Polizei

Chauvin wird dabei jegliche Verantwortung für seine Tat abgesprochen, die Schuld wird direkt nach Israel transferiert: Die Juden in Israel hätten dem Polizisten in den USA Anweisung erteilt, Gewalt gegen Schwarze zu verüben, so die unausgesprochene Prämisse. In diesem Sinn kommentierte die BDS-Gruppe US Campaign for Palestinian Rights (USCPR) den Tod von George Floyd auf Twitter gegenüber ihren 51.000 Followern mit den Worten:

„Das israelische Militär bildet die US-Polizei in rassistischer und repressiver Polizei-Taktik aus, die systematisch auf schwarze und braune Körper abzielt.“

Ein beigefügter Link verweist auf einen Beitrag der US-Sektion von Amnesty International, in dem eben diese Behauptung aufgestellt wird. Der Text stammt aus dem Jahr 2015 und bezieht sich auf den gewaltsamen Tod des farbigen Amerikaners Freddie Gray, der am 12. April 2015 in Baltimore in Polizeigewahrsam gestorben war, offenbar ebenfalls an den Folgen einer Misshandlung durch einen Beamten.

Amnesty International wies darauf hin, dass Polizisten aus Baltimore auch in Israel ausgebildet würden, und verknüpfte in antisemitischer Logik das eine mit dem anderen:

„Seit 2002 haben die Anti-Defamation League, das Project Interchange des American Jewish Committee und das Jewish Institute for National Security Affairs Polizeichefs, stellvertretende Chefs und Captains die Ausbildung in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten (OPT) bezahlt.

Diese Schulungen bringen Polizisten aus Baltimore und andere Mitarbeiter der US-Strafverfolgungsbehörden in die Hände von Militär-, Sicherheits- und Polizeisystemen, die seit Jahren dokumentierte Menschenrechtsverletzungen begangen haben.“

Übertriebene Gewalt und Gewaltanwendung gegen Unbeteiligte will Amnesty International nämlich auch in Israel beobachtet haben – folglich müssten die amerikanischen Polizisten das dort gelernt haben. Nirgendwo im Internet steht zwar, dass Derek Chauvin je in Israel war, oder dass aus Israel die Anweisung an amerikanische Polizisten ergangen wäre, auf dem Boden liegende Menschen so zu malträtieren, dass sie sterben.

Doch allein dadurch, dass jedes Jahr einige wenige amerikanische Polizisten zu Fortbildungen nach Israel reisen, fällt bei jedem mutmaßlichen Verbrechen, das von irgendeinem der 700.000 amerikanischen Polizisten verübt wird, der Verdacht auf Israel. Wer Böses tut, der muss es bei den Juden gelernt haben. Denn ohne sie wäre das Böse nicht in der Welt, so der Gedankengang.

Von harmlosen Welpen zu aggressiven Killerhunden

Polizisten reisen als harmlose Welpen nach Israel und kehren als aggressive Kampfhunde zurück – so stellt Amnesty International sich das wohl vor.

Das Kuriose ist, dass ausgerechnet Amnesty International jedes Jahr ein dickes Buch über Menschenrechtsverletzungen in aller Welt herausgibt, aus dem hervorgeht, dass es ziemlich viele Staaten gibt, wo Polizisten exzessive Gewalt, auch gegen Unbeteiligte, verüben. Es fällt schwer, ein Land zu finden, wo es das gar nicht gibt. Gewalttätige Polizisten in der Türkei, im Irak oder in den Palästinensischen Autonomiegebieten – wurden die alle in Israel ausgebildet?

Die Idee, dass hinter jedem Fall von exzessiver Polizeigewalt in den USA in Wahrheit der Staat Israel stecke, ist indessen nicht nur bizarr, sondern auch bedrohlich populär. Vor zwei Jahren verlieh ihr Linda Sarsour, eine der ursprünglichen Co-Vorsitzenden des Women’s March, Ausdruck. Sarsour hatte offenbar das Amnesty-Pamphlet gelesen und machte die Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) für die Tötung von „unbewaffneten Schwarzen“ verantwortlich. ADL, so Sarsour, sei eine

„Organisation, die amerikanische Polizisten und Militärs nach Israel bringt, damit sie von der israelischen Polizei und dem israelischen Militär ausgebildet werden können und dann zurückkommen und was tun? Im ganzen Land unbewaffnete Schwarze anhalten, durchsuchen und töten.“

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Solche Propaganda wird auch über Satellit verbreitet. Der türkische Nachrichtensender TRT World, das Sprachrohr von Präsident Recep Tayyip Erdogan, meldete dieser Tage: „Knie am Hals, seit Langem ein Standard der israelischen Besatzung Palästinas“.

Laut einem Bericht der israelischen Website YnetNews ist das unzutreffend: Israelische Polizisten übten „keinen Druck auf den Hals oder die Atemwege“ aus, sagte Micky Rosenfeld, der Sprecher der israelischen Polizei. Selbst das Foto, das von TRT World zum Beweis herangezogen wird, zeigt nicht das, was es zu zeigen vorgibt: Auf dem Foto wird einer am Boden liegenden Person von einem Uniformierten das Knie auf den Kopf gedrückt (wie es auch in Deutschland und Österreich üblich ist), nicht aber auf den Hals.

Über die türkischen „Standards“ schweigt TRT World: Erst Anfang Mai hatte die türkische Polizei offenbar gezielt einen 17-jährigen Syrer erschossen, weil er gegen die Ausgangssperre verstoßen hatte.

„An allem sind die Juden schuld“

Man kann an dem Fall studieren, wie alles, was die Öffentlichkeit beunruhigt oder empört, den Juden untergeschoben wird – in 150 Jahren hat sich daran wenig geändert. Als in den 1870er Jahren viele Leute Geld mit Aktien verloren, hieß es, die Juden kontrollierten die Börse. Nicht Pech oder ein schlechtes Urteilsvermögen der Anleger wurde für Verluste verantwortlich gemacht, sondern ein vermeintlich abgekartetes Spiel, bei dem arglose Aktionäre um ihre Ersparnisse gebracht wurden.

Judenhass gehört nicht einer finsteren Vergangenheit an, sondern mindestens ebenso der finsteren Gegenwart: Juden werden für Erdbeben und Tsunamis verantwortlich gemacht; für die Haie im Roten Meer; für die Misswirtschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde, für den Ausbruch der Covid-19-Pandemie – und jetzt auch für den Tod von George Floyd.

Angriffe auf Synagogen

Die Folge der Demagogie: In Los Angeles wurden bei Ausschreitungen gezielt jüdische Einrichtungen angegriffen und mit antisemitischen Parolen beschmiert. Der Fairfax District, der als Zentrum der jüdischen Gemeinde in Los Angeles gilt, sei besonders von Gewaltakten und Plünderungen betroffen, berichtete die israelische Nachrichtenwebsite Times of Israel.

Ein Foto zeigt, dass an eine Synagoge „Fuck Israel“ und „Free Palestine“ geschmiert wurde. Wie die Website weiter berichtet, wurde eine Statue von Raoul Wallenberg, dem schwedischen Diplomaten, der Tausende ungarische Juden vor den Nazis rettete, ebenfalls mit antisemitischen Parolen beschmiert. Neben mehreren Synagogen und einer jüdischen Mädchenschule seien auch Geschäfte in jüdischem Besitz – etwa eine Bäckerei und ein Bekleidungsgeschäft – geplündert und beschmiert worden, so Times of Israel.

Die Saat des Louis Farrakhan

Die Idee, dass die Juden die Erbfeinde der Schwarzen seien, wird seit über 30 Jahren von Louis Farrakhan verbreitet, dem erklärten Hitler-Bewunderer und Chef der extremistischen Organisation Nation of Islam (NOI).

Die „historische Forschungsabteilung“ der NOI gab 1991 den ersten Band von „The Secret Relationship Between Blacks and Jews“ heraus, in dem, entgegen aller historischen Forschung, behauptet wird, Juden hätten den transatlantischen Sklavenhandel dominiert; Thema des zweiten, 2010 veröffentlichten Bandes war: „Wie die Juden die Kontrolle über die schwarz-amerikanische Wirtschaft erlangten“.

Dass die Juden die schlimmsten Unterdrücker der Schwarzen seien, ist das zentrale Thema von Farrakhans Lehre. Dessen Einfluss beschränkt sich nicht auf die Anhängerschaft der Nation of Islam, die auf einige Zehntausend geschätzt wird. Farrakhan war der Schirmherr von Massendemonstrationen wie dem Million Man March im Jahr 1995 (der so heißt, weil nur Männer daran teilnehmen sollten) und der Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Million Man March, die 2015 stattfand.

Dass mit Linda Sarsour, Carmen Perez und Tamika Mallory gleich drei von vier Vorsitzenden des Women’s March 2017 erklärte Farrakhan-Unterstützerinnen waren, zeigte, dass der heute 87-Jährige, den man mit Fug einen Rechtsextremisten nennen kann, seine Botschaft in Milieus tragen kann, die weit über den Kreis seiner fanatisch-religiösen Anhängerschaft hinausreichen: zu Jugendlichen, Frauen und Anhängern der politischen Linken.

Sie musste nur leicht angepasst werden: Redet Farrakhan zu Mitgliedern der Nation of Islam, dann sagt er etwa, die Juden seien schuld an „Pornografie“ und „gleichgeschlechtlicher Ehe“ oder daran, dass „Männer zu Frauen werden“. Wenn die Farrakhan-Anhängerinnen Linda Sarsour und Tamika Mallory sich an ein junges linkes Publikum wenden, benutzen sie andere Motive; sie behaupten etwa, Israel sei schuld an exzessiver Gewalt von Polizisten (Sarsour) oder an der Mauer, die Präsident Trump an der Grenze zu Mexiko bauen will (Mallory).

George Floyd mit Photoshop missbraucht

Komplementär dazu sollen das schwarze Opfer George Floyd und überhaupt alle Schwarzen in den USA zu „Palästinensern“ gemacht werden. Ein derzeit virales Meme zeigt das Bild Floyds auf der Trennmauer zwischen Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Auf dem Bild trägt er eine schwarzweiße Kufiya, hinter ihm weht die PLO-Flagge. So wird ein Toter, der sich nicht dagegen wehren kann, für politische Zwecke missbraucht.

Auf die Spitze getrieben wird diese Scharade dadurch, dass das Wandbild nicht einmal echt ist. Das Bild von Floyd in der Kufiya wurde für das Palestine Museum in den USA gemalt. Dann hat es jemand mit Photoshop auf die Mauer gesetzt. Going underground – eine Website und ein YouTube-Kanal des Kreml-Propagandasenders RT – verbreitete die Fälschung massenhaft über das Internet.

Die Pro-Israel-Organisation Israel Advocacy Movement (IAM) machte als erste auf Twitter auf die Photoshop-Fälschung aufmerksam. In dem Tweet schrieb sie:

„Behauptung: Der palästinensische Künstler Walid Ayyoub hat dieses Wandbild von George Floyd gemalt.

Wirklichkeit: Ein Bild von 2010 wurde mit Photoshop bearbeitet, damit sie #BlackLivesMatter kapern können.“

Im Internet findet man das Originalfoto des Mauerabschnitts, auf den angeblich das Wandbild gesprüht wurde. Joseph Cohen, Executive Director von Israel Advocacy Movement, erklärte gegenüber Mena-Watch, wie IAM auf die Fälschung aufmerksam wurde:

„Wir stießen auf einen Tweet von Going Underground auf Russia Today, in dem behauptet wurde, ein palästinensischer Künstler habe ein Wandbild von George Floyd auf Israels Sicherheitsbarriere gemalt. Es war eindeutig mit Photoshops bearbeitet und wir fanden eine Version des Originalbilds aus dem Jahr 2010.“

Jemand habe dieses Bild benutzt und dann mithilfe von Photoshop mit dem „Wandbild“ versehen, sagt Cohen. Die Fälschung sei leicht zu erkennen:

„Der Müll [im Vordergrund der Mauer; S.F.] wurde nicht verändert, die Lücken wurden übermalt, und sie haben die ursprüngliche Wandschrift auf stümperhafte Weise wegretuschiert.“

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Nachdem AIM das gefälschte Bild entlarvt hatte, habe Going Underground den Tweet entfernt – „aber nicht, bevor das Bild Tausende Male geteilt wurde“, so Cohen. Dies sei „ein weiteres Beispiel dafür, dass Anti-Israel-Aktivisten eine politische Sache kapern, um ihre eigene Agenda voranzutreiben.“ Die Al-Jazeera-Journalistin Nour Odeh und BDS-Gruppen wie das erwähnte USCPR verbreiten das Bild auch jetzt noch weiter. Warum auch nicht: Ihre ganze Weltanschauung beruht schließlich auf Lügen.

In Umfragen geben übrigens 48 Prozent der Schwarzen in den USA an, „mit Israel“ zu „sympathisieren“, nur 27 Prozent „mit den Palästinensern“. Die Zahlen sind seit Jahren ziemlich konstant; auch Lügen, die über Twitter oder andere soziale Medien im Internet verbreitet werden, werden daran nichts ändern.

Doch sie können im schlimmsten Fall Gewalt gegen Juden nach sich ziehen. Der Terroranschlag von Jersey City im Dezember 2019, als zwei Afroamerikaner, die einer radikalen antisemitischen Sekte angehörten, drei jüdische Zivilisten und einen nichtjüdischen Polizeibeamten ermordeten, zeigt, was Ideologie anrichten kann. Das führen auch die Zerstörungen in Los Angeles vor Augen. „Der Angriff auf unsere Gemeinde letzte Nacht war bösartig und kriminell“, sagte Paul Koretz, der derzeitige Stadtrat des Fairfax District, in einer Erklärung am Sonntag. Er sprach von „antisemitischen Hassverbrechen“.

„Unter dem Deckmantel von Protesten haben einige ihre antisemitische Agenda vorangebracht.“

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