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Die schwierige Identität der arabischen Israelis

Schule und Moschee in der beduinischen Stadt Rahat in Israel
Schule und Moschee in der beduinischen Stadt Rahat in Israel (© Imago Images / ZUMA Wire)

Israels Araber sind nicht nur auf der Suche nach einem Weg, einer blutigen Realität ein Ende zu setzen, sondern auch nach einem anderen Selbstverständnis als Bürger des jüdischen Staates.

In der mit 70.000 Einwohnern größten beduinischen Stadt der Welt, Rahat, können Männer an jeder Ecke in von Wasserpfeifenqualm vernebelten Lokalitäten ihren türkischen Kaffee genießen. Kürzlich machte ein neues Kaffeehaus der Stadt Schlagzeilen. Das nicht, weil hier Cappuccino und Salat auf dem Menü stehen oder weil Beduininnen servieren. Anlass war ein Schusswaffenüberfall.

Nach dem Zwischenfall meinte Rahats Bürgermeister Fayez Abu Sahiban: »Es wird behauptet, solch ein Kaffeehaus, so wird behauptet, sei gegen unsere Traditionen.« Sahiban, der der Islamischen Bewegung Israels sowie der Ra’amm-Partei angehört, die mit der ins Wanken geratenen Regierung koaliert, unterstrich:

»Jeder sollte sein Leben entsprechend seiner eigenen Weltanschauung führen können. Wir werden auch weiterhin unseren Töchtern Anstellungen ermöglichen. Dass sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten, ist wahrlich nichts Ungewöhnliches.«

Bei dem Zwischenfall kamen die Kaffeehausbesucher minutenlang unter Beschuss von fast einem Dutzend Bewaffneter. »Das ist Terror«, meinten Betroffene und bezeichneten die Szenen der Verwüstung denen einer Tel Aviver Bar ähnelnd, auf die wenige Tage zuvor ein Palästinenser einen Anschlag mit einer Schusswaffe verübt hatte.

Dennoch war es vollkommen anders, denn in Rahat richteten arabische Bürger Israels ihre Waffen auf Nachbarn und Freunde, Araber gegen Araber, Beduinen gegen Beduinen. Wie durch ein Wunder, so meinten Augenzeugen, habe es nur Verletzte gegeben.

Aufbruch in ein neues Zeitalter

Rahat kämpft, wie andere urbane Zentren der Negev-Beduinen auch, mit vielen Herausforderungen. Es ist eine extrem junge Stadt, denn über die Hälfte der Einwohner sind minderjährig. Zugleich zählt man viele sozial schwache Familien. Nur zwei Drittel der Einwohner im erwerbstätigen Alter bringen ein Einkommen nach Hause; die Hälfte lediglich den Mindestlohn, im Fall einer Selbstständigkeit häufig sogar noch weniger.

Das Anfang der 1970er Jahre für 10.000 Einwohner gegründete Rahat ist schnell gewachsen und wächst weiterhin rasant. Doch trotz der zunehmenden Bevölkerung wurden die von Anfang an unzureichenden Infrastrukturen nicht adäquat aufgestockt. Vor allem der Beschäftigungssektor hinkt hinterher.

Unter Frauen ist die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Beduinische Traditionen gebieten Frauen, sich fremden Männern überhaupt nicht zu zeigen, was, wenn sie nicht mehr in einem Zelt, sondern in einer dicht besiedelten Stadt leben, schon seit Jahrzehnten nicht mehr eingehalten werden kann. Dennoch wird darauf geachtet, dass Beduininnen im öffentlichen Raum nicht allein unterwegs sind. Viele waren noch nie erwerbstätig, sodass die Statistiken sie gar nicht erfassen.

Daher blickt Rahat umso stolzer auf den neuen Industriepark Iden Hanegev. Als SodaStream, eine Firma für die eigene Herstellung von Sodawasser in Mehrwegflaschen, 2014 bekannt gab, sich hier anzusiedeln und vor allem Beduininnen einzustellen, waren allerdings längst nicht alle Einwohner Rahats erfreut.

Und doch: Bereits 2016 machten Beduininnen die Mehrheit der 1.400 von SodaStream Beschäftigten aus. SodaStream machte außerdem nicht wegen Zwischenfällen, sondern durch Iftar-Veranstaltungen von sich reden. Nicht selten kamen zu der Mahlzeit, mit der das Fasten eines Ramadan-Tages beendet wird, bis zu 3.000 Muslime und Juden – Beduinen, Juden sowie Palästinenser, die auch nach SodaStreams durch BDS erzwungener Absiedelung aus dem Westjordanland weiterhin beschäftigt wurden – zusammen.

Verhältnismäßig glatt verlief in Rahat 2018 eine weitere Premiere: die Eröffnung des ersten Schwimmbades der beduinischen Gesellschaft. Israels Schulkinder sollen bereits in der Grundschule das Schwimmen lernen. Da die große Mehrheit der rund 300.000 Negev-Beduinen nicht schwimmen kann, enden besonders viele Besuche am Meer tödlich.

In Cliquen auftretende beduinische Männer oder verschleierte Frauen mitsamt ihrer Kinderscharen sind in Poolanlagen der südisraelischen Kibbuzim und Städte nicht gerne gesehen. Eigene Schwimmbäder anzulegen, stößt auf die Gegnerschaft erzkonservativer Muslime. Rahat richtete seinen Country Club unter Einhaltung strikter Geschlechtertrennung ein. Das löste zwar nicht alle Probleme mit beduinischen oder israelischen Gepflogenheiten, führte aber auch nicht zu gewalttätigen Szenarien, wie sie Rahat seit einiger Zeit beinahe allwöchentlich erlebt.

Aus dem Gleichgewicht geratene Traditionen

Erst kürzlich wurden an der Ben-Gurion-Universität des Negev im nahen Be’er Sheva die Aktivitäten einer islamistischen Sittenpolizei aufgedeckt. Mit Fotos von »unzüchtig« gekleideten Beduininnen sollten Familienangehörige unter Druck gesetzt werden, um zu den »Traditionen zurückzukehren«. In ähnlichem Zusammenhang sah man in Rahat den Schusswaffenangriff auf das Kaffeehaus. Doch inzwischen ist klar, dass der Hintergrund sich anders gestaltet.

Wie die gesamte beduinische Gesellschaft, so ringt auch Rahat mit Stammesfehden, die nach ungeschriebenen, aber dennoch strikten Regeln ausgetragen werden. Ein Akt gegen einen Stamm zieht einen Racheakt des betroffenen Stammes nach sich, nur um wieder mit Stammesrache vergolten zu werden.

Für gewöhnlich schreiten angesehene, ältere Mitglieder der Gemeinschaft ein, sodass eine Sulcha – ein versöhnlicher Vergleich – geschlossen wird. Längst jedoch haben diese traditionellen Autoritätspersonen ihre Stellung an Bandenbosse eingebüßt, die bei Fehden nicht mehr Schlagstöcke und Messer, sondern genau wie bei ihren illegalen Machenschaften Schusswaffen gebrauchen, die wegen ihrer Verbreitung umso schneller zur Hand sind.

Das veranlasste Rahats Bürgermeister, dessen Clan selbst ein Lied von illegalem Waffenbesitz zu singen hat, zur Forderung, dass die Polizei endlich unnachgiebig durchgreifen und eine systematische, von Haus zu Haus gehende Durchsuchung nach Schusswaffen einleiten sollte.

Zudem würde er begrüßen, wenn mehr seiner Einwohner in Polizeiuniform bei solchen Aktionen mitwirken, sprich: bei der israelischen Polizei arbeiten würden. Das forderte er nur wenige Tage, nachdem Ayman Odeh, Vorsitzender der mit sechs Sitzen in der Knesset vertretenen arabischen Partei Vereinigte Liste, seine Landsleute aufforderte, den bewaffneten Dienst zu quittieren und Anordnungen der »Besatzungsmacht zu verweigern«.

Mehr als Politik

Der jüdischen Mehrheitsgesellschaft Israels warf Odeh in seinem Videoclip – aufgenommen vor dem Jerusalemer Damaskustor anlässlich eines großen Ramadan-Freitagsgebets – Hetze und Anstiftung vor. Die Regierung leitete eine Untersuchung ein. Klar war, dass Odeh nicht nur eine Grundhaltung seiner Partei kundtat, sondern damit eine brandaktuelle politische Absicht verfolgte, nämlich die Tür zuzuschlagen, die am Vorabend Wirtschaftsministerin Orna Barbivai geöffnet hatte.

Die Ministerin der Zukunftspartei von Yair Lapid hatte erklärt, die angeschlagenen Koalition, die kürzlich die Mehrheit in der Knesset verloren hatte, würde alles tun, um überleben zu können und dafür mit »jedem zu verhandeln«. Schon seit einigen Tagen wurde gemunkelt, dass nicht nur die Regierung in Richtung Vereinigte Liste als Sicherheitsnetz in Sachen Mehrheitsbeschaffung schielt, sondern auch einige Abgeordnete der neben Ra’am zweiten arabischen Knesset-Partei nicht ganz unempfänglich dafür sein könnten.

Der an der Spitze dieses Parteibündnisses stehende Ayman Odeh hingegen will nicht nur unter keinen Umständen Benjamin Netanjahu zurück am Ruder wissen, sondern die Regierung möglichst scheitern sehen. Dann nämlich scheitert auch sein parteipolitischer Rivale Ra’am und mit ihm der Weg des federführenden Mansour Abbas. Odeh sieht im arabischen Koalieren mit einer israelischen Regierung die ureigenen Interessen seiner Gesellschaft unterwandert.

Während Mansour Abbas seinem Knesset-Kollegen politische Interessen bescheinigte, schwang im Kommentar von Rahats Bürgermeister noch mehr mit. Er meinte trocken: »Odeh lebt in einer total anderen Republik.« Damit führt Sahiban als Beduine, dessen Stammesgesellschaft in der arabischen Welt jahrhundertelang stigmatisiert auf die unterste Sprosse der sozialen Leiter verbannt blieb, seinem arabischen Bruder vor Augen, dass er an den Weg glaubt, den die Mehrheit der beduinischen Gemeinschaft als wichtigste Wählerplattform von Ra’am zusammen mit Mansour Abbas eingeschlagen hat.

Anstatt weiter wie Odeh über palästinensische Belange zu schwafeln, wollen Rahats Bürgermeister und die Mehrheit seiner Stadtbewohner sich aktiv den eigenen Problemen stellen. Sie wollen das als muslimische Bürger des Staates Israel und als arabische Bedienstete des jüdischen Staates tun, auch wenn sie wissen, dass ihre Haltung neue Probleme an anderen Enden schafft, wie zum Beispiel beduinische Polizisten eines Stammes inmitten einer Fehde, in die ihr Clan verwickelt ist.

Trotz weiterhin massiver Kritik an Israels Vernachlässigung ihrer beduinischen Gemeinschaft wissen sie zugleich: Idan Hanegev, SodaStream, Country Club, aber auch beduinische Professoren und Professorinnen gibt es, weil Israels Demokratie dies ermöglicht.

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