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Na klar, Israel ist schuld am islamischen Antisemitismus

Das Working Paper #004 des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS)
Das Working Paper #004 des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS)

Ein Auszug aus dem Working Paper #004 des Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) zum Thema Islamischer Antisemitismus.

(…) Die arabische Begegnung mit der NS-Ideologie währte kurz, hat aber die arabische Welt langfristig verändert. 2014 ermittelte die »Global 100«-Studie der Anti-Defamation League, dass im Nahen Osten und Nordafrika 75 Prozent der befragten Musliminnen und Muslime antisemitischen Äußerungen zustimmten, während es bei Muslimen in Asien, wohin die Radiowellen aus Zeesen nie gelangten, 37 Prozent und im Durchschnitt der Weltbevölkerung 26 Prozent waren.

Die Aussage »Juden sind für die meisten Kriege der Welt verantwortlich« bezeichneten 20 Prozent der Befragten außerhalb des Nahen Ostens als »möglicherweise wahr«. Im Nahen Osten teilten jedoch 65 Prozent der Befragten diese Meinung. (ADL 2014)

Bis heute werden hier die antijüdischen Passagen aus den Frühschriften des Islam unablässig wiederholt, bis heute wird der Weltenlauf mithilfe der Protokolle der Weisen von Zion erklärt, bis heute betrachten führende Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde jeden Versuch, das Verhältnis zu Israel zu normalisieren, als Hochverrat.

Wir sehen: Hier ragt ein Stück NS-Geschichte in unsere Gegenwart hinein. Da ist es umso erstaunlicher, dass dieser Aspekt deutscher Geschichte – die Verbreitung eines islamisch eingefärbten Nazi-Antisemitismus in der arabischen Welt – unter deutschen Wissenschaftlern und Politikern wenig Aufmerksamkeit erfährt.

Versagen der Wissenschaft

Während gegenwärtig der Topos des Post-Kolonialismus – also die Verbindung früherer kolonialer Politik mit der Gegenwart – auf lebhaftes Interesse stößt, kann von einer Bearbeitung des Post-Nationalsozialismus – der Verbindung der Nazi-Außenpolitik mit der Gegenwart – keine Rede sein. Wenn überhaupt mal die Politik des NS-Staats im Nahen und Mittleren Osten Thema ist, wird dessen ideologische Dimension in der Regel ignoriert.

So gehört Helmut Mejcher ohne Zweifel zu den renommiertesten deutschen Nahost-Historikern. In dem von ihm herausgegebenen Band Die Palästina-Frage 1917-1948 werden zwar die arabischsprachigen Sender Italiens und Großbritanniens kurz erwähnt. Radio Zeesen und all die anderen Versuche, den Nazi-Antisemitismus in Nahen Osten zu verankern, kommen jedoch hier und in seinem 2017 veröffentlichten Band Der Nahe Osten im Zweiten Weltkrieg nicht vor. (Mejcher 1993:211; Mejcher 2017)

An dieser Ignoranz konnte auch die 2009 erschienene Studie Nazi-Propaganda for the Arab World des US-Historikers Jeffrey Herf wenig ändern. Sie wurde zwar auf Französisch, Spanisch und Italienisch, ja selbst auf Japanisch übersetzt, aber nicht auf Deutsch. Weder das Berliner Zentrum Moderner Orient noch die Verantwortlichen des Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) haben Herf zur Präsentation seiner Funde je eingeladen. (Küntzel 2018: 151)

Mittlerweile wird die arabischsprachige Radiopropaganda, über die ich erstmals 2004 berichtete, nicht mehr gänzlich übergangen. So veröffentlichten die Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 2016 einen Aufsatz von Hans Goldenbaum über »Die deutsche Rundfunkpropaganda für die arabische Welt«, der allerdings bereits die Vermutung einer »kausalen Verbindung« zwischen NS-Propaganda und Elementen des heutigen Islamismus a priori verwirft.

Die raison d’etre der Nazi-Propagandasendungen sei »in der machtpolitischen Auseinandersetzung des Reichs insbesondere mit Großbritannien zu sehen«, weshalb von einem »antisemitisch fundierten Antikolonialismus bzw. Antiimperialismus« zu sprechen sei. (Goldenbaum 2016: 451f). Über den islamischen Antisemitismus findet sich in dem ansonsten gut informierten Artikel kein Wort; die Bedeutung der Religion wird unterschätzt. So ist für Goldenbaum »der islamische Diskurs … in erster Linie eine äußere Form und verfügt keinesfalls über einen besonderen Inhalt«. (Ebd.:475)

2020 zog das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung mit einem Aufsatz von Philipp Henning nach. Darin erklärt Henning alle Anhaltspunkte für inhaltliche und personelle Kontinuitäten vor und nach 1945 pauschal für irrelevant: »Die Annahme, der wachsende Antizionismus in Palästina sei durch die NS-Propaganda in einen Antisemitismus nach europäischem Vorbild gewandelt worden, kann pauschal nicht bestätigt werden. … Ein kritikloser inhaltlicher Transfer durch die Radiopropaganda fand nicht statt.« (Henning 2020: 254f)

Gleichzeitig zieht der Autor zwischen dem arabischen und dem europäischen Antisemitismus einen Trennungsstrich und reproduziert damit ein Paradigma, das dem Antisemitismus im Nahen Osten mildernde Umstände attestiert. Der britisch-libanesische Antizionist Gilbert Achcar kleidet dieses Paradigma in eine rhetorische Frage: »Ist der für europäische Rassisten früher wie heute typische, auf Hirngespinste gegründete Judenhass … gleichzusetzen mit dem Hass, den manche Araber empfinden, die empört sind über die Besetzung und Verwüstung arabischen Landes … ?« (Achcar 2012: 261)

Der arabische Antisemitismus beruhe »im Unterschied zum europäischen Antisemitismus ›immerhin‹ auf einer tatsächliche Problematik, nämlich die Marginalisierung der Palästinenser«, findet auch der deutsche Islamforscher Jochen Müller. (Müller 2003: 74) »Hier unterscheidet sich die Motivlage deutlich von jener [Motivlage] des Antisemitismus, [die] … auf keinem wie auch immer gearteten realen Konflikt mit Juden basiert«, stimmt ihm Juliane Wetzel, langjährige Mitarbeiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, zu. (Wetzel 2009: 54) Auch Henning hält »diese feine Unterscheidung« für »essenziell« – »nicht zur Apologie, sondern zum Verständnis des arabischen Antisemitismus«. (Henning: 256)

Diese scheinbar wissenschaftlich abgesicherte These, der zufolge der »immerhin« verständliche Antisemitismus in der arabisch-islamischen Welt eine unmittelbare Folgeerscheinung des Palästinakonflikts und deshalb nicht wirklich ernst zu nehmen sei, gehört heute noch zu den Fundamenten der deutschen und europäischen Nahostpolitik und ist einer der Gründe für die Weigerung, den Judenhass zum Beispiel von Hisbollah und Hamas angemessen zu bekämpfen. Sie setzt das Totschweigen all dessen voraus, was inzwischen über die NS-Einflussnahme auf das Judenbild im Nahen Osten und dessen Langzeitfolgen bekannt geworden ist.

[Israel am Pranger]

Natürlich hatte die Entstehung des islamischen Antisemitismus auch mit der zionistischen Bewegung und Staatenbildung zu tun. Doch war die Bandbreite der Möglichkeiten, hierauf zu reagieren, groß. Es gab Ägypter, die feierten den »Sieg der zionistischen Idee« als Chance für »die Wiederauferstehung des Orients«. (Küntzel 2002:15)

Andere, wie der transjordanische Regent Emir Abdullah, wollten mal mehr, mal weniger mit Zionisten kooperieren, eine dritte Gruppe lehnte zwar den Zionismus, nicht aber das Judentum ab, während zunächst nur die Anhänger des Mufti als radikale Antisemiten agierten. Die Nationalsozialisten stützten allein die zuletzt genannte Gruppe. Sie nahmen die Auseinandersetzungen in Palästina zum Anlass, ihre Form von Judenhass zu schüren.

»Das Verständnis für die Gefahren des Judentums ist hier noch nicht geweckt«, beschwerte sich noch im Oktober 1933 die NSDAP-Ortsgruppe Kairo in einem Schreiben an Berlin. »Für die Herbeiführung einer antijüdischen Stimmung« müsse man an dem Punkt ansetzen, »in dem wirkliche Interessengegensätze zwischen Arabern und Juden bestehen: Palästina. Der dortige Gegensatz zwischen Arabern und Juden muss nach Ägypten verpflanzt werden«. (Zit. nach Krämer 1982: 278)

Dies zeigt: Ursächlich hatte der Antisemitismus mit dem Agieren der Juden in Palästina recht wenig zu tun. Stattdessen wurde dem lokalen Konflikt eine spezifische, vom Judenhass gezeichnete Deutung und Prägung aufgepfropft. Von da ab war es, um Jean-Paul Sartres Betrachtungen zur Judenfrage zu paraphrasieren, nicht länger »die Erfahrung, die den Begriff des Juden schaffte»«. Stattdessen »fälschte das Vorurteil die Erfahrung.« (Sartre 1970: 111)

Und doch hat es den Anschein, als wolle und als könne der deutsche Wissenschaftsbetrieb nicht darauf verzichten, Israel an den Pranger zu stellen und Juden auch noch für den Antisemitismus verantwortlich zu machen. Denn nur dann, wenn auch der nahöstliche Antisemitismus mit der Politik Israels »erklärt« werden kann, hat ein Grundpfeiler des internationalen Nahost-Diskurses – hier die Palästinenser als Opfer, dort die Israelis als Täter – weiterhin Bestand. Dabei löste Israel weder den Krieg von 1948 noch die Kriege von 1967 oder 1973 aus.

Es sind auch nicht Israel und der Zionismus, die den außergewöhnlichen Sachverhalt geschaffen haben, den wir als Nahostkonflikt bezeichnen. Es gibt viele nationale Bewegungen und Dutzende neuer Staaten, die den Vereinten Nationen seit deren Gründung beigetreten sind. Das einzig Außergewöhnliche, das den jüdischen Staat zum Ausnahmestaat macht, ist der unablässige Aufruf, ihn zu zerstören. Dies galt 1948, 1967 und 1973; dies gilt, wenn wir an das iranische Regime und dessen Vasallen denken, auch noch jetzt. Kein anderes Land der Welt ist mit dem Aufruf, es zu zerstören, konfrontiert.

Doch zurück zum islamischen Antisemitismus. Wie äußert sich dieser aktuell?

Der Gesamttext mit Quellenangaben ist hier zum Download erhältlich.

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