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Femizide in Algerien: Niemand entschuldigt sich

Anlässlich des Internationalen Frauentages demonstrieren Frauen in Algerien für mehr Rechte
Anlässlich des Internationalen Frauentages demonstrieren Frauen in Algerien für mehr Rechte (© Imago Images / Xinhua)

Monat für Monat werden in Algerien drei bis fünf Morde und Mordversuche an Frauen verübt. Zwei Algerierinnen kämpfen nun um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für die oft trostlose Lage der Frauen.

»Ich wollte nur sterben, aber jetzt werde ich meine Geschichte erzählen«, sagt die Algerierin Ryma Anane gegenüber der spanischen Nachrichtenwebsite Madrid Total. Es ist ihre erste öffentliche Äußerung, seit sie am 26. September 2022 in ihrem algerischen Heimatort, dem kabylischen Bergdorf Aït Farés in der Provinz Tizi Ouzou, mit Benzin übergossen und angezündet wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war die 28-Jährige auf dem Weg zur Arbeit, sie ist Französischlehrerin an einer Privatschule. Ein Nachbar, ein Ex-Freund der Frau, der ihr seit drei Jahren nachgestellt haben soll, lauerte ihr an der Bushaltestelle auf. Nachdem er sein Opfer mit Benzin übergossen hatte, benutzte er ein Feuerzeug, um es in Brand zu stecken. Ryma Anane erlitt lebensbedrohliche Verbrennungen dritten und vierten Grades an 60 Prozent ihrer Haut. Der Täter wurde umgehend verhaftet. Der Polizei sagte er, er habe Rache nehmen wollen, weil Ryma seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Seine Neigung zur Gewalttätigkeit war der Grund, weshalb sie sich von ihm getrennt hatte.

Monat für Monat werden in Algerien drei bis fünf solcher Morde und Mordversuche bekannt. »Die Täter von Femiziden wollen eine Frau nicht bloß töten, sie wollen ihren Körper zerstören«, erklärt Wiame Awres, Mitbegründerin der Organisation Féminicides Algérie, gegenüber der französischen Tageszeitung Le Monde. Vergangenes Jahr zählte ihre Organisation 38 Fälle. Sie kann dabei lediglich Taten erfassen, die dokumentiert und über eine Suche im Internet zu finden sind. Die tatsächliche Zahl dürfte viel höher liegen und müsste durch eine amtliche Statistik ermittelt werden. Eine solche existiert aber nicht. Seit Jahren versuchen Algerierinnen, die Öffentlichkeit aufzurütteln.

Die spanische Journalistin I. P. Nova und die Fotografin Cristina Villarino trafen Ryma Anane im April auf einer kleinen Terrasse im Madrider Krankenhaus Schwester Isabel Zendal, wohin sie verlegt wurde, nachdem sie das Madrider Universitätsklinikum La Paz, wo die Ärzte monatelang um ihr Leben gekämpft hatten, Anfang des Jahres hatte verlassen dürfen. Beim Besuch der beiden Journalistinnen trug sie ein Krankenhausnachthemd, das viele ihrer Narben an Hals, Nacken, Rücken, Armen und Händen sehen ließ. Bilder der Fotografin zeigen sie bei Rehabilitationsübungen: Treppenstufen steigen und Training mit leichten Hanteln.

78.000 Euro durch Crowdfunding 

Das Nedir-Mohamed-Krankenhaus in Tizi Ouzou, in das Ryma Anane nach dem Anschlag zuerst eingeliefert wurde, verfügte nicht über die Ausstattung, um die für sie notwendige medizinische Behandlung zu ermöglichen. Am 14. Oktober wurde sie darum, begleitet von ihrem Bruder, mit einem Ambulanzflugzeug ins Universitätsklinikum La Paz in Madrid gebracht, wo die erste rekonstruierende Operation stattfand. Es ist ein privates Krankenhaus, das Ratenzahlungen ermöglicht.

Frankreich, wohin Ryma der Sprache wegen zuerst hätte gebracht werden sollen, habe zur Bedingung für ein Einreisevisum gemacht, dass die gesamten Behandlungskosten im Voraus zu bezahlen seien, heißt es. Bei einer Crowdfunding-Kampagne, die nach ihrer Einlieferung in das Madrider Krankenhaus gestartet wurde, konnten schließlich 78.000 Euro gesammelt werden.

Nach zwei Wochen im künstlichen Koma wurde Ryma geweckt. Im Gespräch mit der Journalistin und der Fotografin erinnert sie sich, wie sie beim Aufwachen dachte, verheiratet und Mutter eines Sohnes zu sein – eine Parallelrealität, die sie sich im Koma erschaffen hatte. Als man ihr sagte, dass sie einen Mordanschlag wie durch ein Wunder überlebt hatte, machte sie das nicht glücklich. Im Gegenteil, sie war am Boden zerstört, hatte starke Schmerzen und ihre Situation war noch immer kritisch. Dreimal befürchteten die Ärzte, sie würde sterben. 

Das »wirkliche Wunder«, heißt es in dem Bericht von Madrid Total, sei geschehen, als ein spanisches Rentnerehepaar in Rymas Leben trat. Montse und Jaime, die weder fotografiert werden noch ihre Nachnamen bekannt geben wollten, hatten vom Schicksal der jungen Frau gehört. Weil sie Französisch und Englisch sprechen, wurden sie beim Krankenhaus vorstellig und boten an, die Gespräche zwischen Rymas Bruder und dem medizinischen Personal zu dolmetschen. Ryma nennt sie ihre »Eltern«:

»Meine ›Eltern‹ waren jeden Tag bei mir. Von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. Sie halfen mir zu kämpfen, sie gaben mir die Kraft, die ich brauchte, als ich einfach nur sterben wollte. Ich nenne sie Eltern‹, denn wer würde so etwas für jemanden tun, wenn nicht für sein Kind.«

Montse und Jaime wurden auch vom Krankenhaus benachrichtigt, als die Ärzte dachten, Ryma würde sterben. Sie kamen, um ihre Hand zu halten.

Sozialer Druck auf das Opfer

Die Altersgruppe, in der es am häufigsten Femizide gebe, sei »das Heiratsalter in Algerien, mehr oder weniger – 25 Jahre, 22 Jahre, bis in die Vierziger«, sagt Narimene Mouaci Bahi von der Organisation Feminicides Algérie. Ihre Mitstreiterin Wiame Awres fügt hinzu:

»Die meisten Frauen, die ermordet werden, die Opfer von Femiziden sind, waren zuvor Gewalt ausgesetzt. Es sind in erster Linie die Ehemänner und ehemalige Partner. Es sind auch andere Familienmitglieder wie der Vater, der Bruder oder der Sohn. Und dann sind es Personen, die Nachbarn oder Fremde sein können, die das Opfer kennt oder nicht kennt. Die meisten Femizide finden im Haus statt, also im sogenannten ›geschützten Raum‹ der Frau.«

Beide kritisieren fehlende Hilfe für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind: »Manchmal wissen die Behörden Bescheid. Manchmal erstatten die Frauen Anzeige gegen ihre Ehemänner. Diese kommen aus dem Gefängnis, bevor sie ihre Strafe verbüßt haben. Sie kehren in die Wohnung zurück und töten die Frauen.«

Sie fordern vor allem das Ende der »Vergebungsklausel«. Wiame Awres erklärt:

»Es ist schon schwierig, überhaupt eine Anzeige zu erstatten, weil es ein Gesetz gibt, das besagt, dass die Vergebung des Opfers die Strafverfolgung beendet. Und es gibt eine sehr starke soziale Norm, welche die Opfer zur Vergebung drängt. Und so wird man darauf drängen, alle – Familie, das Umfeld, die Polizei – werden darauf drängen, dass die Anklage fallen gelassen wird.«

Die beiden Aktivistinnen fordern eine Sensibilisierung von Kindheit an und die tatsächliche Umsetzung des 2016 verabschiedeten Gesetzes gegen Gewalt gegen Frauen. Polizei und Ärzteschaft müssten geschult werden, Fälle von Gewalt gegen Frauen ernster zu nehmen. Gewalttätige Männer müssten daran gehindert werden, in die Wohnung zurückzukehren.

Ryma Anane hat angefangen, mit Montse und Jaime Spanisch zu lernen. Denn sie will in Spanien bleiben, wo sie sich sicher fühlt: »Ich fühle mich freier und gleichzeitig mehr geschützt. In meinem Land kann das, was mir widerfahren ist, vielen Frauen passieren, weil wir als ein Objekt behandelt werden, dessen Wert allein darin besteht, zu heiraten und Kinder zu haben.«

Sie benötigt nun eine längerfristige Aufenthaltserlaubnis, eine Wohnung und Arbeit. Von den 78.000 Euro des Crowdfundings wurden rund 20.000 Euro für den Krankentransport ausgegeben, sagt Montse, der Rest befinde sich auf dem Konto des Krankenhauses. Bei der Entlassung werde man sehen, ob davon noch etwas übrig sei. Auch Rymas Mutter bittet ihre Tochter darum, nicht nach Algerien zurückzukehren, sagt Montse:

»Als ich mit Rymas Mutter sprach, erzählte sie uns, dass die Familie des Mannes immer wieder behauptet, sie sei die Böse und der Täter sei das Opfer. Man laufe sich jeden Tag über den Weg – schließlich leben sie in einem Dorf –, und niemand entschuldige sich für das, was passiert ist.«

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