In »Die Podcastin« berichten Politikphilosophin Regula Stämpfli und Kulturwissenschaftlerin Isabel Rohner über die deutsche und internationale Entwicklung – mit Fokus auf der Situation von Mädchen und Frauen. Im Mena-Watch-Interview sprechen die beiden, deren Sendung im Jahr 2025 als bestes Medium für feministischen Journalismus ausgezeichnet wurde, über ihre Arbeit und ihr seit dem 7. Oktober 2023 verstärktes Engagement gegen Antisemitismus und Israel-Hass.
Geneviève Hesse (GH): Was motiviert Sie persönlich, öffentlich Position gegen Antisemitismus und Israelhass zu beziehen? War dieses Engagement bereits ein zentraler Bestandteil bei der Gründung Ihres Podcasts im Jahr 2020 oder hat es sich im Verlauf der Zeit – insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 – intensiviert?
Isabel Rohner (IR): Unser Podcast nimmt konsequent Frauen und Mädchen in den Blick – in allen politischen und gesellschaftlichen Kontexten. Ohne Frauen gibt es keine Demokratie. Gleichzeitig sind die Gegenbewegungen gegen Frauen und gegen Juden, also Antifeminismus und Antisemitismus, eng verwandt. Dass wir seit dem 7. Oktober 2023 verstärkt Antisemitismus und den medialen Umgang mit Israel thematisieren, war für uns also klar.
Regula Stämpfli (RS): Wer nach einem islamofaschistischen Pogrom gegen Jüdinnen und Juden nicht klar Position bezieht, wiederholt historisch bekannte Muster von Antisemitismus und Mitläufertum, von Wegsehen und Relativieren, von Juden- und Frauenhass. Das ist offensichtlich der Ton des Zeitalters in der digitalen Reproduktion. Gegen Judenhass aufzutreten, ist aber keine Frage von Gefühlen, sondern die erste Aufgabe jeder Bürgerin. Wie das Auftreten gegen Frauenhass die Notwendigkeit von uns allen sein muss.
GH: Erfahren Sie aufgrund Ihrer klaren Haltung gegen Antisemitismus und für Israel Anfeindungen? Wie gehen Sie damit um?
IR: »Die Podcastin« hat, anders als viele andere, die sich Feministinnen nennen, direkt im Oktober 2023 über die Vergewaltiger- und Mörderbande Hamas berichtet. Daraufhin haben wir viele Zuschriften bekommen à la: »Ihr seid doch sonst bei Konflikten immer so ausgewogen in der Perspektive, warum hier nicht?« Unsere Haltung war sehr klar: Bei diesem »Konflikt« gibt es eine Seite, die uns töten würde und die Art, wie wir leben, zutiefst verachtet. Und diese Seite ist nicht Israel.
RS: Sagen wir so: Ich habe gelernt, dass Zustimmung ebenso wenig der Maßstab für die Wahrheit ist wie Ablehnung. Am Schluss zählt Klarheit und Urteilskraft. Aber ja, klar, ich erlebe jede nur mögliche Stufe der Sanktionierung: Angriffe, Ausgrenzungen, ökonomische Sanktionen. Aber ganz ehrlich? Am unerquicklichsten sind nicht die offenen Feinde, sondern die wohlmeinenden Belehrungen aus dem eigenen Milieu.
GH: Welche persönliche, politische oder intellektuelle Beziehung haben Sie zum Judentum und zu Israel?
RS: Meine Beziehung ist sowohl intellektuell als auch zutiefst kulturell geprägt. Israel ist für mich kein abstrakter Staat, sondern ein kultureller Resonanzraum der Aufklärung, der Emanzipation und des Streits. Sowohl säkular als auch religiös, modern und traditionell, westlich und nahöstlich verkörpert Israel auf kleinstem Raum die Welt. Dass ich mich dort, anders als in islamisch geprägten Ländern, als Frau selbstverständlich bewegen und äußern, dass ich dort laut lachen und streiten kann, ist keine Nebensache, sondern politisch entscheidend.
IR: Freiheit, Demokratie, Frauenrechte, das sind einfach die entscheidenden Aspekte! Ich würde mir wünschen, dass sie viel häufiger zur Beurteilung von Sachverhalten hinzugezogen würden. Dann würden Politik und Medien vielleicht auch anfangen, kritischer über den Islamofaschismus nachzudenken.
Präziserer Begriff
GH: Sie sprechen von Islamofaschismus. Ist das für Sie der treffendere Begriff als politischer Islam oder islamistischer Terrorismus?
Beide: Ja!
RS: Politischer Islam ist ein verharmlosender Begriff, weil er Religion suggeriert, wo es um Macht geht. Islamofaschismus bezeichnet ein ideologisches Herrschaftssystem: totalitär, antisemitisch, frauenverachtend, gewaltbereit. Historisch ist das kein Bruch, sondern eine Kontinuität. Die Muslimbruderschaft kollaborierte mit den Nationalsozialisten für die Auslöschung des Judentums – das bleibt bis heute so. Der gemeinsame Nenner war nie Theologie, sondern Ideologie. Wer Hannah Arendt kennt, weiß: Totalitarismus definiert sich durch den Anspruch, Freiheit zu ersetzen. In diesem Sinne ist der Begriff analytisch präzise.
GH: Warum fällt es vielen westlichen Feministinnen schwer, Jüdinnen nach dem 7. Oktober als Opfer zu sehen und die vom politischen Islam ausgehendeGewalt klar zu benennen?
IR: Weil der Feminismus im Westen statt als Gleichstellungsgebot häufig zu einer Identitätspolitik geworden ist, die »Hierarchien des Leidens« verwaltet. Für den Postkolonialismus sind Juden eine weiße Kolonialmacht – und Jüdinnen dementsprechend ganz unten in ihrer Werteskala. Es ist wirklich absurd.
RS: Noch ein Faktor, der Emanzipation bremst, ist, dass Frauen immer noch das angepasste Geschlecht sind. Das haben sie seit Jahrhunderten internalisiert. Die Angst der Frauen, nicht dazu zu gehören, ist immens. Aber klar ist auch: Feminismus, der vor islamistischer Gewalt schweigt, ist kein Feminismus, sondern Programm für Frauenvernichtung.
GH: Hat der 7. Oktober den Feminismus nachhaltig verändert oder nur innere Widersprüche offengelegt?
RS: Er hat gezeigt, dass, wie immer in der Politik, wenn Gefühle über die Wirklichkeit herrschen, diese Wirklichkeit verleugnet wird. Der 7. Oktober 2023 ist ein Orwell-Moment des Zivilisationsbruchs. Wer die sexuelle Gewalt auch nur einen Millimeter verteidigt, hat sein Menschsein verwirkt. Das Geschwafel vom Kontext, in den man die Gewalt stellen müsse, ist zur Carte blanche von Säuberungen geworden. Es ist höchste Zeit, damit aufzuhören.
IR: Rape is not Resistance, Vergewaltigung ist keine Form des Widerstands. Es ist eigentlich ganz einfach.
Anpassung ist keine Tugend
GH: Warum fällt es vielen Feministinnen leichter, patriarchale Gewalt im Westen zu kritisieren als Gewalt im Namen vom Islam?
RS: Weil Kritik im Westen ungefährlich ist. Kritik am politischen Islam, am Islamofaschismus hingegen ist riskant, kann tödliche Folgen haben.
IR: Das gilt nicht nur für Feministinnen, sondern ich nehme es auch im Journalismus wahr. Donald Trump dominiert die Nachrichten und wird für alles und immer kritisiert. Gleichzeitig morden Ahmed al-Sharaa in Syrien und Ali Khamenei im Iran – und die Medien schweigen.
GH: Wie bewerten Sie die Situation von Frauen im Iran oder in Afghanistan? Sie sprechen von Geschlechterapartheid.
RS: Geschlechterapartheid ist die Enteignung von Mädchen und Frauen vom Menschsein. Frauen werden in islamofaschistischen Regimen, egal, welchen Namen sie tragen, ausgelöscht. Die Relativierung von Frauenrechten an unseren westlichen Universitäten ist Zeichen der massiven Unterdrückung jedes demokratischen Diskurses, besteht aber weiter, weil es ja »nur um Frauen« geht.
IR: Frauen und Mädchen werden entrechtet und diskriminiert, weil sie Frauen sind. Dass dieses himmelschreiende Unrecht nicht jeden Tag auf allen Titelseiten dieser Welt angeprangert wird und auf der Tagesordnung jeder einzelnen Sitzung von UN, EU etc. stehen, spricht leider Bände.
GH: Gibt es einen spezifisch weiblichen Blick auf islamistischen Terrorismus?
RS: Frauen erkennen schneller, dass die Kontrolle über den Körper der erste Schritt zur totalen Herrschaft ist. Kopftuchzwang, Sexualmoral, Reproduktionskontrolle – das sind keine kulturellen Details, sondern Machttechniken. Wer das nicht sieht, hat Ideologie über historische Erfahrung gestellt.
GH: Manche bezeichnen Sie als links, andere als rechts. Wie verorten Sie sich selbst?
IR: Tatsächlich wurde ich einmal in ein und derselben Woche als linke Feministin und rechte Feministin bezeichnet. Seitdem kann ich mit links und rechts als Zuschreibung nichts mehr anfangen. Ich stehe für die Rechte von Mädchen und Frauen ein und bin glühende Verfechterin unserer Demokratie. Ich finde, das ist eher »vorn« als links oder rechts.
RS: Mir fällt in der letzten Zeit immer wieder auf, dass Kategorien wie links und rechts Argumente ersetzen. Das mag bequem sein, ist aber ungenügend. Und auf die Dauer langweilig.
GH: Spielt es dabei vielleicht eine Rolle, dass Sie beide gebürtige Schweizerinnen sind, auch wenn Sie seit Langem in Deutschland bzw. in der EU leben?
IR: In der Schweiz haben wir mit der direkten Demokratie ein anderes System der Verantwortung verinnerlicht, das ist bestimmt richtig. Auch spielen Parteien nicht die Rolle wie in Deutschland. Als Schweizerinnen haben wir es aber auch einfach selbst erlebt, was es heißt, wenn Frauen keine Rechte haben. Ich war zwölf Jahre alt, als die Appenzellerinnen erstmals kantonal mitbestimmen durften. Das war 1991. Zu verdanken ist das einer einzelnen Frau, die für ihre Rechte bis vors Bundesgericht gezogen ist. Sie wurde gemobbt, bedroht und medial hämisch begleitet, tat aber, was getan werden musste. Das hat mich zutiefst geprägt.
RS: Anpassung ist keine Tugend. Das habe ich als Arbeiterkind in bürgerlichen Institutionen und als Mädchen ohne Frauenstimmrecht gelernt.






