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Eskalation im Sudan: Wurzeln des Konflikts und Zukunftsszenarien

Schwere Kämpfe in der sudanesischen Hauptstadt Khartum
Schwere Kämpfe in der sudanesischen Hauptstadt Khartum (© Imago Images / Xinhua)

Der Konflikt zwischen den Kommandeuren der sudanesischen Armee und der Schnellen Eingreiftruppen eskaliert zu einer Konfrontation, welche die Stabilität des Sudans und der gesamten Region bedroht.

Im Laufe des Wochenendes kam es in zehn sudanesischen Städten zu Zusammenstößen mit schwerer Artillerie, die von Bombardierungen durch Militärflugzeuge begleitet waren. Am heftigsten waren die Kämpfe in der Hauptstadt Khartum, dem Zentrum der Macht und Sitz der politischen Institutionen. Die beiden Kriegsparteien – die Armee und die Schnellen Eingreiftruppen – gaben eine Reihe von Erklärungen ab, in denen sie sich gegenseitig für den Ausbruch der Kämpfe verantwortlich machten, die Erlangung der Kontrolle über wichtige Militärstützpunkte und Flughäfen behaupteten und sich in Siegeserklärungen ergingen. In Ermangelung unabhängiger Quellen ist es allerdings unmöglich, sich ein Bild von der tatsächlichen Lage vor Ort zu machen.

Die nun ausgebrochene bewaffnete Konfrontation stellt den bisherigen Höhepunkt der politischen Krise dar, die der Sudan seit der im Oktober 2021 getroffenen und einem Putsch gleichkommenden Entscheidung des Armeechefs Abdel Fattah Al-Burhan, die Partnerschaft zwischen Militär und zivilen Institutionen bei der Führung des Landes zu beenden, durchlebt.

Obwohl die Armee und die zivilen Parteien im Dezember vergangenen Jahres unter der Vermittlung der Vereinigten Staaten ein Rahmenabkommen erzielt und die verschiedenen Parteien bis vor Kurzem über eine endgültige politische Vereinbarung für den zivilen Übergang verhandelt hatten, führte dies nicht zu einer Entspannung des Konflikts zwischen Muhammad Hamdan Dagalo (Hamedti) und Al-Burhan. 

Dennoch schien die Entwicklung im Sudan noch bis vor wenigen Tagen in Richtung Unterzeichnung einesendgültigen politischen Abkommens zwischen der Armee und den zivilen Kräften zu gehen, demzufolge Oberbefehlshaber Al-Burhan die Präsidentschaft übernehmen, einen Übergangspremierminister aus den zivilen Kräften ernennen, nach Ablauf der zweijährigen Übergangszeit Wahlen organisieren und die Schnellen Eingreiftruppen in die Armee integrieren würde.

Die Wurzeln des Konflikts

Die Bedingungen dieser vorgeschlagenen politischen Vereinbarung haben jedoch den Konflikt zwischen der Armee und den Schnellen Eingreiftruppen angeheizt, da Letztere sich weigern, in die Streitkräfte integriert zu werden und ihre Unternehmen und finanziellen Mittel dem Finanzministerium zu übergeben, wie die Armee es fordert.

Der zweite Grund für den Ausbruch des Konflikts sind die politischen Ambitionen und Bündnisse des Kommandeurs der Schnellen Eingreiftruppen. Diese beunruhigen die Armee, da die militärische Führung in Hamedtis politischen Ambitionen, seinem Versuch, sich den zivilen Kräften des Landes anzunähern und seinen intensiven Beziehungen zu den wichtigsten Staaten der Region das Vorspiel für eine Rebellion gegen die regulären Streitkräfte sieht.

Der dritte Grund ist ein Kampf um Macht und Einfluss zwischen Al-Burhan und Hamedti seit der Machtübernahme des Militärs im Oktober 2021. Jeder der beiden versuchte in den vergangenen Jahren, den Einfluss des anderen zu begrenzen, sodass Beobachter in dem im Dezember unterzeichneten Rahmenabkommen auch einen Schritt Al-Burhans sahen, die Macht seines Rivalen einzudämmen.

Drei Konfliktszenarien

Der sudanesische Politikwissenschaftler Awad Suleiman ist der Ansicht, dass sich das Land in ein Nullsummenspiel zwischen der Armee und den Schnellen Eingreiftruppen hineinmanövriert hat und skizziert angesichts der widersprüchlichen Pressemitteilungen der beiden Parteien und der Unklarheit der aktuellen Situation drei Hauptszenarien für den Konflikt.

Das erste besteht darin, dass die Armee, die in Bezug auf Waffen und Ausrüstung überlegen ist, einen entscheidenden Sieg erringt und die Anführer und das Personal der Schnellen Eingreiftruppen innerhalb Khartums ausschaltet. Dann werden sich die Kämpfe für eine kurze Zeit auf Gebiete weit außerhalb der Hauptstadt beschränken, bevor die Armee ihre Kontrolle vollständig ausdehnt.

Suleimans zweites Szenario besteht darin, dass es den Schnellen Eingreiftruppen gelingen könnte, einen überraschenden Sieg in Khartum zu erringen, indem sie die Armeestützpunkte, das Hauptquartier des Generalkommandos und den Präsidentenpalast unter ihre Kontrolle bringen. Dieses Ergebnis würden die Armeekräfte außerhalb Khartums allerdings nicht akzeptieren, weswegen sich die beiden Seiten in diesem Fall einen langen Krieg um die Hauptstadt liefern würden.

Das nach Suleimans Ansicht der Realität am nächsten kommende dritte Szenario dürfte in einem Rückzug der Schnellen Eingreiftruppen aus Khartum bestehen. Es liege nicht in ihrem Interesse, dort präsent zu bleiben, weil sie weder über starke Nachschublinien verfügen noch große Popularität in der Stadt genießen. 

Dieser Rückzug werde ein taktischer sein, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, die Nachschublinien zu sichern und in jenen Gebieten wie der Region Darfur im Westen präsent zu sein, die den Schnellen Eingreiftruppen größere Bewegungsfreiheit erlauben. Solch ein Entwicklung werde das Land in einen langen Bürgerkrieg stürzen, wie Suleiman befürchtet.

Darüber hinaus werden anhaltende Kämpfe zwischen der Armee und den Schnellen Eingreiftruppen ein Sicherheitsvakuum in einem weiteren nordafrikanischen Land schaffen, das Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat und der al-Qaida Gelegenheit bietet, dort einen neuen, sicheren Hafen für sich zu errichten und die Situation zu nutzen, um ihre Reihen zu reorganisieren.

Die Schnellen Eingreiftruppen, die über 100.000 Kämpfer verfügt, ist aus den Dschandschawid-Milizen hervorgegangen, die um die Jahrtausendwende im Darfur-Konflikt kämpften, als das Regime des ehemaligen Präsidenten Omar al-Baschir sie zur Niederschlagung der Rebellion in der Region einsetzte. Diese Kräfte werden beschuldigt, in Darfur Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

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