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Eine niedergebrannte Schule, in der Afghaninnen lesen lernten

Die einer Brandstiftung zum Opfer gefallene „School of Peace“ auf Lesbos
Die einer Brandstiftung zum Opfer gefallene „School of Peace“ auf Lesbos (© Thomas von der Osten-Sacken)

In der Nacht zwischen dem 7. und 8. März brannte in Lesbos das Gelände eines von der Schweizer Hilfsorganisation One Happy Family (OHF) betriebenen Community Centers für Flüchtlinge. Das OHF Projekt gilt als eines der erfolgreichsten auf der Insel und bietet täglich hunderten von Flüchtlingen Unterricht, Beratung und andere Unterstützung.

Das Community Center liegt in Laufnähe zu dem kleineren der zwei Lager, Kara Tepe, das anders als das berüchtigte Moria-Camp, vergleichsweise gut organisiert Familien, Frauen und Kindern vorbehalten ist.

Auf dem Gelände von OHF war es ausgerechnet die „School of Peace“, die vollständig abbrannte, ein 2017 von arabischen und jüdischen Israelis als Kooperation zwischen den Organisationen Hashomer Hatzair und Ajyal ins Leben gerufenes Projekt, in dem seit Jahren hunderte von Frauen und Kinder unterrichtet werden.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise sind verschiedene israelische Organisationen auf den griechischen Inseln aktiv, auch IsraAID bietet Kindern Schulunterricht auf Lesbos. Für viele der Flüchtlinge aus Ländern, in denen antiisraelische Hetze zur offiziellen Staatsdoktrin gehört, war es ein ganz neues Erlebnis, ausgerechnet von den vermeintlichen Feinden Hilfe zu erhalten.

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Brandstiftung

Inzwischen bestätigt die Feuerwehr in Lesbos, dass es sich bei dem Feuer um Brandstiftung gehandelt habe. Damit fällt – seit es letzte Woche zu Unruhen und Ausschreitungen auf der Insel gekommen ist – die zweite Einrichtung den Flammen zum Opfer. Vergangenes Wochenende erst wurde eine nicht mehr genutzte temporäre Anlaufstelle für Flüchtlinge im Norden von Lesbos in Brand gesetzt.

Nachdem die Bevölkerung fünf Jahre lang weitgehend friedlich mit den Flüchtlingen koexistiert hat, entlud sich, nachdem die Türkei ihre Grenze geöffnet hatte, an einigen Orten der Unmut gewaltsam gegen Journalisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und vereinzelt auch gegen Flüchtlinge. Vor allem in um das neben dem Lager gelegenen Dorf Moria kam es zu extrem hässlichen Szenen. Die Polizei schaute dabei meist tatenlos zu. Aus Angst haben inzwischen viele Freiwillige die Heimreise angetreten, die Versorgung der 20.000 Flüchtlinge ist damit noch schlechter geworden als zuvor.

Derweil internierten die Behörden die seit dem 1. März neu auf der Insel angelandeten Flüchtlinge in einem geschlossenen Areal am Hafen, das sie nicht verlassen dürfen. Griechenland lässt sie keine Asylanträge stellen und möchte sie umgehend wieder abschieben. Wohin sie gebracht werden sollen ist unklar, momentan werden sie von einem Schiff der Marine versorgt.

Aber der Eindruck, der international entstanden ist, täuscht: Im Hauptort Mytillini bewegen sich täglich tausende Flüchtlinge weiter ohne bedroht zu werden, am Samstag organisierten lokale Organisationen eine Demonstration gegen die Ausschreitungen und die neue Politik der Härte.

Deutsche Rechtsextreme auf Lesbos

Zwischenzeitlich haben allerdings in Europa Rechtsextreme und Nazis ihr Herz für Griechenland entdeckt. Galten die Griechen in diesen Kreisen bislang eher als faul und unzuverlässig, mobilisierten angesichts der Bilder von der Grenze Gruppen wie die Identitäre Bewegung ihre Anhänger zum Kampf für das Abendland nach Griechenland: Hellenische Grenztruppen kämpften dort wie einst Leonidas mit seinen 300 Spartiaten.

In Lesbos tauchten vergangenen Freitag dann auch einige deutsche Rechtsradikale auf. Ein erster Auftritt in der Hauptstraße Mytlinnis verlief nicht besonders erfolgreich, von Bewohnern angegriffen, die deutsche Nazis nicht besonders mögen und sich sehr gut erinnern, welche Brutalität unter der deutschen Besatzung herrschte, mussten sie mit blutigen Köpfen wieder abziehen und saßen kurze Zeit später im Flugzeug nach Hause.

Als Teil der Gruppe, die nach Informationen lokaler Medien, von Vertreter der faschistischen Bewegung Goldene Morgenröte eingeladen, kam auch der AFD-nahe You-Tuber und Blogger Oliver Flesch mit Begleitern auf die Insel, geriet am Samstag erst mit Demonstranten aneinander und tauchte dann kurze Zeit nach Ausbruch des Feuers an der Brandstelle auf.

Dort soll er „Journalisten über angebliche ‚Fake News‘ informiert und erklärt haben, die Gebäude seien deshalb niedergebrannt, weil sie einer Hilfsorganisation gehörten, die illegale Einwanderer aus der Türkei ins Land brächte. Das hätten ihre ‚privaten journalistischen Untersuchungen‘ ergeben.“

Ein Verdacht liegt in der Luft

Nun stellt sich zu Recht die Frage: Wie konnte diese Gruppe nur wenige Minuten nach Ausbruch des Brandes vor Ort sein? Woher wussten sie, dass es dort brennt? Das Gelände liegt gut sechs Kilometer außerhalb des Hauptortes in einem Industriegebiet. Gestern sprach ich mit einer Freiwilligen, die dort arbeitet und sofort losfuhr als die erste Meldung, dass es brenne sie erreichte. „Da waren die schon da“, berichtete sie. „Wie konnten die das so schnell erfahren?“

Der Verdacht liegt in der Luft unter aufgebrachten Freiwilligen, Flüchtlingen und Griechen, die den Brandort am folgenden Tag besuchen, um ihre Solidarität auszudrücken: Irgendwie seien diese Deutschen in das Ganze verwickelt, so ein immer wieder geäußerter Verdacht.

Inzwischen hat Flesch in einem Artikel erklärt, er habe den Griechenland-Trip alleine und nicht, wie von Medien kolportiert, in Begleitung eines AFD-Abgeordneten unternommen. Vom Brand der „Schlepper-Unterkunft“, wie er die „School of Peace“ auf der Seite des rechten Magazins 1984 bezeichnet, habe er angeblich per Zufall erfahren.

Fakt bleibt, er war zur passenden Zeit vor Ort und behauptete auch später noch, das Projekt einer Schweizer Hilfsorganisation und zweier israelischer Gruppen schmuggele in Wirklichkeit Menschen nach Griechenland und brenne deshalb ab. Von Brandstiftung allerdings sprachen offizielle Stellen erst am Nachmittag des Folgetages. Wie also konnten Flesch so sicher wissen, dass das Feuer nicht aus anderen Gründen ausgebrochen war und mit diesem Wissen auch noch vor Ort prahlen?

Wie bei den Taliban

Derweil dürften Afghaninnen, die vor den Taliban flohen, auch um im Westen frei lernen und studieren zu können, als sie sich auf den Weg machten, sich wohl kaum vorstellen können, dass auch in Europa neuerdings Frauenschulen angezündet werden, allerdings nicht von Islamisten sondern von Rechtsradikalen, die dabei lautstark erklären, Europa vor der „Musel-Schwemme“ retten zu müssen.

So begann in Lesbos der Internationale Frauentag mit einer niedergebrannten, einst von Israelis errichteten Schule. Wenn das kein Symbol für den Zustand des Europas dieser Tage ist.

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