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Eine neue zivile Stimme aus dem Gazastreifen

Der Markt in Nuseirat im Gazastreifen Ende November 2025
Der Markt in Nuseirat im Gazastreifen Ende November 2025 (© Imago Images / Anadolu Agency)

Inmitten der weitreichenden Zerstörung im Gazastreifen und der anhaltenden Gewalt vollzieht sich unterhalb der Oberfläche eine leise, aber tiefgreifende Veränderung.

Mohammed Altlooli

Jenseits der täglichen Bilder der Zerstörung entstehen im Gazastreifen neue Perspektiven, die nicht nur die Kosten des von der Hamas vom Zaun gebrochenen Kriegs infrage stellen, sondern auch die politischen und sozialen Strukturen, die das dortige Leben seit Jahren prägen.

Dieser Wandel spiegelt mehr als nur die Erschöpfung durch den Konflikt wider. Er signalisiert einen tiefgreifenden Vertrauensverlust in politische Strukturen, die behaupteten, die Gesellschaft zu vertreten oder zu schützen. Internationale Beobachter haben diesen Legitimitätsverlust dokumentiert, während journalistische und wissenschaftliche Analysen auf eine wachsende Kluft zwischen den jüngeren Generationen und den etablierten politischen Akteuren hingewiesen haben. Was derzeit geschieht, könnte eine soziale und menschliche Transformation werden, aber auch politische.

Für viele Bewohner entstand dieses Bewusstsein nicht allein aus Schmerz, Trauer und Verlust – so verheerend diese Erfahrungen auch waren ­–, sondern aus einem tieferen, kollektiven Gefühl des Verrats, verbunden mit der Erkenntnis, dass diejenigen, die Autorität oder Entscheidungsgewalt beanspruchten, nicht nur wiederholt versagt hatten, Krieg, interne Spaltung und die stetige Erosion des zivilen Lebens zu verhindern, sondern all dies bewusst vorangetrieben haben.

Scharfer Wendepunkt

Ich selbst bin schon früh zu dieser Erkenntnis gekommen und habe bereits 2017 öffentlich über die Notwendigkeit gesprochen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem ich ein Ende der wiederkehrenden Kriege forderte, das Monopol der bewaffneten Gruppen über die Gesellschaft ablehnte und mich für eine zivile Ordnung einsetzte, in deren Mittelpunkt die Menschenwürde und das Recht auf Leben steht.

Im Laufe der Zeit hat sich diese Sichtweise immer mehr durchgesetzt. Vor allem unter den jüngeren Generationen hat sich ein neues zivilgesellschaftliches Bewusstsein herausgebildet, das nicht zu den bestehenden Fraktionen passt und auch nicht versucht, eine Form der Herrschaft durch eine andere zu ersetzen. Stattdessen legt es den Schwerpunkt auf Bildung, soziale Verantwortung und die Wiederherstellung des Vertrauens innerhalb der Gesellschaft. In dieser neuen Sichtweise wird Militarisierung nicht mehr als Schutz angesehen, sondern als eine Kraft, die den zivilgesellschaftlichen Raum eingeschränkt und gewaltfreie Alternativen an den Rand gedrängt hat.

Die Zeit nach dem 7. Oktober 2023 markierte einen scharfen Wendepunkt. Nicht nur sollte das Hamas-Massaker jedes vielleicht noch bestehende Vertrauen zwischen der israelischen Gesellschaft und den Palästinensern zerstören, sondern auch innerhalb des Gazastreifens selbst wurden zivile und friedensorientierte Stimmen zunehmend eingeschränkt. Dieses Schweigen spiegelte keinen Mangel am Wunsch der Bevölkerung nach Frieden wider, sondern vielmehr eine Verengung des öffentlichen Raums, in dem bewaffnete Akteure dominieren und der unabhängige zivile Diskurs zunehmendem Druck ausgesetzt ist. Außerhalb dieser Grenzen sieht das Bild jedoch deutlich anders aus, da andere Narrative freier zirkulieren und eine größere Sichtbarkeit erreichen.

In diesem Zusammenhang muss eine unangenehme Realität anerkannt werden: Die Fortdauer des Kriegs wird nicht allein durch die Ideologie angetrieben, da sie auch mit Netzwerken materieller und wirtschaftlicher Interessen verflochten ist. Einige mit militarisierten Strukturen verbundene Führer haben beträchtlichen Reichtum angehäuft und ihre Investitionen über den Gazastreifen hinaus in die gesamte Region und bis nach Europa ausgeweitet. Dies wirft ernsthafte Fragen darüber auf, wer letztlich von der Fortsetzung des Konflikts profitiert und dessen menschliche Kosten trägt.

Währenddessen bleiben jene Stimmen, die sich gegen das Blutvergießen aussprechen und gewaltfreie Alternativen fordern, isoliert und verwundbar. Aufrufe zur Beendigung der Kämpfe oder zur Verfolgung eines zivilen Wegs werden häufig mit Vorwürfen beantwortet, die darauf abzielen, abweichende Meinungen zu delegitimieren. Solche Mechanismen, die auch aus anderen Konfliktsituationen bekannt sind, dienen eher dazu, den öffentlichen Raum zu schließen, als die Gesellschaft zu schützen.

Trotz dieser Einschränkungen ist das zivile Bewusstsein nicht verschwunden. Es besteht weiterhin, wenn auch unter Druck und mit begrenzter Reichweite. Einer der sensibelsten und zugleich aufschlussreichsten Ausdrucksformen dieses Bewusstseins ist die wachsende Bereitschaft einiger Palästinenser, ein ziviles Engagement mit der israelischen Gesellschaft in Betracht zu ziehen. Dies ist weder eine Leugnung politischer Missstände noch ein Versuch, Ungerechtigkeit zu normalisieren. Es spiegelt vielmehr die nüchterne Erkenntnis wider, dass eine nachhaltige Zukunft nicht in völliger Isolation aufgebaut werden kann.

Internationale und israelische Medien, darunter Haaretz, die New York Times oder die Washington Post, haben die zunehmende Präsenz palästinensischer Stimmen registriert, die nach nichtmilitärischen Alternativen suchen und einen permanenten Krieg zugunsten von Dialog und gemeinsamer Verantwortung ablehnen.

Notwendigkeit

Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass Frieden nicht allein als externes Ziel verfolgt werden kann. Er muss auch den Wiederaufbau des Zusammenhalts innerhalb der palästinensischen Gesellschaft selbst, insbesondere im Gazastreifen, beinhalten. Jahrelange interne Spaltungen und sozialer Druck haben tiefe Brüche hinterlassen. Jede zukünftige Stabilität wird davon abhängen, ob diese internen Wunden neben allen externen Versöhnungsbemühungen behandelt werden.

Frühere Versuche in diese Richtung sind oft gescheitert, weshalb die Skepsis verständlich ist. Doch deren Scheitern steht nicht im Widerspruch zu diesen Schritten. Im Gegenteil, es verstärkt sie. Palästinenser und Israelis streben letztlich ähnliche Grundbedingungen wie Sicherheit, Würde, Stabilität und eine Zukunft, die nicht von ewigen Krisen geprägt ist, an. Diese gemeinsamen Bedürfnisse bilden die realistische Grundlage für jeden nachhaltigen Frieden.

Was heute aus dem Gazastreifen hervorgeht, ist weder ein abgeschlossenes politisches Projekt noch eine naive Vision der Versöhnung. Es ist eine fundierte Neubewertung, die durch Erfahrung geprägt ist, geschmiedet durch Verlust, aber geschärft durch Klarheit. Ob diese zivile Stimme den Raum erhält, den sie zum Wachsen braucht, bleibt ungewiss. Doch allein ihre Existenz stellt die vorherrschenden Narrative infrage, die Gaza allein auf Gewalt reduzieren, und deutet darauf hin, dass unter den Trümmern eine andere, wenn auch eingeschränkte Debatte Gestalt annimmt.

Mohammed Altlooli ist Journalist, palästinensischer Bürgerrechtler und Gründer der Temporary Palestinian Civil Affairs (TPCA).

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