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Digitale Eskalationsräume. Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Medien

Der Antisemitismus in den sozialen Medien nimmt stetig zu
Der Antisemitismus in den sozialen Medien nimmt stetig zu (© Imago Images / Steinach)

Antisemitismus in den sozialen Medien ist keine Meinung, sondern eine Form von Gewalt, die online beginnt und offline eskaliert.

Der Vorfall am Flughafen Valencia vergangenen Mittwoch steht exemplarisch für den mittlerweile eskalierenden Antisemitismus unserer Zeit. Juden werden nicht nur im digitalen Raum, sondern auch in analogen Alltagssituationen zur Zielscheibe antisemitischer Projektionen.

Eine Gruppe junger Menschen, Teilnehmer eines Sommercamps, wurde aus einem Flugzeug geworfen, weil sie ein hebräisches Lied sangen. Laut Angaben des Kabinenpersonals habe das Singen den Ablauf gestört. Die Gruppenleiterin wurde darauf hingewiesen, dass man im Falle weiterer »Unruhe« die Polizei verständigen müsse. Doch auch ohne weitere Vorkommnisse rückten wenige Minuten später die Ordnungskräfte an und forderten die Gruppe auf, das Flugzeug zu verlassen.

Noch drastischer als das Verhalten der Fluggesellschaft waren dann die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Der Vorfall entfaltete eine Sogwirkung, die antisemitische Ressentiments bündelte, verstärkte und verbreitete.

Juden wurden in den Kommentarspalten als »zioNazis« beschimpft, als »Unruhestifter«, denen man zu Recht Hausverbot auf europäischen Flughäfen erteilen müsse. Die klassische Täter-Opfer-Umkehr griff um sich. Selbst die Information, dass der Pilot mutmaßlich Terroristen des 11. Septembers ausgebildet haben soll, ein Detail, das die Absurdität der Maßnahme unterstreicht, bremste den antisemitischen Hass in keiner Weise.

Dabei sind wir im Juli 2025 schon fast nicht mehr über solche Meldungen überrascht. Jüdische Sichtbarkeit, in Form einer Sprache, eines Lieds oder einer Kippa, wird als Bedrohung wahrgenommen.

Der öffentliche Raum wird nicht als ein Ort verstanden, an dem jüdisches Leben selbstverständlich seinen Platz hat, sondern als Bühne für Projektionen, in denen »die Juden« für alles verantwortlich gemacht werden. Sei es für die Unruhe im Flugzeug oder für den Krieg im Gazastreifen. Und auch der Antisemitismus in sozialen Netzwerken ist keine Randerscheinung oder Nebengeräusch. Er ist ein fester Bestandteil der digitalen Kommunikation geworden, vollkommen normalisiert, algorithmisch verstärkt und selten sanktioniert.

Die Narrative der Kommentare

Ein Blick in die Kommentarspalten unter den Medienbeiträgen zu dem Vorfall – sowie unter vielen anderen tagesaktuellen Beiträgen – offenbart einen hemmungslosen, kaum codierten Antisemitismus. Die Sprache ist roh, die Haltungen enthemmt, die Aussagen aggressiv. Was sich dort Bahn bricht, ist kein zufälliger Ausbruch digitaler Aggression, sondern Ausdruck eines strukturellen Phänomens, das in der Forschung seit Jahren dokumentiert wird.,

Antisemitismusforscherinnen wie Monika Hübscher und Sabine von Mering (Antisemitismus in den Sozialen Medien) oder Monika Schwarz-Friesel (Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl) haben zentrale Argumentationsmuster identifiziert, die sich in diesen digitalen Kommentarspalten mit erschreckender Regelmäßigkeit wiederfinden. Besonders häufig ist die sogenannte Täter-Opfer-Umkehr. Juden, die auf Diskriminierung oder Gewalt hinweisen, werden selbst für diese verantwortlich gemacht. »Sie provozieren ja ständig, und jetzt tun sie überrascht«, heißt es dann sinngemäß in dem Versuch, antisemitische Gewalt zu relativieren und im Nachhinein zu legitimieren, als vermeintlich nachvollziehbare Reaktion auf jüdisches Verhalten.

Auch klassische Verschwörungserzählungen in neuem Gewand finden sich gehäuft wieder. Juden gelten in den Kommentaren als privilegiert, einflussreich, fordernd, nach dem Motto »Bestimmt wollten sie wieder Sonderrechte« und »die glauben, ihnen gehört die Welt«.

Der antisemitische Neidkomplex bleibt intakt, die Sprache ist digital beschleunigt. Narrative wie diese schließen nahtlos an antisemitische Stereotype des 20. Jahrhunderts an, werden aber zunehmend in den Kontext aktueller Debatten eingespeist und in Verbindung mit Migration, Nahostkonflikt, Meinungsfreiheit gebracht.

Hinzu kommt die Wiederkehr tradierter Topoi und stereotyper Denkmuster, die seit Jahrhunderten antisemitische Diskurse strukturieren: der machtgierige Jude, der soziale Unruhe stiftet, der illoyale Außenseiter. Diese Bilder werden nicht nur tradiert, sondern digital wiederverwertet und so in den Kommentarspalten reproduziert. Immer wieder finden sich Beiträge, die antisemitische Gewalt verharmlosen oder ins Lächerliche ziehen: »Jetzt sind sie wieder die Opfer, war ja klar«, »Warum so empfindlich?«

Verrohung

Laut Monika Schwarz-Friesel ist die zunehmende Verrohung der Sprache kein Zufall, sondern Symptom einer Normalisierung antisemitischer Diskurse im Netz. Eine Entwicklung, die sich seit dem 7. Oktober 2023 nochmals beschleunigt hat. Der digitale Raum dient dabei nicht nur als Ventil, sondern als Verstärker. Indem antisemitische Aussagen meist unwidersprochen bleiben, führen sie selten zu Konsequenzen und setzen sich dadurch als scheinbar legitime Meinung fest.

Ein Beispiel unter vielen sind die folgenden auf der Plattform Thread getätigten Kommentare unter dem Account des Spiegel, die einige der beschriebenen Narrative offenbaren.

Digitale Eskalationsräume. Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Medien
Screenshot Threads-Kommentarspalte des @spiegelmagazin

Dieses Bild ist ein besonders drastisches Beispiel visuellen Antisemitismus im digitalen Raum und lässt sich klar als judenfeindliche Hassrede einordnen. Das Bild zeigt Gollum, eine deformierte und gierige Figur aus dem Epos Der Herr der Ringe und steht für Heimtücke, Gier und Besessenheit. Die beiden digital montierten israelischen Flaggen sowie die Beschreibung des »Victim Award«, der Verleihung eines »Opferpreises«, sprechen für eine Entmenschlichung und Dämonisierung jüdischer Menschen.

Antisemitische Kommunikation arbeitet oft mit Tiervergleichen, Karikaturen und Fratzen, um Juden als »anders« und »gefährlich« zu markieren. Der Topos des »Victim Award« unterstellt, jüdische Menschen oder der Staat Israel würden sich seit 1948 zu Unrecht in der Opferrolle inszenieren. Die Darstellung bedient sich außerdem eines ironisch-verzerrten Humorstils, der darauf abzielt, Kritik bereits im Vorfeld zu entkräften. Dies ist typisch für viele antisemitische Memes, die Hass als »Satire« tarnen, um Distanzierung oder Plattformregulierungen zu umgehen.

Digitale Eskalationsräume. Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Medien
Screenshot Threads-Kommentarspalte des @spiegelmagazin

»50 zioNazi Terroristen gefährden die Sicherheit eines Fluges.«Durch die Wortschöpfung »zioNazi« wird Israel – und in diesem Fall das Judentum, da es sich um französische Juden handelte – mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Ein typisches antisemitisches Vergleichsnarrativ, das Täter und Opfergeschichte pervertiert. Die Bezeichnung »Terroristen« schürt Angst und verleiht dem Bild der »jüdischen Bedrohung« eine gewaltsame Komponente.

»Wo Juden sind, wächst kein Gras mehr.«Dieser Kommentar greift auf ein altes antisemitisches Stereotyp zurück, in dem jüdischen Menschen zerstörerische, unfruchtbar machende Präsenz zugeschrieben wird. Durch diese Schuldzuweisung wird jüdisches Dasein per se als destruktiv dargestellt, auch eine Variante der Täter-Opfer-Umkehr in metaphorischer Sprache.Der Kommentar ist ein Beispiel für die Kontinuität antisemitischer Bilder, subtiler als »Zionazi«, aber nicht weniger wirkmächtig.

Von Antizionismus zum Antisemitismus

Viele Nutzer bemühen den rhetorischen Schutzschild des bloßen Antizionismus. In der konkreten Argumentation verschwimmen aber die Grenzen, häufig werden Juden und Israel gleichgesetzt, individuelle Personen für politische Entwicklungen bestraft. Ein klassisches antijüdisches Narrativ. Nach Monika Hübscher ist Antisemitismus heute »aufgeladen mit neuen, sozialmedialen Codes, gleichzeitig aber zutiefst anschlussfähig an jahrhundertealte Stereotype«. Was sich in den digitalen Kommentarspalten abspielt, ist keine neue Form von Kritik an Israel oder ein verzerrtes Verständnis politischer Konflikte. Es ist, in der Klarheit, Lautstärke und Massivität, nichts anderes als blanker Antisemitismus, und zwar in einer Qualität, die sich längst nicht mehr bemüht, sich hinter dem Label »Israelkritik« zu verstecken.

Monika Schwarz-Friesel beschreibt diesen Vorgang als einen »emotionalkommunikativen Radikalisierungsprozess«, der besonders im digitalen Raum auftritt. Hass wird hier nicht nur sichtbarer, sondern vervielfältigt sich: »Judenfeindliche Aussagen verbreiten sich im Netz ungebremst und finden dort nicht selten Zuspruch – durch Likes, Retweets oder zustimmende Kommentare«, schreibt sie in ihrer Analyse Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Viele der Kommentare greifen uralte antisemitische Verschwörungserzählungen über jüdische Macht, Kontrolle und Welteinfluss auf.

Normalisierung des Hasses

Studien zeigen, dass Soziale Medien den Hass verstärken. Vor allem algorithmisch gesteuerte Mechanismen sorgen dafür, dass emotionalisierte und polarisierende Inhalte sichtbar werden und führen dazu, dass sich antisemitische Kommentare rasant verbreiten.

Die Anonymität und Distanz des digitalen Raums begünstigen dabei die Enthemmung. Menschen schreiben Dinge, die sie im direkten Gegenüber kaum aussprechen würden. Doch antisemitische Narrative bleiben nicht im Netz, sie sickern in den gesellschaftlichen Diskurs ein und haben reale Folgen. Die Verbindung zwischen digitaler Hetze und physischen Übergriffen ist wissenschaftlich belegt. Jüdische Organisationen berichten von Angst, Rückzug aus sozialen Netzwerken, erhöhtem Sicherheitsaufwand sowie von wachsender Ohnmacht. Parallel dazu sinkt die gesellschaftliche Toleranzschwelle gegenüber Antisemitismus. Hass wird normalisiert. Was einst als Tabu galt, wird heute offen ausgesprochen.

Es braucht dringend politische, mediale und gesellschaftliche Antworten. Digitale Plattformen müssen ihrer Verantwortung gerecht werden und antisemitische Inhalte konsequent moderieren. Medien sollten Kommentarspalten nicht als Stimmungsbarometer, sondern als Frühwarnsystem begreifen. Journalisten können sich zu antisemitismussensibler Berichterstattung und digitaler Medienkompetenz weiterbilden. Und wir alle müssen verstehen, dass Antisemitismus im Netz keine Meinung ist, sondern eine Form von Gewalt, die online beginnt und offline eskaliert.

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