Latest News

»Durch unsere Erinnerungsprojekte bleibt Shani lebendig«

Ricarda Louk im Mena-Interview: »Durch unsere Erinnerungsprojekte bleibt Shani lebendig«
Ricarda Louk im Mena-Interview: »Durch unsere Erinnerungsprojekte bleibt Shani lebendig« (© Ifat Peer)

Im Gespräch mit Elisa Mercier schildert Ricarda Louk, wie sie und ihre Familie mit der Ermordung ihrer Tochter Shani beim Nova-Musikfestival am 7. Oktober 2023 durch Hamas-Terroristen umgehen und mit welchen Erinnerungsprojekten sie die junge Frau würdigen.

Elisa Mercier (EM): Im Moment herrscht Krieg im Nahen und Mittleren Osten gegen den Iran, den Unterstützer der Terrororganisation Hamas, die den grausamen Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 begangen hat. Wie blicken Sie auf diesen Krieg?

Ricarda Louk (RL): Es ist nicht überraschend, dass es so weit gekommen ist. In den letzten Monaten war die Anspannung in Israel bereits spürbar. Niemand wünscht sich einen Krieg und es ist eine tragische Situation für alle Beteiligten, aber man muss realistisch sein: Ohne eine klare Intervention gegen das radikal-islamistische Regime im Iran wird es keine dauerhafte Ruhe in der Region geben. Die Hamas, die Hisbollah und auch Gruppierungen im Jemen erhalten ihre Finanzierung größtenteils aus dem Iran und diese ist die Grundlage für viele Terroranschläge weltweit.

Die zivile Bevölkerung im Iran leidet sehr, viele Menschen sehnen sich nach einem Umsturz, aber sie haben keine Möglichkeit, dies selbst zu erreichen. Die Iraner sind gefangen zwischen Repression und dem Wunsch nach Freiheit. Gleichzeitig kann die internationale Gemeinschaft nicht einfach die Augen verschließen vor dem, was im Iran geschieht. Man darf nicht nur selektiv auf Konflikte schauen, aber es ist so, dass man etwa in westlichen Ländern kaum Demos oder öffentliche Proteste sieht, wenn Iraner gefoltert oder ermordet werden. Ich finde diese Selektivität erschreckend.

Für uns Israelis ist klar: Es muss in Bezug auf den Iran gehandelt werden. Kurzfristige Angriffe oder symbolische Aktionen bringen nichts. Frühere Attacken auf Atomprogramme haben den Iran nur um ein oder zwei Jahre zurückgeworfen; danach wurden Anlagen und weiteres wieder aufgebaut. Es muss eine dauerhafte Lösung geben. Diplomatie hat in der Vergangenheit nicht funktioniert. Der Iran wollte nie ernsthaft verhandeln, das Regime hat die Verhandler immer hingehalten und in der Zeit seine Programme ausgebaut.

Trotz allem positiv bleiben

EM: Am 7. Oktober haben Hamas-Terroristen Ihre Tochter Shani auf dem Nova-Musikfestivalermordet. Wie hat das Ihr Leben und das Ihrer Familie verändert?

RL: In Israel hat sich durch den Überfall der Hamas fast alles verändert, denn von dem Massaker waren viele Menschen betroffen. Für uns als Familie war der Tod Shanis ein Riesenschock, den man sich kaum vorstellen kann. Ein Elternteil kann sich nicht ausmalen, wie es ist, das eigene Kind so plötzlich und so grausam zu verlieren. Shani wollte einfach tanzen gehen, auf ein Festival gehen, Spaß haben und das Leben genießen – und wir haben sie auf brutalste Weise verloren.

Wir trauern sehr, aber wir versuchen trotz allem, positiv zu bleiben. Wir haben noch drei weitere Kinder und es ist wichtig, dass wir weitermachen, das Leben leben und auch Freude zulassen – genau so, wie Shani es gewollt hätte.

Wir reisen, arbeiten, verbringen bewusst Zeit miteinander. Viele Familien in Israel fallen nach solchen Ereignissen in ein tiefes, schwarzes Loch, aus dem sie kaum wieder herauskommen. Wir als Familie haben uns dazu entschieden, weiterzumachen, aber mit Bewusstsein und Respekt für den Verlust. Wir wollen Shani positiv in Erinnerung behalten, sodass ihre Lebensfreude, ihre Hilfsbereitschaft und ihre Liebe zu anderen Menschen weiterleben. Durch unsere Erinnerungsprojekte bleibt Shani lebendig.

EM: Shani wurde nach ihrer Ermordung durch Gaza paradiert und so zu einem der medialen Symbole für den Angriff auf Israel. Wie gehen Sie damit um?

RL: Das war absolut furchtbar. Ich kann kaum in Worte fassen, wie es ist, das eigene Kind geschändet und ermordet zu sehen und dann auch noch öffentlich zur Schau gestellt. Viele palästinensische »Journalisten« wussten offenbar bereits im Voraus, was am 7. Oktober passieren würde, denn sie waren sofort vor Ort, haben Bilder und Videos gemacht und diese umgehend verbreitet. Darüber hinaus haben sie das Material auch an Medien und Nachrichtenagenturen verkauft, sodass sie damit viel Geld gemacht haben. Das finde ich besonders schlimm. Ebenso, dass viele dieser »Journalisten« mindestens Terrormitläufer waren.

Als Eltern kann man diesem Verhalten nichts entgegensetzen, denn es fällt unter die Pressefreiheit. Die Bilder und Videos werden bis heute weltweit geteilt. Es ist schockierend, wie sehr sie hängenbleiben. Shani wurde zu einem Symbol für den grausamen Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, obwohl viele junge Mädchen Opfer waren. Meine Familie und ich sehen diese Aufnahmen von Shani immer wieder, in sozialen Medien, in Nachrichten, und jedes Mal schmerzt es uns sehr.

EM: Viele junge Menschen im Westen haben sich nach dem 7. Oktober 2023 eher mit den Palästinensern und sogar der Hamas solidarisiert als mit ihren israelischen Altersgenossen Shani und den Festivalbesuchern. Wie bewerten Sie das?

RL: Am Anfang war ich wütend und enttäuscht. Viele junge Menschen im Westen zeigten kaum Solidarität mit den Opfern in Israel, was ich überhaupt nicht verstehen konnte. Es schien, als seien viele dieser jungen Leute durch Aktivisten etwa an Universitäten beeinflusst worden, die, wie sich teils herausgestellt hat, ja auch bezahlt waren. Darüber hinaus wurden und werden viele junge Leute stark durch Social Media beeinflusst. Sie leben in Filterblasen, in denen nur bestimmte Narrative wiederholt werden und in denen sie kaum objektive Informationen aufnehmen. Sie reagieren oft aggressiv, wenn man versucht, Fakten oder andere Perspektiven zu vermitteln. Das beunruhigt mich sehr.

Ich rate jungen Menschen: Prüft alle Seiten, informiert euch aus verschiedenen Quellen, besucht Israel selbst. Viele, die nach Israel kommen, sehen das Land und die Menschen danach anders. Sie erkennen, dass Israel weit davon entfernt ist, etwa ein Apartheidstaat zu sein. Die Realität in Israel ist bunt und vielschichtig und hat mit den Vorurteilen, die in den Medien und in Social Media kursieren, nichts zu tun. Mittlerweile und mehr als zwei Jahre nach Shanis Tod arbeite ich auch wieder mit Palästinensern zusammen, sie stammen aus Ost-Jerusalem. Das geht für mich inzwischen.

Mehr Engagement gewünscht

EM: Sie und Ihre Kinder sind auch deutscher Herkunft und haben starke Verbindungen ins süddeutsche Ravensburg. Wie haben Sie die Reaktionen in Ihrer Heimatstadt und in Deutschland generell erlebt?

RL: In meinem persönlichen Umfeld war die Unterstützung nach Shanis Tod überwiegend sehr positiv. Ich besuche regelmäßig meine Familie und Freunde in Deutschland. Ich war auch in Berlin bei Antisemitismus-Seminaren. Auch durch offizielle Kontakte habe ich Unterstützung erfahren: Es gab Treffen gemeinsam mit anderen betroffenen israelischen Familien beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und im Außenministerium. In Israel habe ich häufiger den deutschen Botschafter im Land, Steffen Seibert, getroffen.

Dennoch hätten wir uns mehr Engagement von Deutschland gewünscht, besonders, da Shani deutsche Staatsbürgerin war. Auch die Gefangenschaft mehrerer deutscher Staatsbürger im Gazastreifen wurde kaum öffentlich behandelt, was frustrierend war und uns das Gefühl gegeben hat, dass unsere Perspektive unsichtbar bleibt.

Die deutsche Medienberichterstattung fand und finde ich oft problematisch. Interviews von uns wurden häufig neben Interviews von Palästinensern platziert, wodurch unsere Sichtweise verzerrt wurde. Einige Zeit nach dem 7. Oktober 2023 nahm das öffentliche Interesse an den israelischen Opfern stark ab, während Opfer im Gazastreifen stärker thematisiert wurden. Nur noch bestimmte Medien wie die Jüdische Allgemeine meldeten sich und fragten nach Interviews. Mich hat diese Entwicklung sehr enttäuscht. Generell muss ich sagen, dass viele Medien eine ungute Rolle bei der Verbreitung negativer Narrative über Israel spielen. Immer ist Israel der »Böse«, es werden viele falsche Fakten über das Land verbreitet.

EM: Welche Unterschiede zwischen der deutschen und der israelischen Gesellschaft sehen Sie im Umgang mit den Opfern des 7. Oktobers?

RL: In Israel spürt das ganze Land den Verlust. Jede Familie, Nachbarn, Freunde – alle helfen, alle unterstützen. Es gibt viele private Initiativen für betroffene Familien: Retreats, therapeutische Angebote, Yoga, Projekte. Auch der Staat bietet Behandlungen und Unterstützung an. Dieses Gefühl von Nähe, Solidarität und Zusammenhalt ist sehr stark und tröstend. In Israel fühlt man sich vom Land und vom Volk getragen und regelrecht umarmt. In Deutschland ist die Trauer emotional weiter weg. Viele Menschen wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wie sie auf uns zugehen sollen. Das macht es schwieriger, die Unterstützung zu spüren. In Deutschland ist der Umgang insgesamt eher distanziert.

EM: Haben Sie Kontakt zu weiteren Menschen, die am 7. Oktober 2023 Kinder oder Angehörige verloren haben?

RL: Ja. Wir nehmen an den genannten Veranstaltungen teil, Retreats etwa, organisieren Zoom-Meetings und treffen uns privat. In dem kleinen Dorf, in dem wir wohnen, haben drei Familien am 7. Oktober 2023 Angehörige verloren. Ich treffe regelmäßig eine Freundin, die ebenfalls ihr Kind auf dem Nova-Festival verloren hat. Wir unterstützen uns gegenseitig und bleiben in Kontakt, was sehr wichtig ist, um die Trauer gemeinsam zu tragen.

Sonja Bohl-Dencker, deren Tochter Carolin im Kibbuz Nir Oz von den Hamas-Terroristen getötet wurde, habe ich häufiger in Deutschland und auch hier in Israel getroffen. Sie ist oft in Israel, weil sie hier, glaube ich, mehr Verständnis für ihren Verlust erfährt. Sie möchte dabei helfen, den Kibbuz Nir Oz wieder aufzubauen, was ich sehr gut finde.

EM: Wie möchten Sie, dass man sich an Ihre Tochter Shani erinnert?

RL: Shani war lebensfroh, offen, reiste viel, half anderen und glaubte immer ans Gute. Wir möchten sie so in Erinnerung halten – durch Projekte, Aktionen und ihr Beispiel. Viele Menschen weltweit fühlen sich mit ihrer Geschichte verbunden, obwohl sie sie nicht persönlich kannten. Das zeigt, wie ihr Leben andere inspiriert, ihnen Mut gibt und Hoffnung schenkt.

Zum ersten Geburtstag ohne sie haben wir eine Ausstellung mit ihren Zeichnungen in Tel Aviv gemacht. Shani wird in mehreren Büchern genannt. Wir haben eine Website unter anderem mit ihren Tätowierungen erstellt, die weltweit Menschen nachmachen. Demnächst bringen wir ein Buch mit ihren Kunstwerken heraus und wir planen weitere Projekte, um ihr Andenken lebendig zu halten, ihre Lebensfreude weiterzugeben und anderen Menschen Hoffnung und Mut zu geben.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!