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Documenta und Antisemitismus: Die Macher ziehen blank

Kritik an ihrem Salonfähig-Machen von BDS hört die Documenta nicht gerne
Kritik an ihrem Salonfähig-Machen von BDS hört die Documenta nicht gerne (© Imago Images / Hartenfelser)

Die Leiter der Kunstschau Documenta halten die Kritik an der antisemitischen BDS-Bewegung für »rassistische Anschuldigungen« und die Maßnahmen gegen sie für eine »Gefährdung von Kunst- und Diskursfreiheit«.

Rund vier Monate hat es gedauert, bis sich die künstlerische Leitung der Kasseler Kunstschau Documenta, die ab Mitte Juni zum 15. Mal stattfindet, selbst zur Kritik an ihrer Nähe zur antisemitischen BDS-Bewegung geäußert hat.

Das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Jakarta, das mit dieser Leitungsaufgabe betraut worden ist, wählte dazu die Form des offenen Briefes. Dieser ist im englischen Original von e-flux veröffentlicht worden, einem Online-Kunstmagazin, das vor knapp einem Jahr auch einen propagandistischen »Letter against Apartheid« publizierte, in dem Israel als »Apartheidsystem« dämonisiert wird; zudem werden dem jüdischen Staat »Kolonialismus«, »ethnische Säuberungen« und »Verbrechen gegen die Menschheit« vorgeworfen.

Die deutsche Übersetzung der Stellungnahme ist unter der Überschrift »Wie ein Gerücht zum Skandal wurde« in der Berliner Zeitung erschienen, die schon seit einer Weile immer wieder mit Meinungsbeiträgen aufwartet, in denen die Kritik des israelbezogenen Antisemitismus vor allem als rechte und rassistische Kampagne denunziert und delegitimiert wird. Auch der offene Brief von Ruangrupa, den zudem »einige der Kurator*innen des gescheiterten Forums« namens »We need to talk« unterzeichnet haben – welche das sind und wer nicht dazu gehört, bleibt unklar –, fällt in diese Kategorie.

Das Forum – eine dreiteilige Online-Gesprächsreihe, bei der rund die Hälfte der vorgesehenen Diskutanten BDS-Aktivisten oder -Sympathisanten gewesen wären – war abgesagt worden, nachdem Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Besetzung und Ausrichtung der Podien sowie die Nichtberücksichtigung des Zentralrats kritisiert hatte. Die Unterzeichner des offenen Briefes sind nun der Ansicht, dass die »Anschuldigungen, die gegenüber der documenta fifteen und dem Gesprächsforum geäußert wurden, eine produktive Diskussion gegenwärtig unmöglich machen«.

Was Ruangrupa den Kritikern unterstellt

Schuld soll also die Kritik an den Documenta-Machern sein, die diese aber nicht als Kritik begreifen wollen, sondern lieber als »Vorwürfe«, »Bezichtigungen«, »Gerüchte« oder eben als »Anschuldigungen«. Die Kritiker, heißt das, sollen andere Motive haben; die Verfasser des Briefes schreiben diesbezüglich vom »Versuch, Künstler*innen zu delegitimieren und sie auf [der] Basis ihrer Herkunft und ihren vermuteten politischen Einstellungen präventiv zu zensieren«.

Ins Visier nehmen sie dabei nicht zuletzt das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (BgA), dem sie Rassismus, »Geschichtsklitterung« und eine »amateurhafte Internet-Recherche« vorhalten. Die Texte der Gruppe seien »beklagenswert«; dass »die kolportierten Vorwürfe es aber in die deutschen Qualitätsmedien geschafft haben«, sei »ein Skandal«. »Offensichtlich reicht es beim Thema Antisemitismus, mit der Dynamik des zirkulierenden Gerüchts zu arbeiten«, meinen Ruangrupa und die weiteren Unterzeichner des offenen Briefes.

Antisemitismus und Hass gegen Israel untrennbar verbunden

Soll heißen: An der Kritik ist rein gar nichts dran, es sind alles nur böse, rassistische Gerüchte und Falschbehauptungen. Über das BgA schreiben die Verfasser unter anderem, das Bündnis störe sich daran, dass bei der Documenta und in der letztlich abgesagten Gesprächsreihe »die Perspektive des globalen Südens als ›gleichwertig‹ behandelt werden soll«. Damit spreche das BgA aus, »was andere nur denken: Multiperspektivität wird als Bedrohung deutscher Diskurshoheit empfunden«.

Es lohnt sich, die betreffende Stelle aus dem BgA-Beitrag »Don’t talk about BDS« zu lesen, auf die sich diese Ausführungen beziehen:

»Statt sich dem Kern, der Bedeutung und den Erscheinungsformen einer wahnhaften Weltanschauung [gemeint ist der Antisemitismus, Anm. d. Verf.] unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen anzunähern, geht es den Documenta-Macherinnen offensichtlich darum, den dem verantwortungsvollen Deutschland zugeordneten Begriff vom Antisemitismus – in der annoncierten Absicht, einen multiperspektivischen Ansatz zu verfolgen – durch eine Sichtweise des Südens zu ersetzen oder zumindest als gleichwertig gegenüberzustellen.

Dazu muss man der Auffassung sein, dass das deutsche bzw. europäische und das internationale Verständnis und die wissenschaftliche Herleitung von Antisemitismus und Rassismus angeblich divergieren. Von daher würde die Kritik am Handeln des israelischen Staates in Deutschland (und Europa) ›in historischer Verantwortung‹ eben anders wahrgenommen als aus der Perspektive des ›globalen Südens‹.

Unschwer ist daran zu erkennen, dass wir es hier mit einer Sichtweise zu tun haben, in der die Wahrheit relativ ist und zu einer Sache der Perspektive wird. Ganz offensichtlich soll damit der unauflösliche Zusammenhang von Antisemitismus, Antizionismus, Israelhass und die ›Kritik an Israel‹ aufgelöst werden.«

Antisemitismus-Kritik nicht rassistisch

Dem Bündnis gegen Antisemitismus geht es also nicht um die »deutsche Diskurshoheit«; es kritisiert vielmehr von einem universalistischen Standpunkt aus, dass Antisemitismus für die künstlerische Leitung der Documenta bloß eine Frage der persönlichen Sichtweise ist – die im globalen Süden nun mal anders sei als in Deutschland und Europa – und nichts, wozu es internationale wissenschaftliche Erkenntnisse gibt.

Das BgA urteilt, dass dieses (Nicht-)Verständnis von Antisemitismus dazu diene, den Hass gegen Israel auf eine Sache der Perspektive herunterzubrechen und damit zu exkulpieren. Dass diese Bewertung vollauf berechtigt ist, zeigt auch der offene Brief.

Da ist zum Beispiel von den »rassistischen Effekten eines Gerüchts« die Rede, und damit meinen die Verfasser die Kritik an der BDS-Nähe der Documenta-Macher, die sie schon deshalb für rassistisch halten, weil sie »vor allem Menschen aus dem globalen Süden und insbesondere aus dem Nahen Osten« treffe und zu »Ausschlüssen und Ausladungen« führe.

Die »deutsche Bekenntniskultur gegen Antizionismus, die ihn zunehmend mit Antisemitismus gleichsetzt«, so Ruangrupa weiter, »hat zur Folge, dass Palästinenser*innen und nicht-zionistische Juden vom Kampf gegen Antisemitismus ausgeschlossen und nachfolgend selbst zu Antisemiten erklärt werden«. 

Als ob die Kritiker keine inhaltlichen Gründe geltend machen, sondern sich auf die Herkunft der Kritisierten kaprizieren würden. Als ob sie beispielsweise Palästinenser, die sich antisemitisch äußern, »zu Antisemiten erklären« würden, weil sie Palästinenser sind – und nicht, weil sie sich eben antisemitisch äußern.

Dieser Vorwurf – und hier ist es tatsächlich einer – fällt letztlich auf die Urheber selbst zurück: Womöglich können sie Menschen nur in Kollektiven denken, denen sie bestimmte Eigenschaften zuschreiben, und zu denen gehört es in dieser Sichtweise offenbar auch, dass man im globalen Süden nun mal den jüdischen Staat hasst, weil das eben dort die »Perspektive« ist, die man gefälligst unwidersprochen zu akzeptieren hat. Wer es nicht tut, sei ein Rassist.

Documenta-Macher wollen BDS salonfähig machen

Bezeichnend ist zudem, dass die Macher der Documenta ihren Kritikern genau das vorwerfen, was die Praxis der BDS-Bewegung ist. »Die Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus ist wissenschaftlich höchst umstritten und daher Gegenstand einer Debatte; sie ist keine neutrale Gesprächsgrundlage und sollte dementsprechend nicht für die unkritische Kolportierung von Antisemitismusvorwürfen und die Produktion von Diskursausschlüssen benutzt werden«, heißt es im offenen Brief.

Die Boykotteure sollen also nicht boykottiert, sondern unbedingt eingeladen werden, damit sie darüber sprechen, warum sie nicht mit Israelis reden und den jüdischen Staat hassen. Wer Kritik daran äußert, sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, »eine produktive Diskussion unmöglich zu machen«. Widerspruch hat man in diesen Kreisen nicht so gern.

Schlechtes über die BDS-Bewegung mögen die Macher der Documenta nicht schreiben, vielmehr halten sie die Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2019 für eine »Gefährdung von Kunst- und Diskursfreiheit«.

Diese Freiheit ist für sie nämlich offenkundig nur dann gewährleistet, wenn sie mit reichlich staatlichen Geldern am liebsten gänzlich unwidersprochen Leute einladen und machen lassen können, die sich das Ende des einzigen jüdischen Staates zum Ziel gesetzt haben. Diese verdrehte Weltsicht geht noch mit einem beleidigten Rückzug in die Opferrolle einher, sobald Kritik aufkommt.

Mit ihrem Brief, so Marcus Woeller in der Tageszeitung Die Welt, wollten die Verfasser und Unterzeichner erreichen, »dass der BDS in Deutschland nicht nur nicht als antisemitisch definiert, sondern vielmehr salonfähig gemacht wird«. Ähnlich lautet die Einschätzung von Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen:

»Das Künstlerkollektiv Ruangrupa, das ›Artistic Team der documenta fifteen‹ und ›einige Kurator*innen des gescheiterten Gesprächsforums‹ sehen es als eine ihrer Aufgaben, BDS salonfähig zu machen.«

Genau das trifft es: Eine antisemitische Bewegung soll mit antirassistischen und postkolonialen Weihen versehen und aufgewertet werden, Kritiker sollen als rassistisch-provinzielle Dumpfbacken erscheinen. Ein allzu durchschaubares Vorhaben. Die Macher der Documenta haben blankgezogen.

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