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Dirk Moses‘ „Katechismus der Deutschen“: Glaubenssätze eines linken Genozidforschers

Die Konsequenz aus Dirk Moses' "Ketchismus der Deutschen" ist eine antisemitische
Die Konsequenz aus Dirk Moses' "Ketchismus der Deutschen" ist eine antisemitische (© Imago Images / snapshot)

Der Historiker Dirk Moses stellt in einem Essay die Singularität der Shoah von links infrage und behauptet, das Beharren auf ihr sei Teil eines „Katechismus der Deutschen“, eines „Erlösungsnarrativs“, mit dem gebrochen werden müsse. Mit der gesellschaftlichen Realität in Deutschland hat das nicht viel zu tun, es verweist vielmehr auf die geschichtspolitischen, „israelkritischen“ Absichten des Autors.

Einmal angenommen, man wüsste nicht, wer der Autor ist: Welchem politischen Lager würde man ihn angesichts von Sätzen wie diesen zuordnen?

„Das Nazi-Reich war ein kompensatorisches Unternehmen, das permanente Sicherheit für das deutsche Volk anstrebte: Nie wieder sollte das Volk z. B. eine Hungersnot erleiden müssen, wie es sie in der Blockade der Alliierten während des Ersten Weltkriegs erlebt hatte. Es ging also um den utopischen Ehrgeiz der Kontrolle über ein autarkes Territorium und seine Ressourcen und der damit verbundenen Ausschaltung innerer Gefahren für die eigene Sicherheit.“

Oder in Anbetracht von Sätzen wie diesen?

„Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch ist für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik. Diesen mit anderen Genoziden zu vergleichen, gilt ihnen daher als eine Häresie, als Abfall vom rechten Glauben. Es ist an der Zeit, diesen Katechismus aufzugeben.“

Martin Sellner, der Kopf der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Österreich, findet den Text, dem diese Worte entstammen, jedenfalls „absolut lesenswert“. Die „klar formulierte These“ des Autors, das Bestehen auf der unvergleichlichen Singularität der Shoah sei ein „Katechismus“, der aufzugeben sei, müsse „in den Ohren des bundesrepublikanischen juste milieu wie Blasphemie klingen“, so Sellner.

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Dirk Moses ist der Verfasser des zitierten Beitrags. Der Australier, ein renommierter Historiker und Genozidforscher, lehrt in den USA, sein Essay mit dem Titel „Der Katechismus der Deutschen“ ist im Online-Magazin Geschichte der Gegenwart erschienen.

Weder er selbst noch die Plattform, die den Text publiziert hat, sind rechtsextrem. Im Gegenteil. Aber das macht Moses‘ Ausführungen, die inzwischen auch in den Feuilletons rege diskutiert werden, nicht weniger kritikwürdig.

Was Moses glaubt

Nach Moses besteht der „Katechismus der Deutschen“ aus fünf Überzeugungen:

  1. Der Holocaust werde aus Sicht derjenigen, die diesem Katechismus anhingen, für einzigartig gehalten.
  2. Die Erinnerung an ihn als Zivilisationsbruch bilde für sie „das moralische Fundament der deutschen Nation“.
  3. Deutschland trage in dieser Sichtweise für die Juden eine besondere Verantwortung und sei Israel zu besonderer Loyalität verpflichtet.
  4. Der Antisemitismus sei nach diesem Katechismus spezifisch deutsch und nicht mit Rassismus zu verwechseln; zudem schließe er
  5. den Antizionismus ein.

Das sollen sie sein, die fünf Gebote der „Schuldreligion“, wie Martin Sellner es nennt. Glaubenssätze also, die Moses in Deutschland für hegemonial hält und die dort nach seinem Eindruck erbittert vertreten und verteidigt werden. Ihm scheint es, „als ob wir zunehmend zu Zeugen von nicht weniger als öffentlichen Exorzismen werden, die unter der Aufsicht selbsternannter ‚Hohepriester‘ den ‚Katechismus der Deutschen‘ bewachen“.

Das sind erstaunliche Wahrnehmungen. Zu Recht hat der Historiker Volker Weiß in einem Interview der taz festgehalten, dass Moses‘ Behauptungen „von keiner Realität gedeckt“ sind. Die Anerkennung einer besonderen Bedeutung der Shoah etwa habe sich erst ab den 1990er Jahren durchgesetzt, die Akzeptanz dieser Sicht sei aber „auf eine Bildungselite beschränkt“ geblieben.

Tatsächlich braucht man nur einen Blick in die Online-Kommentarspalten und die sozialen Netzwerke zu werfen, um das herauszufinden. „Moses scheint seinen liberalen akademischen Kosmos mit der deutschen Gesellschaft zu verwechseln“, so Weiß treffend.

Der Genozidforscher vertritt die Ansicht, „Millionen Deutsche“ hätten „während der vergangenen Jahrzehnte verinnerlicht, dass für die sündige Vergangenheit ihrer Nation nur über den Katechismus Vergebung zu erlangen ist“.

Dieser Katechismus sei „im Austausch mit amerikanischen, britischen und israelischen Eliten“ ausgehandelt worden. Er impliziere „eine Heilsgeschichte, in der die ‚Opferung‘ der Juden durch die Nazis im Holocaust die Voraussetzung für die Legitimität der Bundesrepublik“ darstelle.

Erinnerung als „Erlösungsnarrativ“?

Deshalb sei der Holocaust, so Moses, für die Anhänger des Katechismus „weit mehr als ein wichtiges historisches Ereignis“: Er sei „ein heiliges Trauma, das um keinen Preis durch andere Ereignisse – etwa durch nichtjüdische Opfer oder andere Völkermorde – kontaminiert werden darf, da dies seine sakrale Erlösungsfunktion beeinträchtigen würde“.

Eine zentrale Rolle in diesem „Erlösungsnarrativ“ komme der „Wiederauferstehung“ des Opfers in Form der „Wiederaufforstung“ von Juden in Deutschland zu. Gemeint ist damit vor allem die Einwanderung osteuropäischer Juden nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Staatenblocks.Weiter schreibt Moses:

„Nachdem Deutschland nun nicht nur die gründlichste ‚Aufarbeitung der Geschichte in der Geschichte‘ hinter sich gebracht hat, sondern auch Juden und Jüdinnen ‚wiederbelebt‘ hat, kann es im Bewusstsein seiner Rolle als Leuchtturm der Zivilisation wieder stolz unter den anderen Nationen stehen und sich von der politischen Klasse Israels und den USA anerkennend den Kopf tätscheln lassen.“

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Die philosemitischen „Glaubenswächter“ zögen gegen alle zu Felde, die sie der Häresie verdächtigten, und hätten „neue Nazis“ entdeckt, „etwa Palästinenser:innen und ihre nicht-zionistischen israelischen Freunde“.

Moses geht es weniger um den Holocaust selbst als um den erinnerungspolitischen Umgang mit ihm. Er bestreitet nicht, dass die Shoah spezifische Eigenschaften hatte, aber er schreibt nicht, welche das sind – offenbar haben die singulären Merkmale des Holocaust für ihn keine andere Qualität als die spezifischen Kennzeichen, die jedes historische Ereignis besitzt.

Insbesondere sieht er keinen Grund, der Shoah, also der Vernichtung der Juden um ihrer selbst willen, ein größeres Gewicht beizumessen als den Verbrechen des Kolonialismus. Dafür glaubt er, dass der vermeintliche deutsche Philosemitismus eine ähnliche Erlösungsfunktion habe wie zuvor der Antisemitismus.

Moses geht es nicht um historische Tatsachen

Wenn die Singularität und Präzedenzlosigkeit der Vernichtung der europäischen Juden hervorgehoben wird, geht Moses nicht der Frage nach, ob das wahr ist, sondern er „hält die Meinung über den Holocaust als einem von allen anderen Völkermorden unterscheidbaren Geschehen für den Ausdruck einer deutschen Zivilreligion“, wie es Jürgen Kaube in der FAZ zusammenfasst.

Es geht Moses also um die vermeintlich religiöse Funktion von Erinnerung, nicht um geschichtliche Tatsachen. „Deutschland suche durch eine irrige Geschichtsauffassung ‚Erlösung‘ von historischer Schuld“, bringt Kaube die These von Moses auf den Punkt. „Andere Opfer von Genoziden als jüdische halte es von historischen Vergleichen fern, damit sein ‚sakrales Trauma‘ rein bleibe.

Die Behauptung, die Shoah sei ein weltgeschichtlich singuläres Ereignis, diene vor allem nationalstaatlichen Bedürfnissen. Die Bundesrepublik legitimiere ihre Existenz durch das ungeheuerliche Geschehen, das ihrer Gründung vorangegangen sei.“

Die Antwort auf die Frage, ob die Shoah einzigartig und präzedenzlos unter den Völkermorden ist, hängt aber nicht davon ab, wie sie politisch verarbeitet wird, weswegen Jürgen Kaube auch zu Recht festhält:

„Wofür immer die These eingesetzt werden mag, der Judenmord sei singulär, es bleibt zuletzt die Frage, ob sie zutrifft. Zu behaupten, das sei nur politisch zu beantworten, wäre das Ende einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung.“

Was die „Vergangenheitsbewältigung“ wirklich hervorgebracht hat

Doch um diese ist es Moses offenkundig auch weniger zu tun. Hat Deutschland die Juden „wiederaufgeforstet“, wie er schreibt, als wären zuvor Bäume gefällt und nicht Menschen vernichtet worden?

Die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden fällt jedenfalls schon seit 16 Jahren, und darüber hinaus ist die Behauptung, die Einwanderung von etwa 70.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sei erforderlich gewesen, um in der Staatengemeinschaft von der Ächtung zur Achtung zu kommen, mehr als fragwürdig. Schon weil die Bundesrepublik längst Mitglied diverser Staatenbündnisse von der NATO über die EU bis zur UNO war.

Und die Millionen von Deutschen, die angeblich den Katechismus verinnerlicht haben – wer und wo sollen sie sein? In linken und linksliberalen Kreisen betrachtet man die „Vergangenheitsbewältigung“ zwar tatsächlich als Schritt zur „Wiedergutwerdung der Deutschen“, wie es Eike Geisel in kritischer Absicht formulierte.

Doch diese „Bewältigung“, bei der die Erinnerung zur „höchsten Form des Vergessens“ mutiert ist (wiederum Eike Geisel), hat dort keineswegs zu einer besonderen Verantwortung für Israel geführt. Und für die Juden auch nur, soweit sie schon tot sind. Vielmehr hat sie den Typus des „Gerade wir als Deutsche“-Deutschen hervorgebracht, der glaubt, seinen moralischen Zeigefinger ganz besonders gegen den jüdischen Staat richten zu müssen.

Seine „Israelkritik“ betrachtet er als Konsequenz aus der deutschen Geschichte, schließlich lautet für ihn die Lehre aus Holocaust und Vernichtungskrieg, ganz besonders berechtigt und verpflichtet zu sein, die Stimme zu erheben, wenn irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht. Vor allem natürlich dann, wenn der jüdische Staat dieses Unrecht zu begehen scheint.

„Israelkritik“ als deutscher Volkssport

Der israelbezogene Antisemitismus, also der Antizionismus, der gerade in Deutschland oft als Schuldabwehrantisemitismus fungiert, erfreut sich einer geradezu unheimlichen Popularität.

Die Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates, etwa in Form einer Gleichsetzung des israelischen Vorgehens in den palästinensischen Gebieten mit der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten, ist nicht randständig, sondern eine Art Volkssport. Je größer die vermeintlichen israelischen Verbrechen, desto kleiner die deutsche Schuld.

Die Beteuerung, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, ist kaum mehr als ein verbales Bekenntnis; mit Blick etwa auf die deutsche Iranpolitik und die Beteiligung an den permanenten Verurteilungen Israels bei den Vereinten Nationen ist sie realpolitisch wenig wert.

Und nicht zu vergessen: Gerade mal zwei Jahre, nachdem Angela Merkel diese Beteuerung in ihrer Rede vor der Knesset ausgeführt hatte, verurteilte der Deutsche Bundestag einstimmig (!) das israelische Vorgehen gegen ein Bündnis aus Islamisten und europäischen Anti-Israel-Aktivisten, das versuchte, mit einer Schiffsflotte die wegen der Terroraktivitäten der Hamas notwendig gewordene Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen.

Mit der gesellschaftlichen Realität in Deutschland haben Moses‘ Ausführungen also wenig zu tun. Und es ist bemerkenswert, dass die Infragestellung der Singularität des Holocaust, die bislang eine rechte Angelegenheit war – erinnert sei hier vor allem an Ernst Nolte und den Historikerstreit in den 1980er Jahren –, nun auch von links kommt.

Selbst das Vokabular ist nicht weit von jenem „Schuldkult“-Geschwätz entfernt, das von den Rechten zu hören ist, inklusive dem Geraune über die „amerikanischen, britischen und israelischen Eliten“, deren Vasall die Katechismusgläubigen in Moses‘ Augen sind.

Moses und sein alternativer Katechismus

Zu Recht weist Thierry Chervel im Perlentaucher darauf hin, dass „der eigentliche religiöse Impuls in der Infragestellung der Singularität des Holocaust [liegt], nicht im Gedenken daran“. Alle Ereignisse seien singulär, nur der Holocaust solle diese Singularität nicht beanspruchen können.

„Moses und seine Anhänger lassen die Singularität des Holocaust als eine Art Mythos erscheinen“, so Chervel weiter; Moses „alternativem Katechismus“ sei selbst ein „quasi religiöser Impuls“ eigen. Dieser Katechismus lasse sich, angelehnt an seinen eigenen, so formulieren:

  1. „Der Holocaust ist nicht einzigartig, andern ist dasselbe passiert. Sie haben den gleichen Anspruch auf ‚Singularität‘.
  2. Es ist nicht richtig, des Holocaust als eines besonderen Zivilisationsbruchs zu gedenken, da er nur einer von vielen ist, die sich der Westen hat zuschulden kommen lassen.
  3. Die Deutschen tragen keine besondere Verantwortung für Israel und dürfen sie getrost zur Disposition stellen.
  4. Antisemitismus ist ein Rassismus.
  5. Israel weghaben zu wollen, ist nicht antisemitisch.“

Das trifft den Kern, und Thierry Chervel ist deshalb auch zuzustimmen, wenn er ausführt:

„Mein Verdacht ist, dass die Deutschen hier nur ein bequemes Ausweichobjekt sind. Dahinter lauert, dass andere, die Juden, sich nicht so haben sollen.“

Für Dirk Moses ist Israel nur ein „ethno-nationalistischer und anti-islamischer Staat“, nur eine „seit mehr als fünfzig Jahren herrschende Militärdiktatur, unter der die Palästinenser:innen zu leben haben“. Den Anti-BDS-Beschluss des Bundestages lehnt er folgerichtig ab, schließlich behindere er die Palästinenser im Kampf gegen die „Kolonisierung ihres Landes“.

Es sei an der Zeit, den Katechismus zu verwerfen „und die Forderungen nach historischer Gerechtigkeit auf eine Weise neu zu verhandeln, die alle Opfer des deutschen Staats und alle Deutschen – auch BPoC, inkl. Juden und Jüdinnen und Muslime und Muslimas, Einwander:innen und ihre Nachfahren – respektiert“, schreibt Moses abschließend.

„Alle Deutschen“, soll heißen: nicht nur diejenigen, die dem angeblichen Katechismus folgen. Und „historische Gerechtigkeit“, das meint hier nicht zuletzt die Zurückweisung der Präzedenzlosigkeit der Shoah und in der Folge des besonderen Existenzrechts des jüdischen Staates. Es ist eine antisemitische Konsequenz.

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