Die Islamische Staat gibt dem Säkularismus Auftrieb

„Nach der Befreiung Mosuls im letzten Jahr ist Hadidi endlich in den Irak zurückgekehrt. Zu seiner großen Überraschung konnte er seine persönlichen Ansichten über den Islam nun öffentlich aussprechen. ‚Ich beschäftigte mich auf nichtreligiöse Weise mit dem Leben Mohammeds und stellte fest, dass er einer der schlimmsten Menschen überhaupt ist‘, erklärte Hadidi, ohne sich zu sorgen, dass irgendjemand seine extreme Einschätzung hören könnte. Ihn verstörten Schilderungen wie jene im Bukhari-Hadith, einer Sammlung von Erzählungen über Mohammed, in denen neben dem Massaker an einem jüdischen Stamm auch Mohammeds Vermählung mit einer 17jährigen Sklavin, deren Vater und Ehemann er getötet hatte, dargestellt wird. ‚Wie kann eine Frau mit einem Mann schlafen, der ihre Familie umgebracht hat? Muslime kennen diese Geschichte und rechtfertigen sie damit, es sei für das Mädchen eine Ehre gewesen, dass der Prophet sie geheiratet habe‘, so Hadidi. Viele der religiösen Erzählungen, die Hadidi nicht ertragen kann, berichteten vom Heiligen Krieg und von ethnischen Säuberungen. ‚Vor dem Islamischen Staat habe ich mich nie hierzu geäußert. Ich konnte keine Kritik äußern. … Jetzt gibt es keine roten Linien mehr.‘

Hadidi mag ein Extremfall sein, doch ist er nicht der einzige, der sich gegen die Religion gewandt hat. Heute, fast ein Jahr nach der Befreiung Mosuls vom Islamischen Staat, versammeln sich mehr und mehr junge Iraker wie er in den neu eröffneten Buchläden und Cafés oder auf Facebook und unterhalten sich ungehindert über Themen wie den Säkularismus und Atheismus und darüber, wie dringend das Land nichtkonfessioneller Institutionen bedarf. Während ihr Einfluss begrenzt ist, spiegelt ihre Frustration mit Blick auf die sektiererische Politik einen allgemeineren Trend in dem Land wider, das durch fünfzehn Jahre des Kriegs und Terrors verwüstet worden ist und dessen apokalyptische Landschaft nach dem verzweifelten Kampf gegen den Islamischen Staat mit verwesenden Leichen und nicht explodierte Minen übersät ist. Sollte es diesen jungen Leuten und anderen Irakern, die das Sektierertum, das das Land spaltet, nicht gelingen, ihre Gespräche in Stimmen und eine Reform des irakischen Politik umzumünzen, könnte das Land durchaus in den gleichen Teufelskreis religiös motivierter Gewalt zurückfallen, der den Aufstieg des Islamischen Staat ermöglichte. (…)

Wieviel Einfluss diese junge Säkularisten haben, ist nicht ganz klar. Als ich mich mit Saleh und Hadidi im Book Forum, einem neu eröffneten Café, traf, wies Hadidi mich auf zwei FacebookGruppen mit tausenden Angehörigen hin. Dort kritisieren Iraker Geschichten aus dem Koran und Äußerungen des Propheten, posten Meme, die den Fundamentalismus verspotten, und führen ausführliche Diskussionen über die Korruption und Unfähigkeit der Politiker. Während sich der Einfluss dieser Bewegung schwer quantifizieren lässt, steht außer Zweifel, dass die Menschen in Mosul ihre Religion jetzt freimütiger studieren, überdenken und in Frage stellen können, als ihnen dies seit vielen Jahren möglich war. (…) Allerdings hat diese Welle des Säkularismus auf Facebook die irakische Politik noch nicht erreicht. Eine Woche vor den ersten Wahlen nach der Niederlage des Islamischen Staats im Mai waren auf Wahlplakaten religiöse (und insbesondere schiitische) Symbole zu sehen. (…) Die säkulare Jugend in Mosul verfügt zwar über keine eigenen Milizen, Patronagenetzwerke oder politischen Kandidaten, verweist aber darauf, dass sie immerhin den Boden für künftige Reformen bereite. Überraschenderweise haben die Verwüstungen des Islamischen Staats ihr den Raum dazu gegeben.“ (Alice Su: „The Rise of Iraq’s Young Secularists“)

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